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Ausgabe:

1903 Nr. 13

Spalte:

376-378

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lake, Kirsopp

Titel/Untertitel:

Texts from Mount Athos.(Studia biblica et ecclesiastica. Volume V. Part II.) 1903

Rezensent:

Dobschütz, Ernst

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Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 13.

376

des lateinifchen vollftändig ab: Legionensis, Vulgata und
den von Sabatier herausgegebenen Text (ich bezeichne
fie nach ihm als Leg. Vulg. Sab.). Nicht ganz zutreffend
iff es, wenn er den Text des Legionensis ,die älteffe
lateinifche Ueberfetzung' nennt; denn es handelt fich
nur um drei, allerdings ftark abweichende Recenfionen
derfelben Ueberfetzung. Richtig ift aber zweifellos,
dafs Leg. den älteften, wir dürfen fagen: den ur-
fprünglichen Text bietet. Die Abweichungen der
anderen find auch nicht etwa durch Correctur nach dem
Griechifchen entftanden, fondern einfach durch willkürliche
,Verbefferungen', meift ftiliftifche Glättungen oder
Wahl befferer lateinifcher Ausdrücke. Auf Grund einer
ziemlich umfaffenden Vergleichung der Texte glaube
ich Folgendes mit Beftimmtheit fagen zu dürfen:

1) Sehr häufig haben Leg. und Sab. gemeinfam das
Urfprüngliche (dem griechifchen Text entfprechend) gegen
Vulg. Die Beispiele dafür find fo zahlreich und ficher, dafs
es unnöthig ift, Einzelnes anzuführen. 2) Nicht ganz feiten
aber haben auch Leg. und Vulg. das Urfprüngliche (dem
griechifchen Text entfprechend) gegen Sab. Auch die
Beifpiele hiefür find völlig ficher. 3) Einzelne Emendationen
oder Corruptionen haben Vulg. und Sab. gemeinfam
. Aus diefen Beobachtungen ergiebt fich zunächft
der Schlufs, dafs Vulg. und Sab. durch Vermittelung
eines Zwifchengliedes aus dem urfprünglichen in Leg.
erbaltenenen Texte geflohen find. Diefe Schlufsfolgerung
bedarf aber doch noch einer Modification. Es kommen
nämlich auch einzelne Fälle vor, wo Vulg. und Sab.
das Richtige erhalten haben gegen Leg. Namentlich ift
zuweilen in Leg. ein Wort ausgefallen, das Vulg. und
Sab. (oder einer von beiden) erhalten haben. So

1,8 gr. zfi öexazy zov Xioväv
Leg. decima die

Vulg. decima die mensis Sivan

Sab. om.
1,15 gr. reo xvgicp &£m rjucöv

Leg. Domino Deo

Vulg. Domino Deo nostro

Sab. Domino Deo nostro
2,15 gr. to bvouet cov EüiEx7.r9ri istl lögayZ

Leg. nomen tuum est super Israel

Vulg. nomen tuum invocatum est super Israel

Sab. nomen tuum invocatum est super Israel
3,1 gr. Kvqie jcavzogdzcog 6 d-Eoq Lögen)!

Leg. Domine Deus Israel

Vulg. Domine omnipotens Deus Israel

Sab. Domine omnipotens Deus Israel.

Secundär ift im Legionensis auch die ganze Anordnung
des Textes. Auf den Eingang 1,1—4 folgt hier nämlich
zunächft 3,9—5 9 und dann erft 1,5—3,8. Da in diefer
Hinficht Vulg. und Sab. mit unfern griechifchen Hand-
fchriften übereinftimmen, mufs man annehmen, dafs fie
das Urfprüngliche bieten, die merkwürdige Anordnung
in Leg. alfo eine fpätere Umftellung ift. Aus allen
diefen Beobachtungen ergiebt fich demnach folgender
Stammbaum:

Archetypus.

Leg. X

Vulg. Sab.

Dabei ift aber nochmals hervorzuheben, dafs Leg.
vom Urfprünglichen nur durch einzelne Fehler abweicht,
während Vulg. und Sab., jeder in feiner Weife, einen ftark
emendirten Text geben. Gegen unfern Stammbaum fpricht
auch nicht, dafs in ganz vereinzelten Fällen Leg. und

einer |der beiden andern einen emendirten Text geben,
während Vulg. oder Sab. das Urfprüngliche haben. So
2,8 gr. ovx £Ö£?]9r]Lt£v zov jigocmstov xvqIov

Vulg. non sumus deprecati faciem Domini Dei
nostri

Leg. non sumus deprecati Dominum

Sab. non sumus deprecati Deum.
Leg. und Sab. haben hier zwar beide emendirt, aber
jeder unabhängig vom Anderen.

Die Refultate, zu welchen Hoberg hinfichtlich der
Textverhältnifse gelangt ift, ftimmen mit den unferigen
nicht ganz überein. Er fafst fie S. 29 in folgende drei
Sätze zufammen: 1) Der cod. Leg. enthält die ältefte
lateinifche Ueberfetzung. 2) Die Ueberfetzung des cod.
Leg. lag demjenigen vor, von dem die Vulgata in ihrer
urfprünglichen Geftalt herrührt. 3) Der Autor von Sab.
kannte und benützte fowohl die Ueberfetzung des cod.
Leg. als auch die Vulgata. Hiervon halte ich nur die
beiden erften Sätze für richtig, den dritten aber für
falfch. Dem Autor von Sab. wird damit eine feltfam
gekünftelte Arbeitsweife zugetraut. Ungezwungen erklärt
fich m. E. das Textverhältnifs nur durch den oben
conftruirten Stammbaum. Durch denfelben erledigen fich
auch die früheren, nicht glücklichen Aufftellungen über
das Verhältnifs von Vulg. und Sab. (Fritzfche, Exeget.
Handb. zu den Apokryphen I, 175. Reufch, Erklärung
des Buchs Baruch S. 88 f. Kneucker, Das Buch Baruch
S. 141 —163).

Als Beigabe druckt Hoberg auch den fyrifch erhaltenen
Brief des Baruch an die g^2 Stämme im Exil
ab, welcher den Schlufs der (fyrifchen) Baruch-Apoka-
lypfe bildet und auch feparat in manchen Handfchriften
erhalten ift. Er fleht in der fyrifchen Kirche in hohem
Anfehen und ift noch neuerdings in der in Moful er-
fchienenen officiellen Bibelausgabe der Syrochaldäer
mitten unter den kanonifchen Büchern abgedruckt worden
(Inblia sacra juxta versionein simplicem quae dicitur
Pschitta, Mausiii 1887—1888). Hoberg giebt den Text
nach diefer letzteren Ausgabe. Aus der Bibliographie,
welche er S. 86 giebt, geht hervor, dafs ihm die auf
zehn Handfchriften gegründete kritifche Ausgabe von
Charles unbekannt geblieben ift (Charles, The apoca-

lypse of Baruch, translated from the Syriac.....

chapters LXX VI 11— LXXX VII the epistle of Baruch from
a new and critical text based on ten MSS and published
herewith. London 1896).

Göttingen. E. Schürer.

Lake, Kirsopp, Texts from Mount Athos. (Studia biblica
et ecclesiastica. Essays, chiefly in biblical and pa-
tristic criticism by members of the university of
Oxford. Volume V. Part II.) Oxford 1902, Clarendon
Press. (S. 89—185. gr. 8.) 3 s. 6 p.

Wenn Einer das Glück hat, auf den Athos zu reifen,
fo hat er nicht nur vieles zu erzählen (die Athosliteratur
wächft eben zufehends), fondern auch manches Intereffante
mitzubringen: welch' überrafchende Entdeckungen haben
uns Wobbermin und von der Goltz gebracht! So hat
auch Kirfopp Lake, der fich durch eine treffliche Studie
über Codex 1 der Evangelien und feine Gruppe als ein
ebenfo forgfältiger wie klarfehender Mitarbeiter an der
Textkritik des Neuen Teftaments vortheilhaft eingeführt
hat, in diefem Heft allerlei werthvolle Materialien mit-
getheilt, die er auf dem heiligen Berge gefammelt, als
praktifcher Engländer mehr mit der Camera arbeitend
als mit der Feder. Seine Photographien find auf der
Bodleiana deponirt und flehen dort der Benutzung frei.

An erfter Stelle erhalten wir eine Studie über die
1886 von Gregory entdeckte Majuskelhandfchrift 97. Lake
giebt vollftändig den Text des Marc, (die Hdfchr. beginnt
erft mit 96) und Collationen für Luc, Joh. und als Probe