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Ausgabe:

1903 Nr. 2

Spalte:

39

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Engel, M. R.

Titel/Untertitel:

Der Kampf um Römer 7. Eine historisch-exegetische Studie 1903

Rezensent:

Clemen, Carl

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39

Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 2.

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hin gezogenen religionsgefchichtlichen Parallelen von den
Verfechtern israelitifcher Originalität geprüft werden.

Leonberg. P. Volz.

Engel, M. R., Der Kampf um Römer 7. Eine hiftorifch-
exegetifche Studie. Gotha 1902, Verlagsbureau.
(52 S. gr. 8.) M. 1.—

Die vorliegende Schrift fucht die Richtigkeit der
Auslegung von Rom. 7 uff. vom ,Wiedergebornen' zu
erweifen und hat damit m. M. n. entfchieden recht,
auch wenn der Weg, den fie dazu einfchlägt, zumeift
nicht zum Ziele führt. Von der Tradition, auf die fich
der Verf. zunächft beruft, giebt er das ja fchliefslich
felbft zu; aber auch die Erklärung des Zufammenhangs
und Inhalts der Stelle ift meift unhaltbar. Den erfteren
denkt er nämlich fo, dafs Paulus diefelben Zuflände, die
er 615—76 vom Standpunkt feiner Lefer aus be-
fchrieben, 77—25 noch einmal auf Grund feiner eignen
Erfahrungen befchreibe, während die Verfe doch in
Wahrheit nicht nur ,zugleich', fondern allein die aus dem
Vorhergehenden abzuleitende Folgerung: 6 vöpoq a/ianzia
widerlegen wollen. Dafs vollends dqjoQprjv öl Xaßovaa
ft äfiagrla öia %rg EvroXrjq rjQyaöaro sp k/iöl näöav
EJct&v/ilap nicht heifsen kann: Die Sünde aber hat, die
Abwefenheit des Gebots benutzend, in mir jede Art
Begierde gewirkt — bedarf wohl überhaupt nicht erft
des Beweifes; aber auch die ganze Auslegung der Stelle
von der durch das Gefetz bewirkten Erkenntnifs der
Sünde wird, obwohl fie fich häufig findet, dem Wortlaut
nicht gerecht. Ich fürchte daher, dafs auch Engel die
auguftinifch-reformatorifche Auslegung von Rom. 7 nicht
zum Ziele führen wird, wenngleich feine Schrift fonft
manches enthält, was für fie angeführt werden kann,

Halle a. S. Carl Clemen.

Hoennicke, Priv.-Doz. Lic. Dr. Guftav, Die Chronologie
des Lebens des Apostels Paulus. Leipzig 1903, A. Deichen
, Nachf. (V, 71 S. gr. 8.) M. 1.50

Die Chronologie des Lebens des Paulus, die früher
einigermafsen feftzuftehen fchien, ift neuerdings durch
Harnack wieder controvers geworden — denn die
Erneuerung der früheren Datirung des Amtsantritts
des Feftus durch O. Holtzmann und Blafs hatte
allein noch keinen grofsen Eindruck gemacht. So war
es gewifs zeitgemäfs, wenn Hoennicke in feiner Habi-
litationsfchrift, die ohne die Anmerkungen am Schlufs
auch fchon in der Neuen Kirchl. Zeitfchr. 1902, 569 ff.
erfchien, nach dem Vorgang andrer, namentlich englifcher
und amerikanifcher Gelehrten die ganze Frage von
neuem unterfuchte.

Er geht, wie das auch fonft üblich ift, von dem Amtsantritt
des Feftus aus und weift zunächft und mit Recht
darauf hin, dafs derfelbe nach der Apoftelgefchichte im
Sommer erfolgt fei. Freilich wenn er zum Beweis dafür
auch behauptet, Paulus könne zwei Jahre früher erft
nach Pfingften nach Jerufalem gekommen fein, fo halte
ich das nicht für richtig, gehe aber als für unfre Frage
belanglos nicht näher darauf ein. Jedenfalls hat H.
darin wieder durchaus recht, dafs der Amtsantritt des
Feftus weder nach Jofephus und Tacitus, noch nach
Eufeb's Chronik zu berechnen ift; ja hier hätte auch die
Conftruction von Erbes, die übrigens Ramfay, Expo-
sitor 1900, VI, 2, 92 ff. gutgeheifsen hat, im Anfchlufs
an Turner, den H. S. 59 wenigftens citirt, noch ener-
gifcher zürückgewiefen werden können. Von den Erwägungen
, die er dann felbft anftellt, um das fragliche
Ereignifs zu datiren, bezeichnet er einige felbft als
werthlos; andre werden noch mehr fo beurtheilen. Soll
z. B. gegen den Amtsantritt des Feftus i. J. 61 (der
aber fchliefslich S. 25 doch als möglich gilt) dies fprechen,

dafs dann die Procuratur des Felix trotz feiner Mifswirth-
fchaft fehr lange gedauert hätte, fo wird das doch,
wenn man fie ein Jahr früher zu Ende gehen läfst, kaum
verftändlicher. Umgekehrt möchte ich dem bekannten
Argument, dafs der Kolofferbrief, den ich in Cäfarea ent-
ftanden denke (vgl. meine Chronologie der paul. Briefe
249 ff.), vor dem Erdbeben i. J. 60 gefchrieben fein mufs,
mehr Werth beilegen; denn felbft wenn dasfelbe, wie man
aus Tacitus entnehmen könnte, nur Laodicea betroffen
: hätte, müfste es doch wohl, wenn fchon gewefen, von
Paulus berückfichtigt worden fein. Aufserdem aber hat
1 Zahn (Einleitung2 I, 318) aus Sib. IV, 107 wahrfcheinlich
gemacht, dafs damit das. Erdbeben identifch ift, das nach
| Eufeb auch Hierapolis und Coloffae betraf; und dafs
deffen Angabe, es gehöre in das Jahr 65, vor der des Tacitus
den Vorzug verdiene, hat auch Lightfoot (St. Paul's
epistle to the Colossians 38 ff.) nicht bewiefen. Immerhin
haben wir fo erft einen terminus post quem für den
j Amtsantritt des Feftus — denn nachdem Paulus einige
Tage danach an den Kaifer appellirt, konnte er nicht
mehr, wie Philem. 22, in Coloffae Quartier beftellen —;
das betreffende Datum felbft läfst sich m. M. n. nur,
! woran H. gar nicht gedacht zu haben fcheint, durch
Zurückrechnen von dem Tode des Paulus i. J. 64 am
Ende der öiExla act. 28,30 finden. Dann ergiebt fich
nämlich, dafs Feftus i. J. 61 nach Paläflina gekommen ift,
wie dies auch mit den Angaben des Jofephus über ihn
und feinen Nachfolger fehr wohl zu vereinigen ift. Denn
j wenn H. S. 20 fagt: ,Nun läfst fich aus den aufgefundenen
Münzen nachweifen, dafs Cäfarea Philippi 61
j den Namen Neronias erhielt' fo ift das trotz Ramfay,
von dem er hier abhängig ift, nicht wahr. Wir wiffen
nur, dafs eine Aera Agrippa's II. i. J.61 beginnt; aber dafs
der Grund für fie jene Neugründung feiner Refidenz war,
hat fchon Schürer (Gefchichte des jüd. Volkes3 I, 588, 7)
als unwahrfcheinlich bezeichnet. Man kann alfo auch
daraus, dafs Jofephus (an/. 20, 9, I ff.) vor diefer Neugründung
fchon von Albinus redet, nicht fchliefsen, dafs
er bereits in Paläflina gewefen fei. Ja, einige Seiten
vorher folgert H. felbft aus Jofephus, dafs Albinus i. J. 62 angekommen
fei —was Ramfay, Expositor 1900, VI, 2, 100
dagegen fagt, nimmt er 104, 3 wieder zurück — und
zeigt dann ganz zutreffend, dafs Feftus fehr wohl i. J. 61
gekommen fein kann. Paulus ift alfo 59 gefangen genommen
worden; aber ehe wir von da weiter zurückrechnen
könnten, müfste erft der ganze Verkehr des
Apoftels mit der korinthifchen Gemeinde unterfucht
werden, den H. zwar auch anderwärts (Deutfch-evang.
Blätter 1902, 667 ff.) dargeftellt hat, ich aber doch anders
denken mufs.

Es wäre alfo gut, wenn wir, wie auch H. weiterhin
verfucht, noch einige andre Ereignifse des Lebens des
Paulus ohne weiteres abfolut datiren könnten, etwa das
Judenedict des Claudius oder den Proconfulat des Gallio.
Das letztere ift nun nur im allgemeinen (50—54) der
Fall; das erftere hat auf Grund von Orofius neuerdings
auch Ramfay wieder verfucht. Wenn H. dafür (wohl
nach O. Holtzmann) geltend macht, dafs die erfte und
letzte Zeit der Regierung des Claudius für die Juden keineswegs
ungünftig war, fo überfieht er freilich, dafs derfelbe
wohl fchon i. J. 50 Agrippa II. mit Chalkis belehnte;
richtiger hat alfo bereits Zahn (Einleitung II, 637) darauf
hingewiefen, dafs das jene Polizeimafsregel nicht ausfchlofs.

Wenn H. dann von dem Ende des korinthifchen
Aufenthalts des Paulus bis zu feiner Ankunft in Philippi
act. 20 mindeftens 3 Jahre rechnet, fo hängt das
zu eng theils mit feiner jedenfalls nur fehr ungenügend
begründeten Vertheidigung der fog. nordgalatifchen
Theorie, theils wieder feiner Beurtheilung des Verkehrs
mit Korinth zufammen, als dafs ich hier darauf eingehen
könnte. Dafs aus der Bezeichnung von Ephefus nur als
VEcoxoQog xrg (lEyctXrjq d-säg 'AgxEfiiöog act. 19, 35 und
der Erwähnung von ol ex xcov Nanx'iOöov Rom. 16, 11