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Ausgabe:

1903 Nr. 18

Spalte:

491-492

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Gautier, Lucien

Titel/Untertitel:

Die Berufung der Propheten 1903

Rezensent:

Giesebrecht, Friedrich

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Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 18.

492

Schriftfteller einer volksthümlichen Tradition, die enge
Verwandtfchaft mit dem Elohiften zeigt. Doch fcheint
Arnos den Elohiften felbft noch nicht zu kennen; bei
Jefaja und Jeremia ift die Benutzung der elohiftifchen
Schrift wenigftens nicht ftcher zu erweifen; Hofea, Deut,
und Micha haben die elohiftifche Schrift ftcher gekannt.
Bei Jeremia zeigt fich daneben ein ftarker Einflufs der
deut. Tradition. Hefekiel folgt im Allgemeinen der un-
gefchriebenen Volksüberlieferung, die er aber fehr frei
behandelt; die Modificationen, die er an ihr vornimmt, find
bedingt theils durch feine eigenen religiöfen Ideen, theils
durch die deuteronomifche Tradition. Wahrfcheinlich
kennt er auch bereits das combinirte Werk JE. — Ge-
wifs find derartige Unterfuchungen fehr verdienftvoll. Aber
man wird auch nicht leugnen können, dafs bei der no-
torifchen Unficherheit der Quellenfcheidung von J und E
die Ergebnifse nur ein beftimmtes Mafs von Wahrfchein-
lichkeit in Anfpruch nehmen können. Ganz befonders
fcheinen mir die Ausführungen über die von den Propheten
vorausgefetzte Geftalt der Sinaiperikopen fehr anfechtbar.
Trotzdem glaube ich, dafs das Hauptrefultat, wie es oben
angegeben ift, ziemlich ftcher ift, und dafs nur die Einzel-
ergebnifse vielfacher Nachprüfung undCorrectur bedürfen.
Möchte der Verfaffer feine Unterfuchung für die nach-
exilifche Literatur fortfetzen; fte wird fich zwar hier als
noch weit fchwieriger erweifen, aber fte wird auch zur
Aufklärung der nachexilifchen Entwickelung noch viel
wefentlichere Dienfte leiften, als das bei der vorexilifchen
Zeit der Fall ift.

Halle a. S. C. Steuernagel.

Gautier, Prof. Dr. Luden, Die Berufung der Propheten.

Vier religiöfe Reden für die Gemeinde. Autorifierte
Ueberfetzung von Hermann Buck. Hamburg 1903,
G. Schloefsmann. (111 S. 8.) M. 1.80

Die nunmehr erfchienene deutfche Ueberfetzung enthält
ein Vorwort des Ueberfetzers, das eine Stelle aus
Cornill's Anzeige des franzöfifchen Originals in der Theolog.
Rundfchau 1901, S. 407 f. reproducirt und die Ausführungen
Gautiers als echte Predigten empfiehlt.

Ich finde die Ueberfetzung zwar nicht fchlecht, aber
auch nicht gerade vollkommen. Sie zeigt wieder einmal
die grofse Schwierigkeit, treu und doch frei, anfchmiegend
und doch felbftändig zu fein, das Original wiederzubeleben
vor dem Hörer und Lefer und nicht nur einen
todten Abklatfch davon zu geben. Cornill hat augen-
fcheinlich feine Anzeige unter dem bezaubernden Eindruck
der echt franzöfifchen Rhetorik diefer Predigten
gefchrieben. Ins Deutfche übertragen haben fie das
Befte verloren — wenigftens nach meinem Gefühl. Die
deutfche Sprache und Gemüthsart find zu ernft, um fran-
zöfifche Reden wiedergeben zu können, die Feierlichkeit
erfcheint uns gemacht, die Häufungen und Uebertrei-
bungen im Ausdruck verftärken für uns die Sache nicht,
fondern fchwächen fie ab. Ich bedauere, das gerade über
Gautier's Reden fagen zu müffen, deffen wiffenfchaftlicher
Ernft und deffen religiöfer Eifer über jeden Zweifel erhaben
find; wie gern würde man fich unter feine Kanzel
fetzen und auch Andere dazu einladen, fich Prophetengeftalten
wie Hefekiel, Jeremia, Jefaia, Arnos von ihm
erbaulich vorführen zu laffen. Aber man hat das deutliche
Gefühl: was, franzöfifch gefagt, klingt, ergreift, vielleicht
gar fortreifst, giebt im deutfchen Gewand einen hohlen
Ton und läfst den Hörer kalt.

Dazu kommt hier noch eine andere, in der Sachlage
begründete Schwierigkeit, die, wie ich glaube, nicht immer
glücklich überwunden ift, die Uebertragung der prophe-
tifchen Verhältnifse, Aufgaben, Empfindungen auf unfere
Zeit. Die Analogien fcheinen mir durchaus nicht fo
einfach und naheliegend, wie es G. erfcheint. Namentlich
die Vergleichung des Arnos mit einem modernen Ge-

! meinfchafts- oder Laienprediger trägt bei der welthifto-
rifchen Gröfsc des Propheten und dem gewöhnlich recht
befchränkten Horizont jener modernen Erfcheinung recht
j wenig Ueberzeugungskraft in fich.

Königsberg Pr. Friedr. Giefebrecht.

Lange, Oberkons.-Rat. Prof. D. J. P., Das Evangelium nach

Matthäus. Theologifch-homiletifch bearbeitet. Fünfte
verbefferte Auflage. Revidiert und ergänzt von Prof.
DD. Otto Zöckler. (Theologifch-homiletifches Bibelwerk
. Bearbeitet und herausgegeben von J. P. Lange.
Des Neuen Teftamentes erfter Teil.) Bielefeld 1902,
Velhagen & Klafing. (XXXVI, 510 S. Lex. 8.) M. 7.50

Wenn das Lange'fche Bibelwerk nach dem Vorwort
zur erften Auflage aus der grundlegenden Erwägung ent-
ftanden ift, die zu fehr in Anfpruch genommenen Geift-
lichen mit der Theologie der Gegenwart in lebendiger
Beziehung zu erhalten, fo erfüllt jedenfalls die neue Auflage
des Matthäus diefen Zweck nicht. Das Buch ift
trotz der Erweiterungen und Revifionen veraltet. Vom
gegenwärtigen Stand der Forfchung über unfer erftes
Evangelium erhält man kein auch nur annähernd genügendes
Bild. Am bedenklichften ift die Einleitung zur h.
Schrift im Allgemeinen. Charakteriftifch ift folgender Satz:
,Sie ift gefchrieben von den verfchiedenften Verfaffern, in
den mannigfachften Formen, verfafst in dem grofsen Gegen-
fatz der hebräifchen und der griechifchen Sprache, und
doch fo einheitlich in ihrem Wefen, wie wenn fie gefchrieben
wäre in einem Jahrhundert, in einem Jahr, in
einer Stunde, in einem Moment'(p. X). Ueber die In-
fpiration werden längft überwundene und überdies noch
bedenklich inconfequente Anfchauungen vorgetragen. Die
religiöfe Bedeutung der Schrift wird durch folgende
Phrafeologie gekennzeichnet: ,Die Heilige Schrift ift der
Spiegel aller Zeiten und Räume, oder vielmehr der Spiegel
der Ewigkeit. Nach ihrem Centrum oder Kern und Stern
ift fie die Biographie des ewigen Chriftus, nach ihrer
Peripherie die Biographie der Menfchheit' (p. XIV). Die
Einleitung zum Neuen Teftament insbefondere ift nicht
beffer. In Lc. 1, 1 ff. werden ,einzelne Memorabilien' gefunden
. Der tieffinnige Apoftel Johannes wird ,eine Sammlung
der Reden feines Herrn wohl fchon frühzeitig fich
anzulegen begonnen haben' (p. XVI). Die Briefe werden
in efchatologifche, ekklefiaftifche, foteriologifche, chrifto-
logifche, paftorale eingetheilt. Auch der Abfchnitt: Neuere
evangelienkritifche Theorien etc. giebt trotz Berückfich-
tigung neuerer Forfchungen gar kein Bild vom heutigen
Stand des Problems. Ueberhaupt ift die ganze Art der
Behandlung völlig veraltet. Die fpecielle Einleitung in
das Mt.-Ev. unterrichtet ebenfalls in keiner Weife über
die hier vorhandenen Schwierigkeiten. Vom katholifchen
Charakter diefes Ev. hört man nichts. Dafs eine Reihe
von Gelehrten das Ev. aus gewichtigen Gründen fpät anfetzt
, wird nicht erwähnt. Die pofitive Beweisführung ift
aufserordentlich mangelhaft. Der Commentar bietet durchweg
nach der Ueberfetzung exegetifche Erläuterungen,
dogmatifch-chriftologifche Grundgedanken, homiletifche
Andeutungen. Dies Schema beruht auf falfchen Voraus-
fetzungen und führt namentlich in der zweiten Rubrik oft
zu Erpreffungen. Die Exegefe verräth im Ganzen ihren
Urfprung aus den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts
, die gelegentlichen neuen Zuthaten ändern daran
nichts, das alte Gewand wird dadurch nicht beffer. Auch
die Exegefe giebt keinen Einblick in die gegenwärtige
Sachlage. Bei 5, 11—19 erfährt man weder etwas von den
fchweren Bedenken gegen die Echtheit von V. 18 f., noch
von den mannigfachen Erklärungsverfuchen der letzten
Jahrzehnte. Dafs die Gefchichtlichkeit von Mt. 16, 17fr. geleugnet
wird, wird nur ganz nebenbei berührt (p. 259)
und in einer Weife, dafs der Unkundige nicht den geringften
Begriff von den dafür angeführten Gründen erhält. Aehn-