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Ausgabe:

1903 Nr. 1

Spalte:

19-22

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Brandenburg, Erich

Titel/Untertitel:

Martin Luther‘s Anschauung vom Staate und der Gesellschaft 1903

Rezensent:

Köhler, Walther

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19

Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 1.

20

Brandenburg, Prof. Dr. Erich, Martin Luther's Anschauung
vom Staate und der Gesellschaft. (S. 1—30.)

(Schriften des Vereins für Reformationsgefchichte.
Neunzehnter Jahrgang. Erftes bis drittes Stück.
Nr. 70—72.) Halle 1901.2, M. Niemeyer in Komm.

je M. 1.20

1. Ein fchlichtes, anfprechendes Lebensbild bietet
Beck in der Gefchichte des elfäflifchen Pfarrers Kaspar
Klee, zumeift aus feinen beiden Schriften .Wegweifer
zu dem ewigen feiigen Leben' (1603, 2. Aufl. 1618) und
,Geiftlicher Imengart und Bienen-Luft.' (1603) gefchöpft.
Das Bild ift typifch und gerade darum für die noch zu
fchreibende Gefchichte des Pfarrerftandes werthvoll. Wie
der Gerolzhofener Bub, fo wird wohl mancher als fahrender
Scholar fich durchgebettelt oder auch, wo's anging,
durchgearbeitet haben, bis er endlich ein dauerndes Unterkommen
fand. Klee wurde in dem von Hedio begründeten
Wilhelmitanutit in Strafsburg aufgenommen, wird
dann Pfarrer in Schnersheim, dann in Fegersheim (feinem
,Fegefeuer'), um, beide Male durch die Gegenreformation
vertrieben, in Ruprechtsau fein Leben 87jährig zu be-
fchhefsen. Theologifch ift er Lutheraner Strafsburger
(d. h. Marbach-Pappus'fcher) Obfervanz, fcharfer Gegner
Schwenckfeld's, auch eifriger Antifemit, aber kein Hetzer.
Er zeigt an feinem Theile, namentlich an feinem reichen
Gebetsleben, dafs auch unter der Starre der Orthodoxie
Frömmigkeit eine Stätte haben konnte. Er mag freilich
auch trotz feiner Magifterwürde theologifch zu unbedeutend
gewefen fein, um in die dogmatifchen Fragen
einzugreifen. Seine Bücher find Erbauungs-, z. T. auch
Unterhaltungsfchriften, Klee weifs feffelnd und aufser-
ordentlich humoriftifch zu erzählen. Sein Chriftenthum
ift ftark eschatologifch orientirt, dabei baut er aber mit
fichtlicher Liebe feinen Kohl und hegt feine Immen,
tritt auch mit 80 Jahren noch einmal (zum vierten Male)
in den Eheftand — auch das ift typifch. Kurz, ein
braver, orthodoxer Durchfchnittspfarrer, für den die
Gegenwart bei völlig veränderter Problemftellung oft
nur ein Lächeln übrig haben wird, der aber für feine
Zeit gewifs Tüchtiges gewirkt hat.

2. Der weftfälifche Frieden gab von Schlefien, das
bei den Friedensverhandlungen nicht vertreten war, drei
Viertel (den Werten und Norden) dem Katholicismus
preis und liefs den Evangelifchen kaum ein Viertel
(Liegnitz, Brieg, Oels, Münfterberg und die Stadt
Breslau). Alsbald wurden in den katholifchen Gebiets
theilen die Kirchen der Proteftanten gefchloffen, nur
drei ,Friedenskirchen', in Jauer, Schweidnitz und Glogau,
blieben geöffnet — bei der grofsen Ausdehnung des
,reconciliirten' Gebietes ein Tropfen auf den heifsen Stein!
Da nun waren es die Kirchen an den Grenzen der evan-
gelifch gebliebenen Landestheile, die als .Zufluchtskirchen'
den Glaubensgenoffen in den katholifchen Gebieten zu
Hilfe kamen. Vielfach auch entftanden an den Grenzen
ganz neue ,Grenzkirchen', oft aufserordentlich einfach,
,mehr einem Viehftalle ähnlich als einem Gotteshaufe:
das ift uns dann darumb defto tröftlicher, weil unfer
Seligmacher im Viehftalle geboren ift'. Eberlein zählt
die einzelnen Kirchen auf und zeigt an inftructiven Bei-
fpielen, mit welchem Glaubensmuth, ungeachtet der
Hindernifse der Natur (Oderüberfchwemmungen) oder
Anfeindungen der Katholiken von weither, oft über eine
Tagereife weit, die Gläubigen zum Gottesdienfte herbei-
ftrömten. Auch das intereffante kirchenrechtliche Problem,
ob die von den exilirten Pfarrern an den Zufluchtskirchen
ausgeübten kirchlichen Acte gültig feien, da fie hier kein
ins vocationis befäfsen, taucht auf und foll von der Wittenberger
Facultät entfchieden werden. Eine gute Karte hat
Eberlein beigegeben; leider ift fie nicht an den Schlufs
feines Auffatzes, fondern hinter die Rechnungsablage des
Vereins für Ref. Gefch. geftellt; dort wird fie, fürchte
ich, manchem entgehen.

3. Schnell Hellt aus feinem gröfseren, auch in diefer
Zeitfchr. (1901 Nr. 15) befprochenen Werke die Nachrichten
über Heinrich V. von Mecklenburg zufammen, manches
weiter ausführend, anderes kürzend. Ref. darf fich daher
wohl einer genauen Inhaltsangabe für überhoben erachten
und nur auf kleinere Bemerkungen fich befchränken.
Die Anlage des ganzen Schriftchens ift nicht glücklich,
eine organifche Entwickelung ift gehemmt durch ein
Darftellen halb in Quer-, halb in Längsfchnitten.1) Die
politifchen Verhältnifse hätten nicht vorweg behandelt
werden, fondern in enger Verbindung mit den reforma-
torifchen bezw. antireformatorifchen Mafsnahmen eine
Beleuchtung erfahren müffen. So ift der offene Uebertritt
Heinrich's zur Reformation 1533 nicht genügend erklärt
(S. 24); mit der ,ernften, religiöfen Natur des Fürften'
ift nichts gethan vgl. zur Sache K. Müller's K. G. II, 2
S. 388 f. Warum ift der Vifitationsbericht vom Jahre 1535
in extenso mitgetheilt, wo er doch fchon in den Jahrbüchern
für mecklenburg. Gefchichte Bd. 8 gedruckt
war? Der intereffante Bündnifsvertrag von 1525, der
Katholiken und Proteftanten einte, mufs von der drohenden
Gefahr des Bauernkrieges her verftanden werden
(zu S. 20). Sehr dankenswerth, weil reichhaltig, find die
Literaturnachweife im Anhange.

4. Dem Umfange nach am kleinften, dem Inhalte
nach am werthvollften ift der Vortrag Brandenburg's.
Er ift durch und durch modern, ausgehend von der
modernen Emancipation und Verfelbftftändigung des
culturellen und focialen Lebens, fie an Luther's An-
fchauung meffend, um dann conftatiren zu müffen, dafs
eine grofse Kluft zwifchen ihm und der Gegenwart klafft,
dafs feine Anfchauungsweife ,noch allzu verfliegen, weltfern
und mittelalterlich' ift. Es war wirklich an der Zeit,
<iafs die Anfchauung vom Lebensideale Luther's, wie fie
Ritfehl formulirt hatte, und fie erft jüngft wieder Förfter

i auf die Formel ,Thätigkeit und Weltlichkeit' (Lebensideale
S. 74) präcifirt hat, corrigirt wurde; Ref. darf wohl
feiner FTeude darüber Ausdruck geben, in feinem Bemühen
, vom Mittelalter her Luther zu verliehen,
einen Bundesgenoffen gefunden zu haben. Wo die Prob-
lemftellungen der Neuzeit und Gegenwart als Folge
nicht der Reformation, fondern der an die Renaiffance
anknüpfenden Aufklärung empfunden werden, da mufs
naturgemäfs die Reformation an das Mittelalter herangerückt
werden, fo wenig fie mit ihm zufammenfällt; aber
dieDogmengefchichte der Reformationszeit hat den Kampf
noch zu kämpfen, den die altchriftliche im Wefentlichen
fchon ausgeftritten hat, den Kampf um die Differenz
der Weltanfchauung in Gegenwart und Vergangenheit.
Leicht wird ihr der Sieg nicht werden, fchon um deswillen
nicht, weil die Reformation der Gegenwart eben
doch näher liegt als die altchriftliche Zeit, und in Luther
fo aufserordentlich viel Unvergängliches fleckt, über dem
die temporäre Bedingtheit vergeffen wird.

Was zunächft die Stellung des Chriften zur Welt
betrifft, fo fieht B. fchon darin noch einen Reft katholi-
fcher Weltanfchauung, dafs Luther in feiner erften Zeit
noch an dem Ideale einer Bekehrung der ganzen Welt
feilhielt; allerdings foll fie fich nicht in der Form von
Gewalt, fondern allein durch die Kraft des Wortes vollziehen
. Aber diefer Idealismus fcheitert an der Erfahrung.
Nunmehr bildet fich die andere Anfchauung: es ift gar
nicht Gottes Wille, dafs fein Reich auf Erden verwirklicht
, das des Teufels zerftört werden foll. Vielmehr
I bleibt die Welt ,des Teufels Wirthshaus', der Fromme
j aber hat die Welt hinzunehmen, da Gott ihn nun einmal
hineingefetzt hat. Pofitives, weltdurchdringendes
Intereffe aber hat er an ihr nicht. Gewifs, fie ift
I Gottes Schöpfung, und der Chrift hat fie nicht zu ver-
j achten, aber fie ift für ihn lediglich ein Prüfungsort, fo

1) Die Ueberfchrift zu cp. 10: ,Lob des Herzogs' klingt übrigens
I lehr nach Schulauffatz I