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Ausgabe:

1903

Spalte:

374-376

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hoberg, Gottfried

Titel/Untertitel:

Die älteste lateinische Uebersetzung des Buches Baruch 1903

Rezensent:

Schürer, Emil

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Theologifche Literaturzeitung. 19/33. Nr. 13.

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ziehung kommt natürlich vornehmlich die Religion Zara-
thuftra's in Betracht (S. 457), und hier mufs die Oppofition
J.Böhmer's(S.85) doch wohl verdummen vor derThatfache,
dafs der definitive Sieg des Göttlichen dort fo gut feftfteht,
als in der jüdifchen und urchriftlich-jüdifchen Theologie,
folglich der Dualismus beiderfeits nur ein relativer ift
(S. 484). Mehrfach erfahren wir gelegentlich, dafs die
perfifche Vorftellung vom Krieg gegen den Teufel vermengt
erfcheint mit noch altem, babylonifchen Mythen
vom Kampfe Gottes mit den Weltungeheuern, zumal dem
Drachen (S. 208. 239. 326. 472. 486), wie in der chrift-
lichen Apokalypfe (Gunkel). Zumeift dadurch, dafs folche
kosmologifche Mythologumene und univerfaliflifche Spe-
culationen fich über den altisraelitifchen Meffianismus
lagern oder unausgeglichen daneben treten (S. 475), ift
die Religion des Spätjudenthums zu jenem widerfpruchs-
vollen Gebilde geworden, als welches wir fie in diefer
ausgezeichneten wiffenfchaftlichen Leiftung kennen lernen,
um zu dem Schluffe zu gelangen, dafs zu dem Werden
des Chriftenthums nicht blos Eine Religion beigetragen
hat, fondern ein weltgefchichtlicherContact der Religionen,
ein Zufammenfluthen der nationalen Culturen vom Eu-
phrat und Tigris bis nach Alexandria und Rom (S. 493).
Aber — ,wir haben überall neue Flicken auf einem alten
Kleid, neue Schläuche, aber keinen neuen Wein, neue
Anfätze die wieder verkommen, Keime, die fich nicht
entfalten' (S. 450). Alfo keine Rede davon, dafs fich aus
einfacher Potenzirung oder Multiplication folcher F"ac-
toren das Wefen des Chriftenthums herausrechnen liefse!
Von vielen leichten Druckfehlern abgefehen 1. S. 6 Z. IO
v. u. Biblio-, S. 88 Z. 13 v. o. Dem Philo, S. 158 Z. 21 v. u.
Mittwoch (ftatt Dienftag), S. 177 Z. 18 v. u. 97 (ftatt 91),
S. 289, Z. 11 v. u. 175, S. 362 Z. 8 v. u. -pn, S. 363 Z. 8
v. u. Piü, S. 400 Z. 13 v. o. 119, S. 403, Z. 13 v. u. fchöne-
ren, S. 489 Z. 2 v. u. aipp.

Strafsburg i. E. H. Holtzmann.

Mummert, Ritter d. hl. Grabes, Pfr. Dr. theol. Carl, Topographie
des alten Jerusalem. Erfter Teil: Zion und Akra,
die Hügel der Altftadt. Leipzig 1902, E. Haberland.
(XI, 393 S. gr. 8.) M. S.Unter
den verfchiedenen Publicationen, welche der
gelehrte Paläftina-Forfcher in rafcher Folge hat erfcheinen
laffen (f. Theol. Litztg. 1902, Nr. 2 und 1903 Nr. io),
fcheint mir diefe die am wenigften erfreuliche. Er vertritt
hier die Anficht Tobler's, dafs die ,Akra', d. h.
die zur Zeit des Antiochus Epiphanes an der Stelle der
alten Davidsftadt erbaute Burg, auf der örtlichen Abftufung
des grofsen Weft-Hügels, alfo zwifchen ,Oberftadt' und
Tempelberg gelegen habe. Man kann diefe Anficht einen
Compromifs zwifchen den wirklichen Thatfachen der Ge-
fchichte und der fpäteren Tradition nennen. Nach derGe-
fchichte lieht feft, dafs die Akra an der Stelle der Davids- j
ftadt gelegen hat (I Makk. 1, 33- 2> $»• 7> 32- 14. 36), die
Davidsftadt aber auf dem Zion (II Sam. 5, 7.1 Reg. 8, 1) j
und zwar in der Nähe des Siloah (Nehem. 3, 15). Aus
letzterem Grunde ergiebt fich, dafs die Akra im Süden
Jerufalems zu fuchen ift. Dies wird von Tobler und
Mommert anerkannt. Da aber in der ,Tradition' feit dem
4- Jahrh. nach Chr. fich die Meinung feftgefetzt hat, dafs
der Zion der grofse weltliche Hügel fei, fo verlegen fie
die Akra auf diefen, und zwar auf deffen örtliche Abftufung
, in möglichfte Nähe des Siloah. Jener ,Tradition'
von der Identität des Zion mit dem weltlichen Hügel 1
flehen jedoch fichere Zeugnifse des Alterthums entgegen, |
vor allem die des erlten Makkabäerbuches, wornach der
Zion der Hügel ift, auf welchem der Tempel lag, alfo der
öftliche (I Makk. 4, 37- 6a 5, 54. 7, 33. 14, 27). Die
Davidsftadt und die Akra müffen daher auf dem füdlichen
Ausläufer des örtlichen Hügels gelegen haben. Man
darf fagen, dafs dies gegenwärtig von Allen anerkannt ift,

welche nicht durch jene ,Tradition' fich gebunden er-
J achten. Es find daher hauptfächlich katholifche Theologen,
, welche letztere noch vertheidigen (Gatt, Rückert, Alfons
Schulz, f. meine Gefch. des jüd. Volkes I, 3. Aufl.
S. 199). Mit dem Zeugnifs des 1. Makkabäerbuches mufs
man (ich dabei durch die preeäre Annahme abfinden, dafs
,Zion' hier nicht im eigentlichen, topographifchen Sinn zu
nehmen fei, fondern im idealen: es fei foviel wie ,der heilige
Berg' (fo bef. Rückert, f. Theol. Litztg. 1899, Sp. 332).

Indem Mommert fich der Hypothefe Tobler's an-
fchliefst, bringt er zur Begründung derfelben nichts Neues
von Bedeutung. Sein Buch leidet vielmehr in hervorragendem
Mafse an einem formellen Fehler, der freilich
auch feinen anderen Publicationen anhaftet. Er läfst die
anderen Forfcher, mit welchen er fich auseinanderfetzt, fo
ausgiebig zu Worte kommen, dafs er aus ihren Arbeiten
oft grofse Abfchnitte von 2 bis 10 Seiten, ja bis zu
zwanzig und dreifsig Seiten wörtlich abdruckt. Nach einer
ziemlich genauen Berechnung, welche ich angefleht habe,
nehmen diefe Abdrücke fremder Texte die volle
Hälfte von Mommert's Buch, nahezu zweihundert
Seiten, ein (!!). Am fchlimmften ift dies in dem letzten
Abfchnitt, wo er die Anficht bekämpft, dafs der Zion der
örtliche Hügel fei. Nachdem er hier S. 327 h die Gründe
feiner Gegner aufgezählt hat, giebt er nicht etwa eine
eigene Erwiederung, fondern druckt ftatt deffen 37 Seiten
aus Rückert ab (S. 328—365), obwohl er diefem nicht
einmal ganz benimmt. Es ift mir in der wiffenfchaftlichen
Literatur kein Buch bekannt, welches in folchem Umfange
mit der Papier-Scheere gearbeitet wäre.

Göttingen. E. Schürer.

Hoberg, Prof. DD. Gottfried, Die älteste lateinische Ueber-
setzung des Buches Baruch. Zum erlten Male herausgegeben
. Freiburg i. B. 1902, Herder. (VII, 91 S.
hoch 4.) M. 3.—

Von der lateinifchen Ueberfetzung des Buches Baruch
kannte man bisher zwei Recenfionen: 1) die in die Vulgata
aufgenommene, 2) eine zuerft von Jofeph Caro, Rom 1688,
und dann von Sabatier, llibliorum sacrorwn Latinae
versiones antiquae t. II, herausgegebene. Durch Hoberg
wird uns nun eine dritte geboten, und zwar zweifellos
die urfprüngliche. Sie ift erhalten in einer für die Ge-
fchichte des lateinifchen Bibeltextes auch fonft wichtigen,
aber noch nicht genügend benützten Bibelhandfchrift des
Collegio vom heiligen Ifidor zu Leon in Spanien {Codex
Golhicus Legioncnsis, datirt vom J. 960). Nach einer Notiz
vonViolet bei Thielmann, Sitzungsberichte der Münchener
Akademie, philof.-philol. und hift. Gl. 1899, Bd. II, S. 239
ift übrigens derfelbe Text auch noch in zwei anderen
Handfchriften zu Leon enthalten, 1) in einer Abfchrift
des Codex Gothicus, datirt vom J. 1162, ebenfalls im
Collegio von S. Ifidor, und 2) in der Bibelhandfchrift
Nr. 6 der Kathedrale zu Leon saec. X. Hoberg hat nun
aber leider keine diefer drei Handfchriften von Leon
bentitzt, fondern nur eine Abfchrift des codex Gothicus,
welche fich in der vaticanifchen Bibliothek in Rom befindet
{cod. Vat. Int. 4859). Diefer vaticanifche Codex
befteht gröfstentheils aus einer gedruckten Bibelausgabe,
in welche die Abweichungen des codex Gothicus Legionensis
eingetragen find. Für einige. Bücher aber (Pfalmen, Tobias
, Judith, Baruch) ift der gedruckte Text d urch eine
Abfchrift des cod. Goth. Leg. erfetzt. Die Arbeit ift im
J. 1587 vom damaligen Bifchof von Leon für den Cardinal
Caraffa angefertigt worden.

Obwohl es zu bedauern ift, dafs Hoberg für feine
Ausgabe nicht die beiden Handfchriften von Leon aus
dem 10. Jahrh., fondern nur eine Copie der einen aus
dem 16. Jahrh. benützen konnte, ift das von ihm Gebotene
doch fehr dankenswerth. Er druckt in vier Co-
lumnen neben dem griechifchen Text die drei Recenfionen