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Ausgabe:

1903

Spalte:

335-338

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schulze, Martin

Titel/Untertitel:

Calvins Jenseits-Christentum in seinem Verhältnisse zu den religiösen Schriften des Erasmus untersucht 1903

Rezensent:

Köhler, Walther

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Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. M.

336

Schulze, Lic. Prof. Martin, Calvins Jenseits-Christentum in
seinem Verhältnisse zu den religiösen Schriften des Erasmus
untersucht. Görlitz 1902, R. Dülfer. (V, 75 S. gr. 8.)

M. 1.60

Die vorliegende Schrift Schulze's ift eine Ergänzung

mehr als ,eine angenehme Zugabe der Offenbarung' (S.68)
erfcheint, während das Hauptintereffe der meditatio mortis
fich auf das ,Nur hinüber' concentrirt.

Der alfo kurz fkizzirten fachlichen Uebereinftimmung
fteht eine formelle häufig zur Seite. Durch Sperrdruck
hat Sch. dem Lefer den Vergleich leicht gemacht, und

zu feiner gröfseren, in diefer Ztfchr. (1901 Sp. 483 f.) von wenn man die Einzelfälle zufammenaddirt, kann m. E.
Lobftein befprochenen Arbeit über die meditatio futurae . das Refultat nicht zweifelhaft fein, dafs in der That
vitae als einen dominirenden Begriff in Calvins Gedanken- j Erasmus die Grundlage für Calvin's Anfchauung
fyftem. Hatte Sch. hier die dogmengefchichtliche Genefis S von der meditatio vitae futurae bildet. Diefe Wirk-
der um jenen Begriff gruppirten Vorftellungen vornehm- j ung des Erasmus nachgewiefen, fpeciell die platonifchen
lieh — fo flark, dafs die Reflexion auf andere Quellen Reminifcenzen bei Calvin zumeift durch ihn erklärt zu
für den Lefer ganz zurücktreten mufste — in Plato ge- haben, wird ein Verdienft Sch.'s bleiben. Aber ich möchte
fehen, fo wird zwar jetzt am directen Einfluffe des grie- ] doch dreierlei zu bedenken geben :

chifchen Philofophen noch feftgehalten (S. 2), auch aus- 1) Es wird ein erheblicher Abftrich an dem Einflufs

drücklich (S. 1 und befonders S. 74) die Bibel und j des Erasmus trotz allem vorgenommen werden müffen.
traditionelle dogmatifche Stoffe (die letzteren allerdings Das geht doch zu weit, dafs ,manches Traditionelle von
fofort wieder mit Limitation) als Quellen anerkannt, aber | dem herangezogenen Stoffe vor allem auch fozufagen
,die Idee der meditatio mortis oder futurae vitae felbft mit ! durch den Kanal der Schriften des Er. Calvin zugeftrömt
ihren verfchiedenen Momenten und ihren hauptfächlichen fein dürfte' (S. 74). Warum denn das? Hat denn C. etwa

Beziehungen hat abgefehen von ihrem Erzeuger der
berühmte Humanift [Erasmus] und er bereits in chriftlicher
Umbildung — foweit von einer folchen die Rede fein
kann — dem franzöfifchen Reformator entgegengebracht'.
M. a. W., es kommt Sch. auf den Nachweis der medi-

nur diefen Humaniften gelefen ? Man wird doch bedenken
müffen, dafs die ganze Weltanfchauung des Mittelalters,
die die Reformation wohl an einzelnen Punkten corrigirt,
aber nicht principiell befeitigt hat, auf dasjenfeits weil auf
das Supranaturale geftimmt war, dafs hier alles, was ,Welt'

tatio futurae vitae bei Erasmus an, und zwar fucht Sch. war, einen Hemmfchuh bedeutete (bellen Falles, wie bei
von allgemeinen Berührungen möglichft zu fpeciellen, j den Reformatoren ein Adiaphoron, das aber um defs-
oft wörtlichen vorzudringen. Dafs diefe zum guten Theile | willen ebenfalls minderwerthig blieb), dafs man nur mit

in die Anmerkungen verlegt find, wodurch die Leetüre
etwas erfchwert wird, erklärt fich daraus, dafs die Abhandlung
urfprünglich als Vortrag dem Breslauer theol.
Vereine gedient hat.

Es ift ohne Weiteres zuzugeben, dafs die meditatio fu-

Zagen und nicht ohne den aufgedrückten Stempel be-
fonderer göttlicher Autorifation (in der Gleichung lex natu-
rae = jus divinum) eine Compromifsethik gefchaffen hatte,
während das Sehnen und Verlangen doch herausdrängte
aus derfelben und hinein in das rein Göttliche, wie es

turae vitae fich bei Erasmus [Sch. fagt ftets: beim E., ebenfo: j dasjenfeits verhiefs und der Tod es erfchlofs. (Auf den
beim Calvin!] findet. Nicht nur, dafs er einen liber,quomodo 1 Einzelnachweis kann ich hier verzichten; jeder mittelal-
se quisque debeat praeparare ad mortem, eine de con- terliche Schriftfteller und auch die Reformatoren be-
temptu mundi epistola, eine declamatio de morte gefchrieben ] legen das Gefagte.) Da war der Sache nach eine medi-

hat, er kennt wie Calvin die Weltverachtung und Todes-
fehnfucht und llützt diefen Peffimismus auf die vanitas
vitae, während aller Optimismus hier Glaubensfchwäche
bedeutet. Est igiturper omnem vitam Jiaec mortis meditatio
exercenda (S. 11, Anm. 3). Die Ethik ift infolgedeffen
negativ: abnegatio sui, mortificatio carnis. Das ganze fitt-
liche Leben ift Vorbereitung und Uebung auf das Jen-
feits, — und wie Calvin beruft er fich dafür auf Plato,
deffen philofophifche Anfchauung wir nur ins Chriftliche
zu überfetzen haben — beffer noch: Vorbereitet werden,
da Chriftus in uns wirkt, unfer freier Wille hingegen
nichts ift; es ift ein ,Mönchtum der Gefinnung' (S. 30),
das in Geduld und Demuth als Kreuz {meditatio mortis
= crux S. 26) hinzunehmen ift und langfam der vita futura
entgegenführt. Zu einem unbefangenen Gebrauche des
Irdifchen kann es unter diefen Umftänden natürlich nicht

tatio vitae futurae ohne Weiteres gegeben — warum
follte alfo das Traditionelle nur durch des Erasmus'
Canäle Calvin zugeftrömt fein?

Oder find etwa die Einkleidungen der allgemeintraditionellen
Gedanken alle Erasmifch? Das ift nicht
der Fall. Nicht wenige der durch Sperrdruck gekennzeichneten
Parallelen laffen fich aufs Allgemein-traditionelle
zurückführen ohne directes Caufalverhältnifs. Jene
mortificatio omnium humanorum affectuum z. B. (S. 21,
Anm. 1) hat Luther bei dem mittelalterlichen Tauler
gefunden (cf Weim. Ausg. IX, 97 ff.). Bei der Beurtheil-
ung der Erdengüter unter dem Gefichtspunkt des uti
quasi non utamur verweift Sch. felbft auf 1 Cor. 7,30
(S. 32 f.), und die Idee der peregrinatio durch die vita
praesens mit dem Ziele des coeleste regnum bez. der
coelestis Hierosolyma fowie das patria in coelis (Phil.

kommen: ,die Dinge dürfen nicht um ihrer felbft i 3,20) ruhen ebenfalls auf biblifcher Grundlage. Und jenes:
willen angeeignet werden, wenn fie einen nicht von der I An non omnis potestas a deo est?, ruhend auf Rom. 13,
Richtung auf das Jenfeits abziehen follen' (S. 32). So kann | gerade in feinem Nebeneinander mit ,einer gewiffen
der Beruf wefentlich nur negativ gewertftet werden um j abfehätzigen Beurtheilung der weltlichen Gefchäfte' ift
der Gefahren willen, die er mit fich bringt. Sein Wefen ! geradezu typifch für die Compromifsethik des Mittelalters:
foll der Chrift in den Dingen diefes Lebens nicht haben. Rom. 13 ift ein locus classicus für jene Gleichung lex
Das Medium aber, das ihn a rebus kumilibus ac terrenis naturae = ius divinum. Ferner, jenes Gewichtlegen auf die
hinaufzieht zum Himmlifchen, ift die fides; fie bewirkt , Theilnahme der impii an der Auferftehung entflammt
den contemtus mundi, den coelestium amor. Und zwar ift ; der fcholaftifchen Erörterung über diefen Punkt, der an
ihr Motiv nicht fowohl ein äufserlicher Eudämonismus, ] Pf. 1,6: non resurgent impii in iudicio fein Gegenargument
als vielmehr die Liebe zu Gott oder zum Guten. Objectiv j zu haben fchien, vgl. z. B. Thomas v. Aquino Comm.
gegründet ift fie auf die durch Chriftus gegebenen gött- in IV libr. Sent. dist. XLVIi qu. 1, art. 3. Und auch der
liehen Verheifsungen, wie fie in der Bibel niedergelegt ! von Sch. unterftrichene Gedanke der Furcht der impii
find, deren Autorität von da datirt. Sofern fie fich auf vor der resurrectio carnis findet fich bei Thomas (unter
die Güter der zukünftigen Welt richtet, fällt die fides mit 1 Berufung auf Gregor den Grofsen), und wenn das tra-
der spes zufammen. Ausdrücklich wird fie zu Plato's Ideen- ■ ditionell war, follte dann nicht der Gedanke, dafs es
lehre in Beziehung gefetzt, Erasmus kann fie ein contemplari für die impii beffer wäre, im Tode zu bleiben, fich felb-
verorum bonorum ideas nennen (S. 61). Ebenfo macht j ftändig bei beiden, Erasmus und Calvin, haben bilden
fich der Einflufs Plato's darin geltend, dafs in der Escha- j können? (falls er nicht, was ich momentan nicht feftftellen
tologie die chriftliche Auferftehungshoffhung zurücktritt, 1 kann, auch traditionell ift). Ferner: Die von Sch. aufge-