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Ausgabe:

1903 Nr. 8

Spalte:

229-230

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Röhricht , Alexander

Titel/Untertitel:

Das menschliche Personenleben und der christliche Glaube nach Paulus 1903

Rezensent:

Wendt, Hans Hinrich

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229

Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 8.

230

Stillftand in den Operationen eingetreten war. Ich erkenne
aber an, dafs auch fo noch Schwierigkeiten bleiben; und
möchte überhaupt mit diefen Einzelbemerkungen das
oben ausgefprochene Gefammt-Urtheil in keiner Weife
abfchwächen.

Göttingen. E. Schür er.

Röhricht, Dir. Lic. Dr. Alexander, Das menschliche Personenleben
und der christliche Glaube nach Paulus. Ein

Beitrag zum Verftändnis des Chriftentums als Religion
und Sittlichkeit. Gütersloh 1902, C. Bertelsmann.
(Vm, 155 S. gr. 8.) M. 2.40; geb. M. 3.-

Wer etwa aus dem Titel fchliefsen möchte, dafs in
diefem Buche die pfychologifchen Begriffe und Anfeindungen
des Paulus genau unterfucht würden und dafs
dann auf Grund folcher Unterfuchung die Auffaffung des
Paulus von der Entftehung und dem Wefen des Glaubens
neu beleuchtet würde, der würde fich einer argen Täufch-
ung hingeben. Diefe Themata erfahren keine irgendwie
eingehendere Behandlung. Man merkt überhaupt
nicht, dafs in diefer Beziehung intereffante Fragen und
Schwierigkeiten vorliegen. Was der Verf. in Wirklichkeit
bietet, ift ein Abrifs der chriftlichen Gefammtanfchauung
des Paulus, ausgeführt wefentlich in dem Intereffe, zu
zeigen, dafs es verkehrt ift, in der .modernen' Weife ein
.zcitgefchichtliches' oder ein ,religionsgefchichliches' Ver-
ftändnifs der Gedanken des Paulus zu fuchen und dem
paulinifchen Chriffenthum einen ,enthufiaftifchen' oder
.efchatologifchen' Charakter zuzufchreiben. Die unaufhörliche
Anwendung der Begriffe ,Perfon', ,Perfonenleben',
,Perfonenwelt', Perfönlichkeit'. .Perfonhaftigkeit', durch
die der Verf. wohl feiner Schrift die im Titel ausgedrückte
befondere Beziehung zu geben vermeint hat, dient m. E.
nicht zur Verdeutlichung der Anfchauungen des Paulus.
Denn der Verf. trägt diefe Begriffe aus feiner eigenen
Sprach- und Denkweife an die Gedankenwelt des Paulus
hinan und bemüht fich durchaus nicht, fie mit den an-
thropologifchen Begriffen des Paulus deutlich auseinan-
derzufetzen.

Der Verf. geht aus von der wefentlich aus Rom. 11« ff.
abgeleiteten Anfchauung, nach Paulus fei ,das eigentliche
Wefen des Menfchen in feiner Veranlagung zu perfön-
lichem Leben zu finden', d. h. der Menfch iei ,als ein
kreatürliches Dafein zu erfaffen, welches in einer aner-
fchaffenen Wechfelbeziehung mit Gott beftimmt und
fähig ift. fich zu mehren und auszuwirken' (S. 3). Diefe
Veranlagung des Menfchen zu perfönlichem Leben be-
ftimme 'fich nach Paulus näher dahin, ,dafs fich der
Menfch vermöge feiner Innerlichkeit unmittelbar auf
Gott bezogen findet, vermöge feiner Leibhaftigkeit
aber ebenfo fähig wie bedürftig ift, dies unmittelbare
Verhältnifs innerhalb der vermittelnden Beziehungen
, in welche er durch den Willen des Schöpfers
hincingeftellt ift, nicht nur zu bewahren, fondern auch
zu bewähren und eben damit feine göttliche Ebenbildlichkeit
zu anfehaulicher Darfteilung zu bringen und
die ihm zugewiefene Herrfchervollmacht innerhalb der
Schöpfung zu vollziehen' (S. 6 f.). Der Verf. führt dann
aus, welche Bedeutung im Verhältnifs zu diefer perfön-
lichen Lebensbeftimmung des Menfchen einerfeits die
Sünde Adam s und die durch die leibliche Abftammung
von Adam vermittelte allgemeine Sündhaftigkeit der
Menfchen, andererfeits die durch Chriftus gebrachte göttliche
Gnade hat. Als charakteriftifch für die Auffaffung
des Verf.'s find zwei Punkte hervorzuheben, auf deren
Darlegung er befonderes Gewicht legt. Erftens: Grundlegende
Bedeutung für die Geftaltung des menfehlichen
Berfonenlebens im Gnadenftande hat nach Paulus das
.äufsere Widerfahrnis' der Taufe. Der Taufvorgang gewinnt
für das menfchliche Perfonenlcben in feiner Totalität
Bedeutung, weil er fich durch das Medium der

; Leiblichkeit hindurch demfelben vermittelt' (S. 37). ,Die
Taufe bildet nicht nur das Ergebnis gefchichtlicher
j Gotteshandlungen [d. h. der Sendung des gottmenfchli-
chen Heilsmittlers, feines Verföhnungswerkes und feines
perfonhaft lebendigen Geifteswirkens als Auferftandener],
1 fondern als folches auch die unerläfsliche Vorausfetzung
I für alle Thatfachen des inneren Lebens, ja will
| recht eigentlich als derjenige Gnadenakt verftanden fein,
ohne welchen Gefchichtsthatfachen nicht Thatfachen
des perfönlichen Lebens werden könnten'
(S. 43). Zweitens: Der Glaube ift das Confequens der
l aufe, Folge der in der Taufe vollzogenen Rechtfertigung
des Sünders (S. 105). Dafs diefe Behauptung mit
dem Satze des Apoftels von der dixaiodvvij ex möxemq
nur fcheinbar in Widerfpruch ftehe, fucht der Verf. durch
folgende Erwägung zu vermitteln. ,Sah fich Paulus in
feinem brieflichen Verkehr lediglich Menfchen gegenüber,
bei welchen die Taufgnade ihre Wirkung bereits gethan
und zur fides justificata geführt hatte, fo ift es verftändlich,
j wenn er das Glauben der Chriften ebenfo für die Giltig-
| keit wie als Kriterium für das Vorhandenfein des gött-

| liehen Rechtfertigungsurtheils in Anfchlag bringt'.--,Es

kann nicht auffallen, wenn der Apoftel innerhalb des
einheitlichen Verlaufs der Wirkung der Taufgnade im
perfönlichen Leben den anhebenden Punkt, an welchem
diefe Wirkung für den Menfchen lediglich „Widerfahrnis"
ift, zeitweilig aus den Augen fetzt und dafür den weiteren
Verlauf ins Auge fafst, innerhalb deffen jenes Widerfahrnis
bereits zu einem dem Drängen der Gegner auf
j eQya gegenüber bedeutfamen und eindrücklichen „Verhalten
" geworden ift (Glauben)' (S. 107). Ich geftehe, dafs
ich in diefer Beurtheilung der Taufe und des Glaubens
nur ein gründliches Mifsverftändnifs der Gedanken des
S Paulus erblicken kann.

Das Buch giebt nach der Meinung des Verf.'s mehr
[ als ein gefchichtliches Verftändnifs der Theologie des
Paulus. Es foll, wie der Nebentitel fagt, auch ,ein Bei-
1 trag zum Verftändnis des Chriftentums als Religion und
i Sittlichkeit' fein. Der Verf. erwartet, wie er im Vorworte
fagt, ,dafs fich feine Ausführungen zugleich als eine
„zeitgemäße" Erörterung der in unferen Tagen wieder
einmal mit befonderer Lebhaftigkeit zur Verhandlung
I gekommenen Frage nach dem „Wefen desChriftenthums"
1 ausweifen werden'. In Anbetracht des im Buche Dargebotenen
ift mir diefe Erwartung des Verf.'s recht naiv
| erfchienen. Dabei ift das Buch fo fchwerfällig und unklar
gefchrieben. dafs auch ein wohlwollender Lefer oft
1 wirkliche Mühe hat, zu errathen, was der Verf. eigentlich
meint.

Jena. H. H. Wen dt.

j Purchas, H.T., M. A., Johannine problems and modern needs.

London, Macmillan and Co., 1901. (VII, 126 p. 8.) Sh.3.—
Statt den altgewohnten johanneifchen Problemen in
Bezug auf Abfaffung und Echtheit des 4. Evangeliums
nachzugehen, will P. andere Punkte herausgreifen, die
mehr praktifcher Natur find und noch für die heutigen
kirchlichen Zuftände Normen und Directiven abgeben
können. In erfter Linie intereffirt ihn die Frage des
Epifkopats. Den allgemein gehaltenen, unficheren Zeug-
nifsen des kirchlichen Alterthums dafür, dafs der Apoftel
Johannes das Bifchofsamt eingeführt und organifirt habe,
ftehen fchwerwiegende Inftanzen gegenüber: fo die That-
[ fache, dafs Ignatius in feinen Briefen an die Ephefer und
Smyrnäer auf Johannes gar nicht Bezug nimmt, obfehon
es feinen Abfichten fehr dienlich gewefen wäre, ferner dafs
Polykarp dem Bifchofstitel aus dem Wege zu gehen, und dafs
| der Name ,Presbyter' gerade in der afiatifchen Kirche am
meiden gebräuchlich gewefen zu fein fcheint. Ifl es denk-
; bar, dafs derEpifkopat gerade in diefen Gemeinden Klein-
1 Afiens feine frühelte Ausbildung erhalten habe? Die
I johanneifche Briefliteratur ferner zeigt, dafs der Apodel