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Ausgabe:

1903 Nr. 23

Spalte:

621-622

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Zapletal, Fr. Vinc.

Titel/Untertitel:

Der Schöpfungsbericht der Genesis (1, 1 - 2, 3) 1903

Rezensent:

Volz, Paul

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Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 23.

622

ruften uns über den, der die babylonifchen Höhepunkte
als Durchfchnitt angiebt und daraus die Ueberlegenheit
babylonifcher Cultur und Religion dociren will; wir
müffen uns aber umgekehrt davor hüten, die israelitifchen
Tiefpunkte zu verfchweigen, die neben der gewaltigen
Offenbarung des göttlichen Geiftes in der israelitifchen
Literatur überall vorhanden find.

Leonberg. P- Volz.

Zapletal, Prof. Fr. Vinc, O. Praed., Der Schöpfungsbericht
der Genesis (1,1—2,3) mit Berückfichtigung der
neueften Entdeckungen und Forfchungen erklärt.
Freiburg (Schweiz) 1902, Univerfitätsbuchhandlung.
(V, 104 S. gr. 8.) M. 3.—

Der wiffenfchaftlich erprobte Verfaffer, der fich durch
feine Schrift über den ,Totemismus und die Religion
Israels' auf dem religionsgefchichtlichen Gebiet tüchtig
erwies, bekundet fich auch in der vorliegenden Abhandlung
durch die Freiheit des Forfchens, durch die aufser-
ordentliche Vertrautheit mit der einfchlägigen Literatur
und durch die klare Darfteilung als einen werthvollen
Mitarbeiter in der altteftamentlichen Theologie. Der
Schöpfungsbericht von Gen 1—23 wird von ihm dem P
zugewiefen und gegen die Erzählung von 2r>ff. abgegrenzt
; die Klammer 2* fei durch den Zufatz V. 4a und
den noch fpäteren Zufatz V. 4b entftanden; der Bericht
in 25ff. wolle übrigens, bemerkt Verf. richtig, nicht die
Weltfchöpfung, fondern nur die Erfchaffung desMenfchen
innerhalb der gefchaffenen Welt befchreiben. Es folgt
eine ausführliche, gelehrte Exegefe des Textes von Gen
Ii—2.3 und eine Ueberficht über die Kosmogonien der
Nachbarvölker, der Aegypter, Phönizier und Babylonier.
Sodann erzählt Verf. die Gefchichte der Exegefe des bib-
lifchen Schöpfungsberichtes, den Gegenfatz zwifchen der
buchftäblichen und der idealen Auslegung der fechs Tage,
die harmoniftifche Verwandlung der Tage in Perioden,
die mythifche Auffaffung, fpeciell Gunkel's. Verf. felbft
findet den Schlüffel zu der Auslegung des Sechstagewerkes
in dem 21 und glaubt, dafs der Bericht
nach dem Schema: Vuerft die Regionen, dann ihre
Heere geordnet fei; dadurch fei es erklärt, dafs die
Pflanzen den Sternen vorangehen, denn die Erdregiön
werde erft mit dem Pflanzenkleid als Region für die Ge-
fchöpfe des 6. Tages denkbar. Bezüglich des Alters und
der Herkunft von Gen 1 glaubt Z., dafs P einen älteren
Schöpfungsbericht übernommen habe, der bereits die
Sechstageform zeigte und die Einfetzung des Sabbats
fowie die babylonifchen Elemente enthielt. Bei der
weiteren Frage, ob und wieviel von dem babylonifchen
Schöpfungsmythus Eingang in das AT. gefunden habe,
bekennt fich Z. zu dem Satz, dafs die Poeten des AT.'s
fich diefes alten Mythus als Gleichniffes für die Schöpferkraft
Gottes bedienten, will aber Gunkel's Anwendung
diefes Satzes vernünftigerweife bedeutend einfchränken.
Zum Schlufs behandelt Verf. einige Einzelfragen, z. B. die
äfthetifche Schönheit des Berichtes, die er gerechter zu
würdigen weifs als Gunkel, und die P-Tage nach dem
Stand des Urhebers, wobei feine Ausführung nicht den
Kernpunkt trifft, denn es handelt fich nicht fo fehr
darum, dafs Gen 1 von einer priefterlichen Perfon ver-
fafst fei, als darum, dafs das Capitel aus priefterlicher
Atmofphäre flammt.

Verf. zeigt fich — und das ift ein Lob für ihn — als
dankbaren Schüler Gunkel's, der auch das von Z. gegebene
Schema des Sechstagewerkes fchon vortrug, ohne
freilich dabei von dem aittS in 21 auszugehen. Es ift
gewifs befonderer Anerkennung werth, dafs der Verf. fich
mit der Frage nach dem religionsgefchichtlichen Urfprung
von Gen 1 fo offen auseinanderfetzt, wenn er auch hierin
noch mit fich felbft zu ringen hat. Sicherlich wird er
in der Unbefangenheit des Urtheils weiter fortfchreiten,

er wird darauf verzichten, den dogmatifchen Lehrfatz
der creatio ex nihilo aus der altteftamentlichen (fo wenig
wie aus der ägyptifchen S. 37) Kosmogonie belegen zu
wollen oder den Plural in rii25>3 I26 wegzudisputiren.
Wie er fich die Thätigkeit des P denkt, wenn diefer nur
einfach die Vorlage zu übernehmen hatte, ift mir nicht
recht verftändlich geworden. Bezüglich der Pflanzen und
ihrer Erfchaffung am 3. Tag vor den Sternen bemerke
ich endlich noch, dafs der antike Menfch die Pflanzen
als leblofe, die Sterne umgekehrt als lebendige Wefen
anfah, was der von Z. gegebenen Auffaffung des Schemas
von Gen 1 zur Stütze dient.

Leonberg. P. Volz.

Winckier, Hugo, Abraham als Babylonier, Joseph als Aegypter
. Der weltgefchichtliche Hintergrund der biblifchen
Vätergefchichten auf Grund der Keilinfchriften dar-
geftellt. Leipzig 1903, J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung
. (38 S. gr. 8.) M. —.70

Wenn Einer eine Idee durchfetzen will, fo mufs er
ihr eine extreme Form geben und ihr auf mancherlei
Weife und in vielfältigen Tönen ein Apoftel werden; die
extreme Form wird dann von Jedermann bekämpft, von
Niemand angenommen, aber die Idee fetzt fich feft. Das
weifs Winckier. Seine Idee ift 1) dafs die altbabylo-
nifche Cultur das Blut war, das den Körper des ganzen
alten Orients durchftrömte, 2) dafs das Völklein Israel
nichts weiter als ein Glied an diefem Körper war, alfo
von dem babylonifchen Blut gleichfalls fein Leben hatte.
Genauer gefprochen handle es fich um eine einheitliche
vorderafiatifche Cultur, die am Euphrat und am Nil in
zwei Hauptftämmen fich entwickelt und von dort aus ab-
wechfelnd den übrigen Orient beherrfcht habe, wobei
aber die leitende Bedeutung dem babylonifchen Haupt-
ftamm zuzuweifen fei. Das A. T. nun lege felbft Zeugnifs
dafür ab, dafs Israels Leben aus Babylonien und Aegypten
Hamme, dafs die Anfänge Israels aus Babylonien kommen
und die Entwicklung zum Volk in Aegypten fich vollzogen
habe; denn die Ueberlieferung mache Abraham
zum Babylonier, Jofeph und Mofes zum Aegypter. Damit
foll dem Volk Israel nichts von feiner Eigenart und
von feinem Verdienft als dem Träger des religiöfen
Gedankens genommen werden; es werde nur in das volle
Völkerleben hineingeftellt, aus dem heraus es fich entwickelte
. Mit Nachdruck behauptet W., dafs diefes
Verdienft Israels nicht der Monotheismus im allgemeinen
fei, fondern die Durchführung des Monotheismus als
Religion der Gemeinfchaft, und diefes Verdienft werde
in keiner Weife durch dieSpurenmonotheiftifchenGlaubens
bei aufserisraelitifchen Auserwählten gefchmälert.

Ein weiteres Charakterifticum der Arbeiten Winck-
ler's ift feine Neigung zur gefchichtsphilofophifchen
Speculation. Er ift im Grund weit weniger Gefchicht-
fchreiber als Gefchichtsphilofoph. Das macht feine Ausführungen
intereffant zu lefen, aber man kommt aus dem
Gefühl, einer künftlerifchen Conllruction gegenüber zu
flehen, nicht hinaus. Abraham foll ein Gegner der neugegründeten
Mardukreligion gewefen fein und aus Treue
gegen den alten Glauben und aus Oppofition gegen die
neue Religion den Wanderftab genommen haben; Jofeph
foll der im Nildelta refidirende Janchamu fein, der mit
der monotheiftifchen Reform Chuenaten's zufammenhängt.
Es gelüftet den Gekhichtsforfcher, überall, auch in den
Anfängen neuer religiöfer Bewegungen die gefchichtlichen
Anftöfse und die gefchichtliche Entwicklung zu erkennen,
und in einer principiellen Einleitung zu der vorliegenden
Schrift fucht fich W. das Recht dazu zu wahren, indem
er dabei das religio fe und das gefchichtliche Intereffe
klar und fcharf trennt. Aber thatfächlich fleht auch
hier wiederum nicht Wiffenfchaft gegen Glaube, fondern
Glaube gegen Glaube; Wincklers Idee ift ein grofses