Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1903 Nr. 19

Spalte:

523

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Jacob, Eugen

Titel/Untertitel:

Johannes von Capistrano.(I. Teil.) 1903

Rezensent:

Lempp, Eduard

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

523 Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 19. 524

Jacob, Paft. Eugen, Johannes von Capistrano. I. Teil:
Das Leben und Wirken Capiftrans. Breslau 1903,
M. Woywod. (214 S. 8.) M. 2.70

Johannes von Capiftrano ift nicht nur ein wunderlicher
Heiliger, fondern eine intereffante Figur, die einer neuen
wiffenfchaftlichen Unterfuchung und Darftellung ebenfo
werth, als bedürftig ift: werth fchon defshalb, weil die
Art und das Niveau der Volksreligiofität in dem Jahrhundert
, in dem Luther geboren wurde, durch ihn in eine
grelle Beleuchtung tritt, bedürftig, weil es an einer wirklich
wiffenfchaftlichen Darftellung, die über eine Skizze
hinausginge, noch fehlt. Was die neuen Bollandiften in
den A. S. geboten haben, ermüdet durch entfetzliche
Breite und enttäufcht durch völligen Mangel an wiffen-
fchaftlichem Urtheil. Voigt hat eine ausgezeichnete Skizze
geliefert, die einzige wiffenfchaftliche Arbeit über Capiftrano
. Wer über ihn hinaus kommen will, mufs die Zeit-
verhältnifse eingehender heranziehen und die Schriften
Capiftran's ausgraben und benützen.

Der Verfaffer vorliegender Schrift will auf Grund
der von Voigt gefchaffenen wiffenfchaftlichen Grundlage
eine ausführliche, genaue, chronologifch geordnete Biographie
Capiftran's geben, und fo fchildert er denn ohne
jeden Abfchnitt das ganze Leben und Wirken Capiftran's
in einem Zug. Leider hat er es unterlaffen, die Zeitver-
hältnifse näher zu ftudiren und darzuftellen: weder über
die Kämpfe der Obfervanten, noch über die Juden und
Häretiker, weder über die Volksfrömmigkeit, der fich
neuerdings das Intereffe überall zuwendet, noch über den
Türkenfeldzug erfahren wir eigentlich etwas Neues. Nur
über die Vorgänge in Breslau unterrichtet uns J. etwas
näher, fonft aber fchildert J. zwar viel ausführlicher als |
Voigt, aber nirgends erfahren wir wirklich mehr, nirgends j
erhalten wir durch beffere Beleuchtung der Zeit ein neues
volleres Bild. Namentlich aber erfahren wir über Capiftrano j
felbft gar nichts Wefentliches, was wir nicht aus Voigt
fchon wüfsten; und damit kommen wir zu dem Haupt- 1
mangel des Buchs: Capiftran's Schriften find zum Druck
im 18. Jahrhundert vorbereitet, aber noch nicht herausgegeben
, fie follen in Ära coeli liegen; man wufste aber
und vermuthete fchon bisher, dafs in Schlehen noch manches
zu finden fein könnte, und fo hat denn J. auf der
Univerfitätsbibliothek zu Breslau 20 Tractate Capiftrano's
gefunden, deren Titel er S. 27 aufführt. Allein er hat
fie nicht verwerthet; er meint: ,die Entzifferung und
Durchforfchung diefer z. T. fehr umfangreichen Hand-
fchriften erfordert fehr viel Zeit .... Das Lebensbild
Capiftran's wird dadurch kaum verändert werden. Das
fteht namentlich durch die vielen Briefe, die wir von ihm
haben und die bereits veröffentlicht find, in feinen Hauptzügen
feft und kann daher unterdes getroft weiter gezeichnet
werden'. Wozu braucht man denn ein Lebensbild
überhaupt weiter zu zeichnen, wenn es fchon feft
fteht und nichts Neues hinzugefügt werden kann? Es
wird freilich eine mühfame Arbeit fein, die Tractate zu
ftudiren, und es ift fehr wahrfcheinlich, dafs der Ertrag
ein geringer fein wird, aber wenn auch, fo hätte diefer
geringe Ertrag doch der ganzen Schrift erlt einen Werth
gegeben, der über den einer halbpopulären Gelegenheits-
fchrift hinausginge.

Es ift wahrfcheinlich, dafs J. in dem II. Theil, der
doch geplant fein mufs, obwohl aufser dem Titelblatt
keinerlei Andeutung darauf hinweift, auf die Schriften
Capiftrano's kommen wird; aber es wäre beffer gewefen,
wenn er mit der Veröffentlichung des I. Theils zugewartet
hätte, bis er die vor ihm liegenden Manufcripte hätte
verwenden können, dann hätte er vielleicht über Voigt
hinauskommen können.

Neckarfulm. Lempp.

Kapp, Pfr. W., Religion und Moral im Christentum Luthers.

Tübingen 1902, J. C. B. Mohr. (VII, 103 S. gr. 8.)

M. 2.50

Kapp will dasfelbe Thema behandeln, welches zuletzt
Thieme in feinem Buche ,Die fittliche Triebkraft des
I Glaubens' (1895) monographifch erörtert hatte; aber während
diefer feine Arbeit ,eine Unterfuchung zu Luther's
Theologie' genannt hatte und infolgedeffen in beftändiger
Auseinanderfetzung mit modernen Ethikern, vorab Ritfehl
und Herrmann, weiterführte, befchränkt Kapp fich auf
eine Analyfe und kurze kritifche Würdigung der Anfchau-
ungen Luther's — fehr zum Vortheil der Sache; denn fein
Buch ift dadurch leichter und lesbarer geworden als das
Thieme's, zumal Verf. über eine klare Diction verfügt.

Die von K. gewählte Dispofition ift einfach: 1) Die
religiöfe Seite des Chriftenthums Luthers. 2) Die fittliche
Seite des Chriftenthums Luthers. 3) Die Verbindung des
Sittlichen mit dem Religiöfen. Dabei verziehet Verf. auf
eine hiftorifche Darlegung des Werdens der Luther'-
fchen Anfchauungen und will feine Arbeit lediglich als
fyftema ti fche gewerthet wiffen, die die, gleichbleibenden
, wefentlichen Elemente religiös-fittlicher Art, die
Luther's Chriftenthum conftituiren' (S. 2), begreifen und
herausftellen will — eine Befchränkung, zu der Verf. fein
gutes Recht hat, und gegen die nichts zu erinnern ift.

Scharf wird im erften Theile das Chriftenthum
Luther's als ,Religion und nichts als Religion' (S. 3) betont
und hier der Ausgangspunkt für das ganze Problem
Religion und Moral gewählt. Im Glauben hat der Menfch
Alles, omnes divitias iustitiae et salutis deus dedü, ut am-
plius nulla reprorsus indigeam insifide (S. 5). Des Näheren
ift der Glaube natürlich Glaube an Chriftus, im Glauben
an ihn geht Alles, was Chriftus befitzt, auf den Gläubigen
über, und diefer befitzt damit die libertas Christiana als
fchlechthinnige Erhabenheit über die Weltmächte. Aber
,diefes Gefühl der inneren Unabhängigkeit ruht nun durchaus
auf religiöfem Grund' (S. 9); es handelt fich um ein
Geniefsen von Gütern, einen Zuftand der Paffivität, das
Selbftgefühl über die Welt ift, modern ausgedrückt, nur
Begleiterfcheinung der Religion, jenes Frömmigkeitsleben
ift keine Urfache zum activen Handeln. Das folgt
fchon aus der ganzen Natur des Glaubens, der ein überweltliches
, göttliches Leben ift, in das Nichts von diefer
Welt hineinragt. Jnfofern kann man wohl bei Luther
von einer gewiffen Indifferenz oder wenigftens Neutrali-
tätsftimmung gegen fittliche Pflichten und Aufgaben,
wie fie das Weltleben mit fich bringen, reden' (S. 12).
Den claffifchen Ausdruck aber für diefen ,fittlichen Quie-
tismus' (S. 14 Anm.) fleht K. — wie gleich hier bemerkt
fein mag, mit Recht — in der Schrift ,von der Freiheit
eines Chriftenmenfchen'. Chriftus aber ift folgerichtig
nicht ethifches Vorbild, fondern der Verföhner, Mittler,
Heiland und Tröfter, als eine göttliche Gabe an die
Menfchheit.

Wo bleibt aber bei diefer Lage der Dinge noch
Raum für die Sittlichkeit? Diefe Frage fucht Theil 2 zu
beantworten. Das Chriftenthum Luther's entbehrt offenbar
nicht des fittlichen Gehaltes. Zunächft: weil Fleifch
und Blut bleibt, bleibt auch die Sünde, alfo auch der
moralifche Trieb zu ihrer Ueberwindung. Sodann: jede
Liebesübung am Nächften dient dazu, uns auf Erden
fchon den Himmel zu fchaffen, die fittliche Pflichterfüllung
ift demnach ein Schutzmittel gegen religiöfe Verarmung.
Oder was denfelben Gedanken in anderer Form wieder-
giebt, Gottes- und Nächftenliebe ift ein Werk. Man hat
es alfo im chriftlichen Lebensideal nicht blofs mit Gott
zu thun, vielmehr müffen die Werke des Berufs und die
Pflichten gegen den Nächften mit einbezogen werden
(S. 37).

Damit werden wir fchon zu der letzten Frage (Theil 3)
hingedrängt, die in den zweiten Theil, der ein in fich
gefchloffener nicht ift, wiederholt hineinfpielt: wie denn