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Ausgabe:

1903

Spalte:

561-565

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Erbt, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Jeremia und seine Zeit 1903

Rezensent:

Giesebrecht, Friedrich

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Theologische Literaturzeitung

Herausgegeben von D. Ad. Harnack, Prof. in Berlin, und D. E. Schürer, Prof. in Göttingen.

Jährlich 26 Nm. Verlag: J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung, Leipzig. Jährlich 18 Mark.

Nr. 21. 10. October 1903. 28. Jahrgang.

Erbt, Jeremia und feine Zeit (Giefebrecht).

Schmidtke, Die Evangelien eines alten Unzial-
codex (Bouffet).

Haufsleiter, Die Gefchichtlichkeit des Johannesevangeliums
(Schilrer).

Achelis, Virgines subintroductae (Grützmacher
).

Ficker, Die Petrusakten (v. Dobfchütz).

Zahn, Athanafius und der Iiibeikanon (v. Dobfchütz
).

Zahn, Grundrifs der Gefchichte des neutefta-

mentlichen Kanons (Derf.).
Albers, I.e plus ancien coutumier de Cluny

(Grützmacher).
lleQiyQafpixbiz KatäXoyoz xü>v . . . iyyQÄ<pwv

usqI Tü>v t-v "AS-u> ixovüiv (Ph. Meyer).

Ernst, Briefwechfel des Herzogs Chriftoph von
Wirtemberg, 3. Bd. 1555 {Bollert).

Christendom Anno Domini iqoijedited byGrant
(Kattenbufch).

Cathrein, Glauben und Wiffen iE. W, Mayer).

Schiller's Philofophifche Schriften und Gedichte
, hrsg. von Kühnemann [Philof.
Bibliothek 103] (E. W. Mayer).

Erbt, Wilhelm, Jeremia und seine Zeit. Die Gefchichte der j behorcht, die Temperatur gemeffen — warm oder kalt,
letzten fünfzig Jahre des vorexilifchen Juda. Beigegeben j erregt oder ruhig, activ oder receptiv — und wie alle die

ift der Unterfuchung des Jeremiabuches eine Uber-
fetzung der urfprünglichen Stücke und die Umfchrift
der Profetenfprüche mit Bezeichnung des Rythmus.
Göttingen 1902, Vandenhoeck & Ruprecht. (VIII, 300 S.
gr. 8.) M. 8.—

Diefe Schrift beweift, dafs wir in Erbt einen begabten
und gedankenreichen Mitarbeiter erhalten haben. Wie die
Befprechung des Weiteren zeigen wird, fleht er in der
modernen wiflenfchaftlichen Bewegung mit einem, allem
Bedeutenden bffenen Sinn und mit frilcher Erfaffung der
fich bietenden Probleme darin. Sein Buch hat verfucht,
neue Seiten des Stoffs aufzudecken, nicht blofsGunkel und
Sievers, auch die moderne AfTyriologie fcheint den Verf.
beeinflufst oder wenigftens angeregt zu haben. Ob dabei
immer das Richtige getroffen ift, fcheint freilich mehr als
zweifelhaft, aber das wird auch von einem Anfänger
Niemand verlangen: für die Jugend ift freudige Offenheit
für allerlei Eindrücke zu wünfchen, fie verdient den Vorzug
vor philifterhafter Abgefchloffenheit — die pflegt mit den
Jahren ganz von felbft zu kommen.

Es ift befonders intereffant, das Verhältnifs Erbt's zu
Duhm ins Auge zu faffen. E. ift von ganz ähnlichen
kritifchen Grundfätzen geleitet, er fleht dem überlieferten
Text ungefähr ebenfo gegenüber wie Duhm, er ftreicht nach
LXX und ohne fie, er erkennt Gloffen und Ueberarbeiter-
ftücke in grofser Zahl an, und doch kommt er fchliefslich

Kategorien lauten, die hier in Frage kommen. Diefe Be-
trachtungsweifeift ja nichts abfolutNeues, vielmehr wandelt
E. auch hier in den Bahnen Duhm's, aber fie beruht doch,
wie jeder Kenner der Propheten weifs, auf der Ueber-
treibung eines an fich richtigen Grundfatzes und ift im
letzten Grund eine Verkennung des Wefens der fchnft-
ftellernden Propheten. Sie waren gewifs keine Dogmatiker,
aber fie waren auch nicht blofs religiöfe Stimmungs-
menfchen, am wcnigften neuropathifcher Art. Diefe
pathologische Grundlage des Prophetenberufs hat Erbt
ftellenweife bis zur Widerlichkeit gefteigert (hoffentlich
würde Gunkel das nicht billigen, fontt müfste man feinen
Einflufs auf E. fehr bedauern). Wenn nämlich Jeremia
von Leiden fpricht, die mit feinem Prophetenberuf verbunden
feien, fo hat er dabei an die Folgen der neu-
ropathifchen Zufälle gedacht, an denen er litt: ,die ekfta-
tifchenZuftändebegannen ihn anzugreifen'. Das heifst denn
doch, die Duhm'fchen Mätzchen auf die Spitze treiben.

Die Schrift betrachtet zunächft die Denkwürdigkeiten
Baruch's. Zu ihnen gehört nach Erbt im Wefent-
lichen das, was auch ich auf B. zurückgeführt hatte, nämlich
C. 19,1—20, r.. C. 21,1—7. C. 26—29. C< 34- C. 36—45.
Allerdings werden die Stücke viel ftärker zurechtgeftutzt
als bei mir, aber im Wefentlichen doch von B. abgeleitet
und für gutes Material erklärt. Die Ueberfchrift über diefe
Annalen, die vom Redactor des Jeremiabuches auseinandergenommen
und verftreut find, fcheint nach 1, 3 ver-
fprengt zu fein.

7TZZ.7XaZ^.ISrifehen (und damit auch fachlichen) j Was lehren uns diefe Annalen? Dafs unter Jojakim
Rehiltaten als D — es war nur eine geringfügige Adap- eine hierarchifch-national gefinnte Pnefterfchaft am Reichs-
tirung notwendig, und ftatt der Duhm'fchen Qinaftrophe ; tempel amtirte, die von dem Glauben an den ewigen Be

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ergaben fich die Sievers'fchen poctifchen Metren. — Das
felbe ift auf dem Gebiet der höheren Kritik zu beobachten.
Im Wefentlichen befolgt E. auch hier die Principien Duhm's,
und doch ift fein Refultat ein viel weniger radicales, die
von D. mit Hohn und Spott uberfchütteten .Ergänzerftucke'
find bei Erbt vielfach dem Jeremia verblieben und gegen
die Duhm'fchen Angriffe in Schutz genommen worden.
Dem Duhm'fchen Subjectivismus in wiffenfchaftlicher Hin-
licht wird alfo durch die vorliegende Schrift eine ziemlich
fcharfe Lehre ertheilt. Das ift um fo bemerkenswerther,
da E. wie gefagt principiell durchaus kein Bedenken gegen
die Duhm'fchen Refultate zu haben brauchte.

Einen befonderen Dank votirt der Verf. in feiner Vorrede
dem Genefiscommentar und der Efrabearbeitung von
Gunkel, das ift wohl neben den eben berührten Eigen-
thumlichkeiten des Markantefte an diefer Schrift. Hervorragend
wichtig ift demnach dem Verf. die ,Stimmungs-
erforfchung', etwas an ärztliche Confultationen erinnernd.

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ftand des Heiligthums getragen war. Ihre meffianifchen
Erwartungen gipfelten wohl darin, dafs der künftige Wclt-
herr aus Juda kommen und Jerufalem mit dem Tempel
zum Mittelpunkt feiner Weltherrfchaft machen werde. In
Hefek. 21,32 fcheint umgekehrt die Erwartung vorzuliegen:
der Meffias kommt aus einem anderen Volke, er begünftigt
die Hierarchie. Der Dienft der Himmelskönigin unter
Jojakim deutet auf einen Vergleich hin, den die jerufale-
mifche Pnefterfchaft mit der des Landes gefchloffen hatte,
,von der auch die nationale Färbung herrühren wird'. Nur
im Hintergrunde lieht ein prophetifch denkender Theil
der Pricfter, zurückgedrängt aus feiner Stellung unter Jofia
zu Gunften der von Jojakim gefchickt in die fuhrenden
Stellen beförderten nationalen Hierarchen. Diefen traten
die Hofbeamten (Fürften) gegenüber, im Grunde auch für
nationale Selbftändigkeit, aber darum antiegyptifch,
wahrend die Priefter in Uebereinftimmung mit dem König
den Anfchlufs an Egypten zunächft vorzogen. Die ge-

Am Ende jedes Stückes des Jeremiabuches, das erklärt meinfame Abneigung gegen Egypten, aber nicht c
worden ift, wird dem Jeremia der Puls gefühlt, das Herz gemeinfame religiöfe Ueberzeugung führte eine Annähe-

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