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Ausgabe:

1903 Nr. 13

Spalte:

388

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Stange, Carl

Titel/Untertitel:

Der Gedankengang der „Kritik der reinen Vernunft“ 1903

Rezensent:

Mayer, Emil Walter

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Seite 1

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387

Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 13.

388

richterftattung und Kritik. Der Autor legt vor Allem
feine eigene Anfchauung dar. All' unfer Wiffen beruht
auf dem Zufammenwirken zweier Elemente, unterer Wahrnehmungen
, das Wort im weiteften Sinne genommen,
einerfeits, der Verarbeitung derfelben durch das Denken
anderfeits. Jede Erkenntnifstheorie, die einen der beiden
Factoren überfieht, ift unvollkommen und falfch. Gegeben
find uns ja zunächft nur unfere Erlebnifse, in Sonderheit die
Empfindungen und ihre Nachbilderund Nachwirkungen;
doch präfentiren fie fich nicht als ,ein blofs chaotifches
Auf- und Niederwogen, ein Kommen und Gehen zufam-
menhangslofer Bilder'. Sie flehen in einem inneren
Connex, ,ohne den felbfl ihr Wechfel nicht zu Stande
kommen, nicht von uns erkannt und gedacht werden
könnte'. Eben diefer Connex ift der Anlafs für die begriffliche
Ordnung, in welche wir die Gefammtheit unferer
Erlebnifse' zwingen und zur ,Einheit unferes Erfahrungsganzen
' zufammenfchliefsen. Das Denken fafst fowohl
unfere Bewufstfeinsdaten auf Grund von deren Aehnlich-
keiten gruppenweife zufammen, als es auch ,das Ver-
fchiedenartigfle' unter conftante, fefte Zufammenhänge
bringt. So entftehen die Art- und Gattungsbegriffe, fo
die ,Gefetze'. Unter die letzteren gehören mit die Begriffe
der .beharrlich exiftirenden Dinge' und ,der bleibenden
Eigenfchaften unferes geiftigen Dafeins'. Das
Object ift nichts Wirkliches. Real find allein die Empfindungen
und ihre Begleiterfcheinungen. Die ,Gegen-
ftände', die Atome und Kräfte find weiter nichts als die
Producte des Beftrebens, unfere Erlebnifse zu ordnen und
.vereinfachend zufammenzufaffen', Bilder und Symbole
für die Herftellung einer Abbreviatur, wie die .logifchen
Axiome', die ,Anfchauungsformen' u. f. w. die Principien
diefes Verfahrens find. Bei folcher Auffaffung verfchwinden
die ,Vermittlungsprobleme'. Es hat keinen Sinn, von einer
materiellen Welt zu reden, von deren Einwirkung auf
das Pfychifche und umgekehrt. Man hat keinen Grund
mehr, zu erwägen, wie Erkenntnifs der aufser uns liegenden
möglich fei. Da endlich der Caufalzufammenhang
nicht ,vor unferer Erfahrung' befteht, fondern erft ,durch
unfer Denken in die Erfcheinungen' kommt, bietet auch
die Behauptung der Freiheit keine Schwierigkeiten mehr.
Die Räthfel, welche die Menfchheit in der metaphyfifchen
Periode am ftärkften beunruhigten, find gelöft, weil aufgehoben
.

Die vorgetragene Erkenntnifstheorie ift nicht neu;
Cornelius bezeichnet fie felbft als Empirismus und nennt
als feine Verwandten und Vorbilder Guftav Kirchhoff,
Mach, Hertz. Er beruft fich aber ebenfo auf Kant, und
zwar gleichfalls mit einem gewiffen Recht. Doch unter-
fcheidet er fich von diefem, infofern er nicht nur das
Ding an fich leugnet, fondern auch die tranfcendentale
Aefthetik ftreicht und die Anfchauungs- und Denkformen
pfychologifch lediglich aus der Erfahrung ableiten und
durch fie begründen will. Damit erhalten die letzteren eine
etwasandere Bedeutung. Die Nothwendigkeit, in beftimmter
Weife zu verknüpfen, büfst ihren unbedingten, apodik-
tifchen und .normativen' Charakter ein. Der Boden des
Pofitivismus wird betreten. Deutlich tritt das freilich nicht
immer zu Tage. Man kann es geradezu als einen Mangel
des vorliegenden Buches bezeichnen, dafs die gekennzeichnete
Abweichung von Kant bisweilen verfchleiert
erfcheint. Manchmal fieht es fo aus, als ob das Denken
den ,Zufammenhang' unter einem immanenten Zwang
fchaffe, manchmal und meiftens fo, als ob es denfelben
blofs aus den empirifch gegebenen Daten ,ablefe'. Eine
Unbeftimmtheit, die man bekanntlich auch Mach vorgeworfen
hat.

Zur Ergänzung mufs übrigens noch angeführt werden,
dafs neben der Befprechung der theoretifchen Probleme
ftets eine folche der praktifchen herläuft. Sie befchränkt
fich zwar auf fkizzenhafte Andeutungen, ift aber fonft
der erfteren durchaus analog. Zunächft fummarifche
Darftellung und Kritik der bisherigen einfchlägigen Bemühungen
; dann Expofition der eigenen Auffaffung.
Diefe wird am beften dadurch charakterifirt, dafs die
Ethik in die Formel zufammengefafst wird: ,Handle fo,
dafs Du nach dem Stande deiner bisherigen Erfahrungen
die Maxime deines Wollens als Princip einer allgemeinen
Gefetzgebung anerkennen würdeft'. Alfo wiederum ein,
wenigftens fcheinbar, Kantifches Refultat. Nur dafs eben
der .kategorifche Imperativ' auch empiriftifch, das heifst
hier, eudämoniftifch abgeleitet und begründet wird. Natürlich
verliert er damit ebenfalls und erft recht feine Eigenart
als unbedingt verpflichtende Norm.

Soll zum Schlufs vom theologifchen Standpunkt aus
ein Urtheil über das ganze Werk gefällt werden, fo ift
vor allem daran zu erinnern, dafs es keine eigentliche
Welt- und Lebensanfchauung darbietet, fondern nur
neben einem Anfatz zu einer ethifchen Principienlehre
eine Erkenntnifstheorie, und zwar eine ftark pofitivifti-
fche. Mit einer folchen, die dem Wiffen und deffen
Tragweite fehr enge Grenzen zieht, wird die chriftliche
Apologetik fich fo lange abzufinden vermögen, als fie
daran fefthält, dafs die Religion anderen Quellen ent-
fpringt und auf anderer Bafis beruht, als das gewöhnliche
Erkennen. Selbft der radicalfte theoretifche Skepticismus
wird niemals ein unüberwindliches Hindernifs für die Ent-
ftehung des Glaubens fein, womit nicht gefagt fein foll,
dafs diefer, wo er einmal vorhanden ift, fich auf die Dauer
mit jenem vertrage. Vielleicht darf hier auch noch erwähnt
werden, dafs Cornelius ausdrücklich in Bezug auf
die Unfterblichkeitshoffnung den Satz aufftellt, fie laffe
fich wiffenfchaftlich weder beweifen noch widerlegen.
Allerdings wird das fpeciell damit begründet, dafs zwar
nicht unfere Empfindungen und Vorftellungen, wohl aber
gewiffe conftante Factoren unferes pfychifchen Lebens von
phyfiologifchen Aenderungen unabhängig feien. Wenn
endlich aus dem moralphilofophifchen Theil des Buchs
erhellt, dafs fich auf eudämoniftifcher Grundlage keine
unbedingt verpflichtende Ethik errichten läfst, fo wird
dadurch nur der Gedanke nahegelegt, dafs das Sitten-
gefetz den Charakter der Abfolutheit im letzten Grund
der Religion verdanke: eine Wahrheit, die, obwohl fie
noch vielfach verkannt wird, doch dem Referenten einfach
felbftverftändlich erfcheint.

Strafsburg i. E. E. W. Mayer.

Stange, Priv.-Doz. Lic. Carl, Der Gedankengang der „Kritik
der reinen Vernunft". Leipzig 1902, Dieterich. (24 S. 8.)

M. —.30.

Die kleine Schrift enthält ein kurzes Dictat, das der
Autor wiederholt in akademifchen Uebungen über die
.Kritik der reinen Vernunft' zu Grunde gelegt hat. Sie
will lediglich ein „Leitfaden für die Lektüre" fein. Auf
eine bündige Einleitung, die von dem Problem der
Kantifchen Erkenntnifstheorie und der Eintheilung der
,Kritik der reinen Vernunft' handelt, folgen, in wenige
Paragraphen zufammengedrängt, drei Referate über den
Inhalt der Transfcendentalen Aefthetik, der Transzendentalen
Logik und der tranfcendentalen Dialektik. Nur
hie und da ift eine kritifche Bemerkung eingeflochten. Im
Uebrigen wird jede Auseinanderfetzung mit der modernen
Fachliteratur und mit den durch diefe aufgeworfenen
Fragen und herausgekehrten Schwierigkeiten vermieden.
Wenn man abfieht von dem Abfchnitt über die Transzendentale
Logik, wo Emancipation von der Kantifchen
Terminologie und freiere Behandlung des Stoffs möglich
und vortheilhaft gewefen wäre, wird der angegebene
Zweck der Brofchüre, dem ,Anfänger' den Gedankengang
der Kritik der reinen Vernunft' verftändlich zu
machen, wohl erreicht.

Strafsburg i. E. E. W. Mayer.