Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1903 Nr. 8

Spalte:

239-243

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schäfer, Ernst

Titel/Untertitel:

Beiträge zur Geschichte des spanischen Protestantismus und der Inquisition im sechzehnten Jahrhundert.3 Bände 1903

Rezensent:

Benrath, Karl

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2, Seite 3

Download Scan:

PDF

239

Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 8.

240

Predigerfeminar zu Naumburg am Queis, ift mit feiner
Differtation in die Detailunterfuchung der Literatur auf
Spuren des Binitarismus eingetreten und beftätigt die
Loofs'fchen Gedanken an einer Reihe von Documenten.
Er geht meift Nebenwegen nach. Wiewohl der Titel erwarten
läfst, dafs er von Tertullian ausgehe, handelt er
doch erft zuletzt, freilich am ausführlichften, S. 35—57 von
diefem. Ich habe nicht ganz begriffen, was ihn zu feinem
Arrangement beftimmt hat. Die anderen Theologen, deren
Schriften er vorführt, gehören in der That der Zeit nach
Tertullian an. Er behandelt nämlich 1. die pfeudocy-
prianifche Schrift De montibus Sina et Sion, 2. Die ebenfalls
pf.-cypr. Schrift Ad Vigilium de Iudaica incredu-
litate (gegen Harnack u. a., die in dem Vigilius den von
Thapfus erkennen wollen und alfo die Schrift in's 5. Jahrhundert
rücken, tritt M. in fehr eindringlicher Unterfuchung
den Nachweis an, dafs die Schrift wohl dem 3., höchftens
dem Beginne des 4. Jahrhunderts angehöre), 3. Victorinus
von Pettau, 4. Pfeudo-Tertullian adversus Marcionem
(M. ift geneigt, Victorin von Pettau für den Autor zu
halten), 5. Lactantius, 6. Die pfeudocyprianifche Schrift
De pascha computus, dann 7. Tertullian. Den letzteren
hat Loofs bislang nur erft obiter berührt; M. beleuchtet
feinen fcheinbaren ,Trinitarismus' von verfchiedenen
Seiten, um zu zeigen, dafs Tertullian eigentlich und jedenfalls
urfprünglich rein binitarifch denke; erft der Montanismus
habe (doch noch vielfach unfichere) trinitarifche Ideen
bei ihm begründet. Es verbietet fich von felbft, dafs ich
hier in eine Kritik einträte. Am intereffanteften war mir,
was M. über Lactanz beibringt. Victorin von Pettau hätte
er vielleicht bei Seite laffen follen. Der Text zumal
feines Apokalypfencommentars ift doch gar zu unficher.
M. hat von Haufsleiter's und Bouffet's hier ein-
fchlagenden Arbeiten keine Kenntnifs. Was das von
ihm mitverwerthete ,Bekenntnifs' des Victorin betrifft, fo
hätten ihn meine Darlegungen in Apoft. Symbol I, 212 ff.
(vgl. auch 395 ff.) vorfichtig machen können. Ich habe im
Einzelnen manchmal den Eindruck gehabt, als ob M. zuviel
,Binitarismus' entdecke. Doch darf man mit Intereffe
der gröfseren Arbeit über die Anfänge der Chriftologie,
der diefe Differtation nur als Vorläufer dienen foll, ent-
gegenfehen.

Giefsen. F. Kattenbufch.

Schäfer, Priv.-Doc. Dr. Ernft, Beiträge zur Geschichte des
spanischen Protestantismus und der Inquisition im sechzehnten
Jahrhundert. Nach den Originalakten in Mad-
drid und Simancas bearbeitet. 3 Bände. Gütersloh
1902, C. Bertelsmann. (XVI, 458; IV, 426 und III,
868 S. gr. 8.) M. 30.—; geb. M. 33.50

(Band II und III mit Unterftützung der Bürgermeifter Kellinghufens
Stiftung zu Hamburg.)

In der gehaltvollen und lehrreichen bibliographifchen
Ueberficht zur Gefchichte des fpanifchen Proteftantismus
im XVI. Jahrh., welche D. Wilkens im 9. Bande der
Zeitfchrift für Kirchengefchichte (1888) giebt, heifst es
S. 344 nach Baumgarten, dafs feit der Mitte des 19.
Jahrhunderts die Ordnung der Archive und Bibliotheken
in Spanien einen überrafchenden Auffchwung genommen
habe und der Muth zu werthvollen Veröffentlichungen
gewachfen fei. Das wird dort fchon mit einigen Bei-
fpielen belegt, zu denen auch noch neuere gefügt werden
könnten. Dem Actenmateriale aus der Hinterlaffenfchaft
des bekannteften aller fpanifchen Inftitute, nämlich der
Inquifition, ift diefes Wachfen des Publicationsmuthes
freilich nicht zu Gute gekommen: von einer fyftematifchen,
unter irgend einen Gefichtswinkel geftellten Veröffentlichung
aus deren Bereich bieten auch die letzten Jahrzehnte
kein Beifpiel, wenn auch der gelehrte Menendez
Pelayo in feiner Gefchichte der fpanifchen Ketzer und
Melgares Marin in den ,Procedimientos de la Inquisition"

gewiffe Actenbeftände diefes Bereichs bearbeitet und
Einzelnes abgedruckt haben. Es ift einem jungen deut-
fchen Gelehrten, dem obigen Privatdocenten in Roftock,
vorbehalten geblieben, uns jetzt ein umfangreiches Material
zugänglich zu machen, welches fich auf das Vorgehen
der Inquifition gegen proteffantifche Bewegungen
dort zu Lande zwifchen 1550 und 1560-—ausnahmsweife
kommen auch einige frühere oder fpätere Daten in Betracht
— bezieht. Als Fundort nennt der Herausgeber
neben drei Madrider Bibliotheken (National, Particular
de Su Majestad und Biblioteca de la Academia de la
historid) die beiden Archive: das hiftorifche zu Madrid
und das Generalarchiv zu Simancas, deffen Schätze auch
bezüglich unferes Gegenftandes alle andern Sammlungen
an Umfang und Bedeutung übertreffen. Als Ergänzung
haben ihm die Bände Öriginalacten gedient, welche
Gotthold Heine aus Spanien herübergebracht hat und
die jetzt in der Univerfitätsbibliothek in Halle aufbewahrt
werden.

Das find die vom Verf. ausgebeuteten Fundorte.
Dafs durch das Gebotene unfere Kenntnifs bezüglich
der Träger und der Verbreitung der proteftantifchen
Bewegung in Spanien in dem oben bezeichneten Zeit-
abfchnitte gefichert und wefentlich ergänzt wird, ift ohne
Weiteres zuzugeben. Denn foll einmal eine Gefchichte
des Proteftantismus in Spanien während des Reformationsjahrhunderts
gefchrieben werden, fo mufs das, was die
gefchworenen Gegner aufbewahrt haben, um fo mehr in
Rechnung gezogen werden, als die Freunde oder gar die
Vertreter der Bewegung felber keine Darftellung des
Verlaufs hinterlaffen haben. Unter diefem Gefichtswinkel
tritt die neue Publication als eine werthvolle
Stofffammlung dem bibliographifchen Material zur Seite,
welches Boehmer in der unvergleichlichen Bibliotheca
Wiffeniana zufammengebracht hat, und es ift erfreulich,
dafs nicht nur der junge deutfche Gelehrte in die Lage
verfetzt worden ilt, hier endlich den ficheren Weg zu
gehen und die nothwendige Vorarbeit zu thun, fondern
dafs günftige Umftände auch den Druck der überaus
reichlichen Nachweife, wie Bd. 2 und 3 fie enthalten
mit Unterftützung der Bürgermeifter Kellinghufen's
tiftung zu Hamburg') ermöglicht haben. Ueber die
von S. gewählte Art der Actenpublication kann man
ja verfchiedener Meinung fein — dafs ein grofser
Theil der Documente regeftirt werden mufste, wird
jedem Kundigen einleuchten, dafs das fachlich und ge-
fchickt erfolgt ift — daran zu zweifeln liegt kein Grund
vor. Ob in umfaffenderem Mafse Acten im fpanifchen Original
ftatt in deutfcher Ueberfetzung hätten gegeben werden
follen, auch wenn man das gelten läfst, wasS. im Vorwort
p. VI f. betreffs der Uebertragung in's Deutfche andeutet,
foll hier nicht erörtert werden. Im Ganzen wird man
urtheilen: die Arbeit, wie fie jetzt S. gethan hat, hätte
längft gethan werden follen und ift von ihm in ent-
fprechender und dankenswerther Weife vorgelegt worden.

Das Wefentliche von dem, was den Inhalt von Bd. 2
bildet, ilt das Folgende: I.Acten der Inquifitionen zu Barcelona
, Logrono, Valencia, Zaragoza, Cördoba, Cuenca,
Llerena, Murcia, Santiago. Die Acten, meift Procefs-
relationen, fetzen ungleichartig ein, zwifchen 1540 und
1569, und reichen zum Theil bis an das Ende des Jahrhunderts
(S. 1—78). II. Acten der Inquifition zu Toledo;
darunter in Ausführlichkeit der Procefs gegen Dr. Arquer
aus Cagliari (S. 187—270), bei dem jedoch der ganze
erfte Theil mit den Umltänden der Verhaftung und den
erften Verhören fehlt. III. Urkunden zur Gefchichte der
Protefiantengemeinde zu Sevilla von 1559—1599 (S. 271
— 426). Bd. 3 bietet ausfchliefslich Acten zur Gefchichte
der Protefiantengemeinde in Valladolid (S. 1—813) und
ein forgfältiges Namen- und Sachregifter über alle drei
Bände (S. 814—866). Berichtigungen zu allen drei Bänden
bilden den Schluls des Ganzen (S. 867—868). Die
Acten diefes Bandes bieten zunächft Berichte, Briefe und