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Ausgabe:

1903 Nr. 13

Spalte:

385-388

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Cornelius, Hans

Titel/Untertitel:

Einleitung in die Philosophie 1903

Rezensent:

Mayer, Emil Walter

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Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 13.

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nun aber in Christus fich concentrirt und im Glauben fich
mittheilt, kann es zu jener religiöfen — ganz gewifs, wie
Sch. gegen Kunze betont, nur religiöfen — Kritik
kommen an der Bibel. Dafs nun aber der Glaube nicht
als pfycholo gif eher Factor gewerthet wird1), thut
wiederum die Angft, ihn zu vermenfehlichen. Und wie
er den Schwarmgeiftern gegenüber die nicht unmittelbar
religiöfen Beftandtheile der Bibel preisgeben kann (NB.
ganz ähnlich, wie es in dem kaiferlichen Schreiben an
Admiral Hollmann gefchehen ift, vgl. S. 53), eben weil
fie nicht der unmittelbar göttlichen Heils-Sphäre angehören,
fo ift es der Protest gegen die Erhebung des (Menfchen-)
Geiftes zum Autoritätsprincip, der ihn auf der anderen
Seite jenen gegenüber fich auf die Schrift fteifen läfst.
So ift fchliefslich — es liefse fich das bis ins Einzelne
zeigen — doch hinter den verfchiedenen Gedankengängen
bei Lth. ein Semper idem.

Noch ein paar Kleinigkeiten feien notirt: Von Johann
Weffel darf man feit Paulus' Unterfuchungen (Kath. 1900)
nicht mehr reden (zu S. 9). Dafs Lth. in der responsio
an Prierias fich auf Gerfon berufe für die Irrthumslofig-
keit der univerfellen Kirche und in der Appellation ans
Concil auf denfelben für die Irrthumsmöglichkeit eines
Concils (S. 28f.), ift unrichtig. Lth. hat Gerfon's kirchen-
politifche Schriften bis 1521 noch nicht gekannt; f. den
Nachweis in meiner Schrift: Lth. und die K. G. 35off. Der
Briefwechfel Lth.'s mit Dungersheim gehört hinter die
Leipziger Disputation (f. diefe Ztfchr. 1902 Nr. 21). Endlich
: Sch.'s Studie fteht in einer Sammlung gemeinverständlicher
' Vorträge, ift aber thatfächlich eine gelehrte
, nicht leicht zu lefende Unterfuchung in beftändiger
Auseinanderfetzung mit den Vertretern einer anderen Auffassung
. Wird davon der gebildete Laie, für den die
bekannte Siebeck'fche Sammlung doch primo loco be-
ftimmt ift, profitiren können? Was weifs er von meritum de
congruo, das ihm nicht überfetzt wird? (S. 9, übrigens nur
ein Beifpiel). Und was intereffirt ihn, dafs Prof. Walther
,demnächft in unferer Provinz über die Frage fprechen
wird, ob Luther's Reformation unfertig fei'? (S. 55). Wenn
der an fich treffliche Vortrag m. E. fchon hohe Anforderungen
an die erften, theologifchen Zuhörer Hellte, fo
hätte er, um ,gemeinverftändlich' zu werden, leichter gefafst
werden müffen.

Giefsen. Köhler.

Cornelius, Hans, Einleitung in die Philosophie. Leipzig
1903, B. G. Teubner. (XIV, 357 S. gr. 8.) M. 4.80;

geb. M. 5.60

Der Autor diefes Buchs, der fich bereits durch eine
Pfychologie bekannt gemacht hat, will nicht nur einführen
,in das Verftändnifs der philofophifchen Probleme'
und der wichtigften Verbuche, die zu deren Löfung unternommen
worden find. Er hofft zugleich dem Lefer ,den
Weg zu weifen, auf welchem er zur Beruhigung' über
die betreffenden Fragen ,und zu einer in fich wider-
fpruchslofen Welt- und Lebensanfchauung zu gelangen
vermag'. Das Vorwort ftellt Aufhellung alles deffen in
Ausficht, was dem Dogmatismus als ,unlösbares Räthfel'
erfcheinen mufs. Wenig ift es nicht, was da verfprochen
wird; und wer nicht — was ja möglich wäre — fchon
durch übelfte Erfahrungen abgeftumpft ift, wird gewifs
mit Spannung in die Leetüre eintreten.

Was aber wird thatfächlich geboten? In der Einleitung
zu dem ganzen Werk wird zunächft der Begriff
der Philofophie beftimmt. Sie ift ihrem Wefen nach
,Streben nach letzter Klarheit'. Ihr Ziel fucht fie dadurch
zu erreichen, dafs fie die gegebenen Bewufst-
feinsdaten verknüpft, das Unbekannte auf Bekanntes,
das Neue auf Altes zurückführt und fo das ,Mannig-

1) Wenn er das nicht wird, darf man dann mit Sch. (S. 38) von
einer Selbständigkeit des chriftl. Urtheils reden?

faltige unter einheitliche Gefichtspunkte' ordnet. Wirklich
und auf die Dauer erfolgreich kann fie dabei nur
fein, wenn fie ftreng empiriftifch verfährt, das heifst,
ihre Thefen und Urtheile lediglich auf beobachtete That-
fachen gründet und auch die Begriffe, mit denen fie
operirt, aus der Erfahrung ableitet und eben damit
legitimirt. Diefe wichtige doppelte Vorfichtsmafsregel ift
freilich in der Gefchichte des menfehlichen Denkens und
Fkrfchens lange genug aufser Acht gelaffen worden: die
Phantafie hat ihre Rolle gefpielt; der Dogmatismus ift
zur Herrfchaft gelangt und hat fich mit unüberwindlichen,
von ihm felbft gefchaffenen Schwierigkeiten den Weg verbaut
. Erft fpät befann man fich auf die Urfache des
Uebels und verftand fich zu einer gründlichen Revifion
des gefammten Materials und der Inftrumente, womit
man arbeitete. Daher laffen fich in der wiffenfehaft-
lichen Entwicklung zwei Perioden unterfcheiden: eine
metaphyfifche, in der das Streben nach Erkenntnifs
nothwendig einem Irrthum nach dem andern verfällt und
dicht an den Abgrund des Skepticismus geräth, und eine
erkenntnifstheoretifche, in der fich Ausfichten eröffnen
auf ein endliches Gelingen. Dem entfprechend zerfällt
das vorliegende Buch in zwei Theile. Der erfte trägt
den Titel ,die metaphyfifche Phafe der Philofophie'. Er
ift namentlich hiftorifch und kritifch. Er giebt Auskunft
über das, was verfucht und geleiftet worden ift,
und erklärt, warum keine Uebereinftimmung zu erzielen
war. Der zweite Theil ift überfchrieben ,die erkenntnifstheoretifche
Phafe der Philofophie'. Er ift weniger ge-
fchichtlich als thetifch. Er will feftftellen, was erreichbar
ift, welche Bedeutung und welcher Werth allem Wiffen
und Forfchen zukommen.

I. Die metaphyfifche Phafe. Das am meiften Cha-
rakteriftifche ift, dafs das Streben nach Erkenntnifs fich
noch ,auf dem durch das vorwiffenfehaftliche Denken
gefchaffenen Boden bewegt'. Man verwendet kritiklos
überlieferte ,naturaliftifche' Begriffe, unter welchen derjenige
,des von unferer Wahrnehmung unabhängig be-
ftehenden objectiven oder realen Dafeins der Welt und
ihrer Dinge' ,weitaus der felbftverftändlichfte und unent-
behrlichfte' ift. Die Syfteme, die ausgebildet werden,
laffen fich auf drei Haupttypen reduciren: das materialifti-
fche, dualiftifche und idealiftifche. Das erftere bahnt fich
nothwendig da an, wo die Gegenftände als etwas Selbständiges
gegenüber den Wahrnehmungen, als deren Grund
und Urfache aufgefafst werden und nun die ganze Auf-
merkfamkeit in Anfpruch nehmen. Der Idealismus läfst
mehr oder weniger nur das fogenannte ,Subjective' gelten
und leugnet das Object, ohne allerdings zu erklären, wie
es immer wieder zu deffen Annahme kommt. Der in der
Mitte flehende Dualismus erkennt zwei Welten an, die
der Dinge und die der Bewufstfeinserfcheinungen, und
verwickelt fich in die von ihm heraufbefchworenen vier
,Vermittlungsprobleme': i.Wie kann Phyfifches auf Pfychi-
fches einwirken? 2. Wie gelangen wir zur Erkenntnifs
des aufser uns Liegenden? 3. Wie vermag das Subject
einzuwirken auf das Object? 4. Wie ift angefichts der ,Ab-
hängigkeit unferer Bewufstfeinserfcheinungen von den
Naturvorgängen' Willensfreiheit möglich? In ausführlicher
Darfteilung werden die drei Haupttypen derWelt-
anfehauungen, die im metaphyfifchen Zeitalter untereinander
coneurriren, ihren Spielarten, Modifikationen und
Confequenzen nach befprochen und an Beifpielen ver-
anfchaulicht. So ergiebt fich etwas wie eine Gefchichte
der Philofophie, die nicht chronologifch, fondern fachlich
geordnet ift, manche geistreiche Wendung enthält
neben einzelnen Gewalttätigkeiten und das Eine
oder Andere unter neue Gefichtspunkte rückt. Zugleich
werden die Widerfprüche und Wirrnifse aufgedeckt, in
welche die Metaphysik unvermeidlich hineingerathe.

II. Die erkenntnifstheoretifche Phafe. Abgefehen von
kurzen Auseinanderfetzungen mit Hume und den Affo-

| ciationspfychologen enthält diefer Theil kaum noch Be-