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Ausgabe:

1903

Spalte:

211-213

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kraus, Franz Xaver

Titel/Untertitel:

Cavour. Die Erhebung Italiens im neunzehnten Jahrhundert 1903

Rezensent:

Sell, Karl

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2i r Theologifche Literattirrdtung. 1903. Nr. 7. 212

Kraus, Franz Xaver, Cavour. Die Erhebung Italiens im
neunzehnten Jahrhundert. Mit einem Lichtdruckbild
und 65 Abbildungen. (Weltgefchichte in Karakter-
bildern, herausgegeben von Franz Kampers, Se-
baftian Merkle und Martin Spahn. V. Abteilung.
Die neuefte Zeit.) Mainz 1902, F. Kirchheim. (104 S.
Lex. 8.) Geb. M. 4.—

Während als fchriftftellerifche Leiftung nach Meinung
des Referenten das vorige Werk den Vorzug erdient,
fo hat die vorliegende Arbeit, nach dem am 28. De-
cember 1901 erfolgten Tode des fchriftftellerifch unermüdlichen
Verfaffers erfchienen, grofses Auffehen dadurch
erregt, dafs fie fich als eine Programmfchrift für
den religiöfen Katholicismus gegen den politifchen Ka-
tholicismus gab und eine kaum mifszuverftehende verhüllte
Abfage (im Vorwort) an diejenigen enthielt, die
,dem Leben und der Zukunft grofser Nationen im beften
Falle nur eine Thräne zu fpenden vviffen', d. h. die
Jefuiten. Kraus, der kein Politiker war, aber gern den
Diplomaten fpielte und mit feinen in der Münchner Allgemeinen
Zeitung ericheinenden Spectator-Artikeln zwar
der curialen Politik in allen katholifchen Ländern mit wohlgezielten
Nadelftichen entgegentrat, es aber vermied, aus
der gedeckten Stellung des Pfeudonymus herauszutreten,
brachte zu der Aufgabe, die Anfänge jener Revolution zu
fchildem, die die weltliche Herrfchaft der Päpfte aufhob,
eine genaue Kenntnifs von Land und Leuten Italiens mit,
das dem feinfinnigen Kunftforfcher eine zweite Heimath
geworden war, in der er fich auch über die frommen
Träume der deutfchen katholifchen Romantik, von der
er ausgegangen war, zu einer nüchternen Anfchauung
politifcher und nationaler Fragen erhob. Es wäre unbillig,
von ihm jenes innerfle Verftändnifs der Seele des grofsen
italienifchen Staatsmannes zu verlangen, das Treitfchke's
berühmten Auffatz über Cavour auszeichnet, der damit
eine vortreffliche Charakterittik der ftaatlichen Entwicklung
von Sardinien verbindet. Er hat es auch im Hinblick auf
umfangreichere Arbeiten ausdrücklich abgelehnt, eine
eigentliche Lebensgefchichte feines Helden zu geben.
An der von ihm gelieferten Skizze ift von befonderem
Werthe die Hervorhebung des religiöfen Einfchlages in
den geiftigen Strömungen, die der italienifchen Revolution
vorausgegangen lind, fodann die Betrachtung der
jugendlichen Entwicklung Cavour's und der Herkunft
und Geftalt feiner religiöfen Ideen. Die kräftigten
Striche wendet Kraus an bei der Schilderung des von
Oefterreich b) und von den neapolitanifchen Bourbonen
betriebenen Knechtungsfyftems, die leuchtendften Farben
bei der Schilderung des Traums der italienifchen Neo-
Guelfen; am glimpflichften behandelter, obwohl er es in
draftifchen Beifpielen für abfolut unhaltbar erklärt, doch
das politifche Regiment der Päpfte und ihrer Gehilfen.

Nur Pius IX. hat er eine keineswegs zu fcharfe Cha-
rakteriftik gewidmet. Gefchickt ift die Einleitung bis
zum Wiener Congrefs componirt. — Es ift übertrieben,
von einer ,ungeheueren Lüge' zu reden, die ,der Heiligen
Allianz zu Grunde lag'. Zu Grunde lag ihr ein pie-
tiftifches Phantasma, erft die Staatsmänner der legiti-
niiftifchen Reftauration haben daraus ein Dogma des
Abfolutismus gemacht.

Die politifche Einheit war feit dem Ende der napo-
leonifchen Gewaltherrfchaft, die vielhundertjährigen
Unrath befeitigt hatte, die Sehnfucht aller edleren
Geifter in dem durch den Wiener Congrefs in ein
Gemenge von Mittel- und Kleinftaaten unter öfter-
reichifcher Oberaufficht zerriffenen Lande (vgl. z. B. die
Dichter Alflen, Manzoni, Giufti, Pellico u. a.). Die trotz
der polizeilichen Knebelung alles geiftigen Lebens fleh
mit elementarer Gewalt verbreitende Ueberzeugung des

1) Sehr beachtenswerth find die Mittheilungen aus dem officiellen
Katechismus des lombardifch-venetianifchen Königreichs S. 12 f.

Glaubens daran im ganzen Volk, weit entfernt, das
Werk der revolutionären und republikanifchen Geheimbünde
zu fein, ift die Frucht einer in der Romantik
wurzelnden Geifterbewegung, deren Prototyp Kraus'
fchwärmerifch verehrter Lieblingsphilofoph, der Abbate
Rosmini war, neben ihm der priefterliche Philofoph und
fpätere Staatsmann Vincehzo Gioberti, dann Cefare
Balbo und Maffimo d'Azeglio. Das politifche Ziel
Gioberti's ift ein italienifcher Staatenbund unter Leitung
des Papftes, der zugleich der Friedensftifter von ganz
Europa ift, Balbo's ein lombardifcher Staatenbund unter
Sardiniens Führung.

Nachdem der um feiner erften Regierungshandlungen
willen, die einige Reformen anbahnten, gröfsere zu ver-
fprechen fchienen, von allen Patrioten als der verheifsene
Meffias begrüfste Pius IX. fich von der italienifchen März-
Revolution zurückgezogen, die Erhebung Sardiniens zur
Befreiung Italiens von den Oefterreichern auf dem Schlachtfeld
niedergefchlagen, die rümifche Republik vorüber,
überall der Status quo ante hergeftellt war, begann erft
die Arbeit für das neue Italien in Sardinien mit der
Neugründung des Staates auf liberaler Grundlage.
Während die Reaction im Kirchenftaat die Unverträglichkeit
der Roma ecclesiastica mit einem nationalen
Staat zeigte, verkündigte Gioberti, vorübergehend far-
I dinifcher Minifter, fein zweites Programm, den liberalen
Nationalftaat, der fich ohne Rückficht auf die Kirche
zu bilden hat: Kraus ftellt dies dar als den Uebergang
zum ,germanifch ghibellinifchen Gedanken'. Er wird
zur That in dem Lebenswerke des Grafen Camillo
i Benfo di Cavour.

Ein Piemontefe germanifcher Abdämmung, abfolut
I nüchternen, nur auf das Wirkliche und Mögliche gerich-
j teten Geides, von unbeugfamem Willen, liberalem Charakter
und von einer glühenden Vaterlandsliebe, die un-
j erfchüttert glaubte an die Einheit und Zukunft Italiens,
I war er als Landedelmann und auf Reifen in Frankreich
und befonders in England vorgebildet für die Stellung
eines leitenden Miniders, die er 1852 als Nachfolger
j Maffimo d'Azeglio's übernahm und mit kurzer Unter-
j brechung nach dem Frieden von Villafranca bis zu
J feinem Tode 1862 (6. Juni) behielt. In diefen Jahren wurde
I das Königreich Italien nach dem Willen der überwältigenden
Mehrheit der Nation durch das Schwert des
Haufes Savoyen, durch die kühnen Freifchaarenzüge
' Garibaldi's gefchaffen; der überlegene Kopf, der diefe
! Entwicklung durch geniale Diplomatie vorbreitete, der die
| gewaltigden Leidenfchaften der Nation beherrfchte und
die fchwierigffe Frage der Ausföhnung des Papftthums
mit der Nation, die von ihm das Opfer der weltlichen Herrfchaft
über Rom verlangte, mit kühnem Griffe zu löfen
j dachte — war Cavour. Die dramatifche Entwicklung der
von ihm geleiteten Ereignifse läuft vom Beitritt Piemonts
zu dem Concert der Weltmächte 1854 gegen Rufsland bis
! zum Anfchlufs der beiden Sicilien, Umbriens und der
Marken an Sardinien und der Proclamirung des König-
j reichs 1861, für das als künftige Hauptftadt Rom gedacht
war, wenn der Papft in den Verzicht auf feine weltliche
; Herrfchaft gewilligt haben würde. Die Erörterung der
| Art und Weife, wie fich Cavour die Concordia sacerdotii
I et imperii dachte im Rahmen feiner bewufst von dem
Proteftanten Alexander Vinet entlehnten Formel ,die
freie Kirche im freien Staat', die aber mit feinen eigenften
j früheften Ideen zufammentraf, ift der wichtigfte Theil in
Kraus' Buch. Er theilt im Anhang zum erftenmal in
Deutfchland den Entwurf des Vertrages über die Aufrechterhaltung
der Unabhängigkeit und geiftlichen Souveränität
des Papftes mit, der bei den Verhandlungen
zu Grunde gelegt wurde, die unter Napoleons III.
Vermittelung Dr. Pantaleoni und Pater Paffaglia 1861
in Rom führten; mit Cavour's Randbemerkungen. Man
hätte heute erwarten können, darauf hingewiefen zu werden,
wie Cavour mit der Feftlegung diefes von ihm nicht durch-