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Ausgabe:

1903 Nr. 1

Spalte:

22-29

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Tolstoj, Leo N.

Titel/Untertitel:

Warum die Menschen sich betäuben 1903

Rezensent:

Lobstein, Paul

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Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 1.

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wie die Arbeit in ihr nur dazu da ift, das Fleifch niederzuzwingen
. Pofitives Intereffe hat der Chrift lediglich
an Wortverkündigung und Sacramentsverwaltung, alles
Uebrige ift gleichgiltig, Adiaphoron. Was die Gefell-
fchaft angeht, fo hat Luther in der Schrift ,an den chrift-
lichen Adel' das Idealbild einer chriftlich organifirten Ge-
fellfchaft vorgefchwebt, aber bald hat er es fallen laffen
und in den äufseren gefellfchaftlichen Ordnungen nur
,nothwendige Uebel', um der Bosheit willen, gefehen.
Auch die Obrigkeit ift ein Theil diefer ,Welt', und
hat lediglich die Function der Erhaltung des Friedens
und Schutzes gegen Angriffe auszuüben. ,Luther kennt
keinen chriftlichen Staat. Der Staat ift weltlich wie Effen

polemifchen Charakter man ftark betonen mufs —
fchiebt fich zwifchen ein. —

Die Bitte des Vorftandes, fpeciell an die .Freunde an
den deutfehen Hochfchulen' gerichtet, für den noth-
wendigen Zuwachs von Mitgliedern zum Verein für Re-
formationsgefchichte zu werben, darf wohl auch hier
noch einmal erwähnt werden. Hoffentlich hat fie den
beften Erfolg.

Giefsen. W. Köhler.

Tolstoj, Leo N., Meine Beichte. 1. bis 4. Taufend. (Sämtliche
Werke. Von dem Verfaffer genehmigte Ausgabe
und Trinken und kann nicht nach kirchlichen Vorfchriften I von Raphael Löwenfeld. I.Serie. Sozialethifche Schriften.

regiert werden'. Das Ideal aber des chriftlichen Unter
thanen mufs fein, der Obrigkeit möglichft wenig zu bedürfen
; verachten foll er fie zwar nicht, denn Gottes
Ordnung ift fie, aber pofitiven Werth hat fie nicht. Der
Gehorfam, den der Chrift ihr fchuldig ift, bleibt ein leidender
, Ungehorfam aber ift nur geftattet, wenn die
Obrigkeit das religiöfe Leben ftört, aber auch dann nur
in paffiver Form: ,den Befreiungskampf der Niederlande
hätte ein lutherifches Volk mit gutem Gewiffen
nicht kämpfen können'. Die Richtpunkte — mehr follen
es nicht iein — welche B. für die Entfcheidung der fpe-
ciellen Frage nach dem Einmifchungsrecht der Obrigkeit
in kirchliche Dinge aufftellt, können nach dem Vorhergehenden
nicht zweifelhaft fein: jenes Recht befteht nur
dann, wenn Streitigkeiten entftehen, welche den öffentlichen
Frieden und das richtige Functionfen aller Glieder
der Gefellfchaft frören; dann mufs fie eingreifen kraft
ihres Amtes und Ordnung fchaffen'. Folglich ift ,das
landesherrliche Kirchenregiment durchaus gegen
Luther's Willen entftanden' — man vergleiche dazu
die bekannte Thefe Rieker's!

Ref. ift der Ueberzeugung, dafs B.'s Grundgedanken
richtig find; mehr wie folche wollte B. nicht ausfprechen,
er verheifst eine eingehende Auseinanderfetzung mit feinen
Gegnern, bis dahin wird fich die Kritik gedulden müffen.
Dafs es im Einzelnen noch manches auszuführen gilt,
weifs B. natürlich. Hoffentlich geht der Hiftoriker dann
auch ein wenig auf die theologifche Genefis der Anfchauung
Luther's ein, fucht fie dogmengefchichtlich zu verftehen
und begnügt fich nicht mit der Darftellung allein. Luther's
Pofition ift ein extremer Supranaturalismus, er
hat die Seile, die im mittelalterlichen Compromifsfyftem
Offenbarung und Vernunft verbanden (erftmalig feit Paulus
Rom. 214 ff.), kühn durchfehnitten und gleichzeitig die
Offenbarung reducirt — grofse Geifter reduciren ftets —
auf die Schrift bezw. das Glaubenserlebnifs. Aber nun
fchwebte man frei in der Luft — der Connex mit der
Welt war verloren — aber man war doch in der Welt
und Gott hatte fie gefchaffen! Dafs Luther nicht zum
asketilchen Ideal zurücklenkte, davor bewahrte ihn die
in bitterer Erfahrung errungene Erkenntnifs, dafs mit
der Askefe ein Werk- und Menfchendienft aufgerichtet
werde — und man durfte doch die fupranaturale Höhe
des Göttlichen nicht verlaffen! Aber Luther hat in diefem
Dilemma keine pofitive Ethik zu gewinnen gewufst, die
ganze culturelle Welt ift nur Adiaphoron. (bei der Ent-
ftehung diefer .Ethik' mufs aber, was B. bisher nicht that,
der m. a. Naturrechtsbegriff herangezogen werden; er
gab das, was Luther brauchte, da das ins naturac zugleich
ius divinum war, alfo mit der Berufung auf das-
felbe die .göttliche' Sphäre gewahrt blieb.) Nicht richtig
fcheint mir an B.'s Darftellung, die in der Schrift an den
Adel niedergelegte Anfchauung für die urfprüngliche zu
halten. Das ift fie fchon um deswillen nicht, weil jene
angeblich fpätere auch in ihr — freilich in Inconfequenz
— fich findet (vgl. ed. Benrath S. 10, 51, 58). Man
mufs ausgehen vom Begriff der covunumo sanetorum
hei Luther. Diefer ift legitim fortgefetzt in ,von weltlicher
Obrigkeit', die Schrift an den Adel — deren

Band. 1.) Leipzig 1901, E. Diederichs. (140 S. 8.)

M. 1.50; geb. M. 2.—

— Mein Glaube. 1. bis 3. Taufend. (Sämtliche Werke.
I. Serie. Band 2.) Ebd. 1902. (354 S. gr. 8.)

M. 2.50; geb. M. 3.50

— Was sollen wir denn thun? Erfter Band. Mit Anhang:
Uber die Volkszählung in Moskau. (Sämtliche Werke.
I. Serie. Band 3. Ebd. 1902.) (323 S. 8.)

M. 2.50; geb. M. 3.50

— Was ist Religion und worin besteht ihr Wesen? Mit Anhang
. Überfctzt von Iwan Oftrow. 1.—5. Taufend.
Ebd. 1902. (II, 115 S. 8.) M. 1.—

— Warum die Menschen sich betäuben. Mit Anhang. Überfetzt
von Raphael Löwenfeld. 4. Auflage. Ebd. 1902.
(66 S. 8.) M. -.50

— Das einzige Mittel. Ueberfetzt von R. Löwenfeld.
5. Taufend. Ebd. 1901. (59 S. 8.) M. —.50

Bis zum heutigen Tage fehlte eine Gefammtausgabe
der Werke Tolftoj's. In Rufsland felbft, wo feine meiften
Schriften von der weltlichen und kirchlichen Ccnfur der
Oeffentlichkeit vorenthalten find, wurden diefelben nur
durch Abfchriften, hektographifche und lithographifche
Vervielfältigungen bekannt. Dagegen find die im Auslande
erfchienenen Einzeldrucke, wie auch die grofse
Zahl der Ueberfetzungen, häufig nur Kürzungen und
Verftümmelungen der Originalarbeiten. Diefer Uebel-
ftand wird noch durch die Thatfache gefteigert, dafs
Tolftoj den Begriff des Eigenthums nicht anerkennt;
ihm genügt es, wenn feine Gedanken, gleichviel in
welcher Form, in die Welt gehen. Er geftattet jedem,
fie zu verbreiten. Es ift daher mit aufrichtigem Dank
zu begrüfsen, dafs uns nun von kundiger Hand eine
vollftändige Ausgabe nicht nur der dichterifchen Werke
des Verf.s, — diefe find mühelos zu haben und follen
nach der unter der Leitung der Gattin Tolftoj's herge-
ftelltcn Moskauer Ausgabe verfertigt werden — fondern
vor allem feiner focial - ethifchen und theologifchen
Schriften gefchenkt werden foll. R. Löwenfeld, der bereits
im Sommer des Jahres 1890 Tolftoj befucht und
ihm den Plan feiner Ausgabe vorgelegt hatte, nimmt
nun ein vor einigen Jahren begonnenes, aber ins Stocken
gerathenes Unternehmen wieder auf, und beginnt die
Üeberfetzung und Veröffentlichung der focial-ethifchen
und religiöfen Schriften T.'s in der Redaction, die der
Verf. felbft als die letzte bezeichnet. Sehr dankenswerth
wird die Einleitung fein, die jedem einzelnen Werke voraus-
gefchickt werden und in gedrängter Kürze dasNothwendige
zur Erklärung der Schriften darbieten foll. Am Schlufse
wird in knapper, datenmäfsiger Zufammenftellung eine
Chronologie der gefammten Werke Tolftoj's gegeben
werden, die den Ueberblick über die grofse Zahl feiner
Schriften und die Beurtheilung ihres inneren Zufammen-
hangs erleichtern foll.

Die Gefammtausgabe umfafst drei Serien. Die erfte