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Ausgabe:

1903

Spalte:

300-301

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Synaxarium Ecclesiae Constantinopolitanae 1903

Rezensent:

Harnack, Adolf

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Rundfchau (1902, 397ff. 437 ff.) veröffentlichten Vortrag im
Wefentlichen nur das Facit aus den bisherigen Verhandlungen
gezogen; dagegen Wer nie wirft zunächft die Vorsicht
in dem der Evangeliflen) bildlich verftanden hat.
•Vor allem aber mufs ich W. aufs energifchfte wider-
fprechen, wenn er S. 55 f. fagt: ,mit der ethifchen oder

frage auf, was denn die Evangeliflen und überhaupt innerlichen Gottesreichsidee Jefu ift es nach allen unferen
die älteflen Autoren unter ßaötleia zov d-sov verftanden j alten Quellen nichts. Die Ethik und das Innerliche gehaben
— eine Frage alfo, die ja zwar im Allgemeinen fehr
wohl zu flellen, an den zweifelhaften Stellen aber doch
wohl auch früher fchon beantwortet worden war. So ift
ihm felbfl nachträglich der Gedanke gekommen, ob feine
Schrift nicht überflüffig fei; fehen wir zu, ob wenigftens
ihre wichtigflen Aufflellungen haltbar find.

W. befchränkt fich im Wefentlichen auf die Frage, ob

hören an ihren Platz, nämlich unter die Bedingungen des
Antheils am künftigen Aeon. Dort behalten fie ihre grofse
Bedeutung, während fie mit dem Glauben an die Gegenwart
des Gottesreichs nichts zu thun haben'. Hier fcheint
mir vielmehr Titius (Jefu Lehre vom Reiche Gottes 90fr.)
ein für alle Mal das Richtige gefagt zu haben, woraus
fich zugleich auch ganz von felbft ergiebt, inwiefern Jefus

die ßaöilda zov &eov als zukünftig oder gegenwärtig ge- I die Herrfchaft Gottes doch als fchon gegenwärtig bedacht
werde, und findet zunächft bei Paulus beide Auf- J trachten konnte. Und ebenfo hängt mit diefer Bedeutung
faffungen vertreten. Ich kann das trotz I Kor. 4, 20 und der Gerechtigkeit für die Theilnahme an der Herrfchaft
Rom. 14, 17 nicht zugeben, glaube vielmehr, dafs als wirk- Gottes zufammen, dafs Jefus auch an eine folche von
lieh gegenwärtig bei Paulus nur die Herrfchaft Chrifti gilt. Heiden dachte, ohne doch eine Miffion unter ihnen ins
Und ebenfo fleht es, wenn auch eine ausdrückliche Ausfage 1 Auge zu faffen. Doch darüber hat W. felbfl in feinen
darüber fehlt, in der Apokalypfe; Cap. 12 follte man nach Anfängen unferer Religion S. 42h richtiger als hier ge-
Gunkel, Schöpfung und Chaos 173fT. doch nicht mehr 1 handelt; feine neuefte Schrift dagegen kam weder einem
(wenn auch nur im Sinn des Verfaffers) auf die Ge- wirklichen Bedürfnifs entgegen, noch bezeichnet fie fonft
fchichte Jefu von der Geburt bis zur Himmelfahrt beziehen, j einen Fortfehritt.

Auch bei Matthäus, dem fich W. dann zuwendet, kann ich
wenigftens II, uff. kein gegenwärtiges Reich Gottes vorausgefetzt
finden. Denn obgleich der Täufer dann allerdings
vom Heil ausgefchloffen wird (und das ift auch
durch die von J. Weifs, Die Predigt Jefu vom Reiche
Gottes 2 81 f. vorgefchlagene Verbindung von sv zjj ßaöiXeia
rov {rsov mit dem Folgenden kaum zu vermeiden), fo ift
das doch zunächft bei dem Evangeliflen, der in feiner
Frage Abfall vom Glauben oder wenigftens Zweifel fehen
mufste, nicht zu verwundern. Dagegen ift allerdings 12 98
von einer gegenwärtigen Herrfchaft Gottes die Rede;
icpß-aöev bedeutet wenigftens im Griechifchen etwas anderes
als rj-yyixEV. Aber das waoimv-rj oder ofioia eözlv rj ßaöilda
zü>v ovQavmv in Cap. 13 und fonft braucht wieder nicht
fo verftanden zu werden, dafs die Gottesherrfchaft felbfl
in dem betr. Gleichnifs abgebildet werde und defshalb als
gegenwärtig zu denken fei; vielmehr hebt es W. felbfl
zum Schlufs als lehrreich hervor, dafs für den Evangeliflen
trotz feiner Gegenwartsanfchauung das Wort Himmelreich
fich immer fogleich einftellt, wo er vom Weltgericht und
der Parufie des Meffias reden will. Ebenfo giebt er zu,
dafs Lucas zumeifl das zukünftige Gottesreich im Auge

Halle a. S. Carl Clemen.

Synaxarium Ecclesiae Constantinopolitanae e codice Sirmon-
diano nunc Berolinensi, adiectis synaxariis selectis opera
et studio Hippolyti Delahaye (Propylaeum ad Acta
Sanctorum Novembris ediderunt Carolus de Smedt,
Jofephus de Backer, Franciscus van Ortroy, Jofephus
van den Gheyn, Hippolytus Delahaye et Albertus
Poncelet, Presbyteri Soc. Iesu). Bruxellis 1902, apud
Socios Bollandianos. (LXXVI, 1180 Col. gr. Folio.)

Frs. 60.—

Die Bollandiften haben dem im J. 1894 erfchienenen
zweiten November-Band (II, 1) hier einen Band folgen
laffen, der als ,Propylaeum ad Acta SS. Novembris1, bezeichnet
ift, aber der ganzen Sammlung zu Gute kommt.
Delahaye hat die Hercules-Aufgabe auf fich genommen
und vollendet, das Synaxarium der Kirche von Konflan-
tinopel nach dem Berliner Codex (Nr. 219 = Philipp.
1622 = Meermann 372, einft Claromont. 209) in extenso
hat, auch 17, 21, obwohl hier svzbg vumv wegen der Ein- j abzudrucken und die wichtigflen Varianten von 58 Codices

kleidung des Worts allerdings mit .unter euch' zu über- und zwei Editionen hinzuzufügen. Das Verfahren, für
fetzen fein wird (vgl. auch J. Weifs, 2 85 f.). Nicht anders welches er fich entfehieden hat, verdient allen Beifall: der
fleht es dann mit Marcus; denn auch aus den Gleichnifsen j Herausgeber hat auf die Löfung der Aufgabe verzichtet,

in Cap. 4 brauchen wir trotz W. nicht zu fchliefsen, dafs er
die Herrfchaft Gottes fchon gegenwärtig denke. Und endlich
in den Logien gefchieht das nur in jenem Wort
Mt. 12, 28, Lc. 11, 20; denn das Wort über den Täufer und
die Gleichnifse vom Senfkorn und Sauerteig waren anders
zu erklären.

Dann aber kann man noch zuversichtlicher, als W.,
behaupten, dafs Jefus die flreng efchatologifche Anfchauung
vom Gottesreich nicht abgelehnt, fondern kräftig bejaht
habe. Gegenwärtig hat er es ficher nur in dem Wort
Mt. 12, 28, Lc. 11, 20 gedacht; das andere über den Täufer
ift auch in Jefu Munde nicht fo hart, dafs wir es defshalb
mit Wen dt (Die Lehre Jefu 2 252) auf das gegenwärtige
beziehen oder mit Bouffet (Theol. Rundfchau 1902, 440)
für unecht erklären müfsten. Und auch jenes Wort über
die Dämonenaustreibungen braucht Jefus nicht nur in
einem Augenblick prophetifcher Begeiflerung gefprochen
zu haben; fondern wenn die Herrfchaft der Dämonen den

das konflantinopolitarifche Synaxarium, welches er mit
Recht (gegen Krasnofelzew) dem Ende des 9. oder dem
Anfang des 10. Jahrhunderts zuweift, wiederherzuftellen,
fondern er hat eine Handfchrift (nicht die ältede; die
älteflen find der Patm. 266 saec. X. und der Hierosolym.
saec. XXI), die vollftändig ift und fich auch fonft auszeichnet
, zu Grunde gelegt, die übrigen in ein Dutzend
von Familien (die fämmtlich, einer Claffe gegenüber [M],
näher zufammengehören) claffificirt und die Zufätze und
wichtigflen Varianten derfelben unter dem Text angeführt.
In Wahrheit ift damit doch etwas erreicht, was einer
kritifchen Ausgabe des Synaxariums fehr nahe kommt.

Die Prolegomena orientiren gründlich und ausreichend
über das Synaxarium. Nach einer Darlegung des Charakters
der Synaxarien überhaupt und einer Befchreibung der
Handfchriften und der Drucke, in der das über die italo-
griechifchen Codices Gefügte befonders lehrreich ift (f. auch
c. III, 3), folgt im 3. Capitel eine Unterfuchung über die

Gegenfatz zu der Gottes bedeutete, fo kam eben wirklich Recenfionen, ihr Alter und ihre Autoren, und im 4. eine
mit der Vernichtung jener diefe. Dagegen die anderen | folche über die Quellen. Die am Schlufs(Col. 941 —1038) an-
Wunder, die W. einfach damit zufammenwirft, hat Jefus I gehängten ,Adnotationes' beziehen fich gröfstentheils nicht
nach dem älteflen Evangelium (1, 39.3, uf.) vielmehr davon ! auf die Gefchichte, fondern auf literarifche und hagiogra-
unterfchieden; ich möchte es daher auch nicht nur als 1 phifche Fragen und zeichnen fich durch die gründlichfle
einen .Scherz' aufgefafst wiffen, wenn man die Schilderung ! Gelehrfamkeit aus, dem keine literarifche Erfcheinung (auch
feiner Thätigkeit Mt. II, 5 . Lc. 7,22 im Munde Jefu J auf die Sammlungen von Gebhardt und von Knopf