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Ausgabe:

1903 Nr. 17

Spalte:

477-479

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Crum, Walter E.

Titel/Untertitel:

Coptic Monuments 1903

Rezensent:

Strzygowski, Josef

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Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 17.

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Chriftenftandes befchrieben hat, obgleich ich auch hier
manchem Ausgeführten nicht beizuftimmen vermag; denn
die Meinungen der griechifchen Väter (auch des Athana-
fius, foviel ich mich erinnere) find rationaliftifcher, als es
nach der Darfteilung des Verfaffers erfcheint (dafs Alles
in ein fupranaturales Medium getaucht ift, darf einen dabei
nicht irre machen). Fafst der Grieche aber die Menfch-
heit oder ,den Menfchen' ins Auge, fo fchwindet alles
Pfychologifcheund macht einem Dram a der Thatfachen
Platz. In diefem Drama find Gott und Menfch, unfterb-
liches Leben und Tod, Unvergänglichkeit und Vergänglichkeit
, Erkenntnifs und Unwiffenheit, Logos und Teufel
etc. die Factoren, und fie wirken lediglich als Ma'cht-
factorenbez. als bildende, zerftörende und umbildende
Kräfte, die das fchaffen, was fie find, und nichts anderes.
Diefe und jene Betrachtung find natürlich in einander Verfehlungen
, follen fich auch angeblich ergänzen, obgleich
fie das ihrer disparaten Natur nach gar nicht vermögen,
u. f. w. Nun aber möge der Verf. doch auf die wirkliche
Geftalt der Kirche und ihres Cultus blicken, nicht nur
auf die heutige griechifche, fondern auch auf die zur Zeit
des Athanafius und des Damasceners, und fich dann die
Frage beantworten, welche von den beiden Betrachtungen
die eigentlich durchfchlagende ift. Dafs fich jene Väter,
wenn fie fich an den Schreibtifch und vor die Bibel fet/.ten,
fo und fo ausgedrückt haben, ift zwar nicht unerheblich,
aber verfchlägt doch wenig gegenüber dem, was fie neben
fich nicht nur geduldet, fondern gebilligt und woran fie
fich erbaut haben. Freilich erweckt mir die Art, wie
Bornhäufer über Taufe und Abendmahl bei den beiden
Theologen fpricht, eine geringe Zuverficht, dafs er im
Stande fei, fremdes religiöfes Leben wirklich zu beobachten
und zu verftehen. Der Verfaffer vermag den Rock des
doctrinären Proteftanten nicht auszuziehen, meint auch
augenfeheinlich, er könne mit dem üblichen proteftan-
tifchen dogmatifchen Handwerkszeug die griechifchen
Theologen bezwingen. Aber fo betrachtet werden fie zu
Spielarten proteflantifcher Theologie: College Athanafius
und College Damascenus. Dafs fie das aber nicht ge-
wefen find, lehrt ihre Kirche — die Kirche, wie fie damals
war und wie fie heute ift. Will man fie wirklich verftehen,
fo mufs man fie mit diefer ihrer Kirche zufammenfaffen —
nur bei Proteftanten find dogmatifche Schriften ohne
Kirche etwas —, und mufs bei den Stücken einfetzen, die
uns fremd find, alfo nicht bei ,Begründung, Bewahrung
und Vollendung desChriftenftand.es', fondern eben bei der
fhoMohiöiq- Johannes Damascenus ift übrigens ein fchlechter
Zeuge für den claffifchen Typus des griechifchen Chriften-
thums- denn er ift von dielem bereits durch das breite
Bett des Ariftotelismus und durch die böfen Klippen des
Dyotheletismus getrennt.

Im Einzelnen hätte ich mit dem Verfalfer über
Manches zu rechten (z. B. über die Gleichfetzung von
d-eonotTjOig und vlonolrjöiq, die nicht ohne Vorbehalt
gefchehen darf). Wenn er mehrfach darauf hinweift, dafs
die Darftellung der griechifchen Erlöfungslehre in meiner
Dogmengefchichte (Bd. II) reicher ift als in dem ,Wefen
des Chriftenthums' bez. dafs in Letzterem der ,Irrthum'
noch entfehiedener hervortritt als dort, fo war dies unvermeidlich
. Eine kurze Darfteilung mufs den Unkundigen
die Hauptfache fagen und bei Kundigen auf die Zugabe
des granum salis rechnen.

Berlin. A. Harnack.

Crum, W. E., Coptic Monuments. [Catalogue general des
monuments egyptiennes du musee du Caire Nos-
8coi—8741.] Le Caire, 1902, Imprimerie de l'Institut
francais d' archeologie Orientale. (160 p. 4° mit LVH
Lichtdrucktaf.)
Die aegyptifche Regierung giebt einen wiffenfehaft-

lichen Katalog der Sammlungen des aegyptifchen Mu-

1 feums in Kairo heraus und beruft auf Vorfchlag des
Generaldirectors Maspero für die einzelnen Abtheilungen
I Gelehrte aller Länder. Die chriftliche Abtheilung follte,
als fie noch ungetheilt, d. h. ein Theil noch nicht an
J das Mufeum in Alexandria abgegeben und der Reft noch
nicht in zwei Hauptgruppen nebft allerhand Abfällen
zerlegt war, Carl Schmidt bearbeiten. Später trat der
Engländer Crum für die Schriftdenkmäler ein, ich über-
j nahm die grofse Maffe der Kunftdenkmäler; einzelne
! Gruppen werden in den Katalogen über Keramik, Goldfachen
, Stoffe u. dgl. enthalten fein. Es ift daher zu beachten
, dafs der Titel Crum's die Vorführung der koptifchen
j Denkmäler auf die Nummern 8001—8741 einfehränkt. Die
chriftliche Archäologie mufs Maspero und der aegyptifchen
j Regierung danken dafür, dafs ihr das durch Gayet's Pu-
j blikationen geradezu cntftellte Material aus chriftiicher
i Zeit jetzt in fo ausgezeichneten Abbildungen vorgelegt
! wird, geordnet und von allerdings rein exaet-mechanifchen
j Angaben begleitet durch einen der tüchtigften Kenner
j des Koptifchen. Ich, als Kunfthiftoriker, mache es Crum
natürlich zum Vorwurf, dafs feine Befchreibungen fich
ausfchliefslich auf die Schriftzeichen befchränken, die
Kunftformen für ihn fo gut wie nicht vorhanden find.
Er giebt felbft dann keine Befchreibung, wenn die Bildwerke
in den Tafeln gar nicht abgebildet erfcheinen. So
heifstesbei 8704: Stele. Limestone. Bröken off above. Troers
of red and green on colnms, throne etc. No text. Kein
I Menfch würde ahnen, dafs es fich um eine ganz einzige
: Madonnendarftellung mit zwei Engeln handelt. Man
mufs Gayet nachfchlagen, um darauf zu kommen. Ich
kann ein folches Vorgehen nicht gut heifsen, gebe aber
die Schuld nicht Crum, fondern der unerhört einfeitigen
[ Art zu fehen, wie fie bei den Orientaliften leider immer
noch Brauch ift. Werth hat da nur die Schrift; Kunft-
I formen in den Kreis der Betrachtung zu ziehen, ift mü-
j fsiger Unfug. Ich fürchte, mein Theil des koptifchen
I Kataloges wird den Herren fehr überflüffig erfcheinen.

Doch ich will hier nicht polemifiren, fondern danken.
1 Der chriftlichen Archäologie wächft ein Material zu, an
deffen entfeheidende Bedeutung fie fich erft wird gewöhnen
müffen. Ich habe nicht die Pergamente, Papyri
und Oftraka im Auge, die Crum an die Spitze ftellt,
fondern die mit 8319 beginnende grofse Reihe der Grab-
i fielen. Das find Belege einer ganz anderen Art von
Todtencult, als er uns bisher von den Sarkophagen her
bekannt war. Die koptifchen Stelen flammen der Maffe '
I nach aus dem VII. und VIII. Jahrh., ihnen gehen voraus
! die ravennatifchen, dielen die römifchen und gallifchen
Sarkophage. Man würde fehr irre gehen, wollte man
parallel aus diefer chronologifchen Folge auch den Ur-
fprung der Kunftformen herleiten und etwa, wie es gefchehen
ift, annehmen, dafs die ,byzantinifche' Symbolik
der ravennatifchen Sarkophage jene verwandte der koptifchen
Stelen gezeugt habe. Was in diefen Stelen erhalten
ift, bedeutet vielmehr den letzten Niederfchlag
einer im Orient wurzelnden Richtung, die auf Ravenna
ebenfo übergegriffen hat, wie fchon vorher ältere Vorbilder
des helleniftifchen Kreifes in die römifch-
gallifche Sarkophagplaftik. Es wird noch vieler Arbeit bedürfen
, um diefe Dinge klarzuftellen; die koptifchen
Stelen geben dazu hoffentlich einen entfehiedenen Anftofs.

Crum hätte nach meiner Ueberzeugung in einer Einleitung
direct fagen müffen, was ja allerdings aus feiner
Anordnung hervorgeht und zwifchen den überaus karg
bemeffenen Zeilen zu lefen ift: dafs die fymbolifchen
Zeichen der Grabfleine von Ort zu Ort wechfeln, dafs
Affuan eine andere Art liebt als Efne, diefes eine andere
; als Ermcnt, Theben oder das Fajum. Ich kann darauf
hier nicht näher eingehen. Die Sache ift wichtig, weil
fie beweift, dafs diefe Symbolik autochthon, nicht von
aufsen, auch nicht ausfchliefslich von Alexandria importirt
ift. Diefer Wechfel der Kunftformen nach Landfchaften
wird nicht nur dem Kunfthiftoriker zu denken geben