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Ausgabe:

1903 Nr. 22

Spalte:

608-610

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Blau, Paul

Titel/Untertitel:

„Wenn ihr Mich kennetet -“ 1903

Rezensent:

Lobstein, Paul

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Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 22.

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weift er die fünf oder fechs Jahre in Anfpruch nehmende
biblifche Gefchichte zu, dem Fortbildungsunterricht behält
er die nähere Einführung in die Kenntnifs der Hauptepochen
der Kirchengefchichte vor. Nach Ausfcheidung
jener Lehrgegenftände bleibt für den Confirmandenunter-
richt der in vorliegendem Buche behandelte Stoff übrig.

Um den richtigen Mafsftab zur Beurtheilung diefes
Werkes in Anwendung zu bringen, mufs man fich ftets
gegenwärtig halten, dafs es in erfter Linie für die Erzieher
felbft beftimmt, mittelbar allerdings auch auf jeunes gens
d'une culture superieure berechnet ift. Zum Zweiten,
foll es nicht eine gedrängte Zufammenfaffung in der Art
eines Compendiums, fondern eine weitere Ausführung und
Begründung darbieten, welche die in vielen Religions-
claffen üblichen, den Katechumenen auferlegten Schriftlichen
Redactionen' entbehrlich macht. Endlich ift bei
diefem Curfus, für welchen dem Lehrer 50—60 Stunden
zur Verfügung ftehen, dieftete Verbindung des didaktifchen
und des erzieherifchen Momentes mafsgebend und als
leitender Gefichtspunkt am Eingang des Buches aus-
gefprochen: Se preparer ä la premiere communion, ce n'est
pas faire son instruetion religieuse, c'est faire son education
chretienne (XII).

Ua das Chriftenthum als ,neues Leben' zu faffen ift,
fo mufs die Aufgabe des Erziehers durch diefen Centraigedanken
beherrfcht fein. Er hat feinen Pflegebefohlenen
eine Anleitung zu der Kunft gut und glücklich zu leben,
Part de bien vivre, c'est ä-dire de vivre heureux, zu ertheilen.
Daher das Beftreben, nicht theologifche Lehrfätze zu vermitteln
, fondern in das Wefen der Religion einzuführen;
daher auch der Verfuch, die Religion immer in ihrer fitt-
lichen Auswirkung darzuftellen: die ethifchen Ausführungen
, die vielleicht zu einfeitig als Pflichtenlehre gefafst
werden, gehören zu den gelungenften Theilen des Buches
(S. 61—105). Die Schrift zerfällt in vier Haupttheile.
Der erfte handelt von dem Ideal, das fleh in dem als
Beftimmung und Endzweck des Chriften gefafsten Gottesreiche
zufammenfafst (S. 7—60). Diefem Reiche fleht das
den Einzelnen und die Gefammtheit umfaffende und be-
herrfchende Reich des Böfen gegenüber (II. Lot et peche,
ou le royaume du mal, p. 61 —144). Der dritte Theil
ift der Frohbotfchaft vom Heile und vom Reiche Gottes
gewidmet (S. 145—266). Den Schlufstheil bildet die Erörterung
der Aneignung des Heils an den Einzelnen und
im Schofse der Gemeinde; dafs die hierauf bezüglichen
Lehrftücke unter den Titel ,Le salut et le royaume de
Dieu 26J—350 fubfumirt werden, mufs befremden, da
diefe Doppelbezeichung bereits auf den dritten und den
erften Abfchnitt übertragen und vertheilt worden war.
Indeffen beeinträchtigt diefe formelle Wiederholung die
Gefchloffenheit des Ganzen in keinerlei Weife; die
Gliederung entfpricht vollkommen der Abficht des Erziehers
, welchem daran gelegen ift, conduire les cate-
chume-nes, par une Serie d' experiences s'entrainant et se
preparant l'une Lautre, jusqu'ä la communion avec Jesus-
Christ, symbolisee par la Sainte-Cene, c'est-ä-dire jusqu'ä
la vie chretienne (XV).

Der Anftofs, den man an der Reichhaltigkeit des hier
gebotenen Materials nehmen könnte, wird durch die Erwägung
befeitigt, dafs das Buch für die Erzieher beftimmt
und der Gebrauch desfelben ihnen anheimgeftellt ift. Sie
werden bei der Leetüre desfelben mit ihren Schülern und I
Zöglingen eine Auswahl treffen rnüffen, die je nach dem
Auffaffungsvermögen und dem Seelenzuftand der Einzelnen
verfchieden ausfallen mufs. Das Ganze zu bewältigen
, wird kaum jemals gelingen, zumal da, wie ge-
fagt, nur 50—60 Stunden dem Lehrer zur Verfügung
ftehen. Es wird.indeffen nicht leicht lein, aus der Fülle des
die verfchiedenften Gebiete der chriftlichen Religion um-
faffenden Stoffes das Angemeffene herauszugreifen. Dafs
der zweite Theil die Grundzüge einer evangelifchen Ethik
enthält, ift bereits oben bemerkt worden. Der dritte Theil
ift befonders reich an Ausführungen über die biblifche

Literatur- und Religionsgefchichte; nach den mehr einleitenden
Capiteln, die von den Urkunden der ifraelitifchen
und der chriftlichen Offenbarung handeln, entwirft T. ein
fehr anfehauliches Lebens- und Charakterbild Jefu, das
den befonderen Vorzug hat, nicht das chriftologifcheDogma
in den Vordergrund zu rücken, fondern den Lefer felber
unter den Eindruck der Perfönlichkeit und des Willens
Jefu zu ftellen. Auch im vierten Theil, der die Grundbegriffe
des fubjectiven Heilslebens und die wefentlichen
Merkmale der Kirche und der Sacramente erörtert, verlieht
es der Verf., die lebendigen Erfahrungen des Glaubens
im Rahmen gefchichtlicher Gröfsen concret und fafslich
zum Ausdruck zu bringen: als muftergiltig mufs z. B. die
Behandlung der Abendmahlslehre bezeichnet werden.

Das Beftreben, nicht Theologie, fondern Religion zum
Gegenftande feiner Darfteilung zu machen, bringt es mit
fich, dafs T. einem fehr entfehiedenen Confenfus des
Glaubens, der fleh als Frucht gefunder Schrifterkenntnifs
herausflellt, das Wort redet. Verhöhnend und aufbauend
wird das Buch in dem Mafse wirken, als es zugleich zur
Vertiefung und Aufklärung dienen wird. Wohl giebt es
Stellen, in denen theologifche Discuffion hervorbricht
(z. B. S. 248 f. die theoretifchen Andeutungen über die
Auferftehung Jefu), aber es bilden diefelben nur eine Ausnahme
, und fie laffen auch dann den Zufammenhang mit
den lebendigen Glaubensintereffen, denen fie zum Ausdruck
dienen, niemals vermiffen.

Dem deutfehen Lefer wird die Form des Buches
nicht ohne Vorbehalt gefallen. Zwar wird er die lichtvolle
Gruppirung und die Klarheit und Lebendigkeit der
Darfteilung bewundern. Weniger wird ihm der rhetorifche
Ton mancher Ausführungen zufagen; befonders bei einem
für didaktifche Zwecke beftimmten Buche dürfte ihm
diefer Ton befremdend und unangebracht erfcheinen. Hier
dürfen wir unfere Empfindung nicht den Anderen aufreden
, noch über Gefchmacksurtheile mit ihnen rechten;
auch mufs dem Verf. bezeugt werden, dafs das Pathos, das
zuweilen feine Darfteilung trägt, fich als unmittelbarer
Ergufs der durch den Gegenftand ergriffenen Seele ausweift
, fo dafs die gehobene Sprache niemals von aufsen
erft an den Gedanken herantritt, fondern aus demfelben
mit innerer Nothwendigkeit hervorwächft.

Strafsburg i. E. P. Lob fie in.

Blau, Hofpred. Paul, „Wenn ihr Mich kennetet —". Reli-
giöfe Vorträge für ernfte Frager unter den Gebildeten.
Mit Vorrede von Oberhofpred. u. Gen.-Superint. D. E.
Dryander. Berlin 1903, Trowitzfch & Sohn. (V, 180 S.
gr. 8.) M. 2.40; geb. M. 3.25

Diefe ,religiöfen Vorträge für ernfte Frager unter den
Gebildeten' wurden in einer Anzahl fogenannter Evan-
gelifationsverfammlungen, die in verfchiedenen Städten
der Kurmark feit einigen Jahren veranftaltet werden, gehalten
. Zunächfl in einzelnen Heften herausgegeben,
erfcheinen fie hier als zufammenhängendes Ganze und
liefern einen werthwollen Beitrag zu der mit Recht
von Dr. Dryander in einem warmen Vorwort geforderten
,Gemeindeapologetik', die als ,neue Art der Verkündigung
des Wortes' neben der herkömmlichen, der Erbauung
dienenden Predigt immer allgemeiner und entfehiedener
auszubauen fei.

In drei Reihen von je drei Vorträgen entwickelt
der Verf. den Inhalt feiner von den Vorhallen pfycho-
logifcher und ethifcher Betrachtung in das Heiligthum
religiöfer und fpeeififeh chriftlicher Glaubensgedanken
vordringenden Ausführung. Unter dem Titel ,Das Ebenbild
Gottes' (S. 1—60) fchildert er zunächfl; ,das Räthfel
des Menfchen', deffen ganzes Wefen einen doppelten
Widerfpruch, einen Gegenfatz von Mannigfaltigkeit und
Gleichheit, von Hoheit und Niedrigkeit in (ich trägt.
Diefes Räthfel der menfehlichen Seele kann nur unter