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Ausgabe:

1903 Nr. 10

Spalte:

314

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Walther, Ernst

Titel/Untertitel:

Bibelwort und Bibelwissenschaft 1903

Rezensent:

Bassermann, Heinrich

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 10.

314

1877), ferner an die Emil Zittel's, an Holtzmann's
katechetifche Beflrebungen und an die Zeitfchrift f.
prakt. Theologie zu erinnern, um zu erkennen, dafs diefe
ganze Richtung fchon bald 30 Jahre am Werk ift (freilich
nicht überall); aber der Verf. vertritt fie in wackerer und
gefchickter Weife, muthig und befonnen zugleich, wirklich
gläubig und deshalb ohne feige Furcht vor der
deftruirenden Wirkung der Wiffenfchaft. — Den letzten
Theil, der das Wie und Wieweit der Einführung der
Bibelwiffenfchaft in den Religionsunterricht befpricht,
würde man gern ausführlicher behandelt fehen, als es
in dem Rahmen eines Vortrags gefchehen konnte. Bedauerlich
ift der Druckfehler Origines S. 69.

2. Baumgarten's Buch ift ein muthiger und deshalb
fchon erfreulicher ,Vorftofs gegen die herrfchende
Praxis'. Zunächft werden ihre, faft allgemein anerkannten
Schäden, zwar nicht bitter, aber unbarmherzig gefchildert:
die Unkindlichkeit des Inhalts, die Unanfchaulichkeit der
Darbietung, der Mangel an Affociation mit der fonftigen Vor-
ftellungswelt, die verfrühte Anfüllung mit rein objectivem,
unverdaulichem Stoffe, das unleidliche Durchkneten jedes
einzelnen Wortes, die ewige Wiederholung, der finnlofe
Memoriermaterialismus, der die Seele des Kindes wie
einen ,Kameelsmagen' anfleht (S. 14), der Mechanismus
einer blos äufserlichen Katechifation, die Unwahrhaftig-
keit des Antwortens und Bekennens — wer hätte das
Alles nicht fchon gefühlt, wer nicht einmal darunter ge-
feufzt? Insbefondere wird der Conflict des Religionsunterrichts
mit der im Uebrigen anerkannten Wahrheit,
alfo das, was Walther den Nothftand nennt, die daraus
folgende Verbiegung fubjectiver Wahrhaftigkeit und das
fchliefslich fich ergebende Auseinanderfallen der religiöfen
Lehre und der Wirklichkeit fcharf, aber durchaus wahr
ans Licht geftellt. Darauf folgt dann als zweiter pofitiver
Theil ,der nothwendige Inhalt des Unterrichts' (S.26—48).
Hier trägt nun B. feine Auffaffung vomWefen des Chriften-
thums vor, wie es fich zunächft aus den urfprünglichften
neuteltamentlichen yuellen ergiebt, jedoch fo, dafs darnach
dann die Confequenzen diefes wefentlichen Chriftcnthums
für unfer heutiges Weltleben, feine Stellung zur Askefe,
zur focialen Frage, zu Recht und Staat, zu Cultur und
Bildung abgeleitet werden. Jenes ftellt das Bleibende,
Abfolute, diefe das Variable und Relative dar (S. 39).
Harnack's Standpunkt wirkt hier deutlich nach, obwohl
verfchiedentlich auch von ihm abgewichen wird. Das
Wichtigfte ift dort, dafs auf fyftematifche Gedankeneinheit
verzichtet und alles Metaphyfifche, nicht Erfahrbare abgelehnt
, hier, dafs die Abhängigkeit von der erften Er-
fcheinungsform des Chriftenthums aufgehoben, alfo die
chriftliche Stellung zur ,Welt' (über diefen Begriff fehr
Gutes S. 42) frei, nach modernen Idealen, die freilich
überall vom ,wefentlichen Chriltenthum' benimmt find,
gewonnen wird. Diefe ganze Partie war für den Zweck
des Verfaffers nothwendig; aber lie wird am Meiften
ftrittig bleiben. Vielen wird er zu wenig zu bieten
fcheinen, befonders in Beziehung auf das metaphyfifche
Bedürfnifs, von dem man doch, nachdem es in der Ge-
fchichte des Chriftenthums eine fo ausgiebige Befriedigung
gefunden, nicht auf einmal fo ganz (S. 36 f.) wird abfehen
können. Den gröfsten Raum nimmt der dritte methodifche
Theil ein (S. 48—104), der durch Vertheilung des Stoffes
auf die Stufen der Entwicklung die Wege zeigen will,
auf denen fich diefe Ziele verwirklichen laden. Hier kann
fich B. auf grofse Vorgänger berufen, wenn er das Ganze
nicht blofs beginnen, fondern auch fundamentirt werden
läfst durch das Haus, die Eltern, das Milieu der Familie,
ja durch die Einflüfse vor der Geburt. Er zeigt fich hier
als Gegner des Intellektualismus und Rationalismus: die
Kindesfeele ift keine tabula rasa, die Religion Geheimnifs,
Stimmung, Schauer vor einem Unendlichen, Pietät, Scheu;
das mufs wachfen, kann nicht gemacht werden; höchftens,
dafs die Mutter im ,fchummrigen' Dämmerlicht wunderbare
Gefchichten erzählt. Faft wichtiger noch ift die

Sorge, dafs nicht alle Dispofition zur Frömmigkeit
ausgerottet werde durch die Zuftände in Familie und
Wohnung oder erfterbe durch (in der Vererbung wach-
fende) Exftirpation der pfychophyfifchen religiöfen Anlage
von Seiten irreligiöfer Eltern. Aus dem auf den
,Mutterunterricht' folgenden Schulunterricht hebe ich
nur heraus, was befonders wichtig erfcheint, indem
ich mich im Ganzen mit der Anlage desfelben durchaus
einverftanden erkläre: vor Allem die Entfernung alles
zufammenhängenden Katechismusunterrichtes aus der
Schule (S. 80), die Ablehnung der Kulturftufen, fowie
der Märchen und Fabeln (S. 62 f.), aber auch der ewig
wiederholenden concentrifchen Kreife (S. 68), die fehr
verftändige Behandlung der Wundergefchichten (zuerft
ganz naiv-erzählend auf der Unter-, dann muthig aufklärend
auf der Oberftufe, S. 64 u. 74), die richtige
Würdigung der Memoration (S. 64 f.), die gefunde Oppo-
fition gegen den lutherifchen Katechismus, feine Einfügung
in die Kirchengefchichte (S. 70 f.), die Kritik am
Apoftolikum (S. 71 f.), die Notwendigkeit einer Schulbibel
(S. 79). In all diefen Punkten kann ich B. nur
als den erwünfehten Herold längft und allgemein gefühlter
Bedürfnifse, Wünfche und Anfchauungen lebhaft
begrüfsen, während ich in Einzelheiten, z. B. in der
Werthung des Spruches als Quinteffenz der Gefchichte,
von ihm abweiche. Die Hauptfache ift, dafs hier ein
klares Bild eines Religionsunterrichtes gezeichnet wird,
wie ihn unfere Zeit immer dringender verlangt. Ueber
Confirmation und Confirmandenunterricht denkt B. mafs-
voll-confervativ und verfiVändig, unter Ablehnung pietifti-
fcher Extravaganzen, aber auch moderner Abänderungs-
gelüfte. Richtig wird m. E. der Religionsunterricht an
höheren Schulen aufgefafst. Die verfchiedenen Veran-
ftaltungen zur religiöfen Weiterpflege der confirmirten
Jugend, Chriftenlehre, Confirmandenvereine, chriftliche
Vereine junger Männer, Fortbildungsfchulen werden be-
fprochen: fie erfcheinen doch alle in ziemlich zweifelhaftem
Lichte, was ihren Erfolg betrifft; B.'s Stellung zu
den Jünglingsvereinen ift bekannt. Bei folcher Auffaffung
nun bleiben in der That ,die gröfsten Aufgaben zurück
für den fortgehenden Unterricht der Erwachfenen' (S. 96).
Mit Recht zieht daher B. auch ihn in feine Erörterungen.
Dafs aber die Predigt ihm gröfsere Dienfte leiften könne,
alfo wefentlich didaktifch zu geftalten fei, mufs ich be-
ftreiten, obwohl ich damit einem weichlich-gefühligen
Hin- und Herreden über unklare Allgemeinheiten, ,das
die meiften [?] erbaulich finden', natürlich nicht das Wort
reden möchte. Wohl kann ich mir dagegen aneignen,
was über die Notwendigkeit muthig aufklärender und
apologetifcher Vorträge gefagt ift. Der Proteftantenverein
hat es ja f. Z. verfucht; ob es jetzt damit beffer gehen
wird? Daneben Erneuerung der Bibelftunde in modernfreiem
Geifte, apologetifche Leetüre für Gebildete nicht
nur, fondern auch für Fabrikarbeiter und Bauern: das
Alles wird mit Recht zu der weitfehichtigen Aufgabe
gerechnet, das Gefchlecht unferer Tage zur Erkenntnifs
der chriftlichen Religion zu führen. — Die Schrift Baumgarten
's leiftet hierzu einen fehr werthvollen Beitrag.
Frifch und anregend gefchrieben, kann fie manchem
unter den Traditionellen ein heilfamer Anftofs zur Re-
vifion feines Unterrichtsbetriebs, uns fchon Gewonnenen
aber eine Ermutigung fein, auf unferem Wege auszuharren
: es wächft offenbar die Zahl derer, die ihn für
den richtigen halten.

Heidelberg. Baffermann.