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Ausgabe:

1903 Nr. 23

Spalte:

644

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kaftan, Julius

Titel/Untertitel:

Das Christentum und die indischen Erlösungsreligionen. Vortrag 1903

Rezensent:

Wurm, Paul

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Seite 1

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643

Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 23.

644

Als vierter Typus wird ,der Kämpfer ums Dafein' vor
Jefus geftellt (69—78). Auch der Mann, der fich aus
wirthfchaftlicher und politifcher Not emporkämpft und
beffere Lebensbedingungen zu erringen fucht, kann fich
mit Jefus befreunden, der weder einen Byzantinismus
nach oben, noch einen Byzantinismus nach unten gekannt
hat, fondern allen ein Heiland und Helfer zum wahren
Leben fein möchte (76. 78). — Durch die im erftenTheil
feiner Schrift gehaltene kritifche Rundfchau hat fich K.
den Weg zur Behandlung der den zweiten Theil bildenden
Frage geebnet: Jefus auch heute noch unfer Heiland,
der Helfer zum wahren Leben' (79—128). Jefus verhilft
uns zum rechten Verhältnifs zu Gott, indem er die Religion
der Gotteskindfchaft nicht blofs gelehrt, fondern
auch gelebt und alle ihre Tugenden verkörpert hat; er
verhilft uns zum rechten Verhältnifs zu uns felber und
zur Welt, indem er unfer den Werth alles endlichen Däferns
überbietendes Leben unter das Wort Matth. 16, 26
Hellt; er verhilft uns zum rechten Verhältnifs zum Näch-
flen, indem er in der von Jefus verkörperten Religion die
heilende Macht focialer Erneuerung und Gefundung aufweift.

Dies der gedrängte Inhalt des Buches, deffen Verf.
den Bedürfnifsen des modernen Menfchen und den
Strömungen der Gegenwart ein verMändnifsvolles Intereffe
entgegenbringt, und zugleich in dem unvergänglichen
Evangelium Jefu feftgewurzelt und gegründet, ,aus dem
Glauben an die praeftabilirteHarmonie diefes Evangeliums
und der Menfchenfeele' die Ueberzeugung fchöpft, dafs
Jefus ,auch uns Menfchen von heute helfen kann'. Diefer
Ueberzeugung hat K. einen ebenfo hellen als warmen
Ausdruck gegeben, und man fpürt es feinen Worten ab,
dafs er hier ein Selbftbekenntnifs ablegt, das einen beredten
Commentar zu dem an der Spitze des Ganzen
als Motto gefchriebenen Spruch, Hebräer 13, s liefert.
Freilich fleht dem Apologeten nicht minder feft, dafs eine
,Reduction des Chriftenthums' unumgänglich ifl, dafs
Evangelium und Chriftenthum fich nicht decken, dafs der
lebendige Chriftus, der als ,Heiland und Helfer' unferem
Gefchlechte noth thut, nicht in der Marren Faffung eines
uns unverMändlichen Dogmas, fondern als uns von Gott
gegebene und unferer wahren Natur verwandte Perfönlichkeit
zu ergreifen iM. ,Mit Gott, dem Vater, die Menfchen-
kinder eins zu machen, wie er felbM mit ihm eins war,
darin beMand der eigentliche Inhalt der Lebensaufgabe
Jefu, den wir leicht aus allen zeitgefchichtlichen Hüllen
herausfchälen können, und darin beruht eben die ewige
Bedeutung feiner Perfönlichkeit, dafs fie in diefer Richtung
heute noch wirkt' (84).

Diefe von theologifchen Ketzereien wimmelnde, aber
von echt chriMlicher Frömmigkeit getragene Schrift iM
in einer für alle gebildeten Laien fafslichen, vornehmen
und zuweilen rhetorifch gehobenen Sprache gefchrieben.
Der Verfuchung, feine Gedanken durch eine zu pikante,
mitunter gefuchte Form dem Lefer einzuprägen, iM der
geiMvolle Verf. manchmal erlegen. Wenn er von Jefus
fagt, ,Er iM die Los-von-Rom-Bewegung in Perfon' (26),
wenn er die Sünde ,eine Los-von-Gott-Bewegung' nennt
(51), wenn er in etwas bedenklicher Breite den Gedanken
ausführt ,Es giebt auch eine Maitreffenwirthfchaft im
Reich der Seelen' (100), wenn er feine Beobachtungen
religiofer Pfychologie auf eine arithmetifche oder algebraische
Formel bringt Jede SeelenfubMraction iM eine Lebens-
fubMraction, jede Seelenaddition iM eine Lebensaddition'
(109), fo werden vermuthlich nicht alle Lefer an folchen
Ausdrücken und Wendungen eine ungemifchte Freude
finden. Doch können diefe Gefchmacksurtheile, in welchen
bekanntlich eine UebereinMimmung niemals zu erzielen
iM, den Werth der im beMen Sinne apologetifchen
Schrift nicht beeinträchtigen. Wir wünfchen derfelben
zahlreiche Lefer: fie werden das Buch nicht ohne Anregung
und Erbauung aus der Hand legen.

Strafsburg i. E. _ P. LobMein.

Kaftan, Profil)., Das Christentum und die indischen Erlösungsreligionen
. Vortrag, gehalten auf der kirchlichen Konferenz
der Kurmark am Ii. Mai 1903. Potsdam 1903,
Stiftungsverlag. (27 S. gr. 8.) M. —.60

Wenn Kaftan in feinen Artikeln: ,Zur Dogmatik' in
Gottfchick's Zeitfchr. f. Theol. und Kirche das Verhältnifs
von Dogmatik und Religionsgefchichte näher zu beMimmen
fucht, fo werden wir diefen Vortrag als ein einzelnes Bei-
fpiel hiefür anfehen dürfen. Der Referent Mimmt dem
Satze bei: ,Die gefchichtliche Betrachtung lehrt, dafs die
in aller Religion bemerkbaren Tendenzen fich im ChriMen-
thum zu einer concreten Einheit zufammenfaffen, dafs
diefes beides iM, die Wahrheit aller Religion und doch
felbM eine einzelne beMimmte Religion von Markem individuellem
Gepräge' (S. 9). Er erkennt auch mit dem
Verf. den Werth der Religionsvergleichung an. Aber es
iM ihm bei einzelnen AufMellungen wieder zum Bewufstfein
gekommen, wie wenig wir noch felbM bei diefer durch
die reichMe Literatur bis auf unfere Zeit überlieferten in-
difchen Religion auf feMem Boden Mehen, wegen des
Mangels aller Chronologie in Indien. Kaftan fagt S. 15:
,Der Brahmanismus iM die Religion der Veden' und S. 17:
,Der Erlöfungsgedanke Meht hier im Mittelpunkt der
Religion. Alles dreht fich darum, durch das Einswerden
mit der Gottheit, durch die Rückkehr in Brahma von der
Welt erlöM zu werden'. Nun kann man aber von den
älteren henotheiMifchen Veda-Liedern mit ihren Bitten
um Reichthum an Kühen und Roffen nicht fagen, der Erlöfungsgedanke
Mehe hier im Mittelpunkt der Religion.
Kaftan dürfte jedoch für diefe Unklarheit nicht verantwortlichgemacht
werden, da anerkannte neuere Religions-
hiMoriker wie Lehmann (in Chante'pie de la Sauffaye's
Religionsgefch.) und Hardy keinen Abfchnitt für eine
weitere Religionsentwicklung machen zwifchen den älteren
Veda-Liedern und den Brahmana-Schriften. So bekommt
man bei Kaftan den Eindruck, als ob der Peffimismus
erM vom Buddhismus herrührte, während er doch mit der
Seelenwanderungslehre von Buddha als allgemeiner Volksglaube
vorgefunden wurde. Dem Begriff der Erlöfung
follte doch der Begriff der Sünde vorangeMellt werden,
und damit käme man auf den Unterfchied zwifchen
ChriMenthum und Brahmanismus in Bezug auf Urfprung
und Wefen des Böfen. Aber davon erfahren wir in diefem
Vortrag nichts, und die Erlöfung im Brahmanismus wird
als eine myMifche Verfenkung in Gott, als ein Monotheismus
in pantheiMifcher Form' (S. 17) dargeMellt. Aber
Monotheismus dürfte man diefen confequenteMen Pantheismus
doch kaum nennen. Denn das Wefen des Brahmanismus
iM nicht das, was wir gewöhnlich unter myMifcher
Verfenkung der Seele in Gott verMehen, fondern das Bewufstfein
: ,ich fchaffe mit meinen Opfern, mit meiner
Askefe, mit meiner Philofophie die Erlöfung meiner Seele
von den Qualen der Seelenwanderung und die Auflöfung
in das All'. Im Buddhismus dagegen iM der Erlöfer gekommen
, der den Pfad gezeigt hat, zu dem man feine Zuflucht
nehmen darf. Diefe Seite, die Perfönlichkeit des
Erlöfers, welche einen wefentlichen Gefichtspunkt für die
Vergleichung mit dem ChriMenthum bildet, iM bei Kaftan
gar nicht hervorgehoben. Sobald der Buddhismus Volksreligion
wird, tritt die Perfönlichkeit des Erlöfers an die
Stelle der Perfönlichkeit Gottes, welche allerdings dem
Buddhismus fehlt, und an die Stelle des Nirväna wenig-
Mens bei der Mehrzahl der BuddhiMen ein Paradies. —
Diefe Bemerkungen mögen darauf hinweifen, wie die gefchichtliche
Entwicklung der theologifchen Gefichtspunkte
in der indifchen Religion noch mehr geklärt werden follte,
ehe man fie zur Vergleichung mit dem ChriMenthum heranzieht
. Aber die ganze Tendenz diefes Vortrags kann
Ref. nur dankbar anerkennen.

Calw. P. Wurm.