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Ausgabe:

1903 Nr. 10

Spalte:

298-300

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wernle, Paul

Titel/Untertitel:

Die Reichsgotteshoffnung in den ältesten christlichen Dokumenten und bei Jesus 1903

Rezensent:

Clemen, Carl

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297 Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 10. 298

erweifen. Ein Hauptargument entnimmt er der Pilger- | dung des W. Jabis i(t fchon in der Luftlinie mehr als 8
fchrift der vornehmen Aquitanierin, welche um 385 n.Chr.- mil.pass., vollends wenn man die Krümmungen des Weges
die heiligen Stätten befucht hat (der erde Herausgeber 1 hinzunimmt. Eufebius würde aber auch bei der Lage öft-
Gamurrini hat fie mit Unrecht mit Silvia, der Schwerter lieh vom Jordan an der Mündung des W. Jabis ficher
des Rufinus, identificirt). Diefe Dame unternahm von nicht Skythopolis, fondern Pella als Orientirungspunkt ge-
Jerufalemaus eine Reife nach dem Hiobsklofter imHauran. braucht, alfo ,füdlich von Pella' gefagt haben, vgl. Onomast.
Auf diefer Reife kam üe nach einem Ort Sedima in der p. 225: y de fdßiq iotixstva zov Ioqöclvov vvv eözl pr/iozy
Nähe des Jordan, wo ihr die noch erhaltenen Fundamente otoliq, IlilXyq stöXe.mq öiEözmOa örjusioiq c. Andererfeits
der Königsburg des Melchifedek gezeigt wurden, denn befchreibt auch Hieronymus das Salem des Melchifedek
Sedima fei nur Corruption für Salem (Jtinera Hierosolymi- als in der Nähe von Skythopolis liegend, Epist. 7J ad
tana ed. Geyer p. j6 sq., für den Uebergang von / in d Evangelium (Vallarfi I, 445): Salem .... oppidum juxta
vgl. Arbel und Irbid, dazu meine Gefch. P, 356). Als fie j Scythopolim, quod usque hodie appellatur Salem, et osten-
fich dann nach dem Aenon juxta Salim, wo Johannes ; ditur ibi palatium Melchisedec ex magnitudinc ruinarum
getauft habe, erkundigte, wurde ihr auch der Taufort ' veteris operis ostendens magnificentiam. — Die Befchrei-
gezeigt. Nur zweihundert mil. pass. von Salem entfernt 1 bung der aquitanifchen Pilgerin fcheint mir übrigens noch
war ein fchöner Obrtgarten, genannt cepos tu agiu iohanni in einer Beziehung lehrreich. Man wird daraus fchliefsen
(xyjtoq zov dyiov jcodvvov), und in demfelben eine Quelle 1 dürfen, dafs es einen Ort Namens Alvcov in der Nähe
mit Waffer-Baffm, locus (ed. Geyer p. 57 sq.). Höchrt be- : jenes Salem nicht gegeben hat, fondern dafs man nur eine
friedigt fetzte fie ihre Reife weiter fort und kam nach | Quelle in der Nähe als die Taufftätte zeigte. Auch die
Thesbe, dem Ort des Elias, p. 58: ac sie ergo euntes , Notiz des Eufebius wird alfo in diefem Sinne zu verftehen
aliquandiu per vollem Iordanis super ripam fluminis ipsius, lein. —Zu dem Verzeichnifs der verfchiedenen Meinungen
quia ibi nobis iter erat aliquandiu, ad subito vidimus • über die Lage von Aenon und Salim, welches Mommert
civitatem saneti prophetae Heliae, id est Thesbe. Mommert S. 19—29 giebt, ift noch nachzutragen, dafs die grofse
überfetzt dies (S. 67): ,Und indem wir fo eine Zeitlang J englifche Karte ein Ainun im Wadi Earah verzeichnet
in einem (Seiten-J Thale des Jordans, unmittelbar am Fiufs- (Map of Western l^alestine in 26 sheets Blatt XII N. o.),
ufer, weil der Weg dort eine Strecke hinlief, weitergingen, welches Conder geneigt ift mit dem Ev.Joh. 3, 2:1 genannten
fahen wir plötzlich die (Geburts-) Stadt des heil. Propheten zu identificiren (Memoirs II, 230). Vgl. auch Stevens, Aenon
Elias, Thesbe nämlich'. Da nun noch heute die Ruinen j nearto Salem (Journalofthe society of' biblical literature and
einer Kapelle Mar Elias am Wadi Jabis, einem örtlichen ; exegesis 1883, Juni—Dec. p. 128—141 [mir nicht bekannt]).
Seitenthal des Jordan liegen, und da die Reife der Pilgerin I In der Unterfuchung über Bethanien führt Mommert
nach Orten (dem Hauran zu) ging, fo nimmt Mommert ! namentlich aus, dafs man erft feit dem 6. Jahrhundert die
an, dafs Salem und Aenon bei der Einmündung des Wadi j Taufftelle auf dem diesfeitigen (weftlichen) Jordan-Ufer
Jabis in den Jordan, auf der örtlichen Seite des letzteren | gefucht hat. Der ältefte Zeuge hiefür ift die Mofaikkarte
gelegen haben. Der Wadi Jabis fei das (Seiten-) Thal des , von Medaba. Die älteren Autoritäten, auch noch folche
Jordan, in welchem die Pilgerin ihre Reife nach Orten i des 6. Jahrh. (Theodofius und Antoninus) verlegen fie, wie
fortfetzte. Ich kann diefe Argumentation nicht für ' Ev. Joh. 1, 2s auf das jenfeitige (örtliche). Diefen Sachzwingend
halten, da es keineswegs ficher ift, dafs die Reife- 1 verhalt hat auch Schulten in feinem Commentar zur
route der Pilgerin an der Stelle des heutigen Mar Elias 1 Mofaikkarte von Medaba conftatirt (a. a. O. S. 76fr.). Nur
vorbeiführte (wie unficher dies ift, fleht man gerade aus I glaubt Schulten, dafs der Pilger von Bordeaux (4. Jahrh.)
den Erörterungen van Karteren's, Zeitfchr. des DPV. eine Ausnahme von der älteren Tradition mache, indem
XIII, 207ff., der feinerfeits das Thesbe der Pilgerin dort 1 auch er bereits die Taufftelle am weftlichen Ufer fuche.
fucht). Vor allem aber habe ich gegen die obige Ueber- ; Die Stelle lautet (Jtinera Hierosol. ed. Geyer p. 21): lnde
fetzung die ftärkften Bedenken, denn fie wird nicht da- 1 ad Jordane, ubi dominus a Johanne baptisatus est . . Ibi

durch geftützt, dafs die Lage von Salem vorher fo be-
fchrieben war (Geyer p. 56, 4—5): in quo itinere iens vidi
super ripam Iordanis fluminis vollem pidchram satis et
amoenam. Hier erhellt aus dem Wortlaut, dafs ein Seitenthal
des Jordan gemeint ift, an der anderen Stelle aber
ift offenbar das Jordanthal felbft gemeint. Durch die
Pilgerfchrift wird alfo die Frage nicht entfehieden, ob die
Stelle, die man im 4. Jahrh. als das Aenon des Johannes
zeigte, örtlich oder weltlich vom Jordan zu fuchen ift. —
Ein zweites Argument ift für Mommert die Mofaikkarte
von Medaba, welche Aenon örtlich vom Jordan anfetze
(S. 70, der Verf. fagt: ,auf der rechten oder Oft-Seite
des Jordans'; er meint jedenfalls die Oft-Seite). Hier hat
aber der fonft fo forgfältige Verf. fich nicht hinreichend
orientirt. Auf der Mofaikkarte (ich benütze die Ausgabe

est locus super flumen, monticulus in illa ripa, ubi raptus
est Helias in caclo. Nimmt man hier mit Schulten S. 78
super flumen im Sinne von Irans flumen, fo ergiebt fich
als Taufftätte das weltliche Ufer, denn der Ort der Hinwegnahme
des Elias liegt auf dem örtlichen. Es fcheint
mir aber Mommert im Rechte zu fein, wenn er (S. 31)
überfetzt ,oberhalb des Flufsufers' (eine Handfchrift hat
supra). Dann ftimmt auch der Pilger von Bordeaux mit
der älteren Tradition.

Beiläufig fei noch bemerkt, dafs die herkömmlicherweife
nach Antoninus Placentinus benannte Pilgerfchrift
weder von diefem noch feinem Begleiter verfafst
ift. Denn wenn der ungenannte Verfaffer fagt, er habe
die Reife unternommen praecedente beato Antonino martyre,
fo heifst das nicht ,unter Vortritt = in Begleitung des

von Schulten in den Abhandlungen der Göttinger Ge- ' Antoninus', wie man es bisher allgemein gefafst hat, fondern
,unter der Obhut des heiligen Antoninus' des Schutzpatrons
von Piacenza [fo Grifar, Zeitfchr. für kath. Theol.
1902, S. 760—770).

Göttingen. E. Schürer.

fellfchaft der Wiffenfch., phil.-hift, Kl. N. F. Bd. IV Nr.
2, 1900) kommt Aenon zweimal vor; das eine mal allerdings
örtlich vom Jordan, Schulten S. 11: Alvcov ev&a
vvv 0 ISaxOacpaq, aber ganz im Süden gegenüber von
Jericho; das andere mal aber weltlich vom Jordan in
Samarien, an der Stelle, wo es nach Eufebius zu fuchen

ift; die Bezeichnung lautet hier (Schulten S. 5): Aivmv v, Wernle, Prof. Lic. Paul, Die Reichsgotteshoffnung in den

cyyvq zov Eahfl]. Der Verf. der Mofaikkarte fetzt alfo ä|te t christlichen Dokumenten und bei Jesus. Tübingen

das von Eufebius erwähnte Aenon und Salim weltlich vom r„„ T n u M 1 „„ " , , A/r

Jordan und ift fomit ein Hauptzeuge gegen Mommert. - l*>3, h C. B. Mohr. (III, 58 S. gr. 8.) M. 1.20

Einige andere Gründe Mommert's find mehr fubfidiärer Die Diskuffion über die Reichsgottesidee Jefu fcheint

Art und ebenfo wenig beweifend. Die von ihm ange- noch immer nicht zu Ende kommen zu wollen. Zwar
nommene Lage ift aber auch nach Eufebius fehr unwahr- ' Bouffet hat in feinem auf dem theologifchen Feriencurs
fcheinlich. Die Entfernung von Skythopolis bis zur Mün- i in Braunfchweig gehaltenen und dann in der Theologifchen

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