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Ausgabe:

1903 Nr. 20

Spalte:

551-553

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Haussleiter, Johannes

Titel/Untertitel:

Melanchthon-Kompendium. Eine unbekannte Sammlung ethischer, politischer und philosophischer Lehrsätze Melanchthons in Luthers Werken 1903

Rezensent:

Köhler, Walther

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Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 20.

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Realencyklopädie Band III, S. 118 f.) Auf Grund diefes ! lung Lth.'fcher und Melanchthon'fcher Thefen herausgab,
Nachweifes würde ich allen denen, die den Kyriakos 1 waren es, wie es fich jetzt für das theologifche Schulhaupt
gebrauchen, doch rathen, ihm nicht ohne Quellennach- geziemte, nur theologifche, die philofophifchen
prüfung zu folgen. (einfchl. politifchen und phyfifchen) liefs er fort.

Der Glanzpunkt des Buches ift der zweite Theil Ebenfo Mel.'s Schwiegerfohn Peucer, der einem Ab-
über die Kirchengefchichte von Hellas. Da ift Methode, ; druck des Eifenberg'fchen Buches einige theologifche

Eülle des Stoffs und lebhafte Darftellung. Ob nicht zuweilen
etwas zu Gunften der Kirchenregierung geredet

wird, laffe ich dahingeftellt.

Nun noch einige allgemeine Bemerkungen. Es ift
fchade, dafs Verf. nicht die gänzlich unnöthige Polemik

Thefen Mel.'s beifügte, und endlich ebenfo Bretfchneider
im C. R. So blieb es Haufsleiter vorbehalten, jene philofophifchen
Thefen hervorzuholen aus ihrer Verborgenheit.

In der Wittenberger Lutherausgabe waren die Thefen
fachlich geordnet; es gilt, fie chronologifch zu fixiren.

gegen die Katholiken und Proteftanten vermieden hat. ! Anknüpfend an die mit der Neufundirung der Univerfität
Ift es in Hellas nöthig zur Empfehlung theologifcher j 1536 bezw. 1538 gegebene Gepflogenheit, Thema der DisWerke
, auf fremde Kirchen zu fchelten? Es gehörte nicht
in das Buch, das die Gefchichte der orthodoxen Kirche
darftellte, von ,verlogenen neuen Dogmen' der Katholiken
und von der ,Anarchie' im Proteftantismus zu reden, und

putation und Name des Disputators ins Matrikelbuch der
philofophifchen Facultät einzutragen, gelingt es H., die
neu entdeckten Thefen chronologifch einzuordnen, wobei
zugleich für die gefammten laut der Matrikel in den

was fonft an Liebenswürdigkeiten dem nichtorthodoxen j Jahren 1536 bis 1543 gehaltenen Disputationen die Thefen

Lefer geboten wird. Wenn man daneben dann lieft ,bis
zum Jahre 1453 überragte die griechifche Kirche alle übrigen
Kirchen rückfichtlich ihres blühenden Zuftandes' (S. 1),

nachzuweifen verfucht wird, was in 35 von 48 Fällen
gelingt — wir erhalten alfo ein deutliches Bild von Me-
lanchthon's Disputirthätigkeit, das H. durch eingehende

und ,die orthodoxe anatolifche Kirche Bellt das Chriften- j Notizen über die disputirenden Magifter bis ins Einzelne
thum der erften Jahrhunderte dar' (S. 258, 2), fo kann das j fcharf herausgearbeitet hat. Einige der Melanchthon'fchen

auch den Freunden der griechifchen Kirche, zu denen ich
feit 20 Jahren gehöre, nur ein bedauerndes Lächeln entlocken
. Ferner: Die Literaturangaben in dem Werke

Thefen, fowohl der neu entdeckten wie der bekannten,
fallen, wie FI. deutlich macht, in die Jahre 1534—36; das
letzte Wort wird hier allerdings erft die Veröffentlichung

find faft überall ungenügend. Es ift zu bedauern, dafs J der M.'fchen Correfpondenz fprechen können,
der Herr Ueberfetzer hier nicht Abhilfe gefchafft hat. Hat die klare Auseinanderfetzung und umfichtige

Dem letzteren fpreche ich auch die Bitte aus, er möge j Beweisführung H.'s das Intereffe des Lefers zu wecken

die griechifchen Eigennamen nicht nach neugriechifcher
Ausspräche transfcribiren. Ich habe längft eingefehen,
dafs das nur verwirrt.

und feilzuhalten verftanden, fo kommt der volle Genufs
beim Lefen der Thefen felbft. DiefeIben bedeuten
eine wefentliche Bereicherung unferer Kennt-

Im Uebrigen fcheide ich von dem Verfaffer in Frieden, j nifse von Mel.'s Theologie. Nicht als ob fie völlig
wenn ich mit ihm mich darin einverftanden erkläre, dafs j Unbekanntes brächten, wohl aber präcifiren fie dank
der orthodoxen Kirche nicht von aufsen, nicht durch 1 ihrer fcharfen Formulirung das anderweitig breit Aus-
Miffionare und Evangeliften geholfen werden kann, fon- ! geführte und zeigen das Werden oder Vertiefen der
dem von innen heraus. Dazu mufs aber die Kirche und anderweitig (befonders in der zweiten und dritten
zuerft die Theologie lernen, fich auf das hiftorifche Ver- 1 Geftalt der loci, in de anima, initia doctrinae physicae,
fländnifs der Bibel zu Hellen. Nur vom Worte Gottes [ epitome pliilosophiae moralis) niedergelegten Gedanken,
geht neues Leben aus. Einige Grundideen hier zu erwähnen, fei mir geftattet;

Hannover. Philipp Meyer.

Haussleiter, Prof. D. Dr. Johannes, Melanchthon-Kompendium
. Eine unbekannte Sammlung ethifcher, poli-
tifcher und philofophifcher Lehrfätze Melanchthons in

H. hat — mit Recht — die Thefen felbft fprechen laffen
und feinerfeits nur eine kurze Inhaltsangabe und Literaturverweife
gegeben.

Eigentlich ift es (wenn wir von den aftronomifch-
phyfikalifch-mathematischen Thefen abfehen) nur ein
Grundproblem, welches Mel. erörtert in verfchiedenfter
Form: die Stellung des Chriften zur Welt und Cultur,

Luthers Werken. Greifswald 1902, J. Abel. (VII, rorni: u.e omnung ar.unurn zu, wC L u„u cu, _

y ' j m Klarlegung des Punktes, wo Theologie und Welt-

T72 3- gr- °0 m. 3. wiffenfchaft, Dogmatik zugleich und Ethik fich berühren.

Prof. Haufsleiter hat für die Commiffion zur Er- Die chriftliche Offenbarungswahrheit ift das evangelium

gänzung der Werke Melanchthon's die Disputationsthefen oder das rcgnum Christi, ihr Inhalt res aeternae, remissio

Melanchthon's zu bearbeiten; den Vorarbeiten dazu ift, wie
fein früheres Buch ,Aus der Schule Melanchthon's' (1897),
fo auch das vorliegende entfprungen; die Commiffion hat
einen Zufchufs zu den Korten der Drucklegung gewährt.
Die mitgetheilten Lehrfätze Mel.'s finden fich an einer
Stelle, wo man fie als ,unbekannt' kaum fuchen würde —
im erften Bande der Wittenberger Ausgabe der lateinifchen
Schriften Luther's von 1545. Wie FI. nach einer Ueberficht
über die verfchiedenen Sammlungen Melanchthon'fcher
Thefen fertftellt, waren fie unter ausdrücklicher Empfehlung
feitens Luther's dort aufgenommen worden. Und doch ge-
riethen fie in Vergeffenheit?! Der Wittenberger Ausgabe
trat die Jenaer von Amsdorf geleitete gegenüber, der Streit
der Lutheraner und Philippiften hatte inzwifchen begonnen,
die in dem Wittenberger Bande zu fchönftem Ausdruck
gelangte Harmonie zwifchen Lth. und Mel. war gefprengt,

peccatorum, iusticia aeterno, sive spiritualis, vita aeterno.
Darauf ift fie ftreng befchränkt, es entliehen grobe Irr-
thümer, wenn man das nicht weifs: necessaria est pru-
dentia Christianis, nosse discrimen evangelii et verum
politicarum seu iusticiae spiritualis et civilis. Von hier
aus wendet fich Mel. gegen Mönche und Anabaptirten;
beide dehnen das evangelium und die iusticia spiritualis
zu weit aus, diefe durch Verbot von Aemtern, Eigenthum
u. dgl., jene durch die Askefe. Darüber tagt das
Evangelium nichts, vielmehr: cum (= neben, gleichzeitig
mit) hac tnteriore vita existit foris corporalis vita, in qua
opus est rebus politicis, sicut cibo, potu. Diefen Unter-
fchied erläutert Mel. z. B. an der Ketzerbeftrafung. Die-
felbe ift Pflicht der Obrigkeit, nicht aber der Kirche
als der auf das Evangelium gegründeten Gemeinfchaft.
Oder: evangelium nec monarchiam aliquam corporalem

fie waren Schulhäupter geworden, die fich nicht mehr constituit nec unam certam regni formam praescribit, sed
vertragen durften — ,damit war auch den Disputationen concedit, ut alibi sint aliae regnorum formae. Politia
Mel.'s die bisherige Wohnung gekündigt; fie wurden aus Mosi non magis ad nos pertinet quam pohtia Solonis.
der Sammlung der Werke Luther's hinausgeworfen'(S. 12). ! F'olglich irren fowohl Carolostadius, qui contendebat res
UndalsderMelanchthonianerJakobEifenberg,imAnfchlufs j iudicari oportere ex Mose als auch Vuiglefus, qui sensit
fogar an den Wittenberger Band von 1545, eine Samm- | impios nulluni dominium habere posse. Oder: Romanus