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Ausgabe:

1903 Nr. 12

Spalte:

364-365

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bruckner, Albert

Titel/Untertitel:

Der alte Weg zum alten Gott 1903

Rezensent:

Niebergall, Friedrich

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Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 12.

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jedermann mit hoher Achtung nicht nur die Bereitwilligkeit
, mit derComba die gefammte Literatur und Forfchung
über das Waldenferthum benütz.t, fondern auch den rück-
haltlofen und tapfern Wahrheitsfinn anerkennen, mit dem
er nun feit 23 Jahren den Legenden, die feine kirchliche
Gemeinfchaft umfponnen und verherrlicht haben, entgegentritt
und eine wirklich gefchichtliche Anfchauung
zu verbreiten fucht.

Breslau. Karl Müller.

Buchwald, D. Georg, Geschichte der Evangelischen Kirche.

(Schloefsmann's Bücherei für das chriftliche Haus.
Band I.) Hamburg 1902, G. Schloefsmann. (IV, 256 S. 8.)

Geb. M. 2.—

Die .Bücherei' Schloefsmann's will ,dem chriftlich ge-
finnten und kirchlich intereffierten evangelifchen Haufe'
dienen und ,der gebildeten Familie dauernd wertvollen
Stoff zu ernfter Belehrung und genufsreicher Unterhaltung
darreichen'. Den Anfang dazu macht G. Buchwald mit
der Gefchichte der evangelifchen Kirche, die auf 256
Seiten kleinen Formats den grofsen Stoff in gefchickter
Weife bewältigt und der Familie wirklich werthvollen
Stoff bietet, den B. in drei Hauptabfchnitte nach Jahrhunderten
(1. Das Jht. der Reformation S. 11—84. 2. Das
fiebzehnte und achtzehnte Jht. S. 85—154. 3. Das neunzehnte
Jht. S. 155— 256) gliedert, eine Eintheilung, die j
in der altproteftantifchenDarftellung der Kirchengefchichte
üblich war, aber heutzutage nicht für fachgemäfs gilt, da !
Zufammenhänge zerriffen und erzwungene Verbindungen
gefchaffen werden müffen. Das zeigt fich auch bei B., z. B.
beim zweiten Hauptabschnitt, deffen erfter Theil die Ueber-
fchrilt trägt: Das Zeitalter des Pietismus, und hier zuerft
die Gefchichte des dreifsigjährigen Krieges giebt, dann j
dieBildung derreformirten KirchenDeutfchlandsbehandelt
und auf Friedrich III. von der Pfalz, Urfinus und Olevianus
zurückgreift, und doch ift die Entftehung des dreifsigjährigen
Krieges und die Haltung der lutherifchen Fürften !
beim Beginn des Kriegs gar nicht zu verftehen ohne
Berückfichtigung des Gegenfatzes der Lutheraner und
der Reformirten und der eigenartigen politifchen An-
fchauungen der letzteren, die gegenüber den confervativen
Lutheranern diePartei der fortschrittlichen Draufgänger bilden
. Aber Buchwald's Eintheilung ift, das ift zuzugeftehen,
für das evangelifche Haus überfichtlicher und einfacher.
Sehr anerkennenswerth ift die ftete Beachtung des
kirchlichen Lebens, dem ein anfehnlicher Raum zugewiesen
ift, fo Predigt und Kirchenlied, Liebesthätigkeit,
Vereinsthätigkeit, Preffe, religiöfe Literatur und Kunft.
Im Reformationsjahrhundert hat B. die Liebesthätigkeit
übergangen, und doch ift es für die Familie von hohem
Werth, nachgewiefen zu fehen, dafs die Reformation
auch hier nicht zerftört, fondern neu aufgebaut hat. Ref.
verweift auf feine hieher gehörende Bemerkung in der
Befprechung von Baum's Kirchengefchichte für das chriftliche
Haus in diefer Nummer.

Der Umfang des Büchleins legte dem Verf. Schranken
auf und nöthigte ihn, den Stoff zufammen zu drängen; aber
die Kürze bringt doch leicht die Genauigkeit der Dar-
ftellung in Gefahr. Ref. hat eine Stichprobe mit der
Gefchichte der Reformation Württembergs gemacht.
S. 60 aber fcheint Buchwald anzunehmen, dafs das Land
1534 an den Herzog Chriftoph kam, von dem er fagt,
er habe dann der Reformation die Wege geebnet, während
doch fein Vater Ulrich die Reformation durchführte, die
ihre Dauerhaftigkeit auch im Interim bewährte. Wenn
S. 47 die Annahme des Interims in W. der durch die 1
Kurfürften von Brandenburg und von der Pfalz und den
Landgrafen von Heffen gleichgeftellt ift, trifft das den Sachverhalt
nicht genau. Vgl. des Ref. Schrift „Das Interim in j
Württemberg". B. nennt S. 63 die Täufer die ,Refte volks-
thümlicher vorreformatorifcher Bewegungen'; das ift nicht !
ganz deutlich. Man könnte diefe Worte für Keller's un- i

haltbare Aufftellung von den altevangelifchen Gemeinden
in Anfpruch nehmen; aber B. wird kaum mehr fagen
wollen, als dafs bei den Täufern mittelalterliche Anfchau-
ungen nachwirkten. Die Einreihung der Bauernbewegung
unter die Schwarmgeifterei S. 29, 82 trifft m. E.
j für Süddeutfchland nicht zu. Denn unter den füddeutfchen
Bauern war ein guter Theil noch gar nicht von dem
Geift der Neuzeit berührt; auch ift die fociale Frage,
welche die Bauern bewegte, viel älter als die Predigt
des Evangeliums durch die Reformatoren. Zu allgemein
ift der Satz S. 9: ,Das deutfche Volk feufzte nach Freiheit
vom römifchen Joch'. Das gefchah nicht in den Gra-
vamina der deutfchen Nation und war auch nicht der
erfte Gedanke Luther's. Im Jahr 1886 hat Referent die
Herkunft von Paul Speratus in den Bl. f. w. K.-G.
(Beiblatt zum Ev. K.-Bl. f. Württb.) Jahrg. 1, Nr. 4 u. 5
einer eingehenden Unterfuchung unterzogen und S. 31
geäufsert, die falfche Angabe, dafs er aus Rottweil flamme,
werde ohne Zweifel noch Jahrzehnte lang in den Handbüchern
der Literatur- und Kirchengefchichte fortge-
fchleppt werden. Wirklich findet fie fich S. 73. Es kann
nicht auffallen, dafs B. jene aufserhalb Württembergs
wenig gekannten Blätter überfehen hat, aber feitdem
hat Tfchackert feine bekannte Biographie von Speratus
(Halle 1891) veröffentlicht, in der fchon auf dem Titel
Rötlen als feine Heimath angegeben ift.

Nabern. G. Boffert.

Schleiermacher's, Friedrich, Monologen. Kritifche Ausgabe
. Mit Einleitung, Bibliographie und Index von
Friedrich Michael Schiele. (Philofophifche Bibliothek,
Band 84.) Leipzig 1902, Dürr'fche Buchh. (XLVI,
130 S. 8.) M 1.40

Der Werth diefer mit grofser Sorgfalt ausgearbeiteten
Publication beruht darauf, dafs fie ,buchftabenge-
treu' den urfprünglichen Text der Monologen vom Jahre
1800 darbietet. In einem Fufsnotenapparat werden die
Veränderungen der zweiten und dritten Ausgabe von
1810 und 1822 mitgetheilt. Sie find, einfchliefslich der
auf die Interpunction bezüglichen, zum Theil wirklich
bedeutfam. Geringere Tragweite haben die Eigentümlichkeiten
der vierten Ausgabe von 1829; doch werden auch
fie wenigftens im Vorwort angeführt. Die Einleitung
vertritt ein klarer und anziehender Auffatz über die
Entftehung der Monologen, der zugleich Auffchlufs er-
theilt über Schleiermacher's damalige ,Anfchauung vom
Werte des Lebens, von der Humanität und der Individualität
'. Dazu kommt eine bibliographifche Lifte der
Schriften, die fich mit der philofophifchen Ethik des
grofsen Theologen befaffen. Den Befchlufs bildet ein
Index, der eine Ueberficht geben will über die eigentümliche
Sprache in den Monologen, foweit es fich um
grundlegende Begriffe des Schleiermacher'fchen Philo-
fophirens handelt. Geftrichen ift die Kirchmann'fche
biographifche Skizze. Man wird dem Herausgeber für
feine Beilagen dankbar fein, mehr noch und ganz befon-
ders für die Darfteilung der mancherlei Wandlungen im
Text, deren Kenntnifs in derThat Einiges abwirft nicht nur
für das Verftändnifs der edirten Schrift, fondern auch
für die Einficht in die Gedankenentwicklung Schleiermacher
's.

Strafsburg i. E. E. W. Mayer.

Bruckner, Pfr. Lic. Albert, Der alte Weg zum alten Gott.

Gedanken und Betrachtungen über wichtige Fragen
des chriftlichen Glaubens. Mit Vorwort von Prof. Dr.
O. Kirn. Schkeuditz-Leipzig igoo, W. Schäfer. (VII,
in S. 8.) M. 1.20; geb. M. 2.—

Die von dem etwas pointirten Obertitel erweckte
Erwartung einer Vertheidigung des alten überlieferten