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Ausgabe:

1903 Nr. 18

Spalte:

493-494

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schrenck, M. Erich von

Titel/Untertitel:

Jesus und seine Predigt 1903

Rezensent:

Hollmann, Georg

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 18.

494

liches kann wer weifs wie oft beobachtet werden. Ueber- j
blickt man das Ganze, fo ift eigentlich nicht einzufehen,
weshalb diefer Commentar nach einer Paufe von faft j
25 Jahren eine neue Auflage verdient.

Halle a. S. Georg Hollmann.

Schrenck, M. Erich von, Jesus und seine Predigt. Vorträge
für Gebildete. Göttingen 1902, Vandenhoeck & Ruprecht
. (X, 234 S. 8.) M. 2.40; geb. M. 3.20
Die Schrift ift für Laien beftimmt, die in die Predigt
Jefu eingeführt, für fie erwärmt werden follen. Aus Vorträgen
, die vor folchen in Riga gehalten worden find, ift
fie entftanden. Gefchrieben ift fie vom modernen Standpunkt
aus; Bouffet, H. Holtzmann, Schürer werden vom
Verf. felbft befonders hervorgehoben. In der Einleitung
wird als Aufgabe unfererZeit das Verftändnifs des Lebens
Jefu auf hiftorifchem und menfchlich-pfychologifchem
Wege bezeichnet, als Quellen kommen nur die fynop-
tifchen Evang. in Betracht, das Joh.-Ev. wird abgelehnt.
In einem zweiten Untertheil giebt der Verf. einen Ueber-
blick über die Entwicklung im Judenthum vom Exil bis
zu Johannes dem Täufer einfchliefslich, um fo die noth-
wendigen Vorbedingungen für die Erfaffung der Predigt Jefu
zu bieten. Die Hauptunterfuchung bringt dann die Darfteilung
diefer Predigt, indem in heben Abfchnitten der
Gefammtcharakter, die Gottesherrfchaft, Gott und Menfch,
Gefetz und fittlichesldeal, focial-ethifcheProbleme, Meffias-
bewufstfein und Meffiasnachfolge und die Vollendung behandelt
werden. Rückblick und Ausblick fchliefsen das
Ganze.

Der Gefammteindruck der Arbeit ift ein recht gün-
ftiger. Sie beruht auf einer erfreulichen, wenn auch nicht
überall gleichmäfsigen Kenntnifs der gegenwärtigen Problemlage
und zeigt an den meiften Punkten Einblick in
die wichtige Literatur. Der Hauptvorzug des Buches
befteht darin, dafs es feinen Zweck erfüllt, und das zeigt
heb. in doppelter Hinficht. Der Verf. hat die Gabe, auch
verwickeitere theologifche Probleme dem Laien nicht nur
verftändlich, fondern auch anziehend zu machen. Da
ausdrücklich hervorgehoben wird, dafs,die Bedürfnifse und
Intereffen des Laien mafsgebend' (p. VI) fein follen, fo |
ift diefer Punkt fehr belangreich. Die Darlegung ift ungemein
klar, die Sprache faft durchweg edel und ange-
meffen (Ausnahme z. B. p. 229 Z. 22), oft feffeln feinfinnige
Beobachtungen. Allein diefer Vorzug erhält erft
feine volle Bedeutung durch den andern, der lieh mit ihm |
verbindet: der Verf. hat Blick für das Entfcheidende und
Centrale. ' Bei aller Anerkennung der zeitgefchichtlichen,
namentlich auch apokalyptifchen Momente weifs er überall
die religiös-fittliche Genialität Jefu leuchtend hervortreten
zu laffen, fo dafs man durch das Wort Jefu die
gewaltige Perfönlichkeit, die hinter diefem Worte fteht,
hindurchfühlt. Ernft und Milde, Weichheit und Heroismus
kommen zu ihrem Recht, der Totaleindruck wird ein
im beften Sinne erbauender fein.

Im Einzelnen bin ich an vielen Stellen anderer Meinung
. Es giebt ja wohl kaum ein Gebiet, wo es fo fchwer
ift, Einheit zu erreichen, wie hier. Zwei Hauptpunkte
möchte ich befonders hervorheben. Der Abfchnitt über
den Gefammtcharakter der Predigt Jefu ift einfeitig. So
gewifs es richtig ift und nie verloren gehen darf, dafs
das Gefühl der Gottesnähe für Jefus fundamental ift, fo
gewifs hat Jefus auf der andern Seite das tiefe Gefühl
gehabt, dafs diefe Welt in den Banden des Satans liegt,
unter der Herrfchaft der Dämonen fteht. Sein ganzes
Wirken kann geradezu als Kampf gegen das Satansreich
auf Erden aufgefafst werden. Der Verf. kommt gelegentlich
auch auf diefe Seite zu fprechen, aber in dem genannten
Abfchnitt gar nicht und fonft nicht genügend.
Weiter bedauere ich, dafs der Verf. die Bedeutung der
Sinnesänderung in der Predigt Jefu nicht ftark genug

betont hat, obwohl fie doch in den fynoptifchen Evangelien
fo deutlich hervortritt. Nach p. 51 kann man den
Eindruck gewinnen, als käme die uerdvoia nur für die
Anfangspredigt Jefu in Betracht, während fie in Wirklichkeit
feine ganze Verkündigung in immer wachfendem
Ernft durchzieht. In der uexävoia — der Begriff mufs
ganz umfaffend genommen werden — liegt in nuce alles
befchloffen. Hätte der Verf. auf diefe conditio sine qua
non mehr geachtet, fo würde er auch die Ausfagen Jefu,
die auf die Bedeutung feines Todes gehen, beffer ver-
ftanden haben. Aufser diefen Hauptpunkten will ich nur
noch darauf hinweifen, dafs das elchatologifche Moment
namentlich zur Erklärung der Bergpredigt noch mehr
hätte herangezogen werden müffen. Auf das ,ich aber
fage euch' in der Bergpredigt follte man kein Gewicht
legen, da es, wie die Lucasparallelen beweifen, auf Rechnung
gefchickten Arrangements feitens des Matth, kommt.
Das Selbftbewufstfein Jefu fteht auch ohne dies zur
Genüge feft. Lc. 14, 25 f. ift fchwerlich richtig aufgefafst.
Für das Verftändnifs des Xvtqov und des Abendmahls
kann ich den Verf. hier nur auf meine eigenen Ausführungen
hinweifen.

Befonders erfrifchend wirkt die Unbefangenheit und
Offenheit, mit der Dinge gefagt werden, die gefagt werden
müffen. Geradezu vorbildlich ift die Behandlung von
Mc. 10, in p. 171 f. Man lefe auch die Abfchnitte über
die Gottesherrfchaft und die Efchatologie. Die Mafs-
haltung und Leidenfchaftslofigkeit, mit der vorgegangen
wird, macht es eigentlich unmöglich, dafs Laien, die nicht
fanatifirt find, Anftofs nehmen könnten. Das Buch kann
allen Gebildeten, die überhaupt noch für religiöfe Fragen
Intereffe haben, warm empfohlen werden.

Halle a. S. Georg Hollmann.

Schulze, Paft. em. Hermann, Die Ursprünglichkeit des Ga-
laterbriefes. Verfuch einer Apologie auf literarhiftori-
fchem Wege. Leipzig 1903, R. Wöpke. (V, 88 S. gr. 8.)

M. 2.—

Im Gegenfatz gegen die holländifche, dann befonders
von Steck aufgenommene und durchgeführte kritifche Be-
ftreitung des Galaterbriefes will der Verf. die Echtheit
erweifen, und zwar durch literarhiftorifche Unterfuchung.
Unter dem Einflufs Scholten's hält er diefen Weg für den
ficherften. Nachdem er in einer kurzen Einleitung einige
allgemeinere Gefichtspunkte angeführt hat, die gegen eine
Abfaffung etwa 130 n. Chr. fprechen, wird in 7 Abfchnitten
das Verhältnifs der Acta, Apokalypfe Johannis, des
Marcusevangeliums, Jacobusbriefs, Lucas- und Matthäusevangeliums
und Hebräerbriefs zum Galaterbrief erörtert
und nicht nur zu diefem allein, fondern auch zu den
Korintherbriefen, dem 1. Theffi, Phil., Römerbrief. Der
Titel ift daher nicht genau beftimmt, der Verf. hat nicht
nur den Gal., fondern die paulinifche Literatur im Auge.
Eine kurze Recapitulation macht den Befchlufs

Der Verf. hat aus feiner Unterfuchung die Ueberzeu-
gung gewonnen, dafs alle die Schriften, die er auf etwaige
Beziehung zum Galaterbrief geprüft hat, dieExiftenz diefes
Briefes vorausfetzen, von ihm abhängig find. Man würde
alfo bereits auf rein literarhiftorifchem Wege bis in die
fechziger Jahre des 1. Jhrd. kommen. Mit diefem Refultat
wird der Verf. in Deutfchland kaum einem Widerfpruch
begegnen. Die deutfehe Theologie hat fich erfreulicherweife
auf derartige alle Kritik leicht discreditirende
Wunderlichkeiten wie die Beftreitung der Echtheit unteres
Gal. nicht eingelaffen. Um fo mehr mufs hervorgehoben
werden, dafs die Beweisführung des Verf.'s nichts weniger
denn überzeugend ift, fondern nur geeignet, ein an fich
richtiges Refultat wieder unficher zu machen. Eine atomi-
firende, filbenftechende, kleinkrämerifche Behandlungsweife
macht fich höchft unangenehm bemerkbar. Dazu
kommt hinzu, dafs der Autor unter deutlichem Einflufs

*