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Ausgabe:

1903 Nr. 20

Spalte:

556

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Guéranger, Das Kirchenjahr.Fünfzehnter Band 1903

Rezensent:

Achelis, Ernst Christian

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555

Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 20.

556

der alten Apologeten cn bloc zu befchreiben; es ift unmöglich
, auf demfelben Raum über Ariftides, Juftinus
Martyr, Athenagoras, Theophilos,Tatian,Hermias,Irenäus,
Hippolyt, Tertullian, Minucius Felix, Arnobius, Lactan-
tius und zwar über jeden für fich etwas einigermafsen
Befriedigendes zu fagen: das fpringt von felbft in die
Augen! Und nun nehme man des weiteren etliche der
Paragraphen, die von den englifchen, franzöfifchen, deut-
fchen Aufklärern handeln oder von den Renaiffancephi-
lofophen oder von den Arabern oder von der jüdifch-
alexandrinifchen Theofophie: mehr als einmal wird man
von der Empfindung überwältigt, dafs bei der beliebten
Specificirung Erfpriefsliches nicht erreicht wird, dafs
weniger mehr gewefen wäre. Der Abfchnitt über das Ur-
chriftenthum ift gleichfalls zu kurz oder — zu lang, das
heifst, er könnte ohne Schaden wegfallen.

Zu diefen kritifchen Erwägungen gefellen fich andere.
Vorländer erklärt im Vorwort, dafs er ,möglichfte Objektivität
erftrebt'habe, dafs man aber von dem Hiftoriker
nicht ,vollkommene Vorausfetzungslofigkeit' verlangen
dürfe. Gewifs kann ihm folche von niemand zugemuthet
werden. Aber wäre nicht doch etwas mehr Unbefangenheit
den Thatfachen gegenüber möglich gewefen? Man
mag noch fo tief durchdrungen fein von der Ueberzeu-
gung, dafs die Entwicklung des menfchlichen Denkens
die Heranbildung eines Normalbewufstfeins bedeute, man
wird doch von einem fkeptifchen Bangen ergriffen, wenn
man fieht, wie eintönig in diefer Gefchichte der Philofophie
der Procefs verläuft, wie faft alle Linien, gleich den
Strafsen einer künftlich gefchaffenen Refidenz, auf einen
einzigen Punkt convergiren: die Kantifche Philofophie in
beftimmter Deutung und Auffaffung. Nicht nur viele der
Neueren werden mit einzelnen ihrer Beftrebungen als
Vorläufer eingefchätzt und aufgeführt; auch Plato gefeilt
fich zu ihnen, und fchon Demokrit kann ein .kritifcher
IdealifV ,im Keime' genannt werden. Wohl ift es wahr,
dafs derartige Urtheile heutzutage noch anderswo vertreten
und vorgetragen werden. Sie find auch am rechten
Ort durchaus angebracht und als anregende Fermente im
wiffenfchaftlichen Betrieb von grofsem Werth. Nur in ein
Lehrbuch oder Compendium paffen fie nicht hinein oder
dürften höchftens vorfichtig und discret angedeutet werden.
Ebenfo fchlimm ift es, wenn über diejenigen Anfchauungen,
die fich nicht als auf das eine letzte Ziel gerichtet auf-
faffen laffen, in beinah pedantifcher Weife Gericht abgehalten
wird. Die Darfteilung des Cartefianifchen Syftems
leidet fchwer darunter, dafs der Hiftoriker dem Philofophen
fortwährend in das Wort fällt und ihn wegen feiner Abirrungen
vom geraden Wege auf Schritt und Tritt abkanzelt
. Was dabei nothwendig herauskommt, ift nicht
ein klares Bild der Weltanfchauung, die befchrieben
werden foll, fondern ein unüberfichtliches, unerquicklich
für das Auge wie ein durchcorrigirter Schülerauffatz.
Aehnlich ift es bei Locke. Wäre es ein noch fo fchwerer
Fehler, dafs diefer fich blofs der pfychologifch-gene-
tifchen Betrachtungsweife bedient hat ftatt der transzendentalen
, das Wichtigfte bleibt doch für den Lefer, dafs
er zunächft einmal eine klare Vorftellung von den Ideen
des englifchen Denkers erhalte. Alles andere ift nebenfächlich
.

An Einzelheiten mögen folgende erwähnt werden:
die Befprechung Plato's gehört nach Anficht des Referenten
zu den fchwächften Theilen des Werkes, und die ent-
fchiedene Ablehnung der Monographie Windelband's hat
zu einer beklagenswerthen Verkürzung geführt. Die Literaturangabe
zu II, § 48 bedarf dringend der Ergänzung.
Dem Duns Scotus wird (I, 267) die Anficht zugefchrieben:
,Das Gute ift nicht deswegen gut, weil Gott es gebietet,
fondern Gott gebietet es, weil es gut ift (perseitas dorn)'.
Das ift nicht richtig. Ein Kenner und Liebhaber Blaife
Pascal's wird nicht ohne ein peinliches Gefühl lefen, dafs
diefem eigenartigen Denker eine ,myftifche Fortbildung
des Cartefianismus' zugetraut wird. Die Beurtheilung des

Verhältnifses von ,Regierung', ,Unterricht' und ,Zucht'
(II S. 379f.) wird dem Sinn der Herbart'fchen Begriffe
fchwerlich ganz gerecht. Im Eifer der Kritik gegen Des-
cartes paffirt dem Verf. (II, S. 73) eine unerfreuliche Verwechslung
von Real- und Erkenntnifsgrund. Unangenehme
Druckfehler finden fich II, 86, Z. 7 v. u; II, 121, Z. IO
V. O.; II, 127, Z. 17 V. o; II, 460, Z. 2 v. o; II 509, Z. IO V. U.

Summa: Vorländer's Gefchichte der Philofophie bedeutet
gewifs einen Fortfehritt; aber etwas ftraffere Zu-
fammenfaffung des Details an einzelnen Stellen und ein
wenig mehr Objectivität wäre angefichts der Zwecke des
Buches bei einer zweiten Auflage fehr zu empfehlen.

Strafsburg i. E. E. W. Mayer.

Gueranger, Dom Prosper, Abt von Solesmes, Das Kirchenjahr
. Autorifirte Ueberfetzung, Mit einem Vorworte
von Dr. J. B. Heinrich und einem Begleitworte von
Dr. Friedrich Schneider. Fünfzehnter Band. Die Zeit
nach Pfingften. Sechfte Abteilung. Mit einem Begleitworte
von Dr. Friedrich Schneider. Mainz 1902,
F. Kirchheim. (XV, 476 S. 8.) M. 4.25

Das fünfzehnbändige Werk über ,das Kirchenjahr',
deffen letzter Band uns vorliegt, wurde vor 60 Jahren —
1874 erfchien der erfte Band der deutfehen Ausgabe —
von dem Abte von Solesmes Gueranger begonnen und nach
deffen 1875 erfolgtenTodevondemBenedictinerL.Fromage
fortgeführt und vollendet. Der Zweck des weit angelegten
Werkes ift, die römifch-katholifchen Laien in Stand zu
fetzen, mit ihrer Andacht zu allen Zeiten des Jahres
,dem Gnadenjahr der Kirche zu folgen und fich aufs
innigfte in Anfchauung und Wort mit ihr dabei zu vereinigen
'. Die römifche Liturgie bildet den Grundftock;
bei paffender Gelegenheit wird jedoch auch der Ritus
der griechifchen Kirche und abendländifcher Einzelkirchen
— z. B. aus gallikanifchen Liturgien und der
mozarabifchen Liturgie — angezogen. Das Werk wurde
von vornherein in einer franzöfifchen, einer deutfehen
und einer englifchen Ausgabe veröffentlicht und hat
noch vor feinem Abfchlufs eine Verbreitung in
500000 Exemplaren gefunden.

Der vorliegende Band utnfafst die Feft- und Heiligentage
des November, nachdem in einer Einleitung der Ver-
faffer fich über die Anhörung der Meffe, über die Terz,
Sext, Non, Vesper und Complet während der Zeit nach
Pfingften verbreitet hat. Die Einrichtung ift gewöhnlich
fo, dafs eine Art von gefchichtlichem Referat über die
Zeit und die Verhältnifse, in denen der Heilige des Tages
lebte, voranfteht, es folgen lateinifch und deutfeh die
kirchliche Legende des Breviers, Antiphonien, Pfalmen,
Hymnen und Sequenzen zu Ehren des Heiligen, und mit
einer ausführlichen Anrufung des Gefeierten wird der Tag
befchloffen. Eine wiffenfehaftliche Haltung darf man in
dem für Laien beftimmten Werk nicht erwarten; gleichwohl
berührt es peinlich, in völliger Kritiklofigkeit den
ganzen Wuft römifcher Legendenfabeln ausgebreitet und in
den Gebeten dasGefchöpf an die Stelle des Schöpfers treten
zu fehen. Lobend ift hervorzuheben, dafs mehrere Hymnen
in einwandfreier poetifcher Ueberfetzung wiedergegeben
find, während die Ueberfetzung der Schriftabfchnitte und
der anderen Profaftücke fehr viel zu wünfehen übrig läfst.
So wird z. B. die liturgifche Formel digneris in der Anrede
an Gott und die Heiligen durch das unverftändliche
,würdige dich' wiedergegeben, das Wort: Deus, in adiu-
torium menm intende durch ,0 Gott, habe acht auf meine
Hilfe' überfetzt, und fehr häufig regt fich der Verdacht,
dafs der Ueberfetzer weder den lateinifchen noch den
franzöfifchen Text überhaupt verftanden hat. Zahlreiche
Druckfehler find überdies flehen geblieben.

Marburg. E. Chr. Achelis.