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Ausgabe:

1903 Nr. 8

Spalte:

227-229

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bevan, Edwyn Robert

Titel/Untertitel:

The house of Seleucus 1903

Rezensent:

Schürer, Emil

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227

Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 8.

228

Bevan, Edwyn Robert, M. A., Thehouse of Seleucus. 2 voll.
With plates and maps. London 1902, E. Arnold.
(XII, 330 u. VIII, 333 S. gr. 8.) Geb. 30 s.

Die Gefchichte der Seleuciden ift feit dem Werke des
gelehrten Jefuiten Froelich, Annales compendiarii regum
et rerum Syriae 1744, nicht wieder monographifch behandelt
worden. Nur im Zufammenhang mit der Gefchichte
des Hellenismus überhaupt haben Flathe, Droyfen und
Niefe eingehendere Darftellungen gegeben, wobei aber
Droyfen beim J. 221 v. Chr. flehen geblieben und auch
Niefe bis jetzt erft bis 188 v. Chr. gekommen ift. Sonft
haben namentlich die neueren Münz-Kataloge (Gardner
über die Sammlung des britifchen Mufeums, Babelon
über die des Parifer Münz-Cabinetes) werthvolle Beiträge
zur Bereicherung des Materiales und zur Feftflellung des
chronologifchen Rahmens gegeben. Als Material-Sammlung
find auch Clinton's Fasti Hcllenici III noch mit
Dank zu, nennen. Aber eine Gefchichte der Seleuciden
haben wir feit 1744 überhaupt nicht wiedererhalten. Schon
aus diefem Grunde ift Bevan's zufammenfaffende und eingehende
Darfteilung willkommen zu heifsen. Sie ift dies
aber in befonderem Mafse, da auch die Ausführung eine
vortreffliche ift. Bevan (nach II, 127. 305 ein Bruder des
auch in Deutfchland bekannten Semitiften und Alt-
teftamentlers) hat fich augenfcheinlich das Ziel gefleckt,
eine angenehm lesbare Gefammt-Darftellung zu geben. Er
erzählt die Gefchichte der Seleuciden von der Begründung
der Dynaftie bis zu deren Untergang in anfchaulicher,
lebendiger und dabei knapper Form. Die Förderung der
Einzelforfchung ift weniger fein Zweck gewefen. Daher
giebt er nirgends eingehendere Unterfuchungen über con-
troverfe Fragen. Zwar werden am Schlufse jedes Bandes
in einer Reihe von Appendices einzelne Punkte erörtert;
aber dies gefchieht immer in der knappften Form, nur
mit kurzer Angabe der Gründe für die im Texte gegebene
Darfteilung, ohne eigentliche Auseinanderfetzung mit abweichenden
Anfchauungen. Völlig ausgefchloffen find
chronologifche Unterfuchungen. Der Verf. begnügt fich
in diefer Beziehung in der Regel damit, auf Babelon's
Prolegomena zu feinem Katalog der Seleuciden-Münzen
der Parifer Sammlung zu verweifen. Zuweilen erfährt man
überhaupt nicht, dafs die Sache controvers ift, fo z. B.
beim Todesjahr des Antiochus VII Sidetes (II, 244t.).
Auch beim Tode des Antiochus VI liegt die chronologifche
Fiage comphcirter, als die glatte Darftellung des
Verf. ahnen läfst (II, 230). Zuweilen, wo der Verf. für die
befolgten Anfätze auf andere Literatur verweift, find die
angeführten Werke nicht gerade diejenigen, welche die
eingehendfte Orientirung bieten. So verweifl er z. B.
II, 256 dafür, dafs Askalon eine Aera vom J. 104 vor Chr.
hatte, nur auf das numismatifche Handbuch von Head,
während in andeien Werken mehr darüber zu finden wäre
(z. B. in meiner Gcfch. des jüd. Volkes II3 S. 93t.). Man
lieht eben, dafs er das Haupt-Augenmerk auf die zufammen-
hängende Erzählung der Ereignifse gerichtet hat. Dabei
foll aber mit Nachdruck hervorgehoben werden, dafs diefe
überall auf der gründlichften Kenntnifs des Quellen-Materiales
ruht (ein Verfehen ift II, 128 not. 3 die Erwähnung
des John of Damascus; es ift Johannes Antiochenits gemeint
). Bei dem Zweck, welchen der Verf. verfolgt, haben
wir ungern die Beigabe einer chronologifchen und einer
genealegifchen Ueberficht vermifst. Beide find wenigftens
für die letzte Zeit der Seleuciden-Gefchichte, wo die
Perfonalien bunt durch einander gehen, zur anfchaulichen
Orientirung faft unentbehrlich.

Der Stoff ift auf die beiden Bände fo vertheilt, dafs
der erfte bis zum Anfang der Regierung Antiochus des
Grofsen geht, der zweite von da bis zum Untergang der
Dynaftie. Da Paläftina vor Antiochus d. Gr. zum Reich
der Ptolemäcr gehört hat und erft durch den Sieg des
Antiochus bei Panias im J. 198 dauernd unter feleucidifche
Herrfchaft kam, fo ift es wefentlich der zweite Band, der

das fpecielle Intereffe des Theologen in Anfpruch nimmt.
Ich befchränke mich daher darauf, noch einige Bemerkungen
zu diefem zu geben. Von Intereffe war mir vor
allem Bevan's Bemerkung über den Erlafs des Antiochus
III zu Gunften der Juden Jos. Antt. XII, 3, b. Er bezweifelt
zwar (II, 296f.) deffen Echtheit, aber nicht wegen des
Inhaltes, der vielmehr fehr gut zu den Zeitverhältnifsen
paffe, fondern nur, weil überhaupt folche Documente viel
von den Juden gefälfcht worden feien. Das ift angefichts
des Details, das einem Fälfcher kaum zuzutrauen ift, doch
kein durchfchlagender Grund. — Gut gelungen fcheint
mir die Darftellung der ägyptifchen Unternehmungen des
Antiochus IV (II, 134—145). Man gewinnt hier ein deutliches
Verftändnifs der etwas verwickelten Vorgänge. B.
nimmt zwei Feldzüge des Antiochus nach Aegypten an
und fetzt die Plünderung des jerufalemifchen Tempels
durch Antiochus (I Makk. 1, 20—21. II M. 5) in die Zeit der
Rückkehr von dem erften. Trotzdem glaubt er es (II, 134.
297t.) rechtfertigen zu können, wenn das 2. Makkabäer-
buch 5, t diefen Feldzug xijv öevxigav srpoöov eiq A'I/vjtxov
nennt. Als erfter Feldzug fei nämlich die II M. 4, 21 erwähnte
Unternehmung gerechnet, welche den Antiochus
freilich nur bis Jope führte. — An einigen Punkten hat
der Verf. fich m. E. zu fehr durch neuere deutfche Arbeiten
(einerfeits Willrich, andererfeits Niefe) beeinfluffen
laffen. Ein Beifpiel ift bereits oben erwähnt (Erlafs
Antiochus d. Gr. zu Gunften der Juden). Unter Willrich's
Einflufs äufsert fich B. II, 166 auch zu fkeptifch über die
Exiftenz einer ftarken jüdifchen Diafpora in vormakka-
bäifcher Zeit. Andererfeits überfchätzt er mit Niefe das
2. Makkabäerbuch. Er ift II, 177. 298!. geneigt, den Brief
des Antiochus, der fich dem Tode nahe fühlte, an die
Juden II M. 9 für echt zu halten. Dagegen entfcheidet
doch wohl fchon 9, 20. Auch die Documente II M. ii hält
B. II, 299 für echt, obwohl er felbft auf die Schwierigkeiten
aufmerkfam macht, welche fich dann erheben. —
Das Bündnifs der Römer mit Judas Makkabäus hält B.
II, 202, 300 für hiftorifch, indem er mit Recht hervorhebt,
dafs dasfelbe den Römern ein ,Schlupfloch' (a loophole
ofescape)lie{s, durch welchesfie fich ihren Verpflichtungen,
wenn fie unbequem wurden, entziehen konnten. — Die
beiden Urkunden Jos. Antt. XIII, 9,2 und XIV, 10,22,
welche Mendelsfohn auf Antiochus VII Sidetes bezogen
hat, verlegt B. II, 256, 303 mit Willrich und Reinach in
die Zeit des Antiochus IX Kyzikenos, während Andere
die erfte auf jenen, die zweite auf diefen beziehen. Ich
habe in meinem Referate, Gefch. des jüd. Volkes I3
S. 2621. zu zeigen verfucht, dafs keine diefer Hypothefen
alle Schwierigkeiten hebt. Gegen Antiochus IX fpricht
deffen militärifche Schwäche, die nicht, wie B. behauptet,
eine petitio principii ift, fondern durch Jofephus berichtet
wird. Gegen die von mir acceptirte Combination Mendels-
fohn's, dafs Antt. XIII, 9, 2 noch in die Zeit des Krieges
zwifchen Antiochus VII und Johannes Hyrkan zu fetzen
fei, macht B. geltend, dafs die Worte der Urkunde § 262
xa xaxa xbv Jiöks/iov Ixslvov ZerjZaxTjd-tvxa vsib Av-
xio%ov fich auf einen vergangenen Krieg beziehen
mulsten. Hierzu ift zunächft zu bemerken, dafs X.E'nZax?)-
&8vxa, welches B. ohne weitere Bemerkung als Text giebt,
eine gänzlich unnöthige und darum verkehrte Conjectur
Naber'sift. Die Handfchriften haben entweder ipr/(piO&-Evxa
oder pr)ka<prjd-tvxa. Da letzteres (eigentlich ,angeta(tet,
angerührt', daher = verfuchsweife unternommen, vgl.
LXX Nahicm 3, 1) gut bezeugt, auch durch das gcsta des
Vet. Lat. beftätigt wird und die fchwierigere Lesart ift, fo
zweifle ich nicht, dafs es mit den älteren Herausgebern,
Hudfon, Havercamp, Oberthür, aufzunehmen ift. Dann
aber wird durch eben diefen Ausdruck angedeutet, dafs
die Unternehmungen des Antiochus noch nicht zu einem
definitiven Abfchlufs gekommen find. Das Ixtlvov fcheint
mir nicht entfcheidend gegen diefe Auffaffung; es verweift
auf das Vorhergehende, wo der Krieg fchon erwähnt war,
und ift namentlich dann begreiflich, wenn inzwifchen ein