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Ausgabe:

1903 Nr. 22

Spalte:

606-608

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Trial, L.

Titel/Untertitel:

Essai d‘éducation chrétienne 1903

Rezensent:

Lobstein, Paul

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Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 22.

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thum und Religion auch fein. 2. Ritfehl ,geht nicht vom
„frommen Bewufstfein", fondern vom „Evangelium" aus'.
Das ilf, wie mir fcheint, nur eine fpecielle Anwendung
des eben Gefagten. Diefe Religion foll in erfter Linie
als gefchichtlicher Thatbefland erforfcht werden. Mit aller
Conftruction derfelben, als natürlicher oder moralifcher

und die Art des Verfaffers in hervorragender Weife
charakteriftifch, fowohl nach der negativen, als nach der
pofitiven Seite feiner Ausführungen. Einerfeits fucht A. die
Unhaltbarkeit des durch die traditionelle Apologetik vertretenen
dogmatifchen Supranaturalismus nachzuweifen;
andererfeits unternimmt er es, die nur der Erfahrung fich

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oder myftifcher oder fpeculativer, foll es ein Ende haben, j erfchliefsenden moralifchen Wahrheiten des Chriftenthums
Wie fie ift, wollen wir von ihr felbft erfahren. Das wird ! als den eigentlichen Herzpunkt des Evangeliums hinzu-
nicht gehen weder ohne religiöfes Mitempfinden des [ (teilen, und Dogma oder Gefchichte im Wefentlichen als

Forfchers, noch ohne einheitliches Zufammenfehen ihrer

poetifche Einkleidungsform für jene Wahrheiten darzuthun

Urfprünge und ihrer ganzen Gefchichte — beides hatRitfchl ; und aufzuweiten. Dafs der Zunfttheologe zuweilen durch
oft genug betont. Aber wiederum principiell: fo foll es | die Kühnheiten und Willkürlichkeiten einer Exegefe verfein
, fo fordert es die Gröfse des Gegenftands und die | blüfft war, die eher dem Flug der Phantafie folgte, als
Kleinheit des Forfchers. Haben wir aber fo den Muth, fich unter die Zucht der nüchternen Wiffenfchaft beugte
zu behaupten, dafs diefe Religion fich felbft uns in ihrem kümmerte den geiftvollen Dichter wenig; ihm lag befonders
Wefen enthüllen werde, warum fallen es die anderen nicht j am Herzen, ,die wahre Gröfse' der altteftamentlichen, wie

thun? Wir werden Religion überhaupt nicht mehr als
nothwendig poftuliren, fondern wir werden fie als ge-
fchichtliche Wirklichkeiten auffuchen müffen, gerade weil
wir fo mit unterer eigenen Religion verfahren.

Darmftadt. S. Eck.

Arnold, Matthew, Literature & Dogma. An essay towards
a better apprehension of the Bible. London 1902,
Watts & Co. (120 p. gr. 8.) 6 d.

,At many points the great rivers of philosophy, theology
and religion run into the sea of poetry, and mingle with
it their waters and the elemetits with which they are
charged'. Diefe Worte, mit welchen vor einigen Monaten
Stopford A. Brooke eine fchöne Studie über Matthew
Arnold's Gedichte einleitete {The Hibbert Journal,
October 1902, pag. 62—82) bringen in treffender Weife
das Gefühl zum Ausdruck, das eine der bekannteften
Schriften des geiftvollen Dichters, Theologen und Pädagogen
in jedem empfänglichen Lefer hervorrufen mufs.
Diefe Schrift, die 1873 erfchien, war aus der tief
empfundenen Erfahrung der immer gröfser werdenden
Entfremdung der Gebildeten gegenüber der Religion
überhaupt, fpeciell gegenüber der Bibel hervorgegangen.
Es muthet uns allerdings eigenthümlich an, wenn wir vernehmen
, dafs der Verfafler fein ,Ef(ay' gefchrieben hat, ,um
die Bibel dem Volke wieder zugänglich zu machen'. Sind
wir doch gewöhnt, das englifche Volk vor anderen als
ein ,bibelfeftes' Volk zu preifen. Arnold wollte aber in
erfter Linie das heilige Buch von allen dogmatifchen
Theorien, welche das Verftändnifs desfelben hemmen oder
verhüllen, frei ftellen und es in feiner urfprünglichen
Frifche, feiner der unmittelbaren Erfahrung erreichbaren
Lebendigkeit und Wahrheit auf die Gemüther einwirken
laden: give to the Bible a real evperimental basis. Im
Jahre 1883 gab der Verfafler eine populäre und billige
Ausgabe des Werkes heraus, das er in gedrängterer
Form, das heifst ohne den umfangreichen literarhiftorifchen
Apparat, mit welchem das Buch zuerft ausgerüftet war,
erfcheinen liefs. Diefe ,Sixpence Edition' von 1883 veröffentlicht
der heutige Verleger in nunmehr unveränderter
Geftalt aufs neue, und man wird ihm dafür überall dankbar
fein, wo die Gedanken des 1888 dahingefchiedenen,
ebenfo frei denkenden als tief religiös empfindenden Verfaffers
wirklich verftanden und gewürdigt werden.

Denn fofort nach der Veröffentlichung der Schrift

der chriftlichen Religion (vgl. Cap. 11—12) in ihren grofsen
Zügen hervortreten zu laffen, und an dem Zeugnifs des
fittlichen und religiöfen Bewufstfeins unmittelbar zu bewähren
. Demonstration in these matters is imposible
(S. 102). Diefer Satz bringt nicht etwa den Kern einer
präcifen Erkenntnifstheorie zum Ausdruck, er foll ein
Beleg dafür fein, dafs in religiöfen Dingen die Unbeftimmt-
heit der Formulirung die Wärme und Tiefe der frommen
Empfindung nicht beeinträchtigen kann. — Auf den Gang
der religionsphilofophifchen Forfchung wird zwar der
Wiederabdruck des Werkes ebenfowenig beftimmend
einwirken, als fein erftes Erfcheinen, aber manchem
Lefer wird er zu innerer Befreiung verhelfen, und zu
einer Aufklärung, die mit einer religiöfen Vertiefung
nicht unvereinbar fein dürfte.

Strafsburg i. E. P. Lobftein.

Trial, L., Essai d'education chretienne. Paris 1902, Fischbacher
. (XVI, 365 p. gr. 8.) Fr. 7.50

Nicht nur bei uns fteht die Frage nach der zweck-
entfprechenden Geftaltung des Religionsunterrichts fowohl
der Confirmanden als auch der Schüler höherer Lehr-
anftalten auf der Tagesordnung; fie bewegt manche Kreife
in England, Holland, der Schweiz; auch jenfeits der
Vogefen fuchen unfere Nachbarn nach ,neuen Bahnen'
zur Belebung, Vertiefung und Klärung der grofsen Aufgabe
. Der Verfafler des diefe brennende Frage behandelnden
Buches ift feit 27 Jahren Pfarrer in Nimes; er
gehört zu den hervorragendften Vertretern der Geiftlich-
keit innerhalb des franzöfifchenProteftantismus; alsKanzel-
redner, als Publicift, als Führer einer über die Schablonen
und Schlagwörter theologifcher und kirchenpolitifcher
Parteien erhabenen, eine principielle Ueberwindung der
hergebrachten Gegenfätze anftrebenden Richtung übt er
einen ebenfo berechtigten als ausgedehnten Einflufs. Dafs
derfelbe die hohe Wichtigkeit, ja die grundlegende Bedeutung
der religiöfen Erziehung der Jugend nicht nur
überhaupt erkannt hat, fondern zur Löfung der Frage
durch vorliegende Schrift perfönlich beitragen möchte,
mufs dankbar begrüfst werden. Ein folcher Verfuch hat
bekanntlich in Frankreich mit Schwierigkeiten zu rechnen,
die den meiden deutfehen Landeskirchen bisher fremd
geblieben find. Die radicale Laifirung der Schule hat den
Religionsunterricht völlig aus dem Lectionsverzeichnifs
aller Schulen geftrichen und lediglich in die Hand des
über Mifsverftändnifse aller A~rt zu klagen. Geiftlichen gelegt, der in den fogen. Sonntags- und

Die pofitiven Ablichten, welche feine Arbeit leiteten und
in letzter Inftanz eingegeben hatten, wurden verkannt;
Ueberfchrift, wie Inhalt des Buches wurden als ein gefährlicher
Angriff auf das Chriftenthum gebrandmarkt. Es
kann hier nicht der Ort fein, ein Buch zu analyfiren und
zu würdigen, das, bereits vor 30 Jahren erfchienen, hier
nur in handlicher Form und zu fahr billigem Preis einem
gröfseren Leferkreis zugänglich gemacht werden foll. Wie
in dem zwei Jahre fpäter herausgegebenen Werk ,God
and the Bible' (1875), ift gerade diefes für den Standpunkt

Donnerstagsfchulen das zu präftirende Penfum vollftändig
erledigen mufs. Zunächft möchte Tr. die Ecole du
dimancke zu einem wirklichen Jugendgottesdienft
geftalten, den Religionsunterricht aber der Ecole du jeudi
überlaffen, welche in Unter-, Mittel- und Oberclaffen zu
gliedern fei. Hieraufdringt er mit befonderem Nachdruck
auf die Nothwendigkeit der religiöfen Fortbildung der
bereits Confirmirr.cn, die als Associations d'anciens
catechumenes in jeder Gemeinde mit ihrem geiftlichen
Führer in Fühlung bleiben follten. Der Donnerstagsfchule