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Ausgabe:

1903 Nr. 23

Spalte:

642-643

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

König, Alfred

Titel/Untertitel:

Jesus, was er uns heute ist 1903

Rezensent:

Lobstein, Paul

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Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 23.

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dichterifche Bearbeitung von Sirach 50, 24—26 erweift, lieh formulirt ift. Obwohl fie fich auf berühmte Vorbilder
Büchting hat fich mithin durch Nelle's Auffatz in der berufen kann, ift fie nicht fcharf und präcis genug und

Monatfchrift für Gottesdienft etc. IV, 43 ff. nicht davon
überzeugen laffen, dafs diefer Hymnus nichts anderes ift,
als ein ,Tifchlied nach dem Effen', als welches es bekanntlich
von dem Verfaffer felbfl bezeichnet wird. Ob
er mit feiner Auffaffung Recht behalten wird, mag man
bezweifeln. Das verfchlägt aber wenig gegenüber dem
fonftigen Werthe feiner Arbeit, die als eine wirkliche
Bereicherung unferer Kenntnilseüber Rinckart bezeichnet
werden mufs.

Göttingen. K. Knoke.

R tisch er, Dr. Alois, Göttliche Notwendigkeits-Weltanschauung,
Teleologie, mechanische Naturansicht und Gottesidee mit

befonderer Berückfichtigung von Haeckel, Wundt,
Lotze und Fechner. Zürich 1902, A. Müller. (94 S.
gr. 8.) M. 1.60

Dafs eine teleologifche Weltanfchauung fich wiffen-
fchaftlich weder begründen noch behaupten laffe, dafs
aber Religion auch ohne eine folche möglich fei, ja, dafs
die höchfte und vollkommenfle Gottesvorftellung fie
geradezu ausfchliefse, das darzulegen kann als der Zweck
der Rüfcher'fchen Schrift bezeichnet werden.

Nach einer kurzen Einleitung, deren Hauptwerth in
einer Reihe fchöner und anfprechender Citate aus Kant
beliehen dürfte, befchreibt fie hintereinander die Syfteme
Haeckel's, Wundt's, Lotze's und Fechner's. Darauf übt
fie an den genannten Denkern Kritik und zwar in der

Weife, dafs fie an dem Jenenfer Naturforfcher vor allem j Denken materfaliftifch inficirt, fondern vielleicht fogar
den Verzicht auf genauere Beftimmungen in Bezug auf! warmer Vertreter einer idealiftifchen Weltanfchauung ift-
das Wefen des Weltgrundes (der Subftanz) tadelt, während j diefem fucht K. das ,göttlich-originale Leben der Innen-
fie den drei übrigen namentlich das ungerechtfertigte ! weit Jefu' nahe zu bringen, indem er ,die ewigen religiös-
Fefthalten an teleologifchen Ideen zum Vorwurf macht. ! fittlichen Werthe' von den zeitgefchichtlich bedingten
Zum thetifchen Theile übergehend, führt fie aus, dafs, [ Momenten frei Hellt, die dem göttlichen Lebens^ehalt

erleichtert daher nicht die Discuffion. Auch Stil* und
Sprache laffen vielfach zu wünfehen übrig. Vgl. beifpiels-
weife S. 8, Z. 3 v. o. ff.; Z. 8 v. u. ff; S. 11. Z. 11 v. o. f. u. a.

Strafsburg i. E. E. W. Mayer.

König, Alfred, Jesus, was er uns heute ist. (Neue Pfade
zum alten Gott. 5.) Freiburg i. B. 1903, P. Waetzel.
(128 S. gr. 8.) Geb. M. 2.—

Diefe Schrift zerfällt in zwei Haupttheile. Im erften
(S. 12—78) unterfucht der Verfaffer ,das Nein, mit dem
man Jefus abweift oder abweifen zu müffen glaubt'; im
zweiten (79—128) gilt es, ,unfer Ja zu ihm zu begründen,
von dem wir überzeugt find, dafs es das ewige Ja der
von Gott zu Gott gefchaffenen Menfchenfeele zur Per-
fönlichkeit und dem Evangelium Jefu ift'. Um zunächftjenes
Nein concret zu illuftriren, führt K. ,einzelne Typen
des modernen Menfchen in ihrem Anftofs an Jefus' dem
Lefer vor. Der erfte Repräfentant der Feindfchaft gegen
Jefus, der practifche Materialift und Atheift, ift nicht erft
eine Erscheinung der Neuzeil, er vertritt aber auch unter
uns eine ftark genug fich geltend machende Richtung,
die ,den dunkeln Hintergrund bildet, auf dem fich um
fo heller und fchöner die Lebenserfcheinung Jefu abhebt.
Der praktifche Materialismus mufs wider feinen Willen
Zeugnifs ablegen für Jefus' (17). Ein zweiter Typus, den
der Verf. Jefu gegenüberftellt, ift ,der Mann der modernen
Weltanfchauung', der nicht nothwendigerweife in feinem

felbft wenn der Beweis für einen ,bewufsten Weltgrund
wirklich erbracht werden könnte, damit doch nicht ge-
fagt wäre, dafs diefer nach Zweckgedanken wirkfam und
thätig fein müffe. Und nun entwickelt fie ein — allerdings
nicht neues — ,pfychologifches' Argument für das
Dafein Gottes, indem fie aus dem intellectuellen Leben
im Menfchen und aus der Allbefeelung auf einen geiftigen

als Hülle dienten. ,Wohl mag uns heute, z. B. jener
Wiederkunftsgedanke, an den Jefus fich klammerte, als
fein Lebenswerk am Felfen der Gewalt zu zerfchellen
drohte, feltfam bedünken, aber lebt nicht in diefer ihm
biblifch gegebenen Vorftellungsform das gewaltige
Dennoch des Glaubens an den endlichen Sieg feiner
Sache?' (36). Am längften (39—69) verweilt der Verf. bei

Urgrund der Dinge fchliefst. Diefer Gott fchaffe aber i dem Bilde des ,weltfreudigen Culturmenfchen', den er

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eben nicht ,teleologifch', fondern, wie der Verf. fich aus
drückt, ,mit Nothwendigkeit'. Das fei die richtigere und
würdigere, zugleich auch die chriftliche Auffaffung. In
einem Nebenabfchnitt wird dann noch die Unfterblichkeit
der Seele auf Grund des Werthes, der dem menfehlichen
Geift zukomme, poftulirt, während alle mit dem Gedanken
einer fittlichen Weltordnung operirenden Beweisführungen
entfehiedene Ablehnung erfahren

Jefu gegenüber ftellt. Und wohl mit Recht, denn die
Frage ,wie fich der Culturmenfch der Gegenwart und
Jefus finden follen' wird mit gutem Grunde als eine der
Meifterfragen der chriftlichen Weltanfchauung bezeichnet.
Vor allem bemüht fich der Verf. um die richtige Formu-
lirung und Abgrenzung des Problems. .Wer glauben
wollte, dafs die Evangelien eine Art Automat wären, in
den man nur einen Fragezettel hineinzuwerfen brauche,

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Anzuerkennen ift an der Schrift unter allen Um- j um für jede Zeit und Lage, für jeden Einzelfall, eine fix
Händen, dafs der Verf. viel und felbHändig gelefen hat. 1 und fertige Antwort herauszuziehen, der würde gewaltig
Auf allgemeine Zuflimmung wird fie felbfl nicht rechnen, irren' (40). Jefus hat die ewigen Ziele wahrer Sittlichkeit
Darüber, dafs der Gott, für den Rüfcher fich begeiflert, feflgelegt und ein Ideal uns vor Augen geflellt, an deffen

bei genauerer Betrachtung fich nicht als ein perfönlicher,
auch nicht als ein überperfönlicher, fondern einfach als
ein unterperfönlicher herausflellen möchte, foll hier nicht
weiter gerechtet werden. Ebenfowenig darüber, dafs in
der Befprechung der Haeckel'fchen Philofophie die zwar
unzweifelhaft vorhandenen, aber doch fchlecht affimilirten
idealiflifchen Elemente über Gebühr betont werden; —
Wundt würde fich wahrfcheinlich bedanken für die Ver-
wandtfehaft mit dem Autor der Welträthfel, die ihm S. 34
zuerkannt wird. Dagegen kann nicht verfchwiegen werden,
dafs die Schilderung der Lotze'fchen Anfchauungen einen

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Verwirklichung die Menfchheit, der Einzelne wie die Ge-
fammtheit, ewig zu arbeiten hat. Der Gedanke an das
nahe bevorflehende Ende der Welt, den Jefus fragelos
hegte und in manchen Ausfprüchen und Reden ausfprach,
hat zwar auf die Ausgeflaltung der urchrifllichen Ethik
eingewirkt, aber ,der Lebensgeift des Chriflenthums ift
die ewige Correctur der hiftorifchen Erfcheinungsform' (42);
was Jefus in letzter Inftanz verneint, ift nicht die Welt
und ihre Güter, diefe find Gottes, wohl aber die falfche
Stellung, die gottlofe Beziehung, das unrechte Verhält-
nifs zu ihr (51). Von diefem, an dem ethifchen Princip

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Hark aphoriftifchenCJharakter trägt und Lücken aufweift, j der Reformation Luther's orientirten Standort, nach

Desgleichen wird Fechner verhältnifsmäfsig zu flott be
handelt. Am fchwerften ladet wohl der Umftand, dafs
die wichtige Antithefe eines ,mit Nothwendigkeit' und
eines ,teleologifch' wirkenden Gottes offenbar nicht glückweichem
nicht Weltflucht, fondern Weltüberwindung die
Lofung des Chriflenthums fei (57—8), befpricht der Verf
die ethifchen Probleme, die Straufs u. a. als mit dem
Wefen des Evangeliums unvereinbar bezeichnet hatte