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Ausgabe:

1903 Nr. 11

Spalte:

330-332

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Ignatii Antiocheni et Polycarpi Smyrnaei epistulae et martyria 1903

Rezensent:

Knopf, Rudolf

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329

Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. li.

3jO

hier trotz emfiger Bemühungen die F'orfcher bisher alle
in die Irre gegangen find, und wie die Entdeckung einer
einzigen Urkunde ganze Reihen von Hypothefen über den
Haufen wirft. Durch einen von Wobbermin auf dem
Athos gemachten glücklichen Fund eines Actenltückes,
das den Titel trägt Ev&aXiov ejiiöxoxov SovXxnq 0110-
ioyux JtEQt xnq oq&oöoS-ov piiöxEcoq, wird die Perfon des
räthfelhaftcn Euthalius ein- für allemal aus dem vierten
oder fünften Jahrhundert, in welchem man fie bisher
fuchte, verwiefen. Euthalius lebte, wie aus dem ficher
echten Schriftftück mit unzweifelhafter Gewifsheit hervorgeht
, in der zweiten Hälfte des fiebenten Jahrhunderts, zu-
nächft als Diakon wahrfcheinlich in Syrien (Antiochia),
darnach als Bifchof in Sulke auf Sardinien. — Seiner
Ausgabe der Paulus-Briefe und der Acta Kathol. widmet
v. S. eine ausführliche und, wie es fcheint, zunächft ab-
ichliefsende Unterfuchung. Auch hier haben fich die
kritifchen Vermuthungen von Robinfon (Euthaliana), der
einen grofsen Theil des bei Zacagni fich findenden Apparats
auf Grund innerer Wahrfcheinlichkeit dem Euthalius ab-
fprach, nicht durch die Unterfuchung der äufseren Zeug-
nifse beftätigt. v. S. fpricht weitaus das Meifte dem Euthalius
wieder zu, in der Paulusausgabe: den Prolog und
auch das viel umftrittene Martyrium des Paulus [das nach
v. S.'s Urtheil von Euthalius in der römifchen Form von
396 in deffen Werk aufgenommen ift während die
ägyptifche Form von 458 nur von einer Gruppe der
Euthalius-Hndfchrn. vertreten wird], — dann die Lifte der
Lectionen, das kürzere Verzeichnifs der Citate, Verzeichnifs
der Entftehungsorte und der Mitarbeiter der Briefe, die
vcto&EOEtq, die Liften der xEcpäXcua und vctoöicuQEOEiq [nach
v. S. vielleicht von Piuthalius dem Pamphilus entlehnt].
Dem Texte felbft waren am Rande beigegeben die Bezeichnung
der Lectionen (unter Angabe ihrer Stichenzahlen
), der Capitel und fictQxvniai. Der Text war in
Sinnftichen (S.666) durch rothe Punkte (nicht durch Abbruch
der Linien) eingetheilt. Die Stichenzahl war von
50 zu 50 Stichen vermerkt. — Abgefprochen wird dem
Euthalius mit Entfchiedenheit nur das längere Verzeichnifs
der lkxqxvqIcu (S. 661 ff.). Es ift nur von derfelben Gruppe
von Hndfchrn. bezeugt, welche im Martyrium Pauli die
ägyptifche Interpolation haben. Es ift nun nicht recht
einzufehen, aus welchem Grunde v. S. S. 663 die hinter
diefen /laQXVQiai fich findenden Bemerkungen über die 14
Paulus-Briefe (S. 663) dem Euithalius, wenn auch zögernd,
zufpricht, da fich nach v. S.'s Angabe diefelben wieder nur
in derfelben Gruppe derEuthaliushndfchrn. finden.
— Mit ganz ähnlichem Refultat behandelt v. S. dann auch
den Apparat zu Act. Kath. Auch hier hat namentlich die
tx&EOig xKpalaicov fchon eine, vielleicht verwickelte Vor-
gefchichte gehabt.

Aus den neuen Entdeckungen gewinnt nun auch die
fogenannte Evagriusfrage ein neues Licht. Denn ficher
ift nunmehr, dafs die Hndfchr. H. Paul, (a 1022), weil
aus dem fechften Jahrhundert flammend, nicht zu den
Exemplaren der Euthaliusausgabe gehören kann. Wenn
fich hier nun — nach Ehrhardts glücklicher Entdeckung —
am Schlufs ein Evagrius rühmt, dafs er xoöe to rrüyoc
IlavXov 'm Sinnftichen eingetheilt habe (vgl. die Schreibung
der Hndfchrn. in Sinnzeilen), fo wird man fchliefsen dürfen,
dafs Euthalius in einer feiner Hauptarbeiten, der Abtheilung
des Textes in Sinnftichen, in einem Evagrius (wahrfcheinlich
dem Origeniften Evagrius Ponticus, im vierten Jahrhundert
in Aegypten lebend) feinen Vorgänger hatte.
Eür die Textgefchichte wird die Evagrius-Ausgabe be-
fonders intereffant, weil ihr Urheber behauptet, feinen
Bibeltext nach einer von Pamphilus eigener Hand ge-
fchriebenen Hndfchr. in Caefarea verglichen zu haben.
Diefelbe Bemerkung findet fich nun auch in der eine
ünguläre Euthaliustradition vertretenden Hndfchr. a 200
(die eng verwandte Hndfchr. a 382 ift am Schlufs verstümmelt
), am Schlufs zufammen mit dem Martyrium Pauli
in der Redaction von 396. Man wird annehmen dürfen,

dafs diefe Bemerkung dort aus der Evagrius- in die
Euthaliusausgabe eingedrungen fei. Und wenn nun
ferner eine Gruppe von Euthalius-Hndfchrn. am Schlufs
der Ausgabe zu Act. Kath. ebenfalls die Notiz bringt,
dafs der Text nach den cäfareenfifchen Hndfchrn. des
Eufebius Pamphili verglichen fei, fo gehört auch diefe Bemerkung
kaum, wie v. S. mit Recht urtheilt, der Euthaliusausgabe
an. Sollte auch fie einer Evagrius-Recenfion
entflammen? Es ift bedauerlich, dafs uns als Zeuge der
Evagrius-Arbeit nur die Fragmente von a 1022 erhalten
find. So wird man über die vielleicht vorhandenen Beziehungen
des Euthalius zu Evagrius nichts Beftimmtes
ausmachen können.

Zum Schlufs mache ich noch auf einige kleine Fehler
aufmerkfam: S. 87 lies 83: e 1218 (1. £ 187); S. 88 lies
252: £ 438 (1. £ 183); die Siglen S. 366: a 132. 133. 139;
S. 371: a 307; S. 489: £ 629; S. 503: £ 1027 find fcheinbar
verkehrt. Sie finden fich in dem Verzeichnifs der Hndfchrn
. nicht. Statt A4 auf S. 585 ift wohl ficher A">
zu lefen.

Ich habe verflucht, im Vorftehenden einen Eindruck
von der Fülle des uns fchon im erften Bande diefes
grofsen Werkes Gebotenen zu erzielen. Mit Spannung
warten wir auf die Fortfetzung des Unternehmens.

Göttingen. Bouffet.

ignatii Antiocheni et Polycarpi Smyrnaei epistulae et mar-
tyria. Edidit et adnotationibus instruxit Adolfus Hilgen
fe 1 d. Berolini MCMII, sumtibus C. A. Schwetfchke
et filii. (XXIV, 384 S. gr. 8.) M. 12.80

H. bietet in dem Texttheile diefer Ausgabe ein reichliches
Material zur ignatianifchen Literatur dar. Auf
XXIV Seiten flehen Praefatio, Prolegomcna und Inhalts-
verzeichnifs. Dann folgen, S. 1—262, die Texte, alle mit
textkritifchen Anmerkungen, und zwar die fieben Ign.-
Briefe, das Mart. des Ign., der Brief des Polyk. (doppelt
: einmal in der traditionellen Ueberlieferung, nur mit
Klammerung der Interpolationen', dann der von den
Interpolationen gereinigte Text mit Rücküberfetzung der
nur lateinifch erhaltenen Schlufstheile), das Mart. des
Polyk., die Anglolatina zu den fieben Ign.-Briefen und
zum Ign.-Mart, der lateinifche Polyk.-Brief, das Mart.
des Polyk. nach Euscb. H. E. IV, 15, die Fragmente der
fyrifchen Ueberfetzung der fieben Briefe (und zwar in
lateinifcher Uebertragung), die Teftimonien der fieben
Ign.-Briefe und des Polyk.-Briefes. — Bis hierher (S. 162)
geht das Material, das für die Texte der fieben Ign.-
Briefe, des Polyk.-Briefes, und der Martt. des Ign. und
Polyk. gebracht wird. Es folgt das Textmaterial für
die anderen Recenfionen der Ign.-Briefe, nämlich: die
drei fyrifchen Briefe (in lateinifcher Uebertragung), die
,Supplemental der fieben Ign.-Briefe (d. h. die Neu-
fälfchungen der gröfseren griechifchen Sammlung: Br.
der Maria, Br. des Ign. an Maria, Tarf., Antioch., Hero,
Philipp.), die fieben Briefe in der längeren griechifchen
Recenfion und einige fragmenta incerta. Von S. 263 ab
flehen die fachlichen Anmerkungen zu den fieben Ign.-
Briefen, dem Mart. des Ign., dem Polyk.-Briefe, den Supple-

i menta, den fieben Briefen in der längeren Recenfion.

1 Am Schlufs folgen Iudiccs.

Bei der Textrecenfion verwendet H. als primären
Zeugen die Anglolatina, erft in zweiter Linie fleht der
Grieche. Das literarifche Problem, das die Ignatius-
| literatur in den verfchiedenen Formen ihrer Ueber-
; lieferung ftellt, löft H. auf folgende Art. Von dem
ganzen Ign.-Cyklus, in den verfchiedenen Recenfionen,
ift, aufser dem Mart. des Polyk., nur der Brief des Polyk.
1 an die Phil. echt. Freilich ift auch diefer interpolirt,
I und zwar um die Mitte des 2. Jahrh. von der Hand
| desfelben Fälfchers, der zur felben Zeit die fieben
| Briefe gefälfeht hat (Ign. I). Die Supplemente, die Neu-

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