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Ausgabe:

1903 Nr. 1

Spalte:

5-7

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Engert, Thaddaeus

Titel/Untertitel:

Der betende Gerechte der Psalmen 1903

Rezensent:

Volz, Paul

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Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 1.

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(S. 345—3S7)- Der Verf. hat die Abficht, die Gefchichte
der Reformation zuBesangon zu fchreiben. Die vorliegenden
Zeilen fchildern in fehr knapper Skizzirung die erfte
Periode diefer Gefchichte, die mit der Unterdrückung der
reformatorifchen Tendenzen durch die vereinigten Bemühungen
des Clerus und Karls V. endigt.

Halle a. S. Georg Hollmann.

Gelbhaus, Rabb. Pred. Doc. Dr. S., Nehemias und seine
SOCial-politischen Bestrebungen. (Zur Gefchichte und Literatur
des zweiten jüdifchen Staatswefens.) Wien 1902,
R. Löwit. (51 S. gr. 8.) M. 1.80

Verf. will das Lebensbild des Nehemia zeichnen.
Nehemia oder (wie fein allgemein bekannter Name war)
Tirfchata ift ein Davidide gewefen, Oberhaupt der Gola,
Mundfchenk (dies bedeutet Tirfchata) am perfifchen Hof,
reich an irdifchem Gut und herrlicher Eigenfchaften voll;
er wird vom Grofskönig zum Vafallenkönig Judäas benimmt
, denn es lag im Intereffe das Oberherrn, ein einheimisches
Vafallenkönigthum in Judäa zu haben. Die erfte
Unternehmung Nehemia's ift der Mauerbau; durch ihn will
er eine Hauptltadt fchaffen, denn er ift Repräfentant der
meffianifchen Erwartung, und die Hauptftadt, menfchlich
betrachtet für die damaligen Verhältniffe eine Unnot, ift
Angelt und Vorausfetzung des meffianifchen Heils. Diefe
eschatologifche Stimmung ift charakteriftifch für alles was
Nehemia thut. Sodann regelt er die traurigen focialen
Verhältnifse, geht durch das eigene Beifpiel voran in dem
Beftreben, den oberen Ständen das Ausfaugen der unteren
zu wehren. Von einem begeifterten Freund diefer Regen-
tenthätigkeit ift Ps 112 Nehemia gewidmet. Weiter eifert
Nehemia gegen die Mifchehen, unter dem erbitterten
Widerfpruch der Laien, der Priefter und Propheten, und
unter der Feindfchaft der Samaritaner; ihm, dem Viel-
gefchäftigen, dem Kinderlofen zum Spott wird Ps 127
gedichtet. Endlich fucht er die vom alten Gefetz verlangten
Abgaben und Steuern durchzuführen, ohne Rückficht
auf den Wandel der Zeiten, und verfchärft die alten

Gefetze durch neue Zuthaten. Trotz feiner Bemühungen j meindelieder, wie dies an einzelnen Beifpielen (Pf. 51. 130)

der Pfalmen gewidmet. Hierbei fucht Verf. den Nachweis
zu führen, dafs im Anfang die ,allegorifche' Erklärung
, welche das betende Ich mit dem Volke iden-
tifch fetzt, vorgeherrfcht habe, fowohl innerhalb der
Synagoge als bei den Kirchenvätern, befonders in der
alexandrinifchen Exegetenfchule. Diefes Zeugnifs der
Tradition ift ihm wichtig. Im Mittelalter und unter den
proteftantifchen Exegeten, vor allem durch Calvin, bricht
die .individualiftifche' Auffaffung fich Bahn; aber erft im
19. Jahrb.. ift fie in negativer und pofitiver Weife wiffen-
fchaftlich hochgehoben worden. Ihr gegenüber hat fich
in den letzten Jahrzehnten die ,Perfonificationstheorie'
wieder erneuert, und auch der Verf. Hellt fich mit aller
Macht auf ihre Seite. Zunächft reiht er die Bedenken
gegen die individualiftifche Deutung zufammen: Diefe
widerfpreche dem Grundcharakter der femitifchen,
fpeciell der jüdifchen Religion, die die religiöfe Gemein-
fchaft betone, fälfchlich werde Jeremia der Vater des
Individualismus genannt, gerade die nachexilifche Zeit
habe den Grundzug der Frömmigkeit im Gemeinfmn
gefehen, erft der pharifäifche Egoismus fei die Quelle
des religiöfen Individualismus; die Ueberfchriften, in
denen die individualiftifche Deutung ihre Stütze fuchte,
feien ja doch unecht; ferner erheben fich, namentlich
von den Fluchpfalmen aus, ethifche Bedenken gegen die
Pfalmen, wenn fie von Einzelnen für fich gefprochen
wären; unbegreiflich wäre in diefem Falle, wie die verzweifelnde
Klage urplötzlich in den Jubel über die
Rettung umfchlagen könnte, unbegreiflich, wie an die
Rettung eines einzelnen Frommen fo ungeheuere Folgen,
wie die Bekehrung der Heiden, angeknüpft werden könnten.
Verf. wendet fich auch gegen die nach Smend aufge-
tretenenGelehrten, die die Perfonificationstheorie auf einen
blofsen Theil der Pfalmen befchränken wollten; er bekämpft
die Anficht, dafs die Pfalmlieder urfprünglich für
einen privaten Zweck gedichtet und durch Zufätze erft
für das Gemeindegefangbuch zurechtgemacht worden
feien; diefe ,Zufätze' feien vielmehr überall mit ihren
Pfalmen organifch verbunden und beweifen umgekehrt
für die urfprüngliche Abfaffung der Pfalmen als Ge-

für den Cultus find die Priefter feine ärgfter Haffer, be- belegt werden kann. Pfalmen, die der Perfonifications-

fonders zwifchen Nehemia und dem Oberpriefter entfteht
Feindfchaft auf Tod und Leben. Nehemia mufs weg, im
140. Pfalm fchüttet er feine Klage aus. Aber Tirfchata

theorie fcheinbar widerftreben, wie Pf. 6, erhalten ihren
vollen und guten Sinn durch Anwendung der allegori-
firenden Methode. Unter der Hand lernen wir die eigene

kehrt zurück, führt die Reform mit Gewalt durch, verliert 1 Anficht des Verf.s näher kennen: überall in den Pfalmen
indes wieder feinen Platz im Kampf mit dem Oberpriefter, j ift es die fromme Gemeinde, die betet, einen Unterfchied
der feine Stelle einnimmt. Nehemia dichtet refignirt den j zwifchen der Gemeinde im allgemeinen und der frommen
139. Pfalm, um feine guten Abfichten und fein gutes Recht j Gemeinde giebt es nicht, denn nur die fromme Gemeinde
vor Gott und der Welt darzulegen. Nehemia ift der Ver- | betet; was fie erbittet, ift überall das Gericht und das

faffer der Bücher Esra und Nehemia, wofür auch die
rabbinifche Ueberlieferung fpricht, er benutzte dazu Do-
cumenteEsras; uns ift fein Werk nur fragmentarifch erhalten.

Das Büchlein ift mit Wärme gefchrieben, befonders bemüht
fich der Verf., die focialen Verhältnifse fowohl im alten
Ilrael als im exilifchen und nachexilifchen Judenthum aufzuzeigen
. Indes ift es ihm nicht gelungen, die wiffenfchaft-
liche und die erbauliche Betrachtung auseinanderzuhalten;
damit hängt zufammen, dafs neben guten Beobachtungen,
namentlich im Gebiet der wirthfchaftlichen und der Ver-
faffungsfragen, fich auch manche wiffenfchaftlich fchwach-
beründete und fchwer zu haltende Behauptung findet.
Leonberg. P. Volz.

Engert, Dr. theol. Thaddaeus, Der betende Gerechte der

Psalmen. Hiftorifch-kritifche Unterfuchung als Beitrag
zu einer Einleitung in den Pfalter. Von der theologi-
fchen Fakultät zu Würzburg preisgekrönt. Würzburg
1902, Göbel & Scherer. (IV, 134 S. gr. 8.) M. 2.—

Der gröfsere Theil diefer Schrift ift der Gefchichte
der Pfalmenexegefe in Beziehung auf das betende Ich

.meffianifche' Heil im Gegenfatz theils zu äufseren, theils
zu inneren Feinden. Auch das cultifche Bedürfnifs felbft
ift Be weis genug, dafs Gemeindelieder gedichtet wurden,
die im Gottesdienft als Chorgefänge vorgetragen werden
füllten; Verf. glaubt, dafs die Schule, die nach dem Exil
die heiligen Schriften redigirte und gloffirte, auch das
uns überlieferte Pfalmbuch fchuf, um dem Gottesdienft
das Gefangsmaterial zu liefern. Dabei bildete
fich ein Pfalmenfchema und eine Pfalmenterminologie
aus, nach welcher die cultifchen Dichter Noth und Er-
löfung der Gemeinde befangen.

Sicherlich hat Verf. feiner Theorie zu lieb des Guten
etwas zu viel gethan. Zuweilen bekennt auch er fich zu
der Annahme, dafs einzelne Pfalmen aus älteren Vorlagen
umgearbeitet worden feien, was feine fonftigen
durchgreifenden Aeufserungen etwas abfehwächt. Man
thut dem Geift des Pfalmbuchs wehe, wenn man fämmt-
liche Pfalmen nach Einem Mufter erklären will; ein Pfalm
wie Pf. 23 verliert feine Schönheit, wenn er nicht von
einem einzelnen Frommen zunächft ganz allein für fich
gebetet fein foll, und das Gottvertrauen des Einzelnen
in der eigenen Sache mufs doch auch unter den Juden
bekannt gewefen fein. Mit Recht nennt der Verf. den