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Ausgabe:

1903 Nr. 13

Spalte:

383-385

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Scheel, Otto

Titel/Untertitel:

Luthers Stellung zur heiligen Schrift. Vortrag 1903

Rezensent:

Köhler, Walther

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Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 13.

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Fällen behaupten. Der bisherige Stand der Exegefe I letztere Gedankenreihe abgebrochen, bis mit der Leipziger

felbft wird, foviel ich bemerken konnte, dadurch keiner- j Disputation die Autorität von Papft, Kirche und Concil

lei erhebliche Modification erleiden. Wem es etwa nur 1 ganz zu Gunflen der Schriftautorität befeitigt ifl. Eine

darum zu thun ifl, die eigene Auffaffung des Verf.'s kennen j Entwicklung feines Schriftprincipes hat feit 1519 bei Lth.

zu lernen, der wird fich auch jetzt noch kurzweg an I nicht mehr ftattgefunden, und Sch., der bisher wefentlich

„Die paulinifchen Briefe im berichtigten Text" vom Jahr chronologifch-hiftorifch vorgegangen war, geht nunmehr

1896 halten. zur fyftematifchen Darlegung über. Es fragt fich: Streben

ci-,r,.K„,~ : rr u T4^if,m^^„ ' die verfchiedenen Linien auseinander, oder laffen fie fich

Straisburg 1. iL. n. rioltzmann. . . n ... r , , ff ' , . , .... ,

** zu einem wemgftens relativ geicnlollenen und einheitlichen

| Ganzen vereinigen? (S. 35).

Scheel, Priv.-Doz. Lic. Otto, Luthers Stellung zur heiligen Luther hat die Autorität der h. Schrift gegründet auf
Schrift. Vortrag, gehalten auf der 14. theologifchen die Erfahrung des Einzelnen: ,Du mufst bei dir felbft im

(2. landeskirchlich-wiffenfchaftlichen) Konferenz am
3. Juli 1902 in Kiel. Tübingen 1902, J. C. B. Mohr.
(77 S. gr. 8.) M. 1.60

Die Studie Scheel's, ein allem Anfchein nach wörtlicher
Abdruck eines auf einer theologifchen Conferenz in Kiel
gehaltenen Vortrags, bietet eine werthvolle Ergänzung zu
der in diefer Ztfchr. 1902 Nr. 21 angezeigten Schrift von
Preufs; eine Ergänzung einmal, fofern diefer fich auf die
Darfteilung bis zur Leipziger Disputation befchränkt hatte,
Sch. aber den ganzen Luther ins Auge fafst, fodann, fofern
diefer überwiegend als Hiftoriker unterfuchte, Sch.

Gewiffen fühlen Chriftus felbft und unweglich empfinden,
dafs es Gottes Wort fei, wenn auch alle Welt dawider
ftritte' — und er ift dem Vorwurf des Subjectivismus begegnet
durch die Ueberzeugung, dafs die Schrift fich
jedem von Gott Gelehrten (Joh. 6, 45) in gleicher Weife
bezeugen werde. Aber in der weiteren Verfolgung diefer
Gedanken ergeben fich Unklarheiten und Abbiegungen
vom urfprünglichen Wege bei Lth. Den Schwärmern
gegenüber betont er die Nothwendigkeit des Wortes als
instrumentum für den Geift, ohne doch auf der anderen
Seite geiftig-pfychologifch den Geift mit dem Worte
ns Herz gelangen zu laffen, da er Geift und Wort als

aber als Syftematiker darftellen will, und endlich, als er parallele Kräfte denkt (f. die Belege und einen Hinweis
die (vom Ref. f. Z. auch beanftandete) Unterfchätzung der auf die analoge Anfchauung bei Duns Scotus und Augu-
mittelalterlichen Elemente in Luther's Denken mit voller ftin S. 40ff.). Kernpunkt der Schrift bleibt Chriftus, an
Abficht überwindet durch ein kräftiges Betonen derfelben: i ihm wird die Autorität der einzelnen biblifchen Bücher
,Man darf nicht vergeffen die mittelalterlichen Elemente, | normirt, daher die bekannte Kritik an denfelben, die,
die mehr als die letzten Refte einer vergangenen Ent- wiederum gegen Kunze, als religiöfe, nicht hiftorifche,
wicklung waren, und die als Schranken Luther felbft | gewerthet wird und auch vor dem Apoftolifchen nicht
nicht zu empfinden vermochte. Wo die Gelegenheit es Halt macht. Aber nun rächt fich der Mangel pfycho-
erheifchte und die Stimmung es forderte, konnten fie ihm logifcher Begründung der Heilserfahrung, die Trennung
eine ftarke Quelle der Kraft werden' (S. 75). Sch. ift ficht- ! von ins Herz greifendem Geift und Schrift; denn dadurch
lieh und mit Erfolg bemüht die von Ritfehl in Lth. ,hin- ■ wird die Herausftellung der Schrift als lediglich objectiver
einprojizierte Stimmung des modernen Menfchen' (S. 74) Autorität ermöglicht, zumal Lth. darauf verzichtet, Inhalt
nicht in ihm zu finden, ihn vielmehr, fo wie er ift, in | und Form des Bibelwortes von einander zu fondern.
feiner zeitgefchichtlichen Befchränktheit mit allen Ecken ; Schwärmern wie Papiften gegenüber wandelt fich die
und Kanten darzuftellen. j Möglichkeit in Wirklichkeit. Lth. redet von einer

Nach einem Ueberblick über den Stand der Contro- j befonderen, unmittelbaren Infpiration der Propheten und
verfe bis hin zu Preufs und der 2, Auflage von Köftlin's j Apoftel und überträgt diefelbe auf die Schrift. ,Die Schrift
Theologie Luther's beginnt Sch. mit einer Darfteilung i ift des h. Geiftes eigenes, fonderlich Buch' (S. 69) ja,
des ,vulkanifchen Bodens' (S. 7), auf dem Lth.'s An- felbft die Verbalinfpiration liegt Lth. nicht fern; ihre
fchauung aufgebaut ift. Hier wird mit Recht die Bedeutung Wirkung zeigt fich in der Anwendung der Allegorie

des Humanismus für die Bibelkritik betont, aber auch
ihre Schranke (,äfthetifche Anfchauung', Mangel des Gewiffens
und der Geduld charaktervollen Forfchens S. 12)
nicht vergeffen. Lth. führen nun im Gegenfatz zum
Humanismus nicht hiftorifche, fondern Heilsintereffen auf
die Schrift: ,die Schrift ift für Lth. die Quelle, weil fie

(f. darüber meine Anzeige von Thomas: Erkenntnisprinzip
bei Zwingli in diefer Ztfchr. 1903 Nr. 5) und Harmoniftik.

Man wird den Ergebnifsen Sch.'s in allen wefentlichen
Punkten zuftimmen müffen. Gerade die Ablehnung einer
Zufchneidung der Lth.'fchen Anficht auf einen modernen
Standpunkt, die Betonung einer,ausgeprägten Offenbarungs-

Gottes Gnade offenbart' (S. 17). Und wenn diefe Gnade theologie Lth.'s' — ,er hat eben vom Evangelium nicht
fich in Chriftus concentrirt, fo ift im Unterfchied von blofs religiös-fittliche Lebenftärkung erwartet' (S. 74) —
Erasmus, der ja auch in Chriftus den Hauptinhalt der I das Sich-Durchkreuzenlaffen verfchiedener Gedanken

Schrift fah, das eben nur um defswillen der Fall, weil
Chriftus die höchfte Gnadenoffenbarung ift — nur
religiöfe, nicht etwa hiftorifche Motive treiben Lth. zu
diefer Chriftusfchätzung (gegen Kunze). Um diefes reli-
giöfen Werthes willen ift die Schrift normativ. Aber wie
weit? Die ganze Schrift oder nur das Wort Gottes in ihr?

gänge unter Verzicht auf Uniformität wirkt wohlthuend.
Endlich einmal ein Lth., wie er ift, und nicht, wie man
ihn haben möchte! Aber ob nicht doch allen verfchieden-
artigen Aeufserungen Lth.'s ein Grundgedanke einwohnt
, der nur je nach Veranlaffung verfchiedene Faffungen
annimmt? Und follte nicht diefer Grundgedanke, mit

Und wie verhält fich diefes zum religiöfen Chriftusprincip? j Sch. zu reden, eben in der ,ausgeprägten Offenbarungs-
Hier ift Lth. nicht ganz klar. Er fcheidet Schrift und theologie' liegen? Sollte es nicht der Gedanke fein, den
Wort Gottes, aber nur logifch; ,alle Worte Gottes find Heilsprocefs rein in der fupranaturalen Sphäre zu halten,
ihm gewogen, gezählt und gemeffen' und darum gilt dem | alles Menfchliche aber abzuweifen? Sch. deutet das felbft
Schriftworte gegenüber das credo quia absurdum — das | mitunter an (vgl. S. 36 u. ö., fpeciell den vortrefflichen
religiöfe Intereffe wandelt fich um in eine rein äufsere Satz S. 46: ,Diefe Sätze (Lth.'s vom ,Chriftus treiben')
Anerkennung der Schrift als göttlichen Wortes. Und auf ! bringen nur in anderer Formulirung den grofsen Gegender
anderen Seite wiederum ift das äufsere Wort entbehr- fatz von Verdienft und Gnade zum Ausdruck'). Unter
lieh, da ,Luther von der Myftik die Vorftellung eines j jenen Gedanken laffen fich die Differenzen bei Lth. einen,
unmittelbaren Wirkens Gottes übernommen hat' (S. 22). I Von dem Gegenfatz gegen die römifche Werkgerechtig-
Oder endlich, um das Zufammentreffen verfchiedener Ge- keit geht er aus und fchiebt allmählich alle Autoritäten
dankenreihen bei Lth. zu vollenden, Auslegungsgarant der | als menfchliche (das ift fein Motiv) bei Seite aufser der
Schrift und in religiöfen Dingen autoritativ ift die Kirche, j göttlichen Autorität der Schrift (f. oben). Als göttliche
Aber in fortfehreitender Entwicklung wird diefe | Gröfse fchwebt fie ihm immer vor. Sofern das Göttliche