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Ausgabe:

1903 Nr. 23

Spalte:

640-641

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Büchting, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Martin Rinckart. Ein Lebensbild des Dichters von „Nun danket alle Gott“ auf Grund aufgefundener Manuskripte 1903

Rezensent:

Knoke, Karl

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Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 23.

640

der Provinz Westfalen.) Münfter 1902, Afchendorfif.
(96 S. gr. 8.) M. 2.—

Wer mit der Gefchichte des deutfchen Humanismus
oder mit Reformationsgefchichte fich befchäftigt hat, der
kennt Hermann Hamelmann und weifs, welche Fülle von
Material wir feinem treuen Sammelfleifs verdanken. Sind
feine reformationsgefchichtlichen Angaben auch von dog-
matifcher Befangenheit nicht frei, beachtenswerth find fie
immer, und müffen wir fie auch zunächft mit Vorficht
aufnehmen, fie find doch ftets geeignet, irgendwie uns zu
fördern und Wegweifer zu anderen Quellen zu fein. Defs-
halb ift es dankbar zu begrüfsen, dafs die hiftorifche
Commiffion für Weftfalen befchloffen hat, Hamelmann's
gefchichtlichen Werken ihre Sorgfalt zuzuwenden. Zunächft
hat fie nur eine Neuausgabe der fchon gedruckten
Schriften ins Auge gefafst, da die bisher ungedruckten
noch intenfiverer Bearbeitung bedürfen; aber die alten
Originaldrucke Hamelmann'fcher Schriften find auch fchon
äufserft feiten geworden und werden zur Erwerbung für
den Privatbefitz kaum noch angeboten, und die von
Wafferbach unter dem Titel: Opera gcncal.-Jiistorica
(Lemgo 1711) beforgte Sammlung, die übrigens irgendwo
in dem vorliegenden I.Heft unferer Neuausgabe wohl
mit vollftändiger bibliographifcher Genauigkeit verzeichnet
fein könnte, gehört ebenfalls bereits zu den antiquarifchen
Raritäten.

Hamelmanns frühefte Schrift: De quibusdam West-
pltaliae viris scientia claris, qui explosa barbarie piiritatcm
Romanae linguae toti Germaniae attulerunt, oratio (1563)
eröffnet im vorliegenden Hefte die Reihe der Publicationen;
ihr follen zunächft die weiteren Schriften zur Gelehrten-
gefchichte, namentlich zur Gefchichte des Humanismus,
z. B. die Auffätze über Rudolf Lange und Hermann
Bufchius folgen, während die reformationsgefchichtlichen
Abhandlungen einer ferneren Zukunft vorbehalten bleiben.
Für die drei erften der fechs Bücher lllustrium scientia,
virtnte, pietate et scriptis virorum, qui vel Westphali fitere
vel in Westphalia vixere, die fich der Hauptfache nach,
oft bis zur wörtlichen Uebereinftimmung an Berichte des
Trithemius, Krantz, Gesner u. a. anlehnen, die von Hamelmann
nur ergänzt worden find, ift blofs der Neudruck
diefer Ergänzungen vorgefehen. Ich weifs nicht, ob damit
wirklich jemandem gedient ift. Es wird lediglich die
Rückficht auf die höheren Kotten fein, die den Herrn
Herausgeber bzw. die hiftorifche Commiffion von einer
vollftändigen Wiedergabe abfehen läfst. Aber wenn man
einmal Hamelmann des Neudrucks für werth achtet, fo
follte man ihn auch ganz neu drucken und nicht blofs
Fragmente geben, die jemand, der fie mit Nutzen gebrauchen
will, vielfach aus anderen Büchern, die eben fo
rar — oder noch rarer — find, wie die Hamelmann'fchen
Originaldrucke, fich mühfam ergänzen mufs. Dazu fcheint
es mir nicht ganz confequent zu fein, da Hamelmann
doch vielfach nur Compilationen bietet, diefe fonft überall
unverkürzt zu bringen und nur an diefer einen Stelle
fie zu ftreichen. Hoffentlich ändert der Herr Herausgeber
hinfichtlich Miefes Punktes feinen Entfchlufs noch.

Das vorliegende Heft zeugt von forgfältiger Bearbeitung
des Hamelmann'fchen Textes und bietet in den
Fufsnoten reichhaltige Literaturangaben und anderes treffliches
Material zu feiner Erklärung. Vielleicht liefse fich
aber Einiges in den fpäteren Heften praktifcher einrichten.
Beifpielsweife habe ich es ftörend empfunden, dafs man
auf S. 29, wo fein Name zum erftenmal genannt wird,
über Hermann Tulich nichts erfährt, dafs dagegen fpäter
an zwei Stellen (S. 65 Anm. 3 und S. 91) über ihn faft
die gleichen Angaben gemacht werden. Richtiger wäre
doch wohl gewefen, an erfterer Stelle über ihn zu orien-
tiren, zumal dort auch gerade Gelegenheit gewefen wäre,
die irrige Behauptung, dafs Tulich auch in Leipzig
Profeffor gewefen fei, richtig zu ftellen. In ähnlicher Weife
wird Reichling, Murmellius S. 11 Anm. 3 fchon citirt,

S. 27 Anm. 5 aber erft bibliographifch genau verzeichnet.
Sollte es fich nicht überhaupt empfehlen, jedem Hefte —
oder mehreren Heften zufammen — ein genaues Ver-
zeichnifs der in ihm citirten Literatur beizugeben? Dann
genügten überall die kürzeften Citate, und man fände die
weiteren Angaben immer auf die bequemfte Weife. Das
alphabetifche Perfonenverzeichnifs ift dankenswerth und,
foweit ich gefehen habe, vollftändig; aber follte nicht in
Verbindung damit ein Verzeichnifs der zahlreichen von
Hamelmann erwähnten Werke auch recht praktifch fein? —
Ueber Ketteier, den Empfänger der Schrift, erführe man
gerne etwas Näheres, wenigftens könnte gleich bei feiner
Erwähnung in der Widmung das S. 7 Anm. 1 über ihn
Gefagte bemerkt fein.

Wir wünfchen dem Werke einen guten Fortgang.

Erichsburg b. Markoldendorf (Hann.). Ferdinande o h r s.

Biichting, Paft. Dr. Wilhelm, Martin Rinckart. Ein Lebensbild
des Dichters von „Nun danket alle Gott" auf
Grund aufgefundener Manufkripte. Göttingen 1903.
Vandenhoeck & Ruprecht. (VIII, 124 S. gr. 8.) M. 2.40

Die bisherigen Biographien Rinckart's von Plato 1830,
Vörkel 1857, Joh. Linke 1886 u. a. müffen im Hinblick
auf die vorliegende Arbeit von Büchting als antiquirt
bezeichnet werden. Durch genauere Ausforfchung der
bisher fchon bekannten Quellen und durch Benutzung
neuentdeckter Quellen ift es dem Verfaffer gelungen,
eine Reihe von falfchen Angaben feiner Vorgänger in
der Lebensbefchreibung Rinckart's zu berichtigen, un-
fichere Angaben durch geficherte zu ergänzen und bisher
unbekannt gebliebene Daten aus feinem Leben nachzutragen
. Von ganz befonderem Werthe war für den
Verfaffer die Auffindung einer Reihe von Handfchriften,
die zum Theil eigenhändig von Rinckart gefchriebene
Notizen aus feinem Leben enthalten, und die Büchting
in ausgiebiger Weife für feine Arbeit benutzt hat. Diefe
Handfchriften find in einem Pappdeckel unter der Ueber-
fchrift zufammengeheftet: M. Martini Rinckarti Ileburg.
vitam, progeniem et collectanca varia continens fasciculns
(S. 3). Der Fascikel ift im Befitze von Fräulein A. Gräfe
in Halle, welche feine Benutzung geftattete, und der
Büchting als ,der forgfamen Hüterin der Rinckarthand-
fchriften' feine Arbeit gewidmet hat. Es wird nicht
möglich fein, hier alle Einzelheiten namhaft zu machen,
in denen fich die neue Biographie von den älteren hinfichtlich
der Zuverläffigkeit ihrer Angaben unterfcheidet;
ich führe als folche nur die folgenden an. Die Schreibung
Rinckart verdient vor allen andern, namentlich auch vor
Rinkart — fo u. a. im hannoverfchen Gefangbuche —
den Vorzug (S. 10—12). Der Dichter ift am 24. April 1586
geboren, nicht am 23., bezw. 25. oder 27. April jenes
Jahres (S. 17—20). Er ift Jahre hindurch Thomasfchüler
in Leipzig gewefen und hat in jener Zeit als ,Präfect'
den zweiten Chor der Thomaslchule geleitet (S. 23 ff.). An
der Leipziger Univerfität promovirte er 1609 zum Bac-
calaureus. Als Archidiakonus in Eilenburg erwarb er fich
dort 1624 ein eigenes Haus zugleich mit einer Brauberechtigung
(S. 55). Diefe Berechtigung ward ihm zu einer
guten Einnahmequelle; dafs er in Armuth geftorben fei,
wie gemeinhin berichtet wird, trifft nicht zu; im Jahre
vor feinem Tode wird er von Fiedler als valde dives
bezeichnet (S. 96). Ebenfo ift es nicht andern, dafs er
vom Rathe oder der Bürgerfchaft Eilenburgs mifshandelt
worden fei u. f.w. (S. 95). Das Lied: Nun danket alle Gott
(abgedruckt S. 67 mit einigen Varianten gegenüber der
Redaction in der Praxis pielatis von 1648, die allgemein
reeipirt ift) wird von Büchting als eine von den 4 ,Paro-
dieen' bezeichnet, welche Rinckart 1630 anläfslich der
Jubelfeier zur Erinnerung an die Uebergabe der Augs-
burgifchen Confeffion gedichtet. Das Lied ift eine ,Parodie1
nach damaligem Sprachgebrauche, weil es fich als eine