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Ausgabe:

1903 Nr. 22

Spalte:

610-613

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Nathusius, Martin von

Titel/Untertitel:

Handbuch des kirchlichen Unterrichts nach Ziel, Inhalt und Form. 1. Teil: Das Ziel des kirchlichen Unterrichts, oder die Konfirmation in ihrer geschichtlichen Entwicklung und ihrer

Rezensent:

Achelis, Ernst Christian

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Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 22.

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derVorausfetzung der ihr von Gottes Wort zugefprochenen
Selbftändigkeit gelöft werden, und findet feine that-
fächliche Erklärung in dem Wunder des Gottmenfchen. Ift
durch diefe Antwort auf die Frage: ,Was ift der Menfch?'
die Eigenart des Menfchen als eines materiellen und
geiftigen Wefens gerettet, fo entfteht das weitere Problem:
,Wozu find wir in der Welt?, ,Menfchen zu werden, in
denen die anerfchaffene Selbftändigkeit und Göttlichkeit
des Seelenlebens Wirklichkeit werde, d. h. nicht nur felb-
ftändige Charaktere und freie Menfchen, fondern Menfchen
Gottes, die ihr Leben nehmen aus der Gemein-
fchaft Gottes und ihr Leben führen in der Gemeinfchaft
Gottes' (S. 44). Auf diefer Grundlage ift auch ,das
Menfchheitsideal und der Idealmenfeh' Wirklichkeit, denn
,das Chriftenthum ift die That und Thatfache der vollendeten
Gottesgemeinfchaft, der vollbrachten Verföhnung
zwifchen Gott und dem Menfchen' (S. 57). Das zweite
Heft ,Die Seele und ihr Heil' (S. 61—116) umfafst ebenfalls
drei Vorträge; fie follen drei Schäden unterer Zeit
aufdecken: fittliche Energielofigkeit, verftandeskühler
Skepticismus, troftlofer Peffimismus; das ift der Seele
Unheil. Und drei hohe Güter flehen ihnen gegenüber:
ftatt der Schlaffheit fittliche Kraft, ftatt des Zweifels
Wahrheit, ftatt der Zerriffenheit Friede. Das ift, was
die Seele braucht, was fie in Chriftus findet, ihr Heil. —
Diefem, der ,der Seele ihr Genüge, ihr volles Heil' bringt,
ift die Reihe der drei letzten Vorträge .Sehet, welch ein
Menfch' (S. 117—180) gewidmet. Nachdem der Verf.
den Heroen der Menfchheit Ihn der Welt Heiland gegen-
übergeftellt, prüft er verfchiedene Auffaffungen von Zweck
und Abficht der Erfcheinung Chrifti: die Behauptung der
Christian Science, die den Schwerpunkt des ganzen
Werkes Jefu in feinen Krankenheilungen fucht; die Meinung
derer, die ihn zum politifchen Revolutionär oder
zum Socialreformer machen; die Anficht Schenkel's U.A.,
nach welcher er als kirchlicher Agitator gegen die Schultheologen
und die Klerikalen aufgetreten wäre; den Ver-
fuch, in ihm nur den Bringer einer neuen Moral zu erblicken
. ,Wir müffen aus der Welt der Beziehungen, die
den Menfchen mit dem Menfchen verbinden, empor-
fteigen zu der religiöfen Welt, wenn wir die Sendung
Jefu Chrifti verftehen wollen .... Erft in Jefu Chrifto
ift eine wirkliche Beziehung zu Gott hergeftellt . . . Dafs
dies die eigentliche Miffion des Menfchenfohnes war, bezeugt
er felbft'. Damit ift bereits die Antwort auf die
Frage des letzten Vortrags gegeben: ,Herr, wer bift du?'
,Er fleht vor uns, Gottheit und Menfchheit in Einem
vereinet.'

Dies der Inhalt der neun Vorträge Blau's, die wir
felbftverftändlich nur in ihren allgemeinften Umriffen entwerfen
konnten. Wenn Dryander urtheilt, dafs der Verf.
,mit dem ganzen Reichthum der heutigen Bildung in
ungewöhnlichem Mafse ausgerüftet, in ebenfo feffelnder,
geiftreicher Form, als mit warmem, chriftlichen Herzen
dem dem Chriftenthum fragend oder fkeptifch gegen-
überftehenden Menfchen ans Herz zu kommen fucht',
fo werden wir diefem Lob zuftimmen dürfen. Auch der
Ruhm, dafs Bl. ,auf dem Boden des pofitiven biblifchen
Chriftenthums fleht', kann ihm nicht abgefprochen
werden. Allerdings Hellt diefe Formel eine fehr elafti-
fche Gröfse dar, welche den religiöfen Heilsglauben mit
den Fragen der hiftorifchen Kritik oft genug in unklarer
Weife verquickt. Dafs der Apologet ,die Zweifel des
modernen Menfchen zu verftehen und zu würdigen vermag
', dafs er ,den Schwierigkeiten und Räthfeln der Zeit
ernft ins Auge gefehen hat',wird uns ebenfalls von Dryander
verfichert. In diefem Stück hat aber unfere Competenz
ftets an unferer perfönlichen Ueberzeugung ihre Schranke,
die uns vielleicht verhindert, das ganze Gewicht und die
volle Tragweite der gegnerifchen Angriffe abzufchätzen.
Dies gilt jedenfalls auch von Blau, der namentlich in
der dritten Serie feiner Vorträge fich viel zu fehr in allgemeinen
Betrachtungen ergeht. Wo man die Probleme

fchärfer zu erfaffen und bis auf den Kern der Schwierigkeiten
zu dringen fucht, verfagt zu oft der Führer, deffen
reiche Belefenheit, vornehmer Ton, aber auch etwas leicht
fich befcheidende Zuverficht an Luthardt's apologetifche
Beftrebungen erinnert. Typifch ift in diefer Beziehung
die chriftologifche Pofition des Verf.'s, welcher die Zwei-
I Naturenlehre fefthält, fie aber zugleich in dem Sinne umbiegt
, der mehr in die Richtung der communicatio idio-
matum als in die der chalcedonenfifchen Formeln hinweift.
In Einzelheiten einzugehen, ift hier nicht der Ort. Nur
Folgendes mag noch hervorgehoben werden. David
Straufs foll ,die Geftalt Jefu ins Reich der Mythe ver-
weifen', eineAusfage, die dadurch nicht richtiger wird, dafs
der Verf. fie an zwei verfchiedenen Stellen (S. 125. 162)
wagt. Harnack's ,Wefen des Chriftentums' wird gewifs
fehr unzutreffend dahin zufammengefafst, dafs ,das Wefent-
liche am Chriftenthum eine neue Moral' ift (S. 153). Die
Verficherung, ,der Buddhismus ift nur Moral' (S. 157) liefse
fich nicht ohne Weiteres auf die ganze Entwickelung des
B. anwenden. Wie dogmatifch befangen ift doch die Deutung
von Marc. 101s (S. 171)1 Si Dien riexistait pas, il
faudrait Finvcnter ift nicht ein Wort Robespierre's (S. 20),
fondern ein Vers Voltaires. Dafs Bl. immer noch Renan
(S. 126. 133. 162) ftatt Renan fchreibt, ift eine orthogra-
phifche Unart, die man in letzter Zeit unter uns abzulegen
im Begriff war; es wäre Schade, wenn man fie
wieder einführen würde.

Strafsburg i. E. P. Lobftein.

Nathusius, Prof. D.Martin von, Handbuch des kirchlichen
Unterrichts nach Ziel, Inhalt und Form. 1. Teil: Das Ziel
des kirchlichen Unterrichts, oder die Konfirmation in
ihrer gefchichtlichen Entwicklung und ihrer Geftaltung
in der Gegenwart. Leipzig 1903, J. C. Hinrichs'fche
Buchh. (IV, 112 S. gr. 8.) M. 1.80; geb. M. 240

Vorliegendes Heft ift der erfte Theil eines ,Handbuchs
des kirchlichen Unterrichts nach Ziel, Inhalt und
Form'. Mit der Fixirung des Ziels, das der kirchliche
Unterricht zu erreichen hat, beginnt der Herr Verfaffer:
dies Ziel ift die Confirmation, d. h. die Reife, welche zur
Theilnahme am hl. Abendmahl befähigt (79). Die Arbeit
tritt in die Discuffion ein, die über die gegenwärtige Con-
firmationspraxis geführt wird; die Tendenz des Verfaffers
ift, diefe im Wefentlichen als unbedingt nothwendige Con-
fequenz der Kindertaufe zu erweifen. In der gefchickten
und gewandten Darftellung erweckt manche Ausführung
lebhafte Zuftimmung; dafs der Nachdruck auf den Unterbau
, den Confirmanden-Unterricht, gelegt, dafs auf Vereinfachung
und auf die religiöfe Qualität des Unterrichts
gedrungen, dafs eine Aufnahmeprüfung und freundlich-
ernfte fittliche Zucht gefordert wird, — das Alles ift der
Beherzigung werth. Damit ift freilich nicht die Anerkennung
ausgefprochen, dafs der Herr Verfaffer den Beweis
feiner Thefe: der Begriff der Taufe fordere die
heutige Confirmationspraxis, erbracht habe.

An eigenthümlichen Ueberrafchungen fehlt es in dem
Buche nicht. So ift gleich die Einleitung (1—5) mit ihrem
Hauptfatz, die Zugehörigkeit zur chriftlichen Kirche
beruhe auf der Freiwilligkeit ihrer Mitglieder, nichts
1 anderes, als eine Empfehlung der religiöfen (methodiftifchen
oder baptiftifchen) Freikirche. Diefe Ueberrafchung macht
freilich einer anderen dadurch Platz, dafs in dem erften
(gefchichtlichen) Capitel (6—70) der Beweis angetreten
wird, dafs nicht etwa die Taufe, gefchweige denn die
Geburt von chriftlichen Eltern (felbft in halbchriftlicher
Ehe 1 Cor. 7 14!), fondern von der apoftolifchen Zeit an
die Theilnahme am hl. Mahl die Zugehörigkeit zur
chriftlichen Kirche conftituire. Es überrafcht der Satz
(28), dafs jeder Unterricht, der die Taufgnade für den
Getauften lebendig werden laffen will, eine Erziehung zur
Privatbeichte wird bleiben müffen. Diefe Privatbeichte