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Ausgabe:

1903 Nr. 23

Spalte:

626-628

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Geffcken, Joh. (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Die griechischen christlichen Schriftsteller der ersten drei Jahrhunderte. 8. Bd. Die Oracula Sibyllina 1903

Rezensent:

Schürer, Emil

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Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 23.

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Ekftatifch ift ,was über den menfchlichen Vorftellungskreis
weit hinaus liegt' (S. 15, Anm.), ,ein den meiften Menfchen
fremder Gedankenkreis' (S. 50), eine Erkenntnifs, ,die über
die gemeine Betrachtung der Dinge hoch hinaushebt'
(S. 53, cf. 61—2. 63. 66. 105). — Man wird zugeben müffen,
dafs diefe Angaben fich nicht durch Präcifion und Schärfe
auszeichnen, und dafs es ein gewagtes Unternehmen ift,
die Vorgänge im Leben Jefu an einem fo unbeftimmten
Kanon zu meffen.

Und doch ftellt fich der Verf. diefe Aufgabe. ,Es
kann kaum in Frage gezogen werden, dafs der Urfprung
des Chriftenthums nicht ohne Ekftafe gewefen ift. Nur
darüber ift zu handeln, wie weit die Ekftafe Geltung gehabt
hat' (S. 3, Anm., cf. S. 14, Anm.). H. fcheut nicht vor
dem Verfuch zurück, das Leben, Reden, Handeln Jefu
darauf hin zu unterfuchen, was ekftatifch oder nicht
ekftatifch daran gewefen fein mag. Jefus wird in die ekflatifche
Bewegung hineingeriffen, die vom Täufer Johannes ausgeht
. Diefer war ein Ekftatiker fchärferer Tonart als
Jefus; das Ekftatifche trat bei ihm in dem einfamen Leben,
in Nahrung und Kleidung ebenfo wie in feiner Gerichtserwartung
und Bufsforderung hervor. Aber den ekftatifchen
Grundgedanken des Täufers von der Nähe des Himmelreichs
hält Jefus von Anfang an feft (S. 50). Die Ueber-
tragung der Meffiasvorftellung, die er gehabt, ehe er in
fich felbft den Meflias erkannte, auf feine eigene Perfon,
war nicht ohne ekftatifche Erregung möglich (S. 7. 10. 32.
39). Die Taufe durch Johannes war der ekftatifche Anfang
der Wirkfamkeit Jefu. Jefus wufste, dafs er damals unter
die Herrfchaft eines ihm vorher fremden Wefens getreten
war, das jetzt von ihm Befitz genommen hatte; das war
der Geift Gottes, der ihn deffen gewifs machte, dafs er
Gottes Sohn fei. Die Form der Ekftafe war zunächft die
Vifion (S. 40—41). Bei der Verfuchung, die als wirkliches
inneres Erlebnifs Jefu zu faffen ift, zeigt fich die ihrer
Ziele klar bewufste fittliche Willenskraft Jefu dem durch
die Ekftafe in ihm lebendig gewordenen Vorftellungskreis
überlegen; die Verfuchung beginnt mit der Ekftafe und
endigt mit dem Schriftwort (S. 43—45). Dürften diefe Betrachtungen
über die Anfänge der Thätigkeit Jefu als
durchaus annehmbar gelten, fo wird man über die nun
folgenden Grenzbeftimmungen des Ekftatifchen und Nicht-
ekftatifchen in dem Leben Jefu feine ftarken Bedenken
nicht unterdrücken können. Als claffifcher Typus einer ekftatifchen
Rede gilt dem Verf. Luc. 10,18—24 (S. 15, Anm.).
Auch Matth. 12, 28 und 19, 28 find ekftatifche Worte
(S. 52. 61—62), dagegen hat die efchatologifche Rede
Marc. 13 nicht eigentlich ekftatifchen Charakter (S. 59).
Ekftatifch ift die Ueberzeugung vom baldigen Zufammen-
bruch der beftehenden Verhältnifse, ekftatifch ift namentlich
der Glaube, felbft die von Gott zum Herrn der
Zukunft beftimmte Geftalt zu fein; der Gedanke, dafs das
Gottesreich dann fchon irgendwie in die Gegenwart hereinwirke
, alfo in gewiffen Beziehungen überhaupt nicht
mehr zukünftig, fondern gegenwärtig fei, ift aus jenen
erften ekftatifchen Ueberzeugungen abgeleitet (S. 64—65).
Die acht Weherufe, Matth. 23, können als ekftatifch gelten,
fofern fie den Gegenfatz Jefu gegen die herrfchende
Frömmigkeit nicht auf einen Ausdruck ruhiger Betrachtung
bringen (S. 77). Auch in den Wundern Jefu äufsert
fich fein ekftatifches Wefen (S. 92). Elkftatifch ift die Verfluchung
des Feigenbaums und die Stillung des Seefturms,
nicht ekftatifch das Wunder der Speifung (S. 99). Die
Leidens- und Todesweisfagungen Jefu verleugnen nicht
feine ekftatifche Art; nur in der Ekftafe konnte der Werth
der Selbftverleugung entdeckt werden: der Leidensent-
fchlufs war ein ekftatifcher Entfchlufs (S. IOO. 104). Nicht
ekftatifch ift das Wort Jefu über fein Begräbnifs bei der
Salbung in Bethanien, dagegen haben die Abendmahlshandlung
und -Worte ekftatifchen Charakter (S. 106. 113).
Andererseits erhellt aus zahlreichen Belegen, dafs Jefus
geradezu als Gegner ekftatifchen Wefens auftritt, und in
einem längeren Abfchnitt (S. 114—134) ftellt H. die ,nicht-

I ekftatifche Wirkfamkeit Jefu' dar. Damit ift allerdings ein
pfychologifches Problem formulirt, zu deffen Aufhellung
die Schlufsfeiten der ganzen Unterfuchung keine ausreichende
Ausbeute liefern.

Aus den im Vorhergehenden gegebenen Mittheilungen
dürfte erhellen, dafs der Verf. den Ertrag feiner Arbeit
vielleicht überfchätzt, wenn er verfichert: ,Der Haupt-

I gewinn aus unferer Unterfuchung befteht wohl darin, dafs
durch fie das Bild Jefu deutlicher und lebendiger als früher
erfafst werden kann' (S. 135). An Deutlichkeit wird diefe
durch eine merkwürdige Mifchung ruhiger Klarheit und
fchwärmerifcher Erregung fich auszeichnende Geftalt kaum
gewonnen haben; auch die Lebendigkeit des gezeichneten
Bildes, deffen pfychologifche Räthfel die metaphyfifchen
Unmöglichkeiten des Dogmas ablöten follen, ift durch
jene gewagten Unterfcheidungen zwifchen .Ekftatifchenf
und ,nüchtern Befonnenem' keineswegs ficher geftellt.

Mag man indeffen fich zu den Ergebnifsen des Verf.'s
ablehnend verhalten, fo bleibt ihm doch das Verdienft,
abgefehen von der Förderung zahlreicher Detailfragen,
auf welche hier nicht eingegangen werden konnte, wichtige
Probleme aufs Neue in Flufs gebracht zu haben.
Ob zur Löfung derfelben die Kategorien unferer Pfy-
chologie, fowie die Befchaffenheit unferer Quellen ausreichen
, das ift die Frage, die auf Grund der gegenwärtigen
Unterfuchung wohl fchwerlich bejaht werden dürfte.

Strafsburg i. E. P. Lobftein.

Die Oracula Sibyllina. Bearbeitet im Auftrage der Kirchen-
väter-Commiffion der Königl. Preufsifchen Akademie
der Wiffenfchaften von Gymn.-Oberlehr. Dr. Joh.
Geffcken. (Die griechifchen chriftlichen Schriftfteller
der erften drei Jahrhunderte. Band 8.) Leipzig 1902,
J. C. Hinrichs'fche Buchh. (LVI, 240 S. Lex. 8.) M.9.50

Der Bearbeiter diefer neuen Ausgabe der Oracula
Sibyllina ift in ein reiches Erbe eingetreten und hat das-
felbe aufs Trefflichfte verwaltet und vermehrt. Ein
grofser Theil der Vorarbeiten flammt von Ludw. Mendels-
| fohn, der die von ihm längft geplante Ausgabe der
fibyllinifchen Orakel in den Rahmen der Berliner Kirchen-
| väter-Ausgabe einzufügen zugefagt hatte. Nach feinem
i jähen Tode erhielt Geffcken von der Berliner Akademie
der Wiffenfchaften den Auftrag, die Herausgabe zu übernehmen
, indem ihm Mendelsfohn's ganzes Material zur
Verfügung geftellt wurde. Ueber die Befchaffenheit des-
felben fagt G. im Vorworte: ,Ich fand in feinem Nach-
laffe Kollationen, von feiner eigenen, wie von fremder
Hand gearbeitet, zu allen drei bisher angenommenen
Handfchriftenklaffen vor, dazu ein ungeheures Material
von hiftorifchen und theologifchen Notizen, eine ftaunens-
werthe Menge fprachlicher Beobachtungen, oft aus der
entlegenften byzantinifchen Litteratur; kaum ein Zeit-
fchriftenartikel, der nur irgend Beziehung zu dem Stoffe
zeigte, war überfehen'. Als ,Verwalter diefes grofsen
Vermögens' hat aber Geffcken dasfelbe doch nicht einfach
übernehmen können, vielmehr ,die ganze Arbeit von
Anfang an noch einmal leiden müffen', fo dafs fowohl
die Feftftellung des Textes wie die fonftige Bearbeitung
des Materiales thatfächlich überall fein eigenes Werk ift.
Nach einer Andeutung des Vorwortes fchliefst fich
Geffcken hinfichtlich des Textes enger an die handfchrift-
liche Ueberlieferung an, als es Mendelsfohn gethan haben
würde, der .trotz einer Menge glänzender Emendationen
oft genug . . . dem überlieferten Texte Lichter aufzufetzen
fuchte, die deffen fchlichte Einfalt — häufig auch
Einfältigkeit — weder verlangte noch ertrug'.

Die Handfchriften der fibyllinifchen Orakel zerfallen,
wie fchon an äufseren Merkmalen zu erkennen ift, in
drei Claffen.

Die erfte Claffe, von Rzach und Geffcken mit
Q. bezeichnet, unterfcheidet fich von den andern durch

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