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Ausgabe:

1903 Nr. 2

Spalte:

37-39

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Riedel, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Alttestamentliche Untersuchungen. Erstes Heft 1903

Rezensent:

Volz, Paul

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37

Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 2.



Riedel, Priv.-Doc. Lic. theol. Wilhelm, Alttestamentliche
Untersuchungen. Erltes Heft. Leipzig 1902, A.Deichert,
Nachf. (V, 103 S. gr. 8.) M. 2.—

Der erfte Artikel befchäftigt fich mit der Ehe des
Hofea. Nach einer Ueberficht über die Auslegungsgefchichte
fchlägt Vf. vor, die Bezeichnung bat diblaim als fpöttifchen
Beinamen zu faffen = die Gomer mit den Opferkuchen
vgl. 31, die ,Kollyridianerin', und das Weib nicht als Hure
oder Ehebrecherin im eigentlichen Sinne, fondern als
Hure = baals-Verehrerin zu verftehen; dann falle der
Anftofs weg, dafs Hofea gegen das Gefetz eine Ehebrecherin
wiedergeheirathet habe. Die vorgefchlagene Deutung von
bat diblaim ift nicht übel; dagegen verliert durch die bildliche
Auffaffung des D^W n©K die fymbolifche Handlung
des Propheten ihren fymbohfchen Charakter. Es ift
denkbar, dafs die Hure, die der Prophet heirathete, eine
Hierodule war und daher jenen Beinamen trug. Dafs die
Frau des Propheten die Ehe gebrochen habe, fteht nicht
da, fomit verftöfst cp. 3 nicht gegen das Gefetz; wenn
übrigens Vf. cp. 3 mit cp. 1 zufammennimmt, als Fort-
fetzung der Gefchichte, lo mufs er begreiflich machen,
warum der Erzähler den unentbehrlichen Zug vom Fortlaufen
des Weibes ausgelaffen hat; cp. 3 follte als alle-
gonfcher Anhang zu cp. 1 betrachtet werden. — Der
König Jareb in Hof. 513 1o6 fei nicht der König von Aribi,
fondern der Grofskönig a~-,13bz:, wie übrigens fchon
Andere vorgefchlagen haben. — Das Buch Arnos fei von
einem Späteren niedergefchrieben und nur ein Auszug
aus den Reden des Propheten. Diefe Erkenntnifs fcheint
immer mehr Anhänger zu gewinnen. Die Reihenfolge der
Sprüche in cp. 1 f. fei nach dem Gefichtspunkt der Genealogie
, nach dem Grad der Verwandtfchaft mit Israel ge-
ordnet, indem das entfernteft Verwandte zuerft genannt
wurde u. f. w. Aufserdem bringt Vf. noch einige Text-
verbefferungen vor; beachtenswerth ift die zu Am 610;
hier möge man ftatt itflDW ITH iKtW lefen: -pn sk'©5'1 !
riB^SzS und V. gf. fo verftehen: wenn von der Peft nur
nocli zehn Männer in einem einzigen Haus übrig find, fo
follen auch fie fterben; dann (nach Jahren, wenn man den
Ort wieder befiedeln will) bringt man Korb und Befen,
um die Gebeine aus dem Haus zu fchaffen ... — In einer
Zufammenftellung der hebräifchen Wörter für Purpur
kommt Vf. zu den Schlufs, dafs nbbn mit Purpur, 'pjni* am
beften mit ,Indifchrot' zu überfetzen fei. — Dafs die kirchliche
Lehre im Gegenfatz zu der altteftamentlichen einen
Unterfchied macht zwifchen der imago und der similitudo
Gottes, das hat nach des Vf. Meinung feinen Grund in
dem eigenartigen Verhalten der LXXzu den hergehörigen
Stellen; diefe gebraucht in 1 ac oiioimdiq für FTül, während
fie in 51 und 53 demut mit sixcov und etösa überfetzt; dadurch
feien die Kirchenväter, denen die LXX vorlag, auf
die Anficht gerathen, die o/toicoOig (similitudo) fei dem gefallenen
Menfchen entzogen. Man vermifst bei diefer Dar-
ftellung nur die Belege dafür, dafs die Kirchenväter lieh
für ihre Lehre wirklich auf diefe feinen Unterfchiede in
der LXX berufen haben. — Nach folchen exegetifchen
Ausführungen folgt eine Reihe cultgefchichtlicher Auffätze.
Zunächft über den Cultusort im Bundesbuch: der Artikel
in QlpEri Ex. 20sh laffe nicht zu, eine Vielheit der Altäre
anzunehmen, vielmehr fei ü"lpü = Gebiet zu faffen. Indes
mufs Vf. bei dem Angriff auf die jetzt übliche Deutung
flehen bleiben und kommt felbft nicht zu einer befriedigenden
Auslegung des cultifchen Gefetzes in Ex. 2024. Mir
fcheint, dafs die Beftimmung V. 24b verfprengt ift, fie
pafst z. B. beffer zu V. 23 Schlufs (im ganzen Gebiet
Jahwes foll kein Götze flehen); das Gefetz über den
Altar V. 24a und 25 will über die Befchaffenheit des
Altars reden, nicht über den Ort, an dem ein Altar aufgehellt
werden foll. Das kann doch auch vom Vf. mit
dem beften Willen nicht geleugnet werden, dafs in der
älteren Zeit überall ein Altar errichtet werden konnte,
vollends ein Erdhaufenaltar! — Sodann über die drei

grofsen israelitifchen (Vf. fchreibt jüdifchen') Fefte: diefe
feien nicht von den Kanaanitern übernommen, denn wir
hören nichts von Erntefeften der Kanaaniter; vielmehr feien
fie von Anfang an israelitifche Erntefefte und zugleich
israelitifche Erinnerungsfefte gewefen; nur das Paffah
flamme dem Namen und dem Charakter nach aus dem
Aegyptifchen; die Fefte wie die Grundzüge der ganzen
israelitifchen Cultgefetzgebung feien älter als die Propheten;
fie feien von Anfang an an einem Centralheiligthum gefeiert
worden (vgl. auch die Formeln iTip© und Sri); da
die Erntezeiten in den verfchiedenen Gegenden von
Paläftina zu verfchieden waren, mufste von der cultifchen
Behörde aus der Erntefeftkalender beftimmt werden. Die
unwiffenfehaftliche Art, mit der der Vf. das Paffah als
Erntefeft aus dem Aegyptifchen ableitet, hat Stade in ZAW
19/00 zur Genüge gekennzeichnet; es ift fchade, dafs der
Vf. auf die Belehrung des älteren Fachgenoffen fo wenig
gegeben hat. Während er es nun leicht verftändlich findet,
dafs die Israeliten Aegyptifches erlernt und mitgenommen
haben, will er fie unter die Kanaaniter als fertiges Volk
treten laffen und verfällt in den alten Fehler, das Leben
des Israelvolkes zu ifoliren. Auch widerftreitet es Allem,
was wir aus den gefchichtlichen Berichten von dem Leben
derverfchiedenenStämmewiffen und was wir nach fonftigen
Analogien vermuthen müffen, dafs alle die Stämme im
Anfang Ein Centralheiligthum und Einen Feftkalender
gehabt hätten; endlich beweifen die Formeln S1pt2 und
5n nicht blofs für eine Landescentrale, fondern ebenfo für
Centralheiligthümer der Stämme bezw. der Stadtgebiete
(Jan heifst zudem urfprünglich wohl nicht ,wallfahren,'
fondern ,einen Umlauf halten').— Weiter über den Sabbat:
Zwar der Cyklus von heben Tagen fei alt, aber der Sabbat
felbft fei von Anfang an etwas dem israelitifchen Volk Eigentümliches
, wie dies auch das israelitifcheBewufstfein immer
fo angefehen habe; er fei weder von den Kanaanitern
noch von den Babyloniern übernommen, denn es
finden fich nirgendsZeugnifse von einem aufserisraelitifchen
Sabbat, auch die neuerdings beigezogenen babylonifchen
Bräuche und Namen hätten blofs eine entfernte Aehnlichkeit
mit der israelitifchen Einrichtung; der Sabbat fei in der
That von Mofe am Sinai eingefetzt im Vorblick auf die
Ackerbauverhältnifse in Kanaan und in der Erkenntnifs,
dafs der Wüftenaufenthait nur vorübergehend fei. Auch
in diefem Auffatze zeigt fich das Beftreben, die Origina-
j lität des Mofe und die Exclufivität des Judenvolkes zu
fichern; aber der Vf. entgeht dabei nicht der Gefahr, das
I Originale und das Befondere in Aeufserlichkeiten zu finden.
Auch der Vf. giebt zu, dafs jener babylonifche Brauch
doch fehr ähnlich ift, wonach am 7. 14. 21. 28. des Monats
alle irdifchen Gefchäfte aufhören und das ganze Leben
im Gottesdienft aufgeht. Dafs der israelitifche ,Sabbat'
hiermit verwandt ift, wird durch die urfprüngliche Bedeutung
von na© nahegelegt (z. B. Jof. 512 )E)H F3©*J =
das Man hörte auf, alfo schabat — aufhören, fomit ift
Sabbat von Haus aus ein Tag, an dem wie an jenen
babylonifchen Tagen alles aufhört, an dem der werktägliche
Lauf fiftirt wird); neu und originell fcheint allerdings
die israelitifche Begründung des Sabbats als focialen
Ruhetags zu fein. —Den Schlufs der Abhandlungen macht
I ein Auffatz über Namen und Eintheilung des A.T.lichen
Canons; hier erwähne ich nur, wie Vf. I Chron. 2929
zu Hilfe zieht, um wahrfcheinlich zu machen, dafs die
Samuelbücher urfprünglich in eine Gefchichte Samuels
(1 Sam. 1—30) und in eine Gefchichte Davids bezw. die
| Gefchichten Natans und Gads (1 Sam. 31—1 Reg. 2) zer-
| fielen ; ferner dafs Vf. den Urfprung des Wortes ,Ketubim'
für die dritte Sammlung im Canon in Num H26 findet.

Man fieht, es fteht viel und allerlei in dem Büchlein.
Manche fcharffinnige Bemerkung, insbefondere da wo der
Vf. auf dem Boden des exegetifchen Details arbeitet, wird
man dankbar aufnehmen. Die cultgefchichtlichen Partien
müfsten mit noch etwas weiterem Blick betrachtet werden;
| doch ift es immer wieder von Nutzen, wenn die oft leicht-