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Ausgabe:

1903 Nr. 10

Spalte:

308-309

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hennig, Max

Titel/Untertitel:

A. E. Biedermanns Theorie der religiösen Erkenntnis 1903

Rezensent:

Mayer, Emil Walter

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307

Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 10.

308

— Ein dritter Abfchnitt berückfichtigt endlich die ,kleineren
Kritiken' (S. 219—307). Als folche werden genannt eine
Anzeige von Schrörs, die Schrift von Einig in Trier
,Katholifche Reformer', die Befprechungen des Jefuiten
Blötzer in den ,Stimmen aus Maria-Laach', der Profefforen
Fuchs und Hiptmair in der .Theologifch-Praktifchen
Quartalfchrift' zu Linz und endlich des Jefuiten Hofmann
in der ,Zeitfchrift für katholifche Theologie'.

Der Charakter einer eingehenden Widerlegung feiner
Widerfacher brachte es mit fich, dafs Wiederholungen unvermeidlich
waren, und die Abficht des Autors, feine
Gegner nicht zuückzuweifen, ohne fie zugleich zu Worte
kommen zu laffen, erklärt die Breite der Darfteilung, die
diefesBuch nicht zu feinem Vortheil von dem erften unter-
fcheidet, wenn gleich die grofse Gewandtheit des Ver-
faffers fich auch hier nicht verleugnet. Da Ehrhard ein
Eingehen auf Recenfionen von nichtkatholifcher Seite
nicht für zweckmäfsig erachtete oder, wie er felbft fchreibt,
fich dazu ,nicht verpflichtet' fühlte, können wir uns auf
zwei Bemerkungen befchränken.

Ehrhard befchwert fich über die ihm von katholifchen
Gegnern zu Theil gewordene Behandlung, über ihre Mifs-
verftändnifse, Fälfchungen, Verdrehungen feiner Anflehten,
über die gegen ihn gerichteten Verdächtigungen und
fchlimmen Verleumdungen, über unberechtigte Confequenz-
machereien und fieht fich gezwungen, gegen den Dompfarrer
Braun in Würzburg die ,Anklage auf Verletzung
der fittlichen Wahrheitsliebe und des einfachften Gerechtig-
keitsfinnes' zu erheben. Aber ift denn diefe von dem Verf.
mit Recht fcharf gerügte Kampfesweife etwas Neues? Ift
nicht die Methode, durch die Hinüberfpielung des Streites
auf das perfönliche Gebiet von einer ftreng fachlichen
Discuffion abzulenken, eines der charakteriftifchften Kennzeichen
des modernen Ultramontanismus?

Im Vorwort erklärt der Verfaffer, dafs er feiner Anti- !
kritik den Titel ,Liberaler Katholicismus?' vorgefetzt hat, !
weil damit der gemeinfame Vorwurf ausgefprochen ift,
den die in dem Buch berückfichtigten Kritiker, mit Ausnahme
von Schrörs, gegen diefes erheben, und weil diefer
Titel die Hauptfrage formulirt, die es im katholifchen Lager
felbft heraufbefchworen hat (S. IX). Die von Ehrhard
ertheilte Antwort — er lehnt die Bezeichnung als liberaler
Katholik in den fchärfften Worten ab und nennt fie ,eine
unerhörte Verleumdung' (S. 213) — mufs zunächft aufs
höchfte befremden. Denn die Grundtendenz feines von
modernem Geift erfüllten Werkes ift zweifellos eine fort-
fchrittliche; er redet der Befreiung feiner Kirche von mittelalterlichen
Schlacken das Wort und empfiehlt die Schaffung
pofitiver Beziehungen des römifchen Katholicismus zur
modernen Culfur. Ja auch in diefer feiner Apologie bekennt
er fich (S. 315 f.) zu der ,gemäfsigt fortschrittlichen
Richtung im Gegenfatz zur extrem-confervativen' und erklärt
an der erfteren fefthalten zu wollen, fo lange fie
,fich jener freien Bewegung und jener Anerkennung ihres
echt katholifchen Charakters erfreuen wird, welche das
autoritative Lehramt der Kirche ihr innerhalb ihren berechtigten
Grenzen niemals verfagt hat'. Aber gerade der
Context der eben erwähnten Stellen giebt uns die Löfung
an die Hand und zeigt klar, dafs der Verfaffer die Charakter-
iftik feines Programms als eines liberal-katholifchen defs-
halb zurückweift, weil feine Gegner mit diefen Worten
die Vorftellung nicht echt katholifcher, unkirchlicher oder
gar kirchenfeindlicher Beftrebungen verknüpfen. Wir
conftatiren nur diefen Sachverhalt, ohne auf die Berechtigung
diefer Verengung des Begriffs ,liberal-katholifclr
einzugehen und der Frage nach den Ausfichten der Ehr-
hard'fchen Reformvorfchläge, die durch die zahlreichen
Gegenkundgebungen eine wefentliche Vereinfachung erfahren
hat, hier näher zu treten. Wie der Verfaffer bei
etwa eintretenden Spannungen und Conflicten fich ent-
fcheiden würde, kann nach der Gefammthaltung der beiden
Werke und der oben angeführten Erklärung (,erfreuen
wird') keinem Zweifel unterliegen.

Ehrhard will diefes Buch nicht nur als eine Antikritik,
fondern auch als ein Erläuterungsfchrift zu dem früheren
angefehen wiffen, hat aber die Verwendung zu diefem
Zweck dadurch erfchwert, dafs er unterlaffen hat, ein
Regifter hinzufügen. Von befonderem Intereffe ift die neue
Erörterung des Syllabus S. 161 ff.

Marburg i. H. Carl Mirbt.

Hennig, Gymn.-Oberlehr. Dr. Max, A. E. Biedermanns Theorie
der religiösen Erkenntnis. Eine religionsphilofophifche
Studie. Leipzig 1902, G. Wigand. (XI, 184 S. gr. 8.)

M. 3.-

Abermals ein Buch über Biedermann's Principienlehre!
Indeffen fei gleich hier bemerkt: es ift derartig, dafs auch
derjenige, der andere einfehlägige Publicationen kennt, es
mit Gewinn lefen kann.

Der Autor hält fich bei feiner Darftellung an folgende
Dispofition: er unterfcheidet drei Theile, einen pfycho-
logifchen, einen hiftorifchen und einen kritifch-fpeculativen.
Bei weitem der wichtigfte ift der erfte; er bildet über die
Hälfte der ganzen Schrift. Was er ausführlich und unter
forgfältiger Benutzung der verfchiedenften Quellen fchil-
dert, kann man wohl kurz bezeichnen als die Religions-
pfychoiogie des Züricher Theologen fammt deren Vor-
ausfetzungen. der Lehre von der ,inneren Wahrnehmung'
und der ,geiftigen Vorftellung' im allgemeinen. Der zweite
Theil will die Frage beantworten: Was lehrt Biedermann
über die gefchichtliche Entwicklung der Religion? Und
zwar werden zuerft Wefen und Art diefes Werdegangs
befprochen, und darauf deffen Bedingungen. In dem
dritten Theil wendet fich Hennig dem Problem von der
objectiven Wahrheit des Glaubens zu ; mit anderen Worten,
er legt dar, was die Wiffenfchaft nach Biedermann für die
Begründung des Gottesbewufstfeins zu leiften vermag, und
welche Berechtigung fie der Form und dem Inhalt der
religiöfen Vorftellungen zuerkennen kann und mufs.

Mit der Kritik der dargeftellten Anfchauungen ift
relativ fparfam verfahren. Doch fehlt fie nicht ganz. So
wird S. 38 bemängelt, dafs die Mannigfaltigkeit der Motive,
welche zum Glauben anregen können, keineswegs erfchöpft
fei. ,Nicht nur lebenhemmende Erfahrungen der verfchiedenften
Art führen den Menfchen zur Religion, fondern
auch alle fein Lebensgefühl bereichernde und verftärkende
Eindrücke emotionaler oder theoretifcher Art' vermögen
das. S. 55 wird dagegen Einfpruch erhoben, dafs das
Object des Gottesbewufstfeins als ,unendlicher Geift' benimmt
werde, und eine andere Definition verfucht. S. 157 ff.
erfährt die Argumentation, durch welche Biedermann den
letzten metaphyfifchen Realgrund des religiöfen Lebens
erfchliefst, eine fcharfe Verurtheilung. Aber alles in allem
verhält fich der Verf. mehr zuftimmend, und entfchloffen
bekennt er fich zu dem Grundfatz, dafs der Wiffenfchaft
die Entfcheidung über die Wahrheit des Glaubens zuzu-
geftehen fei.

Im erften Augenblick könnte der Lefer verfucht fein,
eine Schwäche des Buches darin zu finden, dafs der
Religionspfychologie ein fo breiter Platz eingeräumt worden
ift. Sie ift es ja gewifs nicht, auf der die Bedeutung
Biedermann's beruht, fondern der philofophifche, d. h.
der erkenntnistheoretifche und metaphyfifche Unterbau
feines Syftems. Doch läfst fich zu Gunften des Autors
anführen, dafs gerade ihr kaum je eine ausführliche Be-
! fprechung zu Theil geworden ift. Etwas fchwerer wiegen
1 andere Bedenken. Man darf wohl fragen, ob die Theorie
; des fchweizer Dogmatikers Hegel wirklich fo fern fleht,
I wie behauptet wird, ob fie nicht der Schleiermacher'fchen
viel näher gerückt ift, als es dem Sachverhalt entfpricht,
ob nach derfelben das Gefühl in der Frömmigkeit that-
fächlich die ihm zugefchriebene Rolle fpielt. Auch was
S. 96—104 über das Verhältnifs von Religion und Wiffenfchaft
und die Selbftändigkeit der erfteren gefagt wird,