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Ausgabe:

1903 Nr. 9

Spalte:

263-265

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Baltzer, Otto

Titel/Untertitel:

Die Sentenzen des Petrus Lombardus. Ihre Quellen und ihre dogmengeschichtliche Bedeutung 1903

Rezensent:

Loofs, Friedrich

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Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 9.

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riftifch cyprianifch ift, und zwar dafs fie die Gedanken
enthält, welche fich in Cyprian durch die Novatianifche
Controverfe entbunden haben (die er in diefer ausgeprägten
Form vor jener Controverfe alfo noch nicht formulirt
hatte). Diefer Nachweis ift richtig.

Der Verfaffer unterfucht endlich den Zweck und die
Abfaffungszeit der Schrift de unitate aufs gründlichfte, und
diefe Unterfuchung ergiebt das Refultat, dafs der nicht
interpolirte Tractat durch das Schisma des Feliciffimus
hervorgerufen, von Cyprian in der letzten Zeit feines
Exils verfafst und von ihm nach Karthago mitgebracht ift.
Auch diefer Nachweis ift einleuchtend; es folgt aus ihm,
dafs die novatianifche Controverfe noch nicht ausgebrochen

(S. I—14) erörtert, von der Abficht des Sentenzenwerkes
ausgehend, zunächft die Stellung des Lombarden zu den
Vätern und zu der gleichzeitigen Literatur im Allgemeinen;
— hier ift unter dankbarer Benutzung der Nachweife in
der Sentenzenausgabe der Väter von Quaracchi eine in-
tereffante und durch Zahlen eindrucksvolle Ueberficht über
die Citate das Lombarden gegeben und fein Verhältnifs
zu der fcholaftifchen Literatur vor ihm unter Vorausnahme
der Hauptrefultate der gefammten Unterfuchung
charakterifirt. Danach(S. 12)bringtdieEinleitungkurzeAusführungen
über die Dispofition des berühmten Sentenzenbuches
. Dafs fie die fyftematifchen Gefichtspunkte nicht
durchführt, die fie fcheinen beftimmen zu follen, ift gewifs

war, als der Tractat niedergefchrieben wurde. richtig. Doch inwiefern diefer Umftand dem Verf. ,das

Als Facit drängt fich nun von felbft auf: die Inter- Recht giebt, einfach der Reihenfolge der einzelnen Bücher

polation ift die Correctur bez. Präcifirung des in
c. 4 der Schrift ausgeführten Gedankens, die fich
unter dem Eindruck der Novatianifchen Contro-

nachzugehen' (S. 13), vermag ich nicht einzufehen. Einer
Rechtfertigung diefes Anfchluffes an die Reihenfolge des
Lombarden bedurfte es gar nicht; jedes andere Verfahren

verfe nöthig machte. Sie präcifirt die Bedeutung des i wäre fehr unzweckmäfsig gewefen.— In vier nacheinander

Petrus und feiner Kathedra, fowie den Begriff der Einheit j den vier Theilen des Uber sententiarum gewidmete Ab-

der Kirche nicht mehr gegen Feliciffimus, fondern im fchnitte zerfällt dann die Hauptmaffe des Baltzer'fchen

antinovatianifchen Intereffe. Nun wiffen wir durch Cyprian j Buches. B. unterfucht in jedem diefer Abfchnitte zunächft

felbft (ep. 54, 4), dafs er den römifchen Confefforen, die
vonNovatian abgelaffen und fich dem Cornelius zugewandt
hatten, das Buch de unitate ecclesiae zufandte und grofse
Hoffnung auf die Leetüre desfelben zur Befeftigung der
noch fchwankenden Gemüther fetzte (,quem libellum magis
ac magis nunc vobis placere confido, quando eum iam sie
legitis ut et probatis et amatis etc.'). Die Annahme liegt
daher in der That nahe, dafs Cyprian felbft in diefem über-
fandten Exemplar die Correctur vorgenommen hat; denn
fo erft erhielt der betreffende Abfchnitt die actuelle Kraft.

und vornehmlich dasliterarifche Verhältnifs desLombarden
zu feinen Vorgängern, namentlich zu Abälard, Hugo und
dem Decretum Gratiani. Dafs B. dabei ,das ganze Material
der Einzelunterfuchung', d. h. aber nur die Refultate
der Detailunterfuchung, vorlegen mufste (Vorwort), wird
jeder urtheilsfähige Lefer ihm zugeben. Seine Thefe, dafs
der Lombarde vornehmlich von Abälard und Hugo von
St. Victor, in zweiter Linie von [Gandulph, deffen
Sentenzen nach ungedruckt find, und von] Gratian abhängig
ift, und dafs die Anlehnung an Hugo dem Wort-

Unterftützt wird diefe Annahme durch die Thatfache, | laut nach eine engere, oft eine plagiatorifch enge ift,
dafs die Handfchriftengruppe, welche die Interpolation i während Abälard's Einflufs fich mehr verdeckt, mehr im
enthält, auf Rom zurückführt. 1 Geid als in den Worten fich verräth, — diefe Thefe würde

Dies id das Gerippe des Beweifes; einleuchtend wird j freilich hinreichend bewiefen fein, wenn B. nach einzelnen,
er erd durch das Detail. Unzweifelhaft hat der Verfaffer j beifpielsweife mitgetheilten Detail-Analyfen feine Refultate

bewiefen: 1) die Interpolation enthält nicht nur nichts
uncyprianifches, fondern fie id charakteridifch cyprianifch,
2) fie id antinovatianifch, 3) fie gehört höchd wahrfchein-
lich in den Gedankenkreis des 3. Jahrhunderts. Hält Jemand
fortan Cyprian felbd doch nicht für den Verfaffer,
fo darf er die Satzgruppe jedenfalls nicht mehr als böfe
römifche Fälfchung in Anfpruch nehmen. Sie id harmlos
und fagt nicht mehr von Petrus, als was Cyprian an
anderen Stellen auch gefagt hat. Ich gratulire dem Verfaffer
zu diefer feiner Unterfuchung, durch welche er der
älteden Kirchengefchichte einen wefentlichen Diend geleidet
hat.

Berlin. A. Harnack.

Baltzer, Pfr. Lic. theol. Otto, Die Sentenzen des Petrus Lom-

bardus. Ihre Quellen und ihre dogmengefchichtliche
Bedeutung. (Studien zur Gefchichte der Theologie und
der Kirche. Achter Band. Heft 3.) Leipzig 1902,
Dieterich. (VIII, 164 S. gr. 8.) M. 4.50

Der durch feine ,Beiträge zur Gefchichte des chrifto-
logifchen Dogmas im 11. und 12. Jahrhundert' (Studien ufw.
III, 1. 1898; vgl. Jahrgg. 1899 diefer Zeitung Sp. 491) vor-
theilhaft bekannte Verfaffer legt in diefem Buche ebenfo
mühfame wie verdiendliche Studien vor, an denen niemand,
der mit der Gefchichte der Scholadik oder mit mittelalterlicher
Dogmengefchichte fich befchäftigt, künftig vorbeigehen
darf. Die bei jener erden Arbeit dem Verf. aufgegangene
, zweifellos richtige Ueberzeugung, dafs es nur dann
möglich fei, den Lombarden richtig zu werthen, wenn man
fich über fein Verhältnifs zu feinen Vorgängern ein ficheres
Urtheil verfchafft habe, hat ihn bedimmt, für das ganze
Sentenzenwerk eine bis in das Einzelne gehende Quellen-
unterfuchung vorzunehmen. Die Refultate diefer Unterfuchung
liegen in diefem Buche vor. Die Einleitung

in allgemeinerer Form vorgelegt hätte. Aber dann wäre
die Arbeit nur ein Beitrag zur litterarifchen Würdigung
des Lombarden. Jetzt id fie mehr geworden; fie id ein
Hülfsmittel zu rechten Werthung alles deffen, was das
Sentenzenbuch bringt. Ich empfinde den Dank für dies
werthvolle Hülfsmittel und für die Mühe, die der Herr
Verf. feine Herdellung fich hat koden laffen, fo lebhaft,
dafs es mir fad wie Undank vorkommt, wenn ich auf
diefe Unterfuchungen hier nicht weiter eingehe. Allein
es liegt in der Natur der Sache, dafs dies unmöglich id;
und eine Nachprüfung darf ich und mufs ich der Ge-
fammtarbeit der Baltzer's Buch benutzenden Forfchung
der Zukunft überladen. — Das Zweite, das der Verf.
neben der literar-kritifchen Aufgabe im Auge hat, die
dogmengefchichtliche Bedeutung des Sentenzenbuches des
Lombarden, tritt trotz der rein dogmengefchichtlichen
recapitulirenden Abfchnitte des Buches (S. 39—47, 77—79,
99—105, 163f.) und trotz der gelegentlichen Eindechtung
dogmengefchichtlicher Beobachtungen in die Erörterung
der Abhängigkeitsverhältnifse ftark zurück. Es ift das
nicht die Schuld des Verfaffers. Die Bedeutung der Sentenzen
des Petrus Lombardus für die Folgezeit behandeln,
das hiefse faft, fo fagt der Verf. mit Recht (S. 164), eine
Gefchichte der Theologie der folgenden Jahrhunderte
fchreiben; — diefe Aufgabe greift Verf. gar nicht an. Und
der Vergangenheit gegenüber ift die dogmengefchichtliche
Bedeutung des berühmten Buches ebenfo gering, wie die
wiffenfchaftlicheBedeutung manches praktifch fehr brauchbaren
Compendiums. Aber das Wenige, was Verf. in der
Erkenntnifsdieferdurch ihn befonders deutlich gewordenen
Sachlage über die Stellung des Lombarden in der Dogmengefchichte
, bezw. der Gefchichte der Theologie fagt, ift,
fo fern es allem Conftruiren bleibt, und fo wenig! ,grofse
Gefichtspunkte' dabei hervortreten, dennoch lehrreich und
dankenswerth. Ja vielleicht ift es eben defshalb befonders
dankenswerth, weil Verf. den Schein, als überfähe er von