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Ausgabe:

1903 Nr. 1

Spalte:

309-310

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Drews, Paul

Titel/Untertitel:

Zur Entstehungsgeschichte des Kanons in der römischen Messe. (Studien zur Geschichte des Gottesdienstes und des gottesdienstlichen Lebens. I.) 1903

Rezensent:

Achelis, Ernst Christian

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3°9

Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 10.

klingt bisweilen etwas hyperbolifch und ift am Ende nicht
ganz leicht in Einklang zu bringen mit dem, was im dritten
Theil auseinandergefetzt wird. Aber mag eine Behauptung
auch befremdend erfcheinen und Zweifel herausfordern,
fie wird nie leichthin und ohne Belege und Anführung
von Gründen aufgeteilt, und das eben giebt der Schrift
Hennig's ihren unbeftreitbaren Werth und ihre anregende
Kraft.

Strafsburg i. E. E. W. Mayer.

Drews, Prof. D. Paul, Zur Entstehungsgeschichte des Kanons
in der römischen Messe. (Studien zur Gefchichte des
Gottesdienftes und des gottesdienftlichen Lebens I.)
Tübingen 1902, J. C. B. Mohr. (III, 39 S. gr. 8.) M. t-

Das Ergebnifs der auf kleinem Raum fchwerwiegende
Fragen mit Gelehrfamkeit und Scharffinn erörternden
Unterfuchung lautet nach S. 2: ,Der Aufbau des römi-
fchen Kanons ift urfprünglich der gleiche gewefen, wie
der Aufbau der fogen. Anaphora in den örtlichen Liturgien
, fpeciell in der altfyrifchen Liturgie. Die heutige
Conftruction des römifchen Mefskanons ift durch die
Zerbrechung des urfprünglichen Gefüges in zwei Theile
erfolgt, die dann fo umgeftellt wurden, dafs der erfte
Theil der letzte, der letzte der erfte wurde. Ift das
richtig, fo ift damit bewiefen, dafs der urfprüngliche
römifche Kanon keine genuin römifche Schöpfung ift1.
In drei Abfchnitten wird der Beweis geführt.

Der erfte Abfchnitt (S. 3—22) zeigt die Parallelen
des römifchen Kanons mit einer fyrifchen Liturgie auf.
Die angezogene fyrifche Liturgie ift jedoch nicht die
clementinifche in Const. Ap.&sf., auch nicht die griechi-
fche Jacobusliturgie, fondern die von den fyrifchen Mel-
chiten und den (monophyfitifchen) Jacobiten gemeinfam
gebrauchte Liturgia S. Jacobi Apostoli fratris Domini, von
der Renaudot -II 29k und Swainfon p. 335 f. eine lateini-
fche, Brightman I 69k eine englifche Ueberfetzung geben.
Nach Renaudot ift die ganze Liturgie vor dem Schisma
der beiden Parteien, alfo vor dem 6. Jahrhundert, ent-
ftanden, nach Swainfon wenigftens der mit der griechi-
fchen Jacobusliturgie identifche Theil, nach Drews gehört
,der Grundftock' der fyrifchen Liturgie vor das Schisma,
die vorliegende FafTung der Gebete jedoch ift das Ergebnifs
einer längeren Entwicklung. Für die Sicherheit
der Unterfuchung würde eine nähere Angabe, welches
denn ,der Grundftock' fei, gewifs erfpriefslich gewefen
fein, auch wenn dadurch das Heft bedeutend erweitert
wäre; auch würde ich es begrüfst haben, wenn neben
der doch etwas abfeits liegenden Jacobiten-Liturgie die
clementinifche in Const. Ap. 8 in reichlicherem Mafse
herangezogen wäre. So haben wir für das palrem omnipotentem
des Kanons (S. 17 k) nicht in der Marcus-
Liturgie: ß-tov xmv dlmv eine Parallele (S. 18), fondern
in der clementinifchen: {rte stavxoxqäxoQ, zu dem sanctas
ac venerabilrs manus des Kanons in xalq dyiaig xai
ducöfioig avxov xeqo'iv der Clementine (Brightman 201:1. is),
und ftatt der Epiklefe der Marcus-Liturgie S. 221 würde
die Parallele der Clementine in Brightman 21 3 f. vorzuziehen
fein. S. 6 ferner wird berichtet, dafs in der fyrifchen
J.-L. nach der Fürbitte für die Presbyter und Diakonen
eine Bitte für den celebrirenden Priefter folge;
fo oder ähnlich fei es in faft allen fyrifchen Liturgien,
zum Beleg werden die griechifche J.-L. und die Clementine
angeführt. Allein in diefen beiden ift die Reihenfolge
anders-. Bifchöfe, celebrirender Priefter (Presbyterium),
Diakonen.

Der zweite Abfchnitt (S. 22—34) weift in überzeugender
Weife auf Grund der fyrifchen Liturgien und des
logifchen Zufammenhangs nach, dafs eine Umftellung
der römifchen Kanonsgebete ftattgefunden hat. Nach dem
Sanctus folgten urfprünglich die Gebete unter den
Rubriken XXIII bis XXV, XXVII und XXVI, dann XIX

bis XXI, XXVIII und XXIX oder XXII, wobei jedoch
zu bemerken ift, dafs wir in diefen Rubriken nur Trümmer
! einer ehemals viel reicheren Ausgeftaltung vor uns haben,
j die nur da und dort ein wenig durch Zufätze erweitert
worden find (S. 26).

Der dritte Abfchnitt (S. 34—39) begründet aus dem
Brief Innocenz' I. an Decentius vom Jahre 416 (MSL
20 561 f.) die Thatfache, dafs zu Anfang des 5. Jahrhunderts
in Rom die Umftellung noch nicht gefchehen fei, und aus
anderen Zeugnifsen die Vermuthung, dafsPapft Gelafius I.
(492—496) die Umftellung in Folge von alexandrini-
fchen Einflüffen vorgenommen habe. Das Ergebnifs der
ganzen Unterfuchung wird S. 39 in den Worten fixirt,
dafs weder der Grundftock des Kanons urrömifch ift,
noch die Umformung, die fich beobachten läfst, dafs
vielmehr Rom dem Often folgt, das eine Mal Syrien,
das andere Mal Alexandrien. In Hauck's Encyklopädie;i
Band 12 S.697—723 hat der Herr Verf. in feinem Artikel:
Meffe Liturgifch die Folgerungen aus der nachgewiefenen
Thatfache für unfereKenntnifs der liturgifchenEntwicklung
des Abendlandes gezogen. — Zu lefen ift S. 7 «1: Bonifatius,
S. 825 3510: Namenverlefung, S. 1929: rhythmifches, S.2011:
xQvpa, S. 3017: domine, ut placatus, S. 3030: domine,
S. 31 31: placatus, S. 3824: näherliegend.

Den weiteren Studien des Herrn Verf.'s fehen wir
mit freudiger Spannung entgegen.

Marburg. E. Chr. Achelis.

Kuypers, Dom A. B., The prayer book of Aedeluald the
Bishop, commonly called The book of Cerne. Edited,
from the ms in the University Library, Cambridge,
with introduction and notes. Cambridge 1902, University
Press. (XXXVI, 286 S. 4. m. 2 Fcsms.) 21 sh.

Das Original des Book ofCcrtie ift ein hochgefchätztes
Cabinetftück der Univerfitätsbibliothek von Cambridge.
Der Name ift nur eine populäre Bezeichnung des Gebetbuchs
des Bifchofs Aedeluald; es ift in der erften Hälfte
des 9. Jahrhunderts in Mercia verfafst und wurde im vorigen
Jahrhundert in Cerne aufbewahrt. Blinen officiellen kirchlichen
Charakter hat das Buch nie gehabt, es wurde für
den Privatgebrauch zufammengeftellt und ftets nur dazu
verwendet. Gleichwohl ift der liturgifche Werth nicht
gering. Diefer liegt einerfeits in dem Typus des biblifchen
Textes, wie er in England im 8. und in der erften Hälfte
des 9. jahrh. gebraucht wurde; in den evangelifchen Lec-
tionen und in dem Pfalter des Aedeluald — S. 174 k
eine Zufammenftellung einzelner Verfe aus den Pfalmen
in ihrer Reihenfolge — liegt diefer Typus vor, wenig
abweichend, foweit ich verglichen habe, von dem reci-
pirten Vulgatatext. Andererfeits ift liturgifch bemer-
kenswerth die Oratio innumerabilis sanctorum populi qui
tenebantur m inferno capitivitate lacrimabili, voce et ob-
secratione salvatorem deposcunt dicentes quando ad in-
feros descendit (S. 114 k). Die .Heiligen' liegen in Ketten
im Hades; fie begrüfsen den Herrn, der fie auffucht,
und flehen ihn um Erbarmung an. Postquam autem
audita est postulatio et obsecratio, folgt ein Lobgefang
über ihre Befreiung. Auf befonderes Flehen werden
auch Adam und Eva aus der Gefangenfchaft der In-
ferna erlöft.

Auf die .Einleitung' (S. IX—XXXIV) folgt eine
Lifte der im Buch enthaltenen Gebete, fodann der Text.
Diefer befteht aus einem angelfächfifchen Fragment der
Leidens- und Auferftehungsgefchichte Jefu nach den vier
Evangelien, den Gebeten und Plymnen, dem Pfalter des
Aedeluald und jenem ,apocryphal Descensus ad Infernal.
Ein Appendix und fehr eingehende Noten befchliefsen
das Werk. In die Mitte zwifchen den evangelifchen Berichten
ift ein Akroftich auf Aedeluald Episcopus einge-
fchoben. Eine Reihe von Gelehrten hat fich mit dem
Herausgeber vereinigt, um die aus irifchen und englifchen