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Ausgabe:

1903 Nr. 21

Spalte:

579-580

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Cathrein, Viktor

Titel/Untertitel:

Glauben und Wissen 1903

Rezensent:

Mayer, Emil Walter

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Seite 1

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579 Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 21. 580

wie ich, nur dafs der zweite Herr, den das urfprüngliche Rundfehreiben
als Referenz angab, und den er um Auskunft bat, als das Schweigen
des Rev. Grant anfing auffallend zu werden, Mr. Henry M. Mac
Cracken, D. D., L. L. D., Chancellor Ntia York University, ihn gar
keiner Antwort gewürdigt hat. Er hat im April 1903 noch einmal
verfucht, mit einem eingefchriebenen englifchen Briefe an die Buchhandlung
, die das Werk verlegt hat, wenigftens die genauere Adreffe
des Rev. Grant zu erfahren, hat aber wieder keine Antwort empfangen,
obfehon der empfangene Rückfchein die dortfeitige poftalifche Abgabe
des Briefes unter dem 13. April verbürgt.

Das Honorar, das Rev. Grant in Ausficht ftellte, war nicht von der Art,
dafs Unfereiner um feinetwillen den Artikel gefchrieben hätte. Als Rev.
Grant mich um den Artikel bat, hatte er grofse Eile und war einge-
flandener Mafsen in Verlegenheit. Mir fchien das Unternehmen fachlich
werthvoll genug, um es zu unterftützen. Ich glaubte ohne Weiteres
einen gentleman vor mir zu haben. Ob das Verhalten des Reverend nach
amerikanifchen Begriffen einem folchen entfprichtl? Ein Wort einfach
der Aufklärung oder der Mittheilung, dafs er fich pecuniär verrechnet
habe, möchte bei Herrn D. Pieper und mir ausgereicht haben, um uns
zum Verzicht auf das Honorar zu beftimmen. Die Neigung, fich eingegangenen
Verpflichtungen fchweigend zu entziehen, auf die wir geftofsen
find, veranlagst uns jetzt vielmehr, mitzutheilen, was man mit einem
amerikanifchen Editor, den man nicht kennt, erleben kann. Vielleicht
ifb das für andere von Nutzen.

Das Werk ift übrigens dem Herrn Chriftus gewidmet! Vor jedem
der beiden Bände prangen die Worte: In sincire loyalty to Htm, tvhose
I am and mhom I serve!

Giefsen. F. Kattenbufch.

Cathrein, Viktor, S. J., Glauben und Wissen. Eine Orientierung
in mehreren religiöfen Grundproblemen der
Gegenwart für alle Gebildeten. Freiburg i/B. 1903,
Herder. (VI, 245 S. gr. 8.) M. 2.50; geb. M. 3.—

,Was ift der Glaube und wie gelangt man zum Glauben?
Was ift das Wiffen? Wie gelangt man zum Wiffen? Wie
verhalten fich beide zu einander?' Das find die Fragen,
mit denen fich das vorliegende Buch befchäftigen will.
Da nun aber durch deren verfchiedene Beantwortung ,fo-
wohl dem Proteftantismus als dem Katholizismus fein
eigentümliches Gepräge' aufgedrückt wird, kommt zu-
nächft etwas wie ein Vergleich der beiden Confeffionen,
eine Kritik der einen und eine Apologie der anderen heraus.

Und zwar läfst fich die Stellung, die fie zu den angedeuteten
Problemen einnehmen Pollen, etwa folgender-
mafsen kennzeichnen.

Der Proteftant huldigt dem Kantifchen Nominalismus.
Er beftreitet die Zuftändigkeit der Vernunft in .religiöfen
Dingen' und leugnet, dafs fie Göttliches und Ewiges zu
erfaffen im Stande fei. Diefe Einfchränkung der Erkenntnifs
ift aber verhängnifsvoll. Denn da ohne jegliches Wiffen
fich überhaupt kein Glaube zu entfalten vermag, wird
diefer bei den Anhängern Luther's und Calvin's gleichfalls
reducirt und gefährdet. In der That laffen fich innerhalb
des Proteftantismus heutzutage drei Formen unterfcheiden:
1) ein ,Chriftentum mit dem fymbolifchen Chriftus' (als
Hauptvertreter werden Th. Ziegler und Er. Paulfen genannt
); 2) ein folches ,mit dem hiftorifchen Menfchen 1
Chriftus' (ftellt fich namentlich in der .Ritfchl-Harnack'-
fchen Schule' dar); 3) die confervative Richtung (als Re-
präfentanten werden J. Köftlin und O. Kirn angeführt).
Bei 1 und 2 ift im Grunde alle Offenbarung ausgefchloffen,
alfo ift auch deren Correlat, der Glaube, unmöglich. Bei
3 wird wohl das Richtige erftrebt. Man bemüht fich, an
der Realität göttlicher Darbietung und menfehlicher Aneignung
feftzuhalten; da man indeffen nicht confequent
genug ift, eine äufsere von Gott gefetzte Autorität, die
der Kirche, anzuerkennen, verfehlt man fchliefslich doch
das Ziel.

Wie ganz anders der Katholicismus! Da herrfcht, j
fegensreich wirkend, die Thomiftifche Erkenntnifstheorie!
Mit Hülfe der berühmten Argumente bringt man es zu
einer ficheren Erkenntnifs von der Exiftenz Gottes. Ebenfo
,weifs' man, auf Grund wunderbarer gefchichtlicher That-
fachen, dafs es Offenbarung giebt, deren Inhaberin und |
1 Kiterin die Kirche ift. Und nun man dank der natürlichen
Hinficht fo weit gelangt ift, fetzt der Glaube ein. Er <

befteht im ,zweifellofen Fürwahrhalten' eben alles deffen,
was ,das kirchliche Lehramt mit höchfter Autorität als
geoffenbarte Wahrheit verkündet1. Dabei ift es ein grofser
Vorzug, dafs fich mit ziemlicher Genauigkeit beftimmen
läfst, welche Sätze den angegebenen Charakter tragen.
Freilich fchulden wir auch folchen Entfcheidungen, die
nicht unfehlbar find, ,inneren und äufseren Gehorfam' und
müffen ,aus Ehrfurcht und Achtung' fie uns aneignen,
.wenigftens folange keine offenbaren und zwingenden
Gründe dagegen fprechen'. Was aber den Beweggrund
zum Glauben anlangt, fo ift er in der ,untrüglichen Autorität
Gottes' zu fuchen (S. 133); alle andern Motive
werden abgelehnt. Jedoch ift es das .Anfehn der Kirche'
(S. 145), welches allein die .fichere Bürgfchaft' giebt, dafs
etwas von Gott geoffenbart ift.

Nachdem der Autor fo die verkehrte proteftantifche
und die richtige katholifche Auffaffung von Glauben und
Wiffen dargelegt hat, fällt es ihm nicht fchwer, das Ver-
hältnifs der beiden Factoren zu beftimmen. Sie wider-
fprechen fich nicht und fchliefsen fich nicht aus. Sie ergänzen
fich: .durch das Wiffen erfaffen wir die natürliche,
durch den Glauben die übernatürliche Offenbarung Gottes'.
Sie flehen zu einander wie unteres und oberes Stockwerk
eines Gebäudes. .Daraus ergiebt fich für die Wiffenfchaft
die Pflicht, nie einen Lehrfatz oder eine Behauptung aufzuhellen
oder anzunehmen, welche einer geoffenbarten
Wahrheit ficher widerfprechen'. Diefe Forderung tritt der
Würde der Forfchung nicht zu nahe; denn die befteht
darin, dafs fie fich ,der Wahrheit beuge'. Ebenfowenig
leidet ihre Freiheit darunter, dafs die Offenbarung fie ,vor
Irrthum' bewahrt. Fragt man, ob es eine .katholifche
Wiffenfchaft' gebe, fo ift natürlich dies Prädicat auf Mathematik
oder Phyffk, Geologie oder Phyfiologie nicht anzuwenden
. Dagegen ,mufs fich der religiöfe Standpunkt
geltend machen' in der Logik (!), Metaphyfik, Ethik; und
mit Recht redet man ferner von proteftantifcher und
katholifcher Gefchichtsfchreibung.

Zum Schlufs fucht der Verf. darzuthun, dafs die
römifche Kirche für die Cultur mindeftens ebenfoviel
geleiftet habe, wie Härefie und Unglaube, und polemifirt
er gegen das Schlagwort von der vorausfetzungslofen
Wiffenfchaft.

Eine Kritik wird man dem Refer. erlaffen. Nur zur
Charakteriftik der Schrift fei noch daran erinnert, dafs fie
bei ihrer Befprechung des Proteftantismus mit Vorliebe
an Aeufserungen von Paulfen anknüpft, fo dafs fie fich
bisweilen ausnimmt, wie eine Replik auf deffen Philoso-
pläa militans. Die Anklagen, die fie gelegentlich gegen
den Berliner Philofophen, gegen W. Herrmann, gegen Har-
nack, deffen Aeufserungen über die Zuverläffigkeit der
älteften chriftlichen Literatur trotzdem unter Beifall
regiftrirt werden, und andere erhebt, lohnt es fich nicht
einmal niedriger zu hängen.

Strafsburg i. E. E. W. Mayer.

Schillers philosophische Schriften und Gedichte. (Auswahl.)
Zur Einführung in feine Weltanfchauung. Mit ausführlicher
Einleitung herausgegeben von Eugen Kühnemann
. (Philofophifche Bibliothek Band 103.) Leipzig
1902, Dürr'fche Buchh. (328 S. 8.) M. 2.—

Dem gefteigerten Intereffe, das fich neuerdings für
Schiller als Philofophen bemerkbar macht, will diefe ,Aus-
wahl' entgegenkommen. Dargeboten werden folgende
Stücke: 1. Ueber Anmuth und Würde. 2. Ueber die
äfthetifche Erziehung des Menfchen (die 9 erften Briefe).
3. Ueber das Erhabene. 4. Das Ideal und das Leben.
5. Ueber naive und fentimentalifche Dichtung. 6. Votiv-
tafeln. Dem Druck zu Grunde gelegt ift die Faffung, die
Schiller felbft zuletzt dem Text gegeben hat in den
Kleineren profaifchen Schriften (4 Theile, 1792—1802).
Vorausgefchickt ift eine 90 Seiten lange Einleitung von