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Ausgabe:

1903 Nr. 9

Spalte:

279-280

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Braasch, August Heinrich

Titel/Untertitel:

Der Wahheitsgehalt des Darwinismus 1903

Rezensent:

Mayer, Emil Walter

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Seite 1

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279

Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 9.

280

bei der Frage der Myftik, der natürlichen Theologie und
der Bedeutung der Gemeinde); aber ohne jede unwürdige
Polemik ift die Bedeutung Ritfchl's und mancher feiner
Gedanken anerkannt. Auch Harnack's ,Wefen des Chriften-
thums' ift mehrfach, und zwar nur pofitiv und ohne gleichzeitiges
Kritifiren, verwerthet.

Endlich verdient das Buch Beachtung als eine theologifche
Arbeit aus der Methodiftenkirche. Wie fehr man
dem Methodismus Unrecht thut, wenn man ihn nach der
dürftigen Secten-Exiftenz beurtheilt, in der er bei uns er-
fcheint, und in welchem Mafse methodiftifche Theologie
innerhalb klarer, durch den Verföhnungsglauben gezogener
Grenzen modernen Gedanken fich öffnen kann und für
moderne Gedanken prädisponirt ift (vgl. RE3 XII, 800,
25ff.): das kann das Buch fehr deutlich zeigen.

Halle a. S. Loofs.

Braasch, Auguft Heinrich, Der Wahrheitsgehalt des Darwinismus
. Weimar 1902, H. Böhlaus Nachf. (V, 182 S.
gr. 8.) M. 2 —

Ob der Titel des Buches fehr glücklich gewählt fei,
darüber liefse fich am Ende ftreiten. Jedenfalls ift der
Inhalt etwa folgender.

Zunächft wird in eingehender und lichtvoller Darfteilung
die epochemachende Lehre Darwin's befchrieben.
Dann fchildert der Verf. die mancherlei Einwände und
Correcturen, welche diefe feitens der Naturwiffenfchaft in
den letzten Decennien erfahren hat, indem er fpeciell an
Nägeli, Weismann, Hugo de Vriefs, Reinke, Spencer,
G. Wolff, Gerftung, Wallace und anderen exemplificirt.
Ein weiteres Capitel führt die Thefe durch, dafs Haeckel
infofern ein treuer Schüler Darwin's fei, als er die me-
chanifche Erklärung für die Entwicklung der Organismen
möglichft confequent durchführt und fie auf das gefammte
Weltall überträgt. Es folgt eine einfchneidende, aber mafs-
volle Kritik der ,Welträthfel'. Und nun ift der Autor fo
weit, dafs er fich in eine Unterfuchung einlaffen kann
über die Stellung des Chriftenthums zu den geficherten
Ergebnifsen der modernen Naturwiffenfchaft, welche zwar
an dem EvoLitionsgedanken durchaus fefthalte, aber mehr
und mehr das Vertrauen verloren habe zu einer blofs
chemifch-phyfikalifchen Ableitung der Lebenserfchein-
ungen und teleologifch oder zielftrebig wirkenden Factoren
Spielraum gewähre.

Indem er conftatirt, dafs die von Jefus geftiftete und
durch ein beftimmtes Verhältnifs zu feiner Perfon vermittelte
Religion zwar eine praktifche Angelegenheit fei,
aber dennoch eine Reihe von theoretifchen Ueberzeug-
ungen in fich fchliefse, wie die von dem Sein und der
Herrfchaft eines väterlichen Gottes, von der Ueberordnung
der Seele über den Leib, von der Realität des Ewigen,
legt er dar, dafs das fo umfchriebene Chriftenthum fich
durchaus vereinen laffe mit der Idee der Entwicklung, ja
felbft mit der Vorftellung eines harten Kampfes ums Däfern
in der Welt, während anderfeits die unleugbare Ge-
fetzmäfsigkeit des Naturgefchehens den Vorfehungsglau-
ben eher zu kräftigen als zu gefährden geeignet fei. Mit
eingeflochten ift ein Capitel, das zeigen will, wie in Bezug
auf die Ableitung und Erklärung des Sittlichen die
chriftliche Religion in einer viel günftigeren Lage fei
denn die moderne Wiffenfchaft als folche. Den Befchlufs
bildet die Verficherung, dafs, gleichviel ob die Natur-
forfchung unfern Glauben anfechte oder unterftütze, diefer
doch auf einer völlig felbftändigen Grundlage beruhe,
nämlich auf der gefchichtlichen Perfon Jefu und der unmittelbaren
religiöfen Erfahrung.

Die kritifche Aufmerkfamkeit theologifcher Leferwird
fich felbftverftändlich in erfter Linie auf diejenigen Partien
des Buches richten, in denen das Wefen des Chriftenthums
zufammengefafst und mit den Refultaten des Naturerkennens
auseinandergefetzt wird. Bedenken und De-

fiderien liegen da nahe. So ift es beifpielsweife befremdend,
dafs bei der Befprechung des Entwicklungsgedankens
die Frage gar nicht erörtert wird, wie fich mit diefem der
Anfpruch der chriftlichen Religion auf Abfolutheit vertrage
. Aus der Bedeutung des Kampfes ums Dafein find
bekanntlich wuchtige Confequenzen abgeleitet worden
für den Inhalt der Ethik: man denke an die Forderung
einer Umwerthung aller Werthe! Darüber wäre am Finde
doch auch ein Wort am Platze gewefen angefichts der
Rolle, die der Altruismus im Chriftenthum fpielt. Der
Verfuch, gegen Haeckel die Willensfreiheit zu vertheidigen,
leidet darunter, dafs über diefen flüffigften aller Begriffe
keine genaueren Beftimmungen getroffen werden; und fo
fympathifch die Ausführungen über Gehirn und Seele an
fich find, ift fo viel Vorficht und Sachkenntnifs darauf
verwandt, als es das ungeheuer fchwierige Thema erfordert
?

Mag aber gleich Derjenige, der die Dinge ernft und
fchwer nimmt, mehr als einer Seite des Buches gegenüber
ein volles Gefühl der Befriedigung nicht erleben, fo
hat doch das Werk von Braafch grofse und unleugbare
Verdienfte. Nicht nur, dafs es ein objectives und deutliches
Bild vom Darwinismus und deffen modernen Mo-
dificationen giebt, — ein Urtheil, das dem Referenten
von fachmännifcher Seite beftätigt wird —; es gelingt

j ihm auch in äufserft anfchaulicher Weife dem Uneingeweihten
klar zu machen, dafs, wenn die Entwicklungslehre
mit ihrer urfprünglichen Darwin'fchen Fundatnen-
tirung zwar nicht nothwendig zum Materialismus führte,
aber diefem doch günftig war, fie gerade mit der Be-

I gründung, die fie neuerdings mehr und mehr erfährt, einer
idealiftifchen und teleologiichen Weltdeutung eher förder-

j lieh ift als umgekehrt.

Strafsburg i. E. E. W. Mayer.

j Dietz, Schuldir. a. D. Philipp, Die Restauration des evangelischen
Kirchenliedes. Eine Zufammenftellung der
hauptfächlichften litterarifchen Erfcheinungen auf
hymnologifchem Gebiete, namentlich dem Gebiete
der Gefangbuchslitteratur feit dem Wiedererwachen
des evangelifchen Glaubenslebens in Deutfchland.
Marburg 1903, N. G. Elwert. (XII, 806 S. gr. 8.) M. 10.—

In einem kurzen Ueberblick fkizzirt der Verf. zu-
; nächft (S. 1 —14) den Entwicklungsgang des deutfehen
: Kirchenliedes von Luther bis etwa 1820, um den Standpunkt
darzulegen, von dem aus das Buch gefchrieben ift.
Er ftimmt darin im Wefentlichen mit feinem Lehrer
Vilmar, dem er jüngft in feinem Büchlein: Vilmar als
Hymnolog, ein pietätvolles Andenken geftiftet hat. Mit
dem Jahre 1820 fetzt dann fein Buch ein.

Die ,Reftauration des evangelifchen Kirchenliedes' ift
ihm danach die Wiedereinfetzung der älteren Kirchenlieder
, namentlich der Reformationsperiode, in den ihnen
gebührenden Platz in den kirchlichen Gefangbüchern und
damit in den Gottesdienft und das Leben der Gemeinde;
zweitens die Wiedereinfetzung diefer Kirchenlieder in ihre
urfprüngliche Faffung, ihren Originaltext. Es ift bekannt,
wie die Aufklärungsperiode diefe Lieder fall gänzlich
aus den Gefangbüchern verbannt oder, falls eines beibehalten
wurde, ihren Text fo gewaltfam verändert und
verunftaltet hatte, auchohne Noth, ausblofser Aenderungs-
I fucht, dafs man felbft bei Paul Gerhardt'fchen Liedern
j oftmals nur durch einige Stichworte an das Original er-
: innert wurde. Mit dem Wiedererwachen des Glaubens-
! lebens befann man fich auf die vergrabenen Schätze, und
im Laufe von etwa 80 Jahren find nach ernfter wiffen-
i fchaftlicher Arbeit durch die Bemühungen der kirchlichen
Organe heute in faft fämmtlichen deutfehen evangelifchen
Landeskirchen die bis dahin in Gebrauch gewefenen Ge-
j fangbücher durch fowohl hinfichtlich der Auswahl als
i hinfichtlich der Textgeftaltung der Lieder beffere erfetzt.