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Ausgabe:

1903 Nr. 22

Spalte:

587-591

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Janssen, R.

Titel/Untertitel:

Das Johannes-Evangelium nach der Paraphrase des Nonnus Panopolitanus mit einem ausführlichen kritischen Apparat herausgegeben 1903

Rezensent:

Bousset, Wilhelm

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Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 22.

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fetzungen des Kanons, die öfter (ob an den betr. Stellen
mit Recht oder mit Unrecht, ift einerlei) eigenartige
Deutungen hebräifcher Wörter geben. Wenn z. B. 35, 19
J|2pnm bit und iirj usxaiisXov einander gegenüber flehen,
fo wird Gr. dadurch gerechtfertigt, dafs LXX 2 Reg 3, 27
LiExäiisXoq für 5|2p hat. Oder wenn 4,25 Hebr. JWü und
Gr. evXQtxJirjd-i bietet (vgl. 21, 22 cdarvv&rjöexai, im rabbin.
Citat 3"123'1, im Syr. p"Ya), fo mufs man beachten, dafs
LXX für 3532 in den meiften Fällen eben diefe Verba
fetzt. Man hat alfo gar kein Recht, 4, 25 das 3531TT anzuzweifeln
. Anderswo beftätigt aber auch der hebräifche
Sirach die alten Ueberfetzer des Kanons. So hat er z. B.
8, 10 für iit) txxaie ftbltl btf, mit Recht verftehen alfo alle
alten Ueberfetzer Am. 5, s nbi in diefem Sinne. Ebenfo
geht aus Sir. 4, 2 hervor, dafs LXX Job. 30,39 ©B2 r^BTT"
dem Sinne nach richtig mit Xvctetv xpvyrjV überfetzt hat,
aber auch aus Sir. 30,12, dafs TSB2 rtErQ Job. 11,20 —
Seufzen (neuhebr.Verdrufs) ift. Da unfere Lexika übrigens
auf analoger Erklärung von wirklichen und fcheinbaren
Parallelftellen des Kanons beruhen, fo mufs fich die bisherige
Deutung mancher Wörter verfchieben, nachdem
jetzt der Umfang der althebräifchen Literatur um etwa
V:m gewachfen ift. Wir lernen z. B. aus .7,13.17, dafs
nipM an Stellen wie Job. Ii, 20 das Ende bedeutet. Ebenfo
zeigen mehrere Stellen im Sirach, dafs ttjpilQ wie
Oxavöalov eigentl. das Stellholz der Falle ift; ebenfo
lehrt Sir. 37, 30, dafs SIT Num. Ii, 20 nicht Ekel (Hieron.),
fondern Brechruhr (LXX) bedeutet, u. a. m. Dafs TOtt
"13)03 "ITT31 Dt. 27, 24, wie Paulus Fagius und der Heidelberger
Katechismus meinten, den Verleumder bedeutet,
konnte man fchon aus 22, 22. 27, 25 Gr. jzXnyr] öoXla (Syr.
Sinei snintt, S-incü Kffiü) wiffen. Uebrigens müffen zur
Erklärung des Wortfchatzes der Fragmente in hohem
Mafse die Dialekte herangezogen werden. Dafs hierfür
neben dem Targumifchen das Chriftlich-Paläftinifche in
Betracht kommt, ift fchon von anderer Seite bemerkt
worden. Vieles erklärt fich aber auch nur aus dem
Arabifchen. "73 33tT 30, 13 bedeutet ,er überhebt fich
gegen dich'; vgl. arab. ^Xi den Kopf aus dem Joch

ziehen, übermüthig einherftolziren. 3!")T ib"l3n 34, 6 bedeutet
,die vom Golde in der Schlinge gefangen find';
vgl. arab. Ju.-*. Das räthfelhafte pttn 03 p3Hn 33 {Lat.
Codd. Sang. Corb. Tkeoder.: noli consiliari cum socero tuo)
37, 10 bedeutet ,berathe dich nicht mit einem unzuver-

läffigen Führer'; vgl. arab. tXis>. Das fchwierige pOOn
27,5.6.42,3 bedeutet ,Ausforfchung'; vgl. arab. ^^s»
V, VIII fich nach den Verhältnifsen Jemandes genau erkundigen
. 43,7 lafen Cowley-Neubauer VBrVl, ich zweifelnd
pöin. Auf dem 1901 publicirten Facfimile fleht aber
unzweideutig T/BITI, davor ziemlich deutlich ein T, alfo

3B mt «= Silberlicht (Gr. cpcoax^o), 3B = Derartige
,Arabismen' finden fich in ziemlicher Zahl, und
man darf es abwarten, dafs fie gegen die Echtheit des
Hebräers aufgerufen werden.

Göttingen. R. Smend.

Janssen, Dr. R., Das Johannes-Evangelium nach der Paraphrase
des Nonnus Panopolitanus mit einem ausführlichen
kritifchen Apparat herausgegeben. (Texte und
Unterfuchungen zur Gefchichte der altchriftlichen
Literatur. Herausgegeben von O. von Gebhardt und
A. Harnack. Neue Folge — Achter Band, Heft IV.)
Leipzig 1903, J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung. (IV,
80 S. gr. 8.) M. 2.50

Nachdem Blafs bereits in der Ausgabe feines Johannesevangeliums
auf die vermeintliche Bedeutung der Paraphrafe
des Nonnus für die Reconftruction des Textes
diefes Evangeliums hingewiefen und deffen Zeugnifs in

feiner Textausgabe durchweg benutzt hat, legt deffen
Schüler Janfsen uns eine Reconftruction des Nonnus-
textes vor.

Die Reconftruction diefes Textes ift keine leichte
Aufgabe. Nonnus von Panopolis in Aegypten fchrieb
um 400 eine MexaßoXr) xov xaxa 'icoävvrjv dyiov svay-
ysXiov, d. h. eine Umdichtung des Johannesevangeliums
in hexametrifchen Verfen (ed. A. Scheindler, Lips. 1881).
Ein Blick in die fehr umftändliche und weitfchweifige
Paraphrafe des Nonnus, ich fchätze den Umfang auf
etwa 4000 Hexameter, zeigt bereits, dafs die Herftellung
des Nonnustextes eine verzweifelt fchwierige Sache ift.
Wenn man nun dennoch den Muth zu diefem Unternehmen
befafse, wie würde man dann zu verfahren
haben? Zunächft wäre etwa in einer recht mühfamen
Unterfuchung die Genauigkeit der paraphrafirenden Arbeit
des Nonnus zu prüfen gewefen. Man würde, indem
man als Material alle die Stellen des Johannisevangeliums
heranzöge, an denen deffen Text nach unferer Ueber-
lieferung gefichert erfcheint, fich etwa die Fragen vorlegen
, wie hat Nonnus die Tempora, den Artikel, die
Conjunctionen behandelt? war N. bemüht, alle Worte
des Evangeliums wiederzugeben, oder kann man ihm in
feinen Varianten befonders zahlreiche Auslaffungen nachrechnen
u. f. w. So würde man fich allmählich ein Ur-
theil über feine Benutzbarkeit bilden. Dann würde
man etwa fämmtliche, mit abfoluter Sicherheit feftftell-
baren Lesarten des Nonnus, hinfichtlich derer die übrigen
Auctoritäten des neuen Teftaments fchwanken, zufam-
menftellen und verfuchen, das Verwandtfchaftsverhältnifs
des Nonnustextes zu unfern übrigen wefentlichen Zeugen
feftzuftellen. Von hier aus wurde man anfangen, den
Text des Nonnus, in zweifelhaften Fällen mit einiger
Wahrfcheinlichkeit, feftzulegen. Das Refultat von folchen
eindringenden Unterfuchungen würde dann wahrfcheinlich
das fein, dafs man darauf verzichtete, einen zufammen-
hängenden Text des Nonnus herzuftellen, und fich be-
fchränkte, etwa zu Tifchendorf's Apparat, der ja allerdings
durch Heranziehung neuerer, fpäter entdeckter
Zeugen vermehrt werden müfste, die einigermafsen ficher
feftzuftellenden Lesarten des Nonnus zu notiren. Bei
der abfoluten Unficherheit des Nonnustextes würde man
dabei gut thun, auf vermeintliche Sonderlesarten ganz
zu verzichten, jedenfalls diefe in den meiften Fällen mit
einem Fragezeichen zu verfehen und felbft dann, wenn
der Nonnustext bei fonftigen entlegenen einzelnen Zeugen,
in freien Citaten der Kirchenväter etc. feine Beftätigung
fände, mit der Annahme wirklicher Text-Varianten fehr
vorfichtig zu fein.

Wie ift nun Janfsen in der vorliegenden Schrift verfahren
? Von allen jenen nothwendigen Vorunterfuchungen
findet fich keine Spur bei ihm. Mit fröhlicher Zuverficht
legt er uns nach einem Vorwort von zwei Seiten einen
von ihm reconftruirten fortlaufenden Text des Nonnus
vor. Wie ift diefer Text entftanden? J. legt nach eigener
Angabe (pag. IV) den neuteftamentlichen Text von Eberhard
Neftle zu Grunde und hat in diefen die Varianten
des Nonnustextes eingetragen! Das geht foweit, dafs J.
den Paffus Joh. 6 41—54, der in der Paraphrafe des Nonnus
übergangen refp. in dem gegenwärtigen Text ausgebrochen
ift, einfach (allerdings in Klammern gefetzt) nach Neftle
giebt. Dabei beftrebt er fich, den Text möglichft fonder-
bar und abweichend zu geftalten. Mit anerkennens-
werthem Fleifs hat J. auch weit über Tifchendorf's Apparat
hinüber das textliche Material unterfucht, und wo
fich nur in einem entlegenen Zeugen eine Parallele zu
den Sonderlichkeiten des Nonnus findet, wird diefe flugs
als eine Textvariante behandelt. Die Frage, ob hier
nicht oft der Zufall fein Spiel treiben könne, wird bei
der athemlofen Jagd nach intereffanten Varianten gar
nicht geftellt. Sehr oft wird eine Abweichung des paraphrafirenden
N. ohne jeden weiteren Zeugen ernft genommen
.