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Ausgabe:

1903 Nr. 18

Spalte:

496-497

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wordsworth, John

Titel/Untertitel:

The Ministry of Grace 1903

Rezensent:

Goltz, Eduard Alexander

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Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 18.

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der Tübinger Schule überall Tendenzen, kleine Spitzen,
verfteckte Anfpielungen wittert, die bei unbefangener Betrachtung
gar nicht vorhanden find. Es ift bedauerlich,
dafs diefe überwundene Methode hier von Neuem in Anwendung
gebracht wird. Auf diefe Weife kommen gelegentlich
Behauptungen zum Vorfchein, die geradezu
abgefchmackt und lächerlich wirken. Endlich ift die ganze
Art der Unterfuchung nicht eindringend genug. Blofse
Anklänge genügen für den Verf. Weder tritt aus der
Maffe des Materials das wirklich Entfcheidende klar hervor,
noch werden bei thatfächlichen Berührungen die ver-
fchiedenen Möglichkeiten genau erwogen. Ob wirklich
Abhängigkeit von einer beftimmten paulinifchen Schrift
vorliegt, oder ob nur Verwandtfchaft mit dem paulinifchen
Gedankenkreife conftatirt werden kann, oder ob vorhandene
Anklänge aus Benutzung desfelben dritten Materials
bei gegenfeitiger Unabhängigkeit zu erklären find — diefe
Eventualitäten werden ebenfo wenig erwogen, wie die
Möglichkeit des Zufälligen. Vielfach fehlt fogar eine be-
ftimmtere Unterfuchung darüber, auf weffen Seite die
Abhängigkeit liegt. Belege für die dreifachen Ausftellungen,
die ich foeben erhoben habe, find überall leicht in Fülle
zu finden. Einige Beifpiele mögen genügen. Act. 19, 2:
si sxvevua ayiov sXaßeze jtiöxevoavxEg; foll im Blick auf
Gal. 3, 2: eg sgycov vbuov xb sivsvua eZdßexE rj eg dxorjg
siiöXEcog; gefchrieben fein. Act. 19,3: sig x'i ovv sßajcxiöd-rjzs;
im Blick auf Gal. 3,27: o'öot /«p sig Xgiöxbv eßajcziö&qze,
XgiOxbv evsövöapd-s. Act. 19, e: xdi ejttd-evzog avxolg xov
IlavXov yslgag rjZ&s xb stVEvua xb dyiov eji avxovg im
Blick auf Gal. 4,6: 6x1 de eöre vlol egacieöxeiZev 6 d-sbg
to Jivsvuazovviov avzov Eigzag xagöiag r/ucbv, xgärov ....
Und das nennt der Verf. ,handgreiflich nachweislich'!
(p. 32). Die 7 Gemeinden der Apk. follen in Wirklichkeit
gar nicht afiatifche, fondern vorwiegend europäifche fein.
Korinth = Laodicea, weil nach Act. 18, 10 eine Gottes-
volksftadt. Die Worte xpvygbg, rsöxög, yZiagog in Apk.
3,16 enthalten ,durch Lautumdrehung1 eine Anfpielung auf
,Crispus, Sosthes und die Chlocres (Chloes Hausleute)1!
Apk. 3, 14: r) dgyrj xrjg xxiöscog xov d-Eov ift verfteckte
Oppofition gegen 2 Kor. 5, 17: xa dgyala jcagrjXQ-EV. Sar-
des = Theffalonich, wobei in Apk. 3, 1: ort C,ijg xal vsxgbg
d ein Fingerzeig auf den Tod des Paulus erblickt wird.
Das xa XotJtd Apk. 3, 2 ,korrefpondirt erfichtlich wieder
mit 1 Theff. 5, b', wo 01 Xoutoi fleht. Findet fich Apk. 3, 3
und 1 Theff. 5,2 das Bild vom Dieb in der Nacht, fo
erwägt der Verf. gar nicht, ob das nicht fehr einfach
daraus zu erklären ift, dafs in Folge des Gebrauchs durch
Jefus dies Bild in der mündlichen Tradition lebte und
daher ohne irgend welche literarifche Abhängigkeit bald
hier bald dort verwendet werden konnte. Ebenfo ift es
natürlich ohne jede Beweiskraft, wenn fich Apk. 3, 5 und
Phil. 4,3 das Buch des Lebens erwähnt findet, da diefe
Wendung zum traditionellen apokalyptifchen Sprachgut
gehörte. Ephefus = Galatia (Anklang an Peffinus)!
Philadelphia = Philippi, wobei Apk. 3, a der Stelle 2 Kor.
2, 12 (irvga dvsmyuivrj) entfprechen foll, Apk. 3, 9 der Stelle
Phil. 3, s (yvcooig). Hierbei hört jeder Sinn und Verftand
auf. Dafs die Apk. ,hämifche Angriffe1 gegen den Apoftel
Paulus enthalten foll (p. 51 Anm.) wird darnach nicht
mehr Wunder nehmen. Der Abendmahlsbericht Mc. 14,22
zeigt ,unverhüllten Anfchlufs1 an den paulinifchen. Die
wenigen Stellen, an denen das Mcev. wirklich von pau-
linifcher Literatur abhängig ift, wieMc. 1,15 verfchwimmen
völlig unter der Maffe des Unbrauchbaren oder höchft
Unficheren. Doch mögen diefe Beifpiele aus einer fehr
reichen Blüthenlefe genügen. Wie wenig der Autor über
den gegenwärtigen Stand der Forfchung orientirt ift, zeigt
der Satz, den er über den Jacobusbrief fchreibt: ,Man
darf wohl annehmen, dafs die Gelehrtenwelt mit wenigen
Ausnahmen darüber einig ift, dafs diefer Brief Jahrzehnte
vor der Apoftelgefchichte abgefafst ift1 (p. 72). Dafs eine
erfolgreiche Unterfuchung fich nicht auf die neuteft.
Schriften befchränken durfte, dafs gewichtige Gegengründe

gegen die holländifche Kritik in der Einleitung überhaupt
nicht erwähnt find, kann ich hier nur andeuten. Der Stil
läfst öfters viel zu wünfchen übrig, cf. p. 59 Zeile 3—12.
p. 20 Zeile 14 und 17. p. 22 Z. 9, 12 ff. p. 30 die letzten
3 Zeilen, p. 31 Z. yff. von unten, p. 53 Z. 5ff. etc. Auch
eine ganze Reihe Druckfehler ift ftehen geblieben. Erfreulich
ift an der Schrift, dafs fie ohne jede Verketzerung,
vielmehr mit der offenen Anerkennung gefchrieben ift,
dafs auch die bekämpfte radicale Kritik im Intereffe der
Forfchung und der Wahrheit arbeiten will.

Halle a. S. Georg Holl mann.

Wordsworth, Bishop D.D. John, The Ministry of Grace.

Studies in early church history with reference to pre-
sent problems. London 1901, Longmans, Green and
Co. (XXIV, 486 S. gr. 8.) 12 s. 6 d.

Der Bifchof von Salisbury veröffentlicht in dem vorliegenden
ftattlichen Bande Studien zur alten Kirchen-
gefchichte mit Beziehung auf moderne Probleme. Unter
Ministry of Grace verfteht er ,the rather complex System
of outward assistance by with the divine help given by
God to His Church is reguraly conveyed to the body and
its members under the conditions of Space and time'. Das
Buch ift entftanden durch weitere Ausarbeitung von An-
fprachen, die der englifche Bifchof bei Gelegenheit einer
Vifitationsreife an den Clerus feiner Diöcefe gehalten
hat. Um ein befferes Verftändnifs der gegenwärtigen
Inftitutionen feiner Kirche zu fördern, will er eine vernünftige
Rechenfchaft über ihren Urfprung und die Grund-
principien ihrer Entwicklung geben. So ift das Buch faft
mehr von praktifch-theologifchen als von hiftorifchen
Intereffen beftimmt und zwar in erfter Linie von den
praktifchen Intereffen der englifchen Kirche.

Jedoch find es fehr ernfthafte und gründliche Studien,
die der Verfaffer zu diefem Zwecke angeheilt hat. Nicht
nur in der englifchen, auch in der deutfchen und fran-
zöfifchen Fachliteratur ift er wohl zu Haufe, und die ausführliche
Quellenüberficht, die er in feiner Einleitung
giebt, ift für die rechtlichen und liturgifchen Fragen eine
kleine altchriftliche Literaturgefchichte in nuce, die auch
die neueften Texte (Hauler'fche Verona-Fragmente, Te-
ftament unferes Herrn, Serapiongebote u. a.) eingehend
befpricht. In der Frage betr. das Alter der Canones
Hippolyti tritt er auf Seite von Achelis gegen Funk. In
der Ausführung bleibt er nicht in den Grenzen der alten
Kirchengefchichte, fondern verfolgt die Entwicklung der
einzelnen kirchlichen Inftitutionen durch das Mittelalter
hindurch bis zur Reformation und bis zur Gegenwart,
natürlich mit befonderer Berückfichtigung der anglika-
nifchen Kirche. Ja er geht über die älteften Zeiten faft
zu fchnell hinweg, und man erkennt leicht, wie das Intereffe
des Anglikaners ftärker an den Inftitutionen der altkatho-
lifchen Kirche, als an denen des Urchriftenthums haftet.
Mehr als der Klarheit förderlich ift, wendet er die Terminologie
der fpäteren Zeit fchon auf die Verhältnifse des
erften und zweiten Jahrhunderts an, fo wenn er von plergy*
,liturgy' ,episcopat', Ordination1 und ,sacram^nts< fpricht.
Dafs eine Entwicklung von der Zeit der Charismata bis zum
geordneten kirchlichen Amt ftattgefunden hat, leugnet er
aber keineswegs; auch betont er die zeitliche und örtliche
Verfchiedenheit der Entwicklung lebhaft und orientirt
genau über die fpätere Entftehung der ausgebildeten kirchlichen
Aemter und Einrichtungen.

Zuerft fchildert er die Entwicklung des monarchifchen
Epifkopats, die in Syrien und Afien fchneller vor fich ging,
als in Rom und Alexandrien. Den Einflufs der jüdifchen
Synagogenverfaffung fcheint er mir zu überfchätzen; der
Unterfchied der älteften mehr presbyterialen und der
fpätern epifkopalen Verfaffungift lange nicht fcharf genug
hervorgehoben. Er mufs den Quellen ihr Recht laffen,
aber er will doch die apoftolifche Succeffion irgendwie