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Ausgabe:

1903 Nr. 8

Spalte:

235-237

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Heintzel, Erich

Titel/Untertitel:

Hermogenes, der Hauptvertreter des philosophischen Dualismus in der alten Kirche 1903

Rezensent:

Grützmacher, Georg

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Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 8.

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an mancherlei Anregungen und fafst das Problem in originaler
Weife an. Es befolgt P. die gewifs richtige und in neuerer
Zeit von Manchen mit überrafchendem Erfolg angewandte
Methode, die neuteftamentlichen Schriften in erfter Linie
nicht als literarifche Producte und Lehrfchriften, fondern
als Urkunden der in der alten Kirche fich abfpielenden
Kämpfe und errungenen Erfolge zu verftehen. Ein gelungenes
Beifpiel dafür, abgefehen von den johanneifchen
Schriften, ift auch die Erklärung der paulinifchen Rede
an die Presbyter von Ephefus aus den fpäteren Gemeinde-
zuftänden. Bei diefen das neuteft. Schriftthum beeinfluffen-
den Factoren ift aber nicht nur an innerkirchliche Ver-
hältnifse, Organifation, Finanz wefen,Gemeindegottesdienft,
Parteien und Aehnliches zu denken. Die Auseinander-
fetzungen mit naheftehenden Religionsgemeinden find
von gröfster Bedeutung. P. macht mit Recht auf jüdifche,
als ,gläubig' bezeichnete Elemente im IV. Evangelium
aufmerkfam. Das Bild, das man von diefen Leuten gewinnt
, ift fo befchaffen, dafs man fich fragt, wie diefelben
mit Chriftgläubigen von dem Schlag des Johannes in
einer Gemeinde zufammengelebt hätten. Hat die erfte
Kirche Contrafte, wie fie keine heutige in ihrem Schofs
bergen könnte, aufgewiefen? Das Buch fchliefst mit
einem lefenswerthen Abfchnitt, welcher die Folgerungen
für das kirchliche Leben der Gegenwart zieht.

Giefsen. Bälden fp erger.

Heintzel, Dr. phil. Erich, Hermogenes, der Hauptvertreter
des philofophifchen Dualismus in der alten Kirche.
Berlin 1902, Mayer & Müller. (VI, 83 S. gr. 8.) M. 2.40

Die vorliegende Monographie über Hermogenes
giebt zunächft eine kritifche Würdigung der Quellen, die
von dem Häretiker und feiner Lehre berichten. Gegen
Hermogenes hat zuerft der griechifche Bifchof Theophi-
lus von Antiochia eine verlorene Streitfchrift gefchrieben;
dann hat ihn Tertullian in zwei Schriften, von denen
nur die erfte Adversus Hermogenem erhalten ift, bekämpft.
Die Schrift des Theophilus ift nach Heintzel von Hippolyt
benutzt, fo dafs fein Bericht als glaubwürdig zu
gelten hat. Was Theodoret und Philafter über Hermogenes
bringen, ift von geringem Werth. Von der Per-
fönlichkeit des Hermogenes erfahren wir aus diefen
Quellen nur, dafs er Maler und mehrmals verheirathet
war und vermuthlich aus Syrien nach Karthago gekommen
ift, wo er noch um 219 lebte. Nach der Annahme
von Heintzel hat Hermogenes nicht nur mündlich, fondern
auch in einem ftreng theoretifchen Werk, das grie-
chifch gefchrieben war, fein Syftem niedergelegt. — Im
zweiten Theile verfucht Heintzel, fo weit dies bei den
fragmentarifchen Quellen möglich ift, eine Darftellung
diefes Lehrfyftems zu geben. Das Motiv und der
Grundton feiner Gedanken ift in der bei dem Untergang
der Antike immer häufiger discutirten ethifchen Frage
zu fuchen: Woher flammt das Böfe und wie ift es zu
erklären? Da ihm das Böfe in erfter Linie Weltübel ift,
fo tritt fein Syftem fofort als Kosmologie auf, in die
fich der Menfch als Theil des Ganzen einordnet. Gott
hat nach Hermogenes die Welt aus einem vorhandenen
Stoffe gefchaffen, weil er fie weder aus fich, noch aus
dem Nichts fchaffen konnte. So tritt die Natur als Urftoff
neben Gott als ewiges, d. h. wenigftens der Zeit
nach unendliches Princip. Diefe beiden Subftanzen
treten dann bei der Weltfchöpfung in Wechfelwirkung.
Gott geftaltet die Materie, die als belebter und in wilder,
unharmonifcher Bewegung befindlicher Stoff gedacht ift.
Die Bilder vom Magneten und von dem beruhigenden
und feffelnden Eindruck, den die Schönheit durch blofses
Erfcheinen erzeugt, zeigen, dafs Hermogenes eine dy-
namiftifche Kosmogonie im Gegenfatz zu der mecha-
niftifchen der Stoa und Kirchenlehre vertrat. Von der
Ausführung des eigentlichen Problems ift leider nichts

erhalten. Weder Tertullian noch Hippolyt theilen uns
mit, wie Hermogenes die ethifchen Begriffe in die Kosmologie
einftellte. Da er aber in der Materie den Sitz
des Weltübels erkannte, fo hat er, wie Heintzel ver-
muthet, das Böfe in dem unharmonifchen Gewoge der
ungeformten Materie, dem durch die Trägheit des Stoffes
der Bildung widerftrebenden Ueberrefte, gefehen. Das
Syftem des Hermogenes ftellt fich demnach als ein ab-
gefchwächter theoretifcher Dualismus dar. Die beiden
Principien find die fchaffende Kraft, Gott, und das
paffive Subftrat, die Materie. Sie find nicht coordinirt,
fondern das paffive ift dem activen fubordinirt. Die
Welt entflammt dem Willen des in formenbildender
Bewegung befindlichen Gottes, hat aber ihre ftofflichc
Grundlage in dem bildfamen Theil der in zwiefpältiger
Bewegung befindlichen Materie. Diefes Syftem verknüpft
Hermogenes mit der chriftlichen Lehre, indem er fich
auf den eigenthümlich gedeuteten Schöpfungsbericht der
Genefis ftützt. — Im dritten Theil feines Buches fucht
Heintzel dem Hermogenes eine Stellung innerhalb der
geiftigen Strömungen feiner Zeit anzuweifen. Er glaubt
hier jede Beziehung des Hermogenes zum Gnofticismus
ablehnen zu müffen, da er im Gnofticismus nicht eine
acute Hellenifirung des Chriftenthums mit Harnack, fondern
eine religiöfe Parallelbewegung zum Chriftenthum
fieht. Hermogenes gehört nach ihm zu den Erfchein-
ungen, die das Chriftenthum mit der überlieferten Bildung
zu vereinen ftrebten. Er ift als Philofoph trotz
eines gewiffen Eklekticismus wefentlich Ariftoteliker.
Unmittelbar auf Ariftoteles weift die Potentialität der
Urmaterie als einer Möglichkeit der Gegenfätze, ebenfo
die Sehnfucht des Stoffes nach der Form. Echt arifto-
telifch wird auch der Einflufs des göttlichen Geiftes auf
die Weltbildung gefchildert. Hermogenes war nicht der
einzige, aber der hervorragendfte Vertreter einer die
Anfchauung von der ewigen Materie fefthaltenden Gruppe.
Die Kirchenväter aber vertraten diefen Vertretern der
Materienhypothefe gegenüber die Schöpfung aus dem
Nichts, den Superlativ des monotheiftifchen Gottesbegriffs
, der auf femitifchem Boden erwachfen war. In
diefem Dogma kam der intenfivere Gottesgedanke und
die tiefere Religiofität zum Ausdruck, und defshalb
mufste es über den Dualismus des Hermogenes fiegen.
— Gern werden fich die Theologen die Mitarbeit der
Hiftoriker der Philofophie auf dem Gebiet der alten
Kirchengefchichte gefallen laffen, wenn es in einer fo
vorzüglichen Weife wie in diefer Monographie gefchieht.
Die Arbeit zeichnet fich durch Klarheit der Gedankenentwicklung
und Frifche der Darftellung aus. Heintzel
ift es gelungen, die Zufammenhänge der Anfchauungen
des Hermogenes mit der zeitgenöffifchen Philofophie
aufzuhellen und genauer zu beftimmen, foweit dies bei
der fragmentarifchen Ueberlieferung nur irgend möglich
war. Dafs man über manche Einzelheiten anderer Anficht
fein kann, liegt einmal an der unvollftändigen
Ueberlieferung der Gedankengänge des Hermogenes, dann
aber fcheinen mir auch manche hypothetifchen Deutungen
mit etwas zu grofser Sicherheit vorgetragen zu
fein. So hat z. B. Chriltus nach Hermogenes bei feiner
Rückkehr zum Vater feinen Leib in der Sonne abgelegt.
I Heintzel nimmt an, dafs hier der verklärte und nicht
der irdifche Leib des Chriftus gemeint fei, um fo das
Syftem des Hermogenes von allen mythologifchen Be-
ftandtheilen zu reinigen. Wir glauben, dafs dies nicht
angängig ift. Auch dürfen wir m. E. in einem Zeitalter
des Synkretismus Hermogenes nicht fo fcharf von der
mit dem Sammelnamen des Gnofticismus bezeichneten
Bewegung trennen, da gewiffe Berührungen doch unverkennbar
find. Auch Harnack fafst den Gnofticismus
als religiöfe Bewegung auf und hat die praktifche Seite
immer aufs Schärffte betont. Trotz der etwas zu fchar-
fen Zufpitzung feiner Thefen ift die Arbeit als eine
fehr erfreuliche Leiftung zu begrüfsen, und hoffen