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Ausgabe:

1903 Nr. 16

Spalte:

445-448

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Böklen, Ernst

Titel/Untertitel:

Die Verwandtschaft der jüdisch - christlichen mit der parsischen Eschatologie 1903

Rezensent:

Heitmüller, Wilhelm

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Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 16.

446

Böklen, Stadtpfarrer Ernft, Die Verwandtschaft der jüdischchristlichen
mit der parsischen Eschatologie. Göt- ,
tingen 1902, Vandenhoeck & Ruprecht. (IV, 150 S. |
gr. 8.) M. 4.- (

Die für ein religonsgefchichtliches Verftändnifs des |
Spätjudenthums und des jungen Chriftenthums ungemein
wichtige Frage nach dem Verhältnifs zwifchen jüdifch-
chriftlicher und parfiftifcher Eschatologie erfreut fich
neuerdings wieder einer lebhaften Discuffion. Vor zwei
Jahren hat N. Söderblom, ein berufener Forfcher auf
diefem Gebiet, in feiner Monographie ,La vie future
d'apres le Mazdeisme a la lumiere des croyances paralleles
dans les autres religions* die Abhängigkeit der jüdifchen
Eschatologie von der perfifchen, ja die Verwandtfchaft
mit ihr energifch beftritten; höchftens in nebenfächlichen
Dingen fei eine Beeinfluffung zu conftatiren. Ihm gegenüber
hat wieder Bouffet in der Anzeige diefes Buches
(ThL 1901 Nr. 19) die wefentliche Bedingtheit der
jüdifch-chriftlichen Apokalyptik durch die eranifche Religion
behauptet und fie in feinem neuerdings er-
fchienenen Buche ,Die Religion des Judentums im
neuteft. Zeitalter' nachzuweifen verfucht. Je wichtiger
die Frage ift und je umftrittener zur Zeit ihre Beant-
wortung, um fo freudiger mufs das vorliegende Buch |
Böklen's begrüfst werden. Denn es ermöglicht durch
feine Art auch dem Nichtfachmann einen bequemen Ein- j
blick in das z. Th. fchwer zugängliche Material, das für
die Löfung der Frage in Betracht kommt. B. will nämlich
, namentlich mit Rückficht auf die obwaltende Un-
ficherheit in der Datirung des Avefta, nicht ,eine Ent-
fcheidung über die Streitfrage nach der Abhängigkeit
des Judenthums vom Parfismus fällen', fondern fich
darauf befchränken, ,die Art und den Grad der Verwandtfchaft
zwifchen den beiden Religionen' auf dem
Gebiet der Eschatologie zur Darfteilung zu bringen.
Sein Buch ift wefentlich Stofffammlung, und darin beruht
fein Werth.

B.'s Arbeit gliedert fich, abgefehen von einem kurzen 1
Vorwort und einem fehr befonnen gehaltenen Schlufs,
in dem er das Refultat zieht, in vier Theile: I. Der Tod j

S o_17 II. Das Schickfal der Einzelfeele nach dem

Tod S. 17—68, III. Die Endfchickfale der Welt (oder
die Eschatologie im eigentlichen Sinn) S. 69—135,
IV. Die eschatologifch ausgefchmückte Paradiefesfage
S. 136_144. IV hat mehr den Charakter eines Anhangs
. Warum Theil I, der zudem wenig Belangreiches
enthält, von II getrennt ift, fieht man nicht recht ein.
Der Nachdruck ruht auf II und III.

Innerhalb diefer Theile giebt B. zunächft eine zu- ;
fammenhängende, die Hauptfachen umfaffende Darfteilung
der parfiftifchen Anfchauungsweife (A). Daran
knüpft er dann die Vergleichung mit der jüd.-chr. An-
fchauung in der Weife, dafs er zu den einzelnen Zügen
des parfift. Bildes, die z. Th. noch weiter ausgeführt
werden, aus der jüd. und chriftl. (gnoftifchen, mandäifchen,
islamifchen) Literatur die Parallelen zufammenträgt und,
meift unter Verzicht auf eine zufammenhängende Darstellung
, lofe aneinander reiht, z. Th. nur die Stellen angebend
, z. Th., bei entlegeneren Schriften, den Text ab- j
druckend (B).

Die Darfteilung der mazdayasnifchen Anfchauungen
ift klar und überfichtlich. Sorgfältig wird zwifchen den
einzelnen Schichten der eranifchen religiöfen Literatur
unterfchieden, foweit es möglich ift. Nur ift die
Darstellung oft etwas farblos. Es fehlt vor Allem an
einer kräftigen Unterstreichung der charakteriftifch mazdayasnifchen
Züge. Gerade bei einer Arbeit, die der
Vergleichung von zwei religiöfen Erfcheinungen dienen j
will, hätte das gefchehen müffen, und im Zufammenhang J
damit hätte mehr, als es gefchieht, hervorgehoben werden
follen, ob und in welcher Beziehung die einzelnen Züge
der Eschatologie zu der mazdayasnifchen Grundan-

fchauung flehen, ob fie organifch mit ihr zufammen-
hängen oder nicht. So vermiffe ich fpeciell in III A
eine energifche Betonung der kosmologifchen Art der
eranifchen Eschatologie und ihres Optimismus als eines
fpecififchen Charakterifticums. Dafs der Gedanke des
Gerichts im jüngern Avefta, vielleicht auch in den
Gäthas, eine relativ geringe Rolle fpielt, dafs die An-
fchauung vom Anwachfen des Uebels und des Böfen
in der letzten Weltzeit erst fpät auftritt, hätte hervorgehoben
werden müffen. Der ungemein charakteriftifchc
Zug, dafs die Gläubigen, wie der Saosyant (Heiland), an
der Vollendung der Welt wefentlich mitarbeiten, durfte
nicht fehlen. Und nachdrücklich mufste hervorgehoben
werden, dafs die masdayasnifche Eschatologie, im Unter-
fchied von der jüdifchen, zunächft vollkommen gefchichts-
los ift, dafs erst in dem fehr fpäten Bahman Yaft die Beziehung
auf die Gefchichte auftritt.

Der Hauptnachdruck der Arbeit liegt auf den Parallelen
, die B. zu der parfiftifchen Eschatologie aufweifen
will. Mit Recht hat er fich dabei nicht auf die jüdifche
und — natürlich — christliche Eschatologie befchränkt,
fondern auch die der Gnofis, der Mandäer, der Manichäer
und des Islam herangezogen. Und befonders anzuerkennen
ift, dafs er, meift freilich nur in Anmerkungen,
auch fonftige Analogien berücksichtigt. Schade, dafs er
diefen Punkt nicht noch mehr ausgeführt hat. Denn je
gröfser das Gebiet des Vergleichsmaterials ift, desto
richtiger kann man die vermeintlichen Parallelen beur-
theilen, wie B. richtig bemerkt, und desto vorfichtiger
wird man, wie ich hinzufügen möchte, in der Annahme
gegenfeitiger Beeinfluffung und Abhängigkeit.

Das erfte Erfordernifs an eine folche Arbeit ift Vollständigkeit
und Sorgfalt in der Befchaffung des Materials.
B. hat dasfelbe vollauf erfüllt. Mit grofsem Fleifs und
grofser Sorgfalt hat er die weitfchichtige Literatur des
Judenthums und des jungen Chriftenthums auf Parallelen
durchfucht. Wichtiges dürfte, foweit ich urtheilen kann,
kaum fehlen. Das Refultat diefer Vollständigkeit ift bei
dem Lefer zunächft die Empfindung des Erdrücktwerdens
durch die Fülle des Materials. Aber freilich, diefe Tugend
der Vollständigkeit hat in mehr als erlaubter Gröfse ihr
Laster im Gefolge. Es ift bei einer folchen Arbeit berechtigt
, nicht nur wirkliche, ernft zu nehmende Parallelen,
fondern auch Anklänge zu berückfichtigen. Es ift auch
pfychologifch verständlich, dafs man bei diefem Beftreben
leicht über das Ziel fchiefsen kann. Aber auch wenn
man beides zugesteht, — B. läfst doch die Befonnenheit
und die nothwendige Kritik vielfach allzu fehr vermiffen.
Es heifst doch dem Lefer viel zumuthen, wenn er (S. 33)
zu der Vorstellung von der Himmelsreife der Seele eine
Parallele in Mc. 169-20 (?), Joh. 3 13 ^ Act. [ 9 Phil. 2 9
Eph. 410 finden oder wenn er den ct{>XT/oq r% Cmrjg
Act. 315 vgl. c. ei, den apy/iyog rrjg öcorrjniaq Hebr. 210,
rr/q Jtlöxemq apxWJC **» reXeiaiTiiq 122, oder die Vorstellung
von Hebr. 72». 1019 f. Lk. 2343 mit der ganz bestimmten
perfifchen Idee des Seelenführers vergleichen
foll (S. 49); auch in dem Meffias von Pf. Sal. 18off. einen
Seelenführer zu erkennen (S. 49), ift mir unmöglich. Ganz
unverständlich ift mir der Satz S. 50: ,Denn thatfächlich
üt die neuteft. Vorftellung von Chriftus als Seelenführer (?)
im Gegenfaz zu, aber auch in Abhängigkeit von der
alteren jüdifchen Auffaffung (?) erwachfen, wonach diefe
Rolle den guten Werken zukommt. Identifch ift auf
Seiten des Parfismus wie auf Seiten des Juden- und
Chriftenthums die Ueberzeugung, dafs ein Seelenführer
n°th'g Zu der charakteriftifchen Idee von den

,Mittleren', dem Hamestakan, wird verglichen Apokal. 3 15:
oiöa öov ra koya, ort ovre ywxQog ei ovre &OToq etc.!!
Rom. 1417 erfcheint als Analogie zu der Änfchauung,
dafs in der neuen Welt die Menfchen keiner Nahrung
mehr bedürfen (S. 134), Jak. 117 (xccq m ovx evi JtctQaUayv
>/ Toostrjg astocxiaoixa) zu dem Gedanken, dafs die Menfchen
der zukünftigen Welt keinen Schatten mehr werfen