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Ausgabe:

1903 Nr. 23

Spalte:

635-638

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Cohrs, Ferdinand

Titel/Untertitel:

Die evangelischen Katechismusversuche vor Luthers Enchiridion.4 Bände 1903

Rezensent:

Lüpke, Hans

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Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 23.

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flufs verfchaffte. Diefen Einflufs haben fie freilich in
einer Weife benutzt, die zeigt, wie weit fie von dem ur-
fprünglichen Geifte der Stiftungen abgekommen waren.
In den 48 Teftamenten, die fich aus der Zeit von 1289
—1332 erhalten haben, wird der Dominikaner 24mal,
darunter iomal als der ftark bevorzugten Erben, der
Franziskaner 21 mal, darunter 5 mal als der Hauptbegün-
üigten, gedacht. Der Verf. bemerkt dazu, dafs im Beginn
des 14. Jahrh. in den Strafsburger Bettelklöftern
von einer Armuth im Sinne der Spiritualen überhaupt
nicht mehr die Rede war und fagt (S. 94, A.): ,Nach
dem Material, welches das Strafsburger Urkundenbuch
bietet, zu urtheilen, möchte man den ganzen erbitterten
Armuthsftreit der Barfüfser am liebften als einen rein
theoretifchen, für die Praxis gänzlich belanglofen an-
fehen'. Um dies behaupten zu können, müfste doch
nachgewiefen werden, dafs auch die Vertreter der ftrengen
Obfervanz fich praktifch ähnlich verhalten hätten; immerhin
ift damit eine Frage berührt, die nähere Nach-
forfchung verdient. Uebrigens dauert in Strafsburg, wie
der Verf. zeigt, der Kampf ,um die Seelforge' d. h.
grofsentheils um die damit verbundenen Einnahmen
zwifchen Mönchen und Weltgeiftlichen das ganze Mittelalter
hindurch bis in die Anfänge der Reformationszeit
fort.

Höchft lehrreich find auch die Abfchnitte über die
Beghinen, über die Liebesthätigkeit und manche andere.

Möchte der Verf. feiner Abficht gemäfs bald ein
Bild der religiöfen Gedanken und Anfchauungen der Zeit,
foweit fie fich in Strafsburg als einem Centrum der
myftifchen Strömung des 14. Jahrh. wiederfpiegeln, der
vorliegenden Arbeit nachfolgen laffen.

Berlin. S. M. Deutfch.

Kügeigen, Lic. theol. Conftantin von, Die Gefangenschaftsbriefe
des Johann Hus. Nach dem Originaldruck vom
Jahr 1536 zum Wittenberger Univerfitätsjubiläum neu
herausgegeben. Leipzig 1902, R. Wöpke. (XII, 30 S.
m. 1 Abbildung und 3 Tafeln. 8.) M. 1.50

Die kleine Schrift ift eine Reproduction von Luther's
,Vier chriftliche Briefe, die Johann Hus . . . gefchrieben
hat u. f. w.' von 1536. Eine mehrfach veränderte und
erweiterte Ausgabe von 1537 ift in der E. A. Bd. 65, soff,
(dort irrig für den Urdruck gehalten) zu finden. Wo,
wann und von wem der Urdruck aufgefunden worden
ift, giebt die Einleitung v. Kügelgen's nicht an, dagegen
verbreitet fie fich auf 5 Seiten über viele andere Dinge,
unterfcheidet u. a. eine politifche und national be-
fchränkte Periode im Wirken des Hufs von einer religiöfen
und national entfchränkten, ftellt einen Vergleich an
zwifchen Hufs und der ewig fchwankenden Geftalt Me-
lanchthon's, wobei diefer fchlecht fährt, gefteht dagegen
Luther zu, dafs er in feinen glücklichften Stunden (!) ein
fehr feines Verftändnifs für wahres Chriftenthum und
genuin religiöfes Leben befafs, und erläfst einen Mahn-
und Weckruf für Deutfche und Böhmen (follte heifsen:
Tfchechen) in Oefterreich, fich, alles Nationale und Politifche
möglichft in den Hintergrund rückend, in dem
Worte: credo unam esse ecclesiam sanctam catholicam zu
verbinden!

Berlin. S. M. Deutfch.

Cohrs, Paft. prim. Ferd., Die evangelischen Katechismusversuche
vor Luthers Enchiridion. Herausgegeben, eingeleitet
und zufammenfaffend dargeftellt. 4 Bände.
(Monumenta Germaniae paedagogica. Schulordnungen,
Schulbücher und pädagogifche Miscellaneen aus den
Landen deutfcher Zunge. Im Auftrage der Gefell-
fchaft für deutfche Erziehungs- und Schulgefchichte

herausgegeben von Karl Kehrbach. XX. bis XXIII.
Band.) I. Band. Die evangelifchen Katechismusver-
fuche aus den Jahren 1522—1526. (XXXII, 280 S.
Lex. 8. M. 10.—) — II. Band. Aus den Jahren 1527—
1528. (XX, 366 S. Lex. 8. M. 10.-) III. Band. Aus den
Jahren 1528—1529. (XXIV, 480 S. Lex. 8. M. 15.—) —
IV. Band. Undatierbare Katechismusverfuche und zu-
fammenfaffende Darfteilung. (XXXIX, 431 S. Lex. 8.
M. 15.—) Berlin 1900—1902, A. Hofmann & Co. M. 50 —

Es ift mit diefer Veröffentlichung von 36 bisher
fchwer zugänglichen oder gar nicht bekannten Schriften

I eins der intereffanteften Gebiete aufgefchloffen aus der
erften Jugendzeit der evangelifchen Kirche, intereffant
für den Hiftoriker, dem nicht nur an der Erkenntnifs
der grofsen Gedanken, fondern auch ihres Hineinwirkens
in das Volksganze liegt, ganz befonders aber auch für

I den Praktiker, dem hier all die begründenden und leitenden
Motive des religiöfen Jugendunterrichts in ihrer

I erften Frifche und Reinheit entgegentreten. Es leben
und kämpfen all diefe Männer in dem grofsen neuen
Gedanken von der Erziehungsaufgabe des Chriftenthums,
flammend von Eifer unter den unfäglichen Schwierigkeiten
des erften Anfangs, mit klar ausgefprochener Erkenntnifs
der hohen Culturbedeutung der Aufgabe, an
Stelle der Pfaffen überall tüchtige und kundige Menfchen
und Führer für das Gemeinwefen, nicht etwa ifolirte ab-
ftracte Chriften heranzubilden. Vor allem aber haben

l wir hier die Vorgefchichte des Luther'fchen Katechismus.

I der als der Abfchlufs und die reife Frucht diefer ganzen
Entwicklung das Elementarbuch des evangelifchen deut-
fchen Volkes geworden, von hier aus aber wieder neu

| und urfprünglich zu verftehen ift durch all den eingetragenen
, ihm fo fremden dogmatifchen Ballaft hindurch,

| durch den man ihn uns verleidet und entfremdet hat.
Denn all diefe tapferen Männer leben ja von Luthers
Anregungen und Gedanken, arbeiten gleichfam als feine
geiftigen Organe in feiner Werkftatt. Es ift, als fähe man
ein Stück feines Enchiridions nach dem andern auftauchen
, bis dann der Meifter kommt und alles in die
eine vollendete Form zufammengiefst.

Man mag mit dem Herausgeber über den Umfang,
über die Weite des der Sammlung zu Grunde gelegten
Princips rechten, nicht nur die in pädagogifcher Abficht
für den Jugendunterricht gefchriebenen, fondern alle in
ihm auch nur gebrauchten oder auch nur mit gröfster
Wahrfcheinlichkeit gebrauchten Schriften, nicht nur Katechismen
, aufzunehmen. Bei dem engen Zufammenhange
der älteften Katechismen mit dem Beichtftuhl wird eine
Grenze fchwer zu ziehen fein. Aber wenn uns bei einigen
auch die Wahrfcheinlichkeit nicht eben grofs zu fein
fcheint, z. B. Capito's ,Sieben Fragen vom chriftlichen
Leben' (II. 192 ff.) offenbar einen Erwachfenen vorausfetzen
, der ,vilerley büchlin gelefen', aber nicht darauf
warten kann ,bifs die gelerten fich vergleichten', und
beim ,Bruder' Rath fucht, Luther's Abendmahlsfragen
und ihre Seitenftücke nur durch die Erwägung mit hineinbezogen
werden können, dafs die Communicanten
beim erften Abendmahlsgang noch zur Jugend gezählt
werden können (IV. 153), fo ift es uns doch lieber, dafs
auch die zweifelhaften Stücke mit aufgenommen find
und Jeder felbft entfcheiden kann. Freilich wird man
nun alles, was in der Schule gebraucht wird, als Jugend-
fchrift' bezeichnen und unter Pädagogien rechnen? —
Die urfprünglich geplante organifche Gliederung ift etwas
beeinträchtigt durch neue Entdeckungen und Vermehrung
des Materials nach dem Erfcheinen des 1. Bandes, doch
find darum diefe Entdeckungen nicht minder erfreulich.
Jedem einzelnen Abdruck geht eine allgemeine Einleitung
über Zeit und Verfaffer, ein bibliographifch genaues
Verzeichnifs der Ausgaben, eine genaue Orien-

I tirung über den Abdruck und eine Inhaltsüberficht vor-