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Ausgabe:

1903 Nr. 1

Spalte:

15-16

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lea, Henry Charles

Titel/Untertitel:

The Moriscos of Spain: their conversion and expulsion 1903

Rezensent:

Ficker, Gerhard

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Seite 1

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15 Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 1. 16

oder fich gewandelt haben, diefen zeitlich einzuordnen. I
Von den gröfseren Kirchen wurden die der hl. Salfa in
Tipafa (Mauretanien) und die grofse (donatiftifche) von
Tebeffa vermuthlich im 4. Jahrhundert errichtet, fpäter
aber erweitert. Die letztere erhielt verfchiedene Anbauten
, die fie fchliefslich zu einem befefligten klöfter-
lichen Complexe machten. In byzantinifcher Zeit, wo
oberflächlich und mit Verwendung antiken Materiales
gebaut wurde, liebte man es, etwa ßfchiffige Kirchenanlagen
zu 5fchiffigen zu erweitern. Beifpiele von Central-
oder Rundbauten aus byzantinifcher Zeit finden fich in
Algerien nicht. Die Kirchen lagen wie in Gallien und
Italien an der Grenze der römifchen Städte, z. B. in
Timgad, dem afrikanifchen Pompeji (vormals Thamugadi).
Dafs fie aus Civil-Bafiliken zu heil. Bafiliken geworden
wären, findet Gfell nicht erweisbar. In mehreren Kirchen
(Cast. TingitanumyTheveste, Lamigigga, Tipasd) finden
(ich fpätere Bifchofsgräber vor, in noch zahlreicheren
Fällen Spuren von Märtyrergräbern, meift an der (örtlichen
) Apfis (Nr. 22 donatiftifche Heilige Robba, Schwerter
des Bifchofs Honoratus von Aquae Sirenses, 434).
Die Zahl. der kleineren Gebäude (darunter memoriae
martyrum, gegen deren übertriebene Einrichtung das
karthagifche Concil vom 13., Sept. 401 vorging) ift grofs;
vorn an der Apfis, wo nach dem III. Carthaginiense
(Bruns I 127 f.) die Wiederaufnahme von Poenitenten
durch Handauflegung gefchah, findet fich in Matifou
(vormals Rusguniae) ein Agapentifch. Eine wichtige Zu-
fammenftellung der verfchiedenen Bau-Merkmale, die
die nordafrikanifchen Kirchen der fyrifchen und ägypti-
fchen Baugruppe näher ftellen als der römifchen, giebt
Gfell II p. 149 h EinelocaleEigenthümlichkeit der Kirchen
des weltlichen Numidien und der Sitifenfis befteht darin,
dafs die Säulenreihen nach der Facaden- und Fondmauer
zu durch Halbfäulen abgefchloffen werden; Doppelfäulen
am Mittelfchiff oder Säule nebft Pfeiler in der Querrichtung
des Baues finden fich in gröfseren Kirchen durch ganz
Nordafrika. Beifpiele biblifcher Darftellungen f. II p. 63.
155 A. 3. 197. 225.

Man kann nur wünfchen, dafs von berufener Seite
bald ein Handbuch von ähnlicher Knappkeit wie das
Gfell'fche auch für den kleineren, örtlichen Theil Nord-
afrika's, das Gebiet von Tunefien, gefchaffen werde.
(Les monuments historiques de la Tunisie I (1899) behandeln
zuvörderft nur die römifchen Tempel; vergl. Schul-
ten's Befprechungen in den Gött. gel. Anzeigen.)

Betheln in Hann. E. Hennecke.

Lea, Henry Charles, LL.D., The Moriscos of Spairf: their
conversion and expulsion. Philadelphia 1901, Lea Brs.
(XII, 463 S. gr. 8.)

Der verdiente amerikanifche Hiftoriker Lea hat feinen
Verdienften ein neues hinzugefügt, indem er die Gefchichte
der Moriskos in Spanien in einer befonderen Publication
behandelte. Er bereitet eine allgemeine Gefchichte der
Inquifition in Spanien vor; das für eines ihrer Capitel
gefammelte Material hat er zu dem vorliegenden Buche
verarbeitet. Sein Werth liegt nicht nur darin, dafs es
fich ftützt auf urkundliches Material, handfchriftliches
wie gedrucktes; die Reichthümer der fpanifchen Archive
werden wenige fo gut kennen, wie Lea; er hat eine Menge
neues Material aus ihnen benutzt und zum Theil in dem
Anhange zum Abdruck gebracht; die meiften der abgedruckten
Stücke flammen aus dem Archive von Simancas,
das unerfchöpflich zu fein fcheint; aber auch das Archivo
Historico National in Madrid hat Beiträge geliefert. Jeder
neue Beitrag zurKenntnifsder fpanifchen Kirchengefchichte
ift willkommen; denn da die fpanifchen Gelehrten ver-
hältnifsmäfsig nur wenig aus ihren urkundlichen Schätzen
publiciren, find wir noch immer nur fehr lückenhaft
unterrichtet. Aber nicht nur in der Verwerthung und

Publication von neuem Material liegt die Bedeutung des
Buches; die Darfteilung felbft und die Beurtheilung der
dargeftellten Vorgänge ift das Bedeutende. Gegenüber
neueren Verfuchen, die Wirkfamkeit der Kirche und der
Inquifition gegen Mauren und Morisken als möglichft
harmlos darzuftellen, zeigt Lea, wie die mittelalterliche
Kirche und zwar im Grunde fie allein verantwortlich zu
machen ift für die Behandlung der Morisken und ihre
Vertreibung. Der religiöfe Fanatismus, die Intoleranz
der leitenden Kreife haben die chriftianifirten Mauren
zur Empörung, haben fchliefslich zu ihrer Vertreibung geführt
. Gewifs haben politifche Erwägungen die Herrfcher
mitbeftimmt, den wohlhabendften und fleifsigften Theil
der Bevölkerung aus dem Lande zu verjagen; dafs aber
eine Verfchmelzung zwifchen den alten Chriften und den
mit Gewalt chriftianifirten Mauren nicht möglich war, ja
dafs die Gegenfätze zwifchen ihnen fich immer mehr ver-
fchärften, fo dafs als letztes Mittel nur die Vertreibung
übrig blieb, ift hauptfächlich dem graufamen und intoleranten
Geilte der mittelalterlichen Kirche, wie er fich in
der Inquifition äufsert, zuzufchreiben. Lea fchildert nicht
nur den gefchichtlichen Verlauf der Dinge von der ge-
waltfamen Bekehrung der Mauren an bis zur Vertreibung
der Moriskos; in befonderen Capiteln wird von der Thätig-
keit der Inquifition und der Lage der Morisken im Allgemeinen
gehandelt. Die Kirche liefs es mitunter fehlen
an den einfachften Mitteln, die Moriskos zu gewinnen;
fie verlangte nicht einmal von denen ihrer Diener, die es
mit ihnen zu thun hatten, die Kenntnifs des Arabifchen;
das Mifstrauen gegen einander war auf beiden Seiten das
denkbar gröfste. Für die Inquifition bot fich ein weites
Feld. Freilich müffen die Vorftellungen von der ungeheueren
Zahl der Verbrennungen ermäfsigt werden; Lea
hat es fich angelegen fein laffen, in den Anmerkungen
ftatiftifche Belege zu geben. Aber die übrig bleibende
Zahl ift immer noch grofs genug. Der unverftändige
Eifer und der lieblofe Fanatismus des Cardinais Ximenes
werden gebührend hervorgehoben; wenn man diefen Mann
wegen feiner Reformthätigkeit preift, follte man doch nie
vergeffen, dafs auch er ein Vertreter des graufamen und
lieblofen Geiftes des Mittelalters ift. Lea bringt den
Niedergang Spaniens in Zufammenhang mit der Vertreibung
der Morisken. Statt dafs, wie die Kirchenmänner
meinten, ein goldenes Zeitalter angebrochen
wäre, ging alles im Reiche zurück; Lea belegt es mit
Zahlen. Jedes andere Land hat fich aus Zeiten des
Niedergangs — in manchen Ländern war er noch gröfser
als in Spanien — und des Unglücks wieder herausarbeiten
können; nur das Land, in dem die katholifche
Kirche die vollfte Bewegungsfreiheit gehabt hat, ift
von Stufe zu Stufe gefunken. Man möge die Gedanken
darüber bei Lea felber nachlefen. So hat fein Buch auch
für die Gegenwart eine befondere Bedeutung, und wir
wünfchten, dafs es in viele Hände käme.1)

Halle a. S. Gerh. Ficker.

1) Anm. Zu gleicher Zeit erfchien ein den gleichen Gegenftand behandelndes
fpanifches Werk: Los moriscos espanoles y su expulsion.
Esiudio historico-critico por D. Pascual Boronat y Barrachina, Prbo.
(L. de Ontalvilld) con un prölogo del Excmo. Sr. B). Manuel Danvila
y Collado. Con licencia eclesiästica. Valencia, 1901: Jmprenta de Francisco
Vives y Mora. 2 Bde. (LIX, 690 u. VII, 744 S.) Preis: 15 refp.
25 ptas. Danvila hatte fich fchon früher um die Gefchichte der Morisken
bemüht. Der Priefter Boronat, der unter dem Pfeudonym L. de Ontalvilla
verfchiedene kirchengefchichtliche Bücher fchrieb, hat in den Anhängen
ein ungemein reiches urkundliches Material mitgetheilt. Seine Darfteilung
ift, foweit ich nach einer flüchtigen Durchficht urtheilen kann, für die
mittelalterliche Kirche apologetifch gehalten; insbefondere fucht er den
Erzbifchof von Valencia, D. Juan de Ribera, zu entfchuldigen.