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Ausgabe:

1903 Nr. 20

Spalte:

554-556

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Vorländer, Karl

Titel/Untertitel:

Geschichte der Philosophie. 2 Bände 1903

Rezensent:

Mayer, Emil Walter

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Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 20.

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pontifex non potuit autoritatc evangelii imperii titulum
transferre, quia evangelium tradit de regno spirituali, non
habet mandatum de corporalibus rcgnis aliquid constituendi
aut mutandi. Intereffant ift es, wie von hier aus, alfo
lediglich von dogmatifchen Prämiffen aus Mel. kühn
die Behauptung aufhellt: non est igitur (nämlich weil
das Ministerium ccc/esiac mit Herrfchergewalt nichts zu
fchaffen hat, vgl. die ganze Beweisführung S, 84) facta
donatio Constantini, et si esset facta, debuisset et potuisset
revocari a successoribus. Die Ethik, die auf Grund der
Offenbarungswahrheit fich für den Chriften ergiebt, be-
fchränkt fich im Wefentlichen auf die Bergpredigt und
die zehn Gebote bezw. den Kreis von Handlungen, die
durch fie gedeckt werden können; alles Andere geht
den Chriften nichts an.

Aber, wie wir fchon fahen, daneben fleht eine iusticia
civilis; fie ift minderwerthig, evangelium concedit nobis
uti foris politiis ratione constitutis, immerhin legitimirt,
und zwar als ius naturae, das zugleich lex divina
i ft. Diefe uralte Gleichung fchafft auch hier wieder die
Verbindung zwifchen Chriftenthum und Welt. Aber auch
nur foweit fie lex naturae = divina ift, ift fie legitimirt: Ce-
terum haec magistratuum potestas hunc terminum habet,
ne quid in administratione faciant contra ius naturae aut
verbum dei aut etiam sitae reipublicae leges. Polygamie
und Zinsnehmen find verboten, weil contra ius naturae.
Der Inhalt des Naturrechts ift mannigfaltig. Zunächft
fällt der ganze Staat darunter, dann Privatbefitz, Erbrecht
, die Philofophie u. a. Die Stellung des Chriften-
thums zur Philofophie wird eingehend erörtert (vgl. bef.
S. 109 ff.); fie kann Grundlage abgeben für die iustitia
civilis {non dissentiunt in ullo genere civilium morum
Pomponius Atticus et Paulus), auch eine gewiffe Gottes-
erkenntnifs fchaffen, aber — differunt fide erga deuml
Speciell an der philofophifchen Lehre von der con-
tingentia und der Lehre des biblifchen Offenbarungscodex
von der göttlichen Allmacht wird diefer Unter-
fchied erläutert (S. 121 ff.). Den gefchichtlichen Urfprung
aber der naturrechtlichen Ideen fieht Mel. in der Stoa
(S. 102) und innerhalb des Chriftenthums bei Paulus
— mit Recht (vgl. meinen Vortrag: die Entftehung des
Problemes Staat und Kirche). Collidiren einmal, was im
Allgemeinen bei der Verfchiedenartigkeit der Intereffen-
fphäre nicht der Fall ift, evangelium und ius naturae, fo
mufs diefes jenem weichen: Quanquam sit iuris naturalis
vim vi depellere . . . tarnen non licet vim iniustam a
magistratu illatam vi privata depellere. Grund: evangelium
prohibet vindictam. —

Es wird genügend klar geworden fein, wie inftructiv
die neu entdeckten Mel.'fchen Thefen find für das Grund-
problcm: übernatürliches Chriftenthum und natürliche Welt-
cultur. Klar und deutlich hat Mel. alle hierher gehörigen
Fragen aufgerollt, und fo fällt auf feine Theologie, die
an jenem Problem lebhaft intereffirt war — ganz anders
als Luther — hellftes Licht. — Die von H. als ,dunkel' bezeichnete
Thefe (S. 103): Peccatum est usuras exigcre sed
quas magistratus iudicat usuras esse möchte ich nicht
überfetzen: es ift Sünde Zinfen einzutreiben, mit Ausnahme
derer, die die Obrigkeit für Zinfen erklärt (fo H.),
fondern: es ift Sünde Wucherzinfen einzutreiben, aber
nur die [Zinfen find Sünde], welche die Obrigkeit für
[fündlichej Wucherzinfen erklärt, d. h. das Urtheil über
die usurae fleht bei der Obrigkeit. Das giebt im Zu-
fammenhang einen völlig befriedigenden Sinn. Thefe 6
heifst es: evangelium .... approhat contractus, quos iudicat
magistratus esse honestos et utiles rei publicae.
Thefe 8 heifst es: vidcrint ministri cvangelii, ne temere
pronuncient, qui contractus sint viciosi, ne iudicentur in
alicno negotio jioXvjtnayuovtlv. Dazu giebt Thefe 9 die
pofitive Ergänzung. — Endlich fei noch erwähnt, dafs
H. im Anhang an einem Beifpiel den Gang einer Disputation
veranfchaulicht.

Giefsen. Köhler.

Vorländer, Dr. Karl, Geschichte der Philosophie. 2 Bände.
(Philofophifche Bibliothek. Band 105/6.) Leipzig 1903,
Dürr'fche Buchh. (X, 292 u. VIII, 539 S. 8.) M. 6.10

Die vorliegende Gefchichte der Philofophie will die
Lücke ausfüllen, die gegenwärtig zwifchen den ,grofsen
Werken' von Ueberweg-Heinze, J. E. Erdmann, Zeller,
K. Fifcher und ,den kleineren Kompendien und Abriffen'
nach Art des Schwegler'fchen Leitfadens klafft. Gerade
den letzteren möchte fie überbieten und erfetzen. Und
in der That ift fie allein fchon an Umfang dem befchei-
denen, zwar feinerzeit nicht werthlofen, aber doch längft
veralteten Lehrbuch des ehemaligen Tübinger Theologen
und Philofophen überlegen.

Sie zertällt in zwei Bände. Der erfte präludirt mit
einer Einleitung, die unter anderem das Verhältnifs der
orientalifchen Völker zur Philofophie befpricht, und fchil-
dert die Periode des Alterthums und des Mittelalters.
Der zweite, der fall um das Doppelte ftärker ift als jener,
hat es mit der Neuzeit zu thun und führt bis in die Gegenwart
hinein.

Willkommen werden manchem Lefer — um damit
zu beginnen — die ausführlichen und detaillirten Literaturangaben
fein, die den einzelnen Abfchnitten und Capiteln
beigefügt find; felbft der jüngft erfchienene Band von
Gomperz wird bereits fo weit als möglich berückfichtigt.
Wichtiger ift, dafs nicht nur zahlreiche Citate aus den
Urkunden eingeflochten find, fondern dafs auch über die
zur Verfügung flehenden Quellen meift genaue und forg-
fältige Auskunft ertheilt wird. Es ift gewifs nicht über-
flüffig, namentlich dem Neuling gegenüber, einmal daran
zu erinnern, wie dürftig bisweilen — fo für die ältefte
Zeit — das Material ift, das dem Hiftoriker zur Bearbeitung
vorliegt, und welcher grofse Spielraum der Conftruction
und Hypothefe offen bleibt. Die Darfteilung felbft ift in
der Regel — nicht immer — knapp und doch durchfichtig,
verzichtet völlig auf das blofse Operiren mit überlieferten
Schlag- und Stichwörtern und bemüht fich entfchieden

— vielleicht manchmal zu fehr für den Zweck des Buches

— den Charakter des Elementaren zu vermeiden. Als
befonders geglückt erfcheint dem Ref. im erften Band die
Behandlung der vorfokratifchen Periode. Innerhalb der
Gefchichte der Neuzeit ragt hervor die Befprechung der
Kantifchen Philofophie, die allerdings durchaus und aus-
fchliefslich im Cohen'fchen Sinne aufgefafst und gedeutet
wird. Speciell die Auseinanderfetzungen über die Kritik
der reinen Vernunft, in die methodifch richtig die Lehre
von der Naturteleologie hineingezogen wird, zeichnen fich
zugleich durch Tiefe und Klarheit aus. Sie bilden wohl
den Glanzpunkt des Werkes. Aber auch die ruhige und
fliefsende Schilderung der deutfchen fpeculativen Syfteme
gehört zweifelsohne zu den befferen Partien. Verdienft-
lich ift es, dafs der Entwicklung der Naturwiffenfchaft in
älterer und neuerer Zeit lebhafte Aufmerkfamkeit zu
Theil wird. Der ,Philofophie der Gegenwart' find mehr
als hundert Seiten gewidmet. Sie befaffen fich 1) mit
dem ,Pofitivismus', 2) dem ,Materialismus und Spiritualismus
', 3) der ,modernen Entwicklungsphilofophie', 4) den
,idealiftifchen Syftembildungen auf naturwiffenfchaftlicher
Grundlage' (Fechner, Lotze, Hartmann, Wundt), 5) der
,Erneuerung des Kritizismus' 6) dem Sozialismus' und Individualismus
', 7) ,fonftigen philofophifchen Erfcheinungen
der Gegenwart'.

Freilich wird man gerade diefen letzten Theil nicht
leicht lefen ohne je und je an Bedenken erinnert zu werden
, zu denen das Vorländer'fche Buch auch fonft Anlafs
giebt. Wäre es nicht didaktifch richtiger gewefen, die
eine oder andere geiftige Strömung blofs im allgemeinen
zu charakterifiren, ftatt deren Vertreter einzeln durchzugehen
und von jedem auf ein paar Zeilen eine Charakter-
iftik zu entwerfen, die doch nicht ausreichend fein kann?
Um an einem concreten Beifpiel zu exemplificiren: es
geht am Ende an, auf fünf Seiten den Geift und die Art