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Ausgabe:

1903 Nr. 7

Spalte:

216-220

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Dieckmann, August

Titel/Untertitel:

Die christliche Lehre von der Gnade 1903

Rezensent:

Reischle, Max

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Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 7.

216

an der Zeitfchrift für exacte Philofophie mitgearbeitet I
hat, durch einen Satz aus Herbart's Encyklopädie der i
Philofophie, welcher ,feinem Inhalte nach fordert, man
folle das, was fich nicht als ein Einfaches erklaren läfst,
als ein Zufammengefetztes anfehen und behandeln'. Dem-
gemäfs zeigt fich überall das Beftreben, bei dem Wider-
ftreit verfchiedener Anflehten das relative Recht beider
Seiten anzuerkennen. Darin liegt die Stärke des Standpunkts
, den der Verf. einnimmt: er ift allen Extremen
abhold, fowohl den liberalen als den pofitiven, und er |
läfst überall wohlthuende Milde und Billigkeit walten. |
Aber eben das ift auch feine Schwäche. Die kritifche I
Frage, worauf die chriftliche Gewifsheit fich mit Recht
gründen könne und, wenn fie ficher fein wolle, auch I
gründen müffe, droht fich aufzulöfen in die pfycholo-
gifche Frage, welche Gründe factifch in den verfchie-
denen Menfchen bei der Bildung der chnftlichen Gewifsheit
mitfprechen. Höchft bezeichnend für die Pofition
des Verf.'s ift die Bemerkung (S. 139): der Satz E.
Haupt's, der perfönliche Heilsglaube fei unabhängig von
dem Mafs des hiftorifchen Glaubens, erfcheine zwar, i
,wenn es fich rein theoretifch um das letzte Kriterium
der Heilsgewifsheit handle', durchaus richtig; aber es
werde ,doch in der Praxis wefentlich auf die einzelnen
Perfönlichkeiten ankommen, ob fie ihm zullimmen können
oder nicht'. — Diefer Art des Verf.'s entfpricht es auch,
dafs die Schrift zum Theil den gefchloffenen fyftema-
tifchen Zufammenhang vermiffen läfst. Das fällt befon-
ders dem Lefer auf, der die Vergleichung mit dem Buch
von Ihmels anftellt: diefes weifs, auch bei verlchlungenen
Gängen, doch ftets feinen Weg einzuhalten; dagegen bei [
Schwarze tritt fchon der oben angegebene Gedanken- j
fortfehritt nicht immer deutlich hervor. Und auch im |
Einzelnen verliert fich die Schrift häufig in eine Aneinanderreihung
von Berichten, die über die Anflehten
neuerer Theologen erftattet und mit zufälligen kritifchen
Annotationen begleitet werden. — Zu S. 80 ift zu bemer- j
ken, dafs für Kant in der oft citirten Stelle aus der Kr.
d. pr. V. der geftirnte Himmel nicht das Symbol des
Schönen und Erhabenen, fondern des berechenbaren Natur»
gefetzes ift.

2. Viel knapper und zugleich kraftvoller in der Darlegung
und Behauptung der eigenen Anflehten ftellt fich
das Schriftchen von Sogemeier dar. Der Verf. hat eine
entfehiedene Vorliebe für fyftematifche, zum Theil etwas
abftracte Geftaltung feiner Unterfuchungen und für Präg- :
ung fcharfer Begriffe. Er giebt auch nicht beurtheilende
Referate über die Anflehten neuerer Dogmatiker; auch
wo er folche offenbar im Auge hat, z. B. Anflehten
Herrmann's oder W. Veit's, nennt er keine Namen,
fondern er fügt die zu beurtheilende Anficht in den j
Gang feiner eigenen fyftematifchen Gedankenentwicklung
hinein. Eine ausdrückliche Beurtheilung widmet er nur
den beiden claffifchen Typen der Erfahrungstheologie
im 19. Jahrhundert, Schleiermacher und Frank, und ver-
fchiedenen Religionsphilofophen, wie Kant, Fichte
Herbart. Im Mittelpunkt feines Intereffes fleht die
Schleiermacher'fche Verwendung des Erfahrungsbegriffs, j
Das erfte Capitel, das ,die Grundmöglichkeiten der j
Stellung des Erfahrungsbegriffs in der Religionslehre' j
aufzählt, führt aus: abgefehen von dem naturaliftifchen }
Illufionismus und Pfychologismus haben auch pofitiv I
gerichtete Religionsphilofophen den Begriff der religio- |
fen Erfahrung verworfen; fo nicht nur der dogmatiftifche [
Rationalismus, fondern ebenfo Kant zu Gunften feines
praktifchen Rationali smus. Aber auch andere, wie z. B.
Herbart, nehmen zwar ihren Ausgangspunkt in der Welt- I
erfahrung, fie wollen aber, ebenfo wie Kant, nichts von
einer befonderen religiöfen Erfahrung wiffen, fondern fie ;
huldigen nur einem empirifchen Rationalismus. Dagegen
hat der Myfticismus eine religiöfe Erfahrung Gottes felbft :
aufgerichtet, und Schleiermacher hat diefem religiöfen ]
Innewerden Gottes in der theologifchen Wiflenfchaft

Heimathrecht verfchafft. So fucht denn auch Cap. 2
in Auseinanderfetzung mit Schleiermacher den Begriff
der chriftlichen Erfahrung klarzuffeilen. Wenn der Verf.
dabei von der Thefe ausgeht, chriftliche Erfahrung fei nach
Schleiermacher das Gefühl der fchlechthinigen Abhängigkeit
, in welchem alles bezogen wird auf die durch Jefus von
Nazareth vollbrachte Erlöfung', fo fcheint mir diefe Definition
nicht genau. Denn nach Schleiermacher ift
damitdie,chriftliche'Frömmigkeit bezeichnet; chriftliche
Erfahrung dagegen ift (vgl. Chriftl. Glaube '2, $ 14) das
unmittelbare Bewufstfein von der durch Chriftus bewirkten
,Befriedigung des geiftigen Bedürfnifses' oder
Befreiung aus der Gebundenheit des fchlechthinigen
Abhängigkeitsgefühls. Dem gegenüber ift nach unferem
Verf. die chriftliche Erfahrung das Erlebnifs Gottes felbft,
das beim Anfchauen der durch das Wort der erften
Zeugen übermittelten hiftorifchen Erfcheinung Jefu
Chrifti in den Glaubenden gewirkt wird. Ift damit die
chriftliche Erfahrung nach der formalen Seite beftimmt,
fo verdeutlicht der Verf. nun auch ihren normalen Inhalt:
chriftlich ift die Erfahrung nur foweit, als fie als eine
Wirkung des in der göttlichen Offenbarung gegebenen
Objects kann aufgezeigt werden. Zu diefem Offenbarungsinhalt
gehört aber nicht etwa nur Chrifti Gebot
und Verheifsung, fondern vor allem auch fein Kreuz und
feine Auferftehung, und zwar in dem Sinn, dafs hierdurch
erft die Begnadigung des Sünders oder das Wunder
der Verformung vollzogen wird. Ein drittes Capitel
unteifucht, welchen Gebrauch die fyftematifche
Theologie von dem Begriff der Erfahrung machen kann.
Der Verf. verwirft mit Recht die real-caufale Methode
Frank's der von gewiffen feftftehenden Daten der chriftlichen
Erfahrung aus auf die objectiven realen Factoren
als auf denknothwendige Vorausfetzungen zurückfchliefsen
will; er hält vielmehr für den richtigen Anknüpfungspunkt
die dialektifche Methode Schleiermacher's, der
nur den Inhalt der Erfahrung felbft darlegen will; jedoch
foll durch energifches Zurückgreifen auf die hiftorifche
Offenbarung in Chrifto Schleiermacher ergänzt werden.

Mit feiner inhaltlichen Darftellung des Gewifsheits-
grundes bewegt fich der Verf. im Wefentlichen in den
Bahnen, in denen Cremer und Kähler gehen. Wenn er
dabei fcharf hervorhebt, dafs Chriftus uns im Leiden und
Sterben ,eine neue Gabe fchenkt', nicht etwa ,nur bezeugt
, dafs er fefthält an dem, was er zur Zeit feines
Erdenwandels verkündigt hat', fo fcheint mir darin eine
Unterfchätzung des irdifchen Lebens Jefu zu liegen: auch
diefes ift doch nicht blofs Verkündigung, fondern es ift
ein perfönliches Bringen von fünderfuchender Liebe
Gottes, Neu ift nicht der Inhalt der Gabe Gottes, fondern
neu ift nur die Art und Weife, wie er fie allen
darbietet.

Halle a. S. Max Reifchle.

Dieckmann, Pfarrer Lic. Dr. Auguft, Die christliche Lehre

von der Gnade. Apologie des biblifchen Chriffentums
insbefondere gegenüber der Ritfchlfchen Rechtfertigungslehre
. Berlin 1901, C. A. Schwetfchke & Sohn.
(XVI, 421 S. gr. 8.) M. 8.—

Der Verf. hat fich fchon früher mit einzelnen Punkten
der Ritfchi'fchen 'lheologie, nämlich mit Ritfchl's Rechtfertigungslehre
und Ritfchl's Lehre vom Zorn Gottes, auseinandergefetzt
. Nun fafst er feine ganze Polemik und die
pofitiven Gedanken, die er im Gegenfatz zu Ritfehl gewonnen
hat, in einer Schrift über die chriftliche Lehre von
der Gnade zufammen. Sie foll wohl ein gewiffes Gegen-
ftück zu Ritfchl's Monographie über Rechtfertigung und
Verföhnang' bilden. Wie diefe, zieht auch die hier vorliegende
Darftellung der Gnadenlehre faft alle Hauptpunkte
des chriftlichen Glaubens in ihren Bereich. Eine
Einleitung (I) beleuchtet kritifch die gegenwärtige Lage