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Ausgabe:

1903

Spalte:

569-571

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Zahn, Theodor

Titel/Untertitel:

Grundriss der Geschichte des neutestamentlichen Kanons 1903

Rezensent:

Dobschütz, Ernst

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Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 21.

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die fpiritualifiifch gemeint, aber realiftifch gedeutet der berühmten 39. Feftbrief des Athanafius v. J. 367 einer
Anlafs zu der Simonsfage wurden, z.B. c. 2 graec. erneuten Prüfung unterzogen. Er ftellt zunächft feft, dafs

der von C.Schmidt veröffentlichte koptifche Text, der uns

ävaxT7/gouai XQog rbv freöv, was nicht volabo {avajcrlfio-
uai) ad deum heifse, fondern ,ich werde mich bei Gott
niederducken' (?) im Sinne des neue Erkenntnifs und
Kraft holens. Ich fürchte, eine Löfung des Simonproblems
von hier aus würde arg in die Irre gehen.

Die Inhaltsangabe zeigt, wie vielerlei diefe Beiträge
bieten. Die Belefenheit des Verf.'s nicht nur in kirchen-
gefchichtlicher, fondern auch profaner Literatur verdient
alle Anerkennung. Aber er giebt etwas zu viel der
Neigung nach, zufammenzuftellen, was doch innerlich
nicht zufammengehört. Bedarf es zur Erklärung der Anrede
,Zuhörer', wirklich der pythagoreifchen Claffen der
,Hörenden'r Hat das ,Schweigen' nicht an Ign. Magn. 82,
Valentin bei Iren. I 1 u. a. näherliegende Parallelen? Was
hat die floifche Sentenz S. 34 A. 6 ducunt fata volentem,
nolcntem trahunt mit Joh. 21 is aufser einem Wortanklang
gemein? Ficker fafst den Kampf zwifchen Petrus und
Simon als Illuftration zu II Theff. 2 Chriftus und Anti-
Chrift auf: da gehörte mindeftens als Mittelglied die jo-
hanneifche Umbiegung des Antichriftbegriffs hinzu. Schon
der Titel ,Spuren von Piatonismus' zeigt diefe zu enge
Verbindung: mit dem Piatonismus direct haben unfere
Acten nichts zu thun: fie find zurückzuführen auf das
überaus complexe geiflige Milieu ihrer Zeit: welchen
Einfchlag in diefem der Piatonismus bildet, ift eine
zweite Frage. Ficker hat fehr recht, die Wunderfucht
ftark zu betonen: aber ich weifs nicht, warum er fich fo
über fie erregt, davor erfchrickt. Welcher Hiftoriker,
der J. Burckhardt's Conftantin gelefen und dann Lucian,
die griechifchen Romane und ähnliche Literatur, kann
anderes erwarten? Wir machen noch immer zu fehr den
Fehler, in antiken Documenten unfere modernen Gedanken
zu fuchen (F. modernifirt mehrfach fehr ftark) und dann,
wenn wir diefe nicht finden, den Abftand der antiken

den Brief in gröfserem Umfang kennen gelehrt hat, doch
im Einzelnen nicht den Vorzug vor dem griechifchen, durch
das unabhängige Zeugnifs des Syrers gedeckten Text der
kanoniftifchen Sammlungen verdient. Dies auch fchon
von Rahlfs gegen Schmidt dargelegte Verhältnifs darf
jetzt als gefichert gelten. Ein zweiter Abfchnitt befafst
fich mit den leitenden Gefichtspunkten des Athanafius.
Zahn betont, dafs derErlafs nicht willkürlichen Verengerungen
, fondern lediglich unftatthaften Erweiterungen des
Kanons durch Beimifchung von Apokryphen entgegentreten
wolle (S. 15). Athanafius' wiffenfchaftliche Bildung
und feine hiltorifchen Urtheile erfahren allerdings herbe
Kritik: ,man möchte wünfchen, er hätte von der Tradition
der Väter gefchwiegen' (S. 19). Andererfeits ift Zahn be-
ftrebt, Athanafius' Verfahren zu rechtfertigen, indem er
davon jeden Gedanken an Neuerung fernhält: Athanafius
codificirt nur das feit Langem in feiner Kirche Geltende,
wenn er die Siebenzahl der kath. Briefe, die 14 Paulusbriefe
mit Hebr. vor Paft., die Apokalypfe ohne jede
Andeutung der entgegenftehenden Meinung anderer aufnimmt
. Mehr als feine perfönliche Entfcheidung erfcheint
die Umgrenzung des A.T.'s: die 22 Bb., die der hebräifche
Kanon enthält, aber in der Form, die fie in der griechifchen
Bibel haben. Die Mafsregel, eine Gruppe von 5 vor-
chriftlichen und 2 chriftlichen ,Lefefchnften' neben die
kanonifchen Bücher zu ftellen, fafst auch Zahn mit Recht
als ein Compromifs; aber er verkennt die Richtung des-
felben, weil er von vornherein Lefefchrift und kanonifch
als gleichbedeutend fafst und nur die gottesdienftliche
Lefung als wefentliches Merkmal der Kanonicität gelten
laffen will. Wir erblicken vielmehr in Athanafius' Mafsregel
ein Refiduum der älteren Auffaffung, wonach nicht
alles, was im Gottesdienft vorgelefen wurde, auch als

Anfchauung von der unfrigen abzumeffen, ftatt uns fo j ,Quelle des Heils', d. h. als normative Lehrfchrift in Betracht

auf jenen Standpunkt zu verfetzen, dafs uns auffällt, was
den Leuten damals auffiel: und das war gewifs nicht
das Miraculöfe, fondern eher das Zurücktreten desfelben,
die geiftigen Ideen daneben, der fittliche Zug darin.

F. hat durchaus recht, dafs der Vercellenfis nicht die
Urform diefer Akten darbietet, diefelbe wird aber ficher
nicht weniger von Magie enthalten haben. F. hätte fich auch
fragen follen, ob wirklich die paulinifche Einleitung zum
Kern gehört, ehe er von ihr aus die (übrigens fchon von
Hilgenfeld vertretene) Thefe, dafs die Schrift als Fort-
fetzung der lukanifchen Apoftelgefchichte gemeint fei,
zur Bafis der Behauptung machte, das neue koptifche
Bruchftück könne ihr nicht angehören. Ich mufs hier
Schmidt Recht geben, der in Gött. gel. Anz. 1903
Nr. 5 diefe Kritik etwas fcharf anläfst. Vollends kann
ich den Verfuch, das Zeugnifs für römifches Martyrium
des Petrus zu entkräften, nur für befangen halten. Wir
brauchen diefes Mittel nicht.
Jena. von Dobfchütz.

Zahn, Prof. D. Theodor, Athanasius und der Bibelkanon.

Sonderabdruck aus der Fefifchrift der Univerfität Erlangen
zur Feier des achtzigften Geburtstages Sr. königlichen
Hoheit des Prinzregenten Luitpold von Bayern.
Erlangen und Leipzig 1901, A. Deichert Nachf. (36 S. 4.)

M. 1.—

— Grundriss der Geschichte des neutestamentlichen Kanons.

Eine Ergänzung zu der Einleitung in das Neue Tefta-
ment. Ebenda 1901. (84 S. gr. 8.) M. 2.10;

eleg. geb. M. 2.80

In der ftattlichen Fefifchrift der Erlanger Univerfität
zum 80. Geburtstag des Prinzregenten hat Th. Zahn den

kam; erft fpät hat man die gottesdienftliche Lefung auf
die kanonifchen Bücher befchränkt, während zugleich die
alte Rivalität zwifchen kanonifch und apokryph mehr und
mehr durch die neue: Bibel und Legende abgelöft wurde. —
Ein dritter Abfchnitt handelt von den Nachwirkungen der
Entfcheidung des Athanafius. Zahn conflatirt, dafs ihr
Einflufs im Orient, felbft Aegypten nicht ausgenommen,
gering war. Anders im Abendland, wo freilich nicht fo
fehr der Feftbrief als die mehrfache Anwefenheit des
Athanafius felbft Bedeutung erlangte: er konnte neben
Gelafius als wichtigfter Gefetzgeber in Sachen des Kanons
genannt werden. Zahn trifft mit Rahlfs zufammen in der
Zurückführung des cod. Vaticanus auf Athanafius; mit
vollem Recht aber erklärt er B für unabhängig von dem
Feftbrief von 367 und wiederholt feine fchon Gefch. d.
N.T1. Kanons I. 1, 73 A. 1 ausgefprochene Vermuthung,
dafs es fich um eine der von Athanafius während feines
römifchen Exils 340(339)—346fürKaiferConttans beforgten
Bibeln handele {Äthan, apol. adConst. 4 p. 297 Montfaucon).
Diefe fchon von Gregory Proleg. 348, Textkr. I 22 angedeutete
, von Neftle Einführung 2 149 ausgeführte Com-
bination wird dem textkritifchen Befund am meiften gerecht.

Zahn's Grundrifs der Gefchichte des N.T1. Kanons, im
Stil und zur Ergänzung feiner Einleitung zum N.T., wird
manchem Verehrer der letzteren willkommen fein, dem die
Gefchichte des N.T1. Kanons zu umfangreich ift, zumal
ihr ja immer noch der 3. Band, der die Zeit von Origenes
an behandeln follte, fehlt. Diefer Grundrifs ift ein durch
mehrfache Zufätze und reichhaltige Anmerkungen erweiterter
Abdruck des von Zahn an Stelle von Woldemar
Schmidt ganz neu bearbeiteten Artikels Kanon des N.T.'s
in der 3. Auflage der Realencyklopädie Bd. 9, 768—796»).

1) Nach S. 27 fcheint die Zahl 147 für Marcions Urach mit der
Kirche in RE3 9, 78053, auf die G. Krüger ebd. 12, 26815 Hezug nimmt,
wohl nur ein Druckfehler für 144,

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