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Ausgabe:

1903

Spalte:

521-522

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Vignon, Paul

Titel/Untertitel:

Le linceul du Christ 1903

Rezensent:

Goltz, Eduard Alexander

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Seite 1

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521

Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. ig.

522

So hat Widmann's ganze Arbeit in Folge ihres
kritiklofen Glaubens an eine Tradition der negativen
Hyperkritik m. E. nichts Pofitives entgegengeftellt; ihr
bleibender Werth befchränkt fich auf die Unterfuchung
der Sprache, wird aber durch den Mangel an parteilofer
Confequenz illuforifch gemacht.

Ober-Ingelheim a. Rh. Lic. Willy Gaul.

Vignon, Dr. Paul, Le linceul du Christ. Etüde scientifique.
Avec 9 planches hors texte (et 38 figures dans le
texte). Deuxieme edition, revue et augmentee de
notes. Paris 1902, Masson et Cie. (XII, 215 S. gr. 4.)

Fr. 15.—

Wiffenfchaftliche Unterfuchungen, die das Ziel haben,
die Echtheit einer Reliquie zu beweifen, werden bei
Proteftanten meid einer ehernen Skepfis begegnen, zumal
dann, wenn es fich um Reliquien handelt, die noch von
dem Erlöfer felbft herrühren follen. Die Naivität, mit
der folche Beweifc geführt zu werden pflegen, gewinnt
nur dadurch ihre rechte Beleuchtung, dafs man den Werth
in Erwägung zieht, den die Reliquie für ein lebendiges
religiöfes Intereffe in der Gegenwart hat. Die öffentliche
Ausftellung und Verehrung folcher Heiligthümer mit
allem, was drum und dran hängt, giebt auch einer an
fich eigentlich ganz werthlofen Sache eine Bedeutung, die
von Niemand ignorirt werden kann. Denn nicht die
Wirklichkeit, nicht der gefchichtliche Sachverhalt, fondern
die Illufion und die Legende regieren actuell die Gemüther
der Menfchen. Und die, welche dann den Beweis
für die Echtheit hiftorifch unternehmen, haben feiten den
Ehrgeiz, die Gelehrten und Akademien, überhaupt die Vertreter
ftrenger wiffenfchaftlicherForfchung zu überzeugen.
Daran liegt auch nichts, wenn nur ,die Gläubigen' in
ihrem Glauben befeftigt werden.

Neu aber ift es, dafs eine folche Unterfuchung gefuhrt
wird mit dem Anfpruch abfoluter wiffenfchaftlicher
Vorurtheilslofigkeit und Correctheit in der directen Abficht
, gerade die gelehrte Welt wirklich zu überzeugen.
Dies unternimmt Paul Vignon, ein Doctor der Natur-
wiffenfchaften, unter Zuhilfenahme gerade exacter natur-
wiflenfchaftlicher Unterfuchungen. Phyfik und Chemie,
Technik und Geometrie fpielen eine gröfsere Rolle bei
ihm als Archäologie und Gefchichte. Auf die Angriffe,
die feine erfte Ausgabe des Buchs erfahren hatte, geht
er in gewiffenhafter Weife ein und hat in der That
manches Mifsverftändnifs befeitigt.

Er will beweifen, dafs das im Jahre 1898 zuletzt aus-
gefcellte Leichentuch Chrifti in Turin wirklich echt ift
und einen durch die Ausdünftungen des Leichnams und
die Specereien chemifch (vaporographifch) entftan-
denen Abdruck des wirklichen Leichnams Chrifti zeigt.
Wenn das wahr wäre, fo hätten wir nicht nur eine echte
Reliquie — das könnte uns als Proteftanten nicht abhalten
, gegen ihre Verehrung und Ausftellung zu pro-
teftiren —, fondern wir befäfsen ein fpontan entftandenes
Bildnifs Chrifti, ä%tiQojtolr]Tov nach modernftem Begriff,
nicht entftanden durch ein überirdifches Wunder, fondern
auf chemifchem Wege durch Projection auf das Tuch,
ähnlich wie auf einer photographifchen Platte.

Ich mufs es mir verfagen, hier im Einzelnen auf die
jedenfalls intereffanten und durchaus ernftgemeinten De-
ductionen Vignon's einzugehen. Die naturwiffenfchaft-
liche Nachprüfung mufs feinen Fachgenoffen überlaffen
bleiben. Nur zur allgemeinen Orientirung feien die Schlufs-
refultate der einzelnen Unterfuchungen mitgetheilt:

1. Die Bilder, welche das heilige Leichentuch trägt,
(Vorder- und Rückfeite des nackten Leichnams Chrilti)
find, wenigftens augenblicklich, negative. Die photo-
graphifche Platte zeigt das Pofitiv.

2. Diefe Bilder, fo wie man fie heute auf dem Tuche

fleht, find nicht ausgeführt durch eine Procedur der
Malerei.

3. Sie find überhaupt nicht das Werk eines Malers ge-
wefen, denn auch fpäter entftandene chemifche In-
verfion der Farben ift in diefem Falle undenkbar.

4. Die Bilder find fpontan entftandene Abdrücke.

5. Die Bilder find enftanden durch eine fpontane Projection
ä distance.

6. Die Bilder find entftanden durch chemifche Wirkung
der Verbindung des Todesfchweifses mit den Ammoniak
haltigen Myrrhen und Aloen (Vaporographie).

7. Der Leichnam, der in dies Tuch eingewickelt war
und ein fpontan entftandenes Bild hinterlaffen hat,
kann nur kurze Zeit daringelegen haben und hatte
alle Eigenthümlichkeiten des Leichnams Chrifti.

8. Andere echte Leichentücher Chrifti giebt es nicht;
wo folche gezeigt werden, handelt es fich um Copien.

9. Das Bild Chrifti auf dem Leichentuch zeigt einen
orientalifchen Typus, zeigt alle zu erwartenden pfy-
chologifchen Züge des Erlöfers und entfpricht durchaus
keinem der traditionellen Bilder des Mittelalters.

10. Die hiftorifchen Documente reichen nicht aus, um
die Unechtheit zu beweifen; der Beweis der Echtheit
dagegen ift nicht mit hiftorifchen, fondern mit exact-
naturwiffenfchaftlichen Mitteln zu führen. Die Unterfuchung
des Tuches felbft (Vignon operirt nur auf
Grund der Photographien!!) wird nichts wefentlich
Neues hinzubringen, ift aber wünfchenswerth.

Gefetzt nun der Fall, die phyfifch-chemifche Unterfuchung
ergäbe wirklich, dafs nicht ein künftlerifches Pro-
duct, fondern eine fpontan entftandene Bildung vorliegt, fo
hätte Vignon nur foviel bewiefen, dafs wirklich ein Leichnam
in diefem Tuch fein Negativ-Bild zurückgelaffen
hat. Ich vermag die Ausführungen nicht zu controliren
— der Gegenbeweis gegen die Möglichkeit einer che-
mifchen Farbeninverfion fcheint mir nicht durchfchla-
gend — aber alles Weitere ift Phantafie. Jedenfalls ermöglichen
es die beigegebenen Heliogravüren nicht, die
Spuren der Dornenkrone, die Seitenwunde, die Nägelmale
etc. zu entdecken. Die Kunft, unregelmäfsige Flecken
zu deuten, ift fehr vielvermögend. Worauf es alfo
eigentlich ankommt, dafs es fich gerade um den Leichnam
Chrifti handelt, ift keineswegs erwiefen, und der
Vergleich mit den Angaben der Evangelien war billig
zu haben, nachdem die Flecken bereits, fo wie es fein
mufste, gedeutet waren. Weit entfernt, die wiffenfchaftliche
abfolute Aufrichtigkeit Vignon's zu bezweifeln,
halte ich ihn hier für ein Opfer feiner Phantafie.

Dafs es documentarifch erwiefen fei, dafs das Bild
I352—1356 von einem Maler gemalt worden ift (vergl.
v. Dobfchütz, Chrifti. Welt 1902 Nr. 24), kann man freilich
nicht behaupten, denn die Angabe von dem Geftändnifs
des Malers fleht erft in dem Brief des Bifchofs von
Troyes von 1389, nicht etwa fchon in einem gleichzeitigen
Actenftück. Ein fchwer belaftendes Moment bleibt es
aber doch. Für durchfchlagend halte ich dagegen zwei
Argumente: 1) Das abfolute Schweigen der Jahrhunderte
feit der Grablegung bis zum 14. Jahrhundert über das
Vorhandenfein folcher Reliquie. 2) Die unbeftreitbare
Aehnlichkeit des Kopfes mit dem mittelalterlichen Chriftus-
typus. Das zweite Argument zerftört auch die Möglichkeit
einer fpontanen Entftehung diefes Bildes. Es wird alfo
doch wohl dabei bleiben müffen, dafs wir es mit einer
im 14. Jahrhundert gemachten Reliquie zu thun haben.
Damit find freilich die von Vignon geftellten Probleme
nicht gelöft. Ift aber die Reliquie unecht, fo ift es eine
untergeordnete Frage, wie fie entftanden ift. Archäologen
und Photochemiker mögen fich damit abmühen — aber
bitte, erft nach Prüfung des Originals felbft!

Bei"lin- Ed. von der Goltz.

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